In „Schnee von Gestern“ nahm sich die Regisseurin der Geschichte ihrer Großmutter und deren Bruder an. Diesmal fährt sie zurück in ihre Geburtstadt, um Gleichaltrige nach ihrem bisherigen Lebensweg zu befragen. 32 Kinder gab es 1988 in der Klasse von Reuveny, die damals 8 Jahre alt war, in einer Schule in Petach Tikwa, was soviel bedeutet wie „Tor der Hoffnung.“ Hoffnungsträger waren die Kinder, die ihre Familien und den Staat Israel stärken und gemeinsam eine friedliche und sichere Zukunft aufbauen sollten. In Super-8-Aufnahmen aus der Kindheit und pointierten Kurzporträts ihrer damaligen Mitschülerinnen und Mitschüler überdenkt die in Berlin lebende Filmemacherin Yael Reuveny ihr eigenes Selbstverständnis und das ihrer Generation, auch angesichts der andauernden Kriege und Konflikte.
In „Schnee von Gestern“ nahm sich die Regisseurin der Geschichte ihrer Großmutter und deren Bruder an. Diesmal fährt sie zurück in ihre Geburtstadt, um Gleichaltrige nach ihrem bisherigen Lebensweg zu befragen. 32 Kinder gab es 1988 in der Klasse von Reuveny, die damals 8 Jahre alt war, in einer Schule in Petach Tikwa, was soviel bedeutet wie „Tor der Hoffnung.“ Hoffnungsträger waren die Kinder, die ihre Familien und den Staat Israel stärken und gemeinsam eine friedliche und sichere Zukunft aufbauen sollten. In Super-8-Aufnahmen aus der Kindheit und pointierten Kurzporträts ihrer damaligen Mitschülerinnen und Mitschüler überdenkt die in Berlin lebende Filmemacherin Yael Reuveny ihr eigenes Selbstverständnis und das ihrer Generation, auch angesichts der andauernden Kriege und Konflikte.
Kapitän Jakob Störr ist auf Landgang. In einem Café verkündet er, er werde die nächste Frau heiraten, die das Lokal betritt. Es ist Lizzy, eine undurchschaubare Schönheit. Überraschenderweise ist sie mit Störrs Vorschlag einverstanden – doch sein Glück bleibt nicht lange ungetrübt. Immer wieder ist er wochenlang auf hoher See und fragt sich, was die lebenslustige Lizzy wohl treiben mag, wenn er nicht da ist. Der Kapitän verirrt sich zunehmend in einem Labyrinth aus Leidenschaft und Eifersucht, ist zwischen inniger Liebe und Misstrauen hin- und hergerissen…
Nach ihrem Berlinale-Gewinner «On Body and Soul» inszeniert die vielfach preisgekrönte Regisseurin Ildikó Enyedi mit «The Story of My Wife» erneut ein aussergewöhnliches Liebes-Epos. Léa Seydoux («Saint Laurent», «Spectre – 007») verleiht Lizzy grossen Charme, an ihrer Seite glänzt Gijs Naber als Jakob Störr. In weiteren Rollen sind die junge Schweizerin Luna Wedler, Louis Garrel und Josef Hader zu sehen. Basierend auf dem gleichnamigen Roman des nobelpreis-nominierten ungarischen Autors Milán Füst zeichnet «The Story of My Wife» ein atmosphärisches Bild vom Europa der wilden 1920er-Jahre und erzählt dabei eine so zeitlose wie universelle Geschichte über die Liebe mit all ihren Irrungen und Wirrungen. Eine tiefgründige, poetische Film-Perle Ein Film von klassischer Eleganz mit magisch-opulenten Bildern.
Credits:
The Story of my Wife HU / FR/ DE 2021, 169 Min., engl. OmU Regie: Ildikó Enyedi Buch: Ildikó Enyedi, nach dem Roman von Milán Füst Kamera: MARCELLRÉV Schnitt: KÁROLYSZALAI mit: Léa Seydoux, Gijs Naber, Louis Garrel, Luna Wedler, Ulrich Matthes
Mit der kleinen Autofähre, die vom größeren Gotland auf das winzige Fårö führt setzen sie über: Chris (Vicki Krieps) und Tony (Tim Roth), Filmemacher, Paar und Eltern einer Tochter, die bei den Großeltern geblieben ist. Denn die Eltern wollen auf Bergmans Insel den Spuren des legendären Regisseurs folgen, Inspiration finden und an neuen Projekten arbeiten. Doch dass sie ausgerechnet im Bett schlafen sollen, in dem Bergman einst seinen legendären Film „Szenen einer Ehe“ gedreht hat, der angeblich tausende Beziehungen beendete, stößt gerade der deutlich jüngeren Chris übel auf.
Während ihr Mann Tony Inspiration spürt, fühlt sich Chris durch die Präsenz Bergmans eingeschüchtert, während Tony problemlos schreibt und im Bergman-Museum seine Filme zeigt, stromert Chris ziellos über die Insel und denkt mehr über sich und ihre Beziehung nach, als über ihren Film. Doch ist das nicht dasselbe? Bald beginnt sie Tony von ihrem Projekt zu erzählen, der von der Filmemacherin Amy (Mia Wasikowska) handelt, die für eine Hochzeit nach Fårö kommt und dort ihre Jugendliebe Joseph (Anders Danielsen Lie) wieder trifft. Sie verbringen die Nacht miteinander, doch es gibt keine Zukunft für das Paar. Nicht zuletzt, weil Amy inzwischen ein Kind mit einem anderen Mann hat.
2007 starb Ingmar Bergman auf Fårö und ist auf dem kleinen Kirchhof der Insel begraben. Sein ehemaliges Wohnhaus bietet inzwischen Künstlern an, Zeit auf der Insel zu verbringen und an Projekten zu arbeiten. Hier verbrachten auch Mia Hansen-Løve und ihr langjähriger Lebensgefährte, der Regisseur Olivier Assayas Zeit, arbeiteten so wie die Figuren in „Bergman Island“ an Projekten. Unzweifelhaft ist Hansen-Løves Film also autobiographisch, so wie die meisten ihrer bisherigen Filme mehr oder weniger von Menschen aus ihrem nächsten Umfeld inspiriert waren: „Eden“ von ihrem Bruder, „Alles was kommt“ von ihrer Mutter. Doch im Gegensatz zu vielen Filmemachern, die glauben, dass es ausreicht vom eigenen Leben zu erzählen, um einen interessanten Film zu drehen, ist Hansen-Løve bewusst, dass das nicht genug ist: Das persönliche Erlebnis muss zu einer universellen Geschichte überhöht werden, um Allgemeingültigkeit zu erlangen.
Und so erzählt Mia Hansen-Løve zwar auf verschachtelte Weise von zwei Filmemacherinnen, die ohne Frage auch Teile ihres eigenen Wesens, ihrer Gedanken und Überlegungen verkörpern, die aber vor allem von universellen Themen erzählen. Nicht zuletzt von der Vereinbarkeit von Familie und Karriere, dem gesellschaftlichen Druck, sich zu entscheiden. Ein Mann wie Bergman – der heutzutage ohne Frage als alter, weißer Mann bezeichnet werden würde – hatte es da einfacher: Neun Kinder von sechs Frauen hatte er, die bis ins Erwachsenenalter fast vollständig von den Frauen oder Dienstmädchen aufgezogen wurden. Nur so hatte der Workaholic die Zeit, sich ganz seiner Kunst hinzugeben, dutzende Filme zu drehen und quasi nebenbei noch am Theater zu inszenieren.
Auch Mia Hansen-Løve hat inzwischen ein Kind mit Assayas, von dem sie seit einigen Jahren getrennt ist, auch ihre Surrogate Chris und Amy befinden sich in ähnlichen Situationen, auf die sie jedoch ganz unterschiedlich reagieren. Wie sehr „Bergman Island“ autobiographisch ist, darüber lässt sich reichlich spekulieren. Vor allem aber ist Hansen-Løve ein wunderbar reicher Film über das Wesen einer (bzw. mehrerer) Künstlerinnen gelungen, die in einer oft nur scheinbar freien Welt nach sich selbst und ihrem Gleichgewicht suchen. Dass „Bergman Island“ zudem eine leichte, verspielte Hommage an einen der Säulenheiligen des Kinos ist, macht ihn nur noch vielschichtiger.
Michael Meyns | programmkino.de
Credits:
FR/BE/SW/DE/MX 2021, 112 Min., engl. OmU Regie & Buch: Mia Hansen-Løve Kamera: Denis Lenoir Schnitt: Marion Monnier mit: Vicky Krieps, Tim Roth, Mia Wasikowska, Anders Danielsen Lie, Melinda Kinnaman, Joel Spira
Trailer:
Bergman Island – Official Trailer | HD | IFC Films
Montag, 18.10. 2021, 19:00 EXPERIMENTALPROGRAMM – [Tickets] The Spot von Kani Kamil / 2:33’ / UK / 2015 Kooperationsprojekt zwischen Shero Abbas und Kani Kamil aus dem Jahr 2015 und Teil des Forschungsprojekts zur Not der Frauen im Südkurdistan. Die weibliche Hand behauptet sich als wahrheitsgetreuer Geschichtenerzähler. Personae von Havin al-Sindy/ DE / 2019/20/ 11’12“ Die Arbeit „Personae“ ist ein Prozess, welches sich auf mehreren Ebenen mit den Themen der Mehrsprachigkeit und der Beziehung beschäftigt und sich dabei performativen und malerischen Mittel bedient. blue beard today’s tale von Khadija Baker / 15:00’ / CAN / 2021 Khadija Baker erzählt in ihrer Videoarbeit das französische Volksmärchen Blaubart aus feministischer Perspektive, um den anhaltenden Missbrauch des weiblichen Körpers zu durchbrechen. Bad People, Bad News von Cemile Sahin / DE / 2021⁄40′ Historischer Ausgangspunkt für die essayistische Filminstallation Bad People, Bad News bildet die Geschichte um das von Saddam Hussein 1989 errichtete Monument „Schwerter von Kadesia“. Ausgehend von der Entstehungsgeschichte des Monuments thematisiert die Arbeit die Frage, wie Ideologien von Diktaturen ein Teil der Geschichtsschreibung werden. Pre-Image (Blind as the Mother Tongue) von Hiwa K / ENG / 18 min / 2017 To remember, sometimes you need other archaeological tools says the voice over in Hiwa K’s Pre-Image (Blind as the Mother Tongue). The video depicts the artist walking across fields, wastelands, estates, going from Turkey to Athens and then to Rome, a path that mirrors his own journey as a child, when he fled Iraqi Kurdistan and reached Europe by foot. His “Pre-images” are fragments of a path whose final destination is uncertain.
Am Dienstag, den 19.10.2021, 19:00 Uhr Kurzfilmwettbewerb, Block II – [Tickets] 90 min Ausgewählte Kurzfilme von aufstrebenden kurdischen und internationalen Filmemacher*innen laufen in dem Kurzfilmwettbewerb des 11. Kurdischen Filmfestivals. Mit Filme von: Kardinal Hemn, Saman Mustefa, Mehmet Karagöz, Dana Karim, Jwan Abdo, Asghar Laei, Mohammad Farajzadeh
Regisseurin Janna Ji Wonders erzählt die Geschichte der Frauen ihrer Familie über ein Jahrhundert. Verbindendes Element und stiller Chronist ist der bayerische Walchensee, an dem die Familie 1920 ein Ausflugscafé eröffnet, das bis heute existiert. Die imposante Gründerin Apa vermacht ihrer Erstgeborenen Norma das Unternehmen, das diese ohne zu klagen bis ins hohe Alter führt. Normas Töchter Anna und Frauke verlassen den See. Sie wollen sich befreien und bereisen als Musikerinnen die Welt. Doch sie kehren zurück und leben in einer Kommune um Rainer Langhans. Frauke, die sich nach der großen Liebe sehnt, kommt auf mysteriöse Weise ums Leben und wird für die Hinterbliebenen zum Irrlicht. Die rastlose Anna zieht in die USA, wo sie ungeplant eine Tochter bekommt. Von den Schatten der Vergangenheit gerufen, kehrt sie mit Tochter Janna zurück an den Walchensee, wo Großmutter Norma für die Enkeltochter zur wichtigen Bezugsperson wird. Als Regisseurin sucht Janna Antworten auf die Fragen wie: Was ist Heimat? Wie sehr prägt mich meine Herkunft? Was zählt am Ende wirklich? Und findet Anhaltspunkte in der Verbundenheit von vier Generationen von Frauen mit unterschiedlichen Lebenskonzepten.
Credits:
DE 2020, 110 Min., dt, engl. OmU, Regie: Janna Ji Wonders Kamera: Janna Ji Wonders, Sven Zellner, Anna Werner Schnitt: Anja Pohl
In einer Provinzvorstadt sind drei Nachbar*innen mit den Auswirkungen der schönen neuen Social-Media-Welt konfrontiert. Marie, die von den Familienbeihilfen ihres Gatten lebt, hat Angst, wegen eines Sextapes den Respekt ihres Sohnes zu verlieren. Bertrand kann bei Werbeanrufen nicht Nein sagen und kämpft um das Wohl seiner Tochter, die im Internet gemobbt wird. Christine steht durch ihre TV-Serien-Abhängigkeit vor dem Nichts und fragt sich, warum ihre Bewertung als Uber-Fahrerin nicht steigt. Die drei Einzelkämpfer*innen sind unfähig, allein eine Lösung für ihre Probleme zu finden, bis sie sich zusammentun und den Tech-Giganten den Kampf ansagen. Effacer l’historique, vordergründig eine Situationskomödie, beschreibt treffend wie wenige andere Filme die Realität im 21. Jahrhundert: Es gibt weder Geschichte noch Geschichten, weder links noch rechts. Statt eines Vorgesetzten, der unseren Gehorsam einfordert, beherrscht uns eine unsichtbare, Daten spuckende Cloud und verschlingt unsere Identität. Delépines und Kerverns dritter Berlinale-Beitrag ist eine empathische Hommage an die „Abgehängten“, die uns und unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit einen Spiegel vorhalten.
Ein beliebiger Tag in der nahen Zukunft, ein Stromausfall legt das Leben in der türkischen Metropole Istanbul still, auch wenn die Werbung im Autoradio eine unbeschwerte Zukunft verspricht. Nicht in den eleganten Vierteln der Innenstadt spielt „Ghosts“, nicht dort, wo wohlhabende Istanbuler einem westlichen Lebensstil nacheifern, sondern am Rand der Megalopolis, in Vierteln, die von baufälligen Gebäuden geprägt sind, vom täglichen Kampf ums Überleben erzählen.
In diesen Straßen leben die vier Protagonisten von „Ghosts“, drei Frauen und ein Mann, deren Wege sich im Verlauf der 90 Minuten immer wieder kreuzen. Da ist Didem (Dilayda Gunes), die davon träumt, durch ihre Leidenschaft zum Tanzen Geld zu verdienen, die sich momentan aber noch mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Iffet (Nalan Kurucim) arbeitet bei der Müllabfuhr und versucht mit zunehmender Verzweiflung Geld aufzutreiben, um ihren Sohn zu unterstützen, der im Gefängnis sitzt und sich Angriffen ausgesetzt sieht. Die Aktivistin Ela (Beril Kayar) kämpft gegen die betrügerischen Machenschaften der öffentlichen Verwaltung, die zur Gentrifizierung der Stadt beiträgt und langjährige Mieter aus ihren Wohnungen vertreibt. Ein Teil dieses Systems ist Rasit (Emrah Ozdemir), der zu völlig überhöhten Preisen Räume an syrische Flüchtlinge vermietet.
Viele Aspekte des Lebens in der modernen Türkei reißt Azra Deniz Okyay in ihrem Debütfilm an, vom Umgang mit den Flüchtlingen aus dem benachbarten Syrien, über die misogynen Strukturen, die Frauen gleichermaßen sexualisieren, ihnen aber auch viele Freiheiten vorenthalten, bis zum Kampf gegen Korruption und Machtmissbrauch, der nach fast einem Jahrzehnt der zunehmend autokratischen Herrschaft von Recep Tayyip Erdoğan immer stärker wird.
Zwangsläufig bleiben manche Ansätze schematisch, werden einzelne Figuren weniger vielschichtig gezeichnet als andere, wirkt manche Metapher – der Stromausfall, der droht, die Gesellschaft in Dunkelheit versinken zu lassen! – weniger subtil als andere. Doch die überzeugenden Momente überwiegen bei weitem. Gerade für einen Debütfilm gelingt es Okyay außerordentlich gut, die Geschichten, die Schicksale ihrer vier Protagonisten zu gewichten, rhythmisch zwischen den Episoden hin und her zu schneiden und so ein vielschichtiges Porträt der modernen Türkei zu entwickeln.
So pessimistisch ihr Blick auf ihr Land oft auch wirkt, so viele Missstände angedeutet werden, so rückständig gerade die Rolle der Frau oft wirkt: Hoffnungslos wirkt die Situation nicht. Gerade im Tanz findet Dilem und mit ihr der Film ein Ventil, ihre Energie auszuleben, sich zu verlieren und für Momente alle Sorgen zu vergessen. Wie es nach diesem einen Tag mit den Figuren weitergeht bleibt unklar, ihr Weg ist ebenso offen wie der Weg, den die Türkei in den nächsten Jahren einschlagen wird.
Michael Meyns | programmkino.de
Credits:
Hayaletler TK/FR 2020, 90 Min., türk. OmU Regie & Buch: Azra Deniz Okyay Darsteller: Dilayda Gunes, Nalan Kurucim, Beril Kayar, Emrah Ozdemir, Ahmet Turan, Ihsan Ozgen, Ekin Aribas
Schon mit ihrem Debütfilm „Raw“ spaltete die junge französische Regisseurin Julia Ducournau die Geister, damals variierte sie Motive des Zombiefilms, bediente sich queerer Ästhetik und blieb ebenso rätselhaft, wie sie es auch nun, in ihrem zweiten Film „Titane“ ist. Es beginnt mit einem nervenden Kind namens Alexia auf dem Rücksitz eines Autos, der Vater ist abgelenkt und baut einen Unfall. Schwer verletzt überlebt das Kind und bekommt eine Platte aus Titan in den Kopf gepflanzt.
Jahre später ist Alexia erwachsen und wird vom Model Agathe Rousselle gespielt, deren androgyne Gestalt andeutet, wie sehr es fortan um Fragen von Geschlechtszugehörigkeit, Transformation, Diversität gehen wird. Alexia arbeitet als Tänzerin auf Autoshows, räkelt sich verführerisch auf den Motorhauben ebenso verführerischer Autos, nimmt danach gerne einen lechzenden Zuschauer zum Sex mit – und tötet ihre Lover mit dem Stich einer langen Haarnadel direkt ins Gehirn.
Wie lange sie schon so agiert bleibt offen, nach einem ausufernden Gemetzel ist ihr die Polizei jedoch so sehr auf der Spur, dass sie die Identität wechselt. Sie gibt sich als Adrien aus, ein Junge, der seit Jahren vermisst wird. Er war der Sohn von Vincent (Vincent Lindon), der als Kapitän einer Feuerwache schon beruflich mit Testosterongeschwängerten Männern zu tun hat, sich selber Steroide spritz und seinen alternden, faltigen Körper mit Klimmzügen strafft.
Vincent nimmt Alexia als Sohn auf, auch wenn er schnell ahnt, dass dieser Sohn nicht der ist, den er einst verloren hat. Zumal Alexias Bauch immer dicker wird und sich nur noch mit großen Mühen und nicht unerheblichen Scherzen abbinden lässt, denn Alexia ist schwanger, vermutlich vom Sex mit einem Auto. Wenn die sich zunehmend verändernde Frau blutet, tropft eine schwarze Flüssigkeit aus den Wunden, die an Maschinenöl erinnert und die Frage aufwirft, was Alexia eigentlich ist, vor allem aber, ob es für Vincent eine Rolle spielt, wen er da eigentlich liebt.
Bezüge zu den Body-Horror-Filmen von David Cronenberg, nicht zuletzt „Crash“, scheinen ebenso deutlich zu sein wir Referenzen zu Filmen wie Shinya Tsukamotos “Tetsuo: The Iron Man“, vor allem aber auch außerfilmischen Debatten über Diversität, Transsexualität oder toxischer Männlichkeit. Julia Ducournaus „Titane“ mutet oft wie ein Film an, der wie dazu gemacht ist, in Seminararbeiten analysiert zu werden, als Beispiel für ein Kino herzuhalten, dass auf moderne, gewagte Weise den Zeitgeist spiegelt.
Kein Wunder, bleibt „Titane“ in seinem wilden, mal verstörenden, mal mitreißenden, mal albernden Spiel mit Genrebildern, exzessiver Gewalt und gleißenden Aufnahmen menschlicher und maschineller Körper doch so offen – manche werden sagen: beliebig – dass sich unzählige Lesarten anbieten. Ein Film wie ein Rorschach-Test also, ein Film, der von jeder Zuschauerin, jedem Zuschauer anders gelesen werden wird, aber in jedem Fall einen Nerv der Zeit trifft.
„Ich habe mich seit hundert Jahren nicht mehr beworben. Ich weiß gar nicht mehr wie das geht“, gesteht Kuratorin Monika (Ursula Strauss) ihrer Freundin. Dass der fast 50jährigen das jetzt bevorsteht, weiß die agile Kulturschaffende erst seit kurzem. Völlig überraschend erfährt sie vom Weggang ihres Vorgesetzten. Mit Peter (Alex Brendemühl), dem Leiter der Frankfurter Kunsthalle fühlte sie sich eigentlich freundschaftlich verbunden. „Wann wolltest du mir das sagen“, stellt sie ihn frustriert zur Rede. Gedankenverloren läuft sie an diesem Abend durchs Frankfurter Bahnhofsviertel.
Ein Abend mit einer folgenschweren Begegnung. Unversehens gerät sie in eine Razzia. Eigentlich wollte sie sich nur eine Schachtel Zigaretten holen. Doch als die Polizei das Lokal nach Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung durchkämmt landet sie mit Joseph (Passi Balende) im Hinterhof. Der afrikanische Geschäftsmann aus dem Kongo muss sich verstecken. Denn auch er ist ohne Papiere. Dass er sich bedankt, sie zusammen einen Kaffee trinken und ihre Telefonnummern austauschen, vergisst Monika fast wieder.
Doch Joseph meldet sich bei ihr. Mit dem smarten 38jährigen entdeckt sie im „Cafe Denis“ die pulsierende afrikanische Diaspora. „Wenn ich afrikanische Musik und Vibes brauche komme ich hierher“, verrät er. Josef handelt mit Diamanten und sucht in der Main-Metropole Investoren, die eine Mine im Kongo finanzieren. Bis es so weit ist, versucht er sich mit Import- und Exportgeschäften mehr oder weniger über Wasser zu halten. „Wieso ist eine so schöne Frau wie du allein?“, schmeichelt der selbstsichere Charmeur. Und gibt sich gleich selbst die Antwort. „Die Männer haben Angst vor dir. Ich habe keine Angst.“
Und tatsächlich ist die selbstbewusste, eloquente Frau nicht auf den Mund gefallen. Nicht nur einmal eckt sie mit ihren ehrlichen Kommentaren in der Kunstszene an. Mit Joseph beginnt sie ein leidenschaftliches Verhältnis und hofft, dass ihre Liebe stark genug ist zu bestehen. Doch schon bei der ersten Essenseinladung mit ihren Freunden aus der Kunstszene knirscht es. Freudestrahlend erzählt Monika vom Diamantendeal ihres Freundes. „Blutdiamanten“, fragt entsetzt ihre Freundin Ursula. Peinliches Schweigen folgt.
Als Blutdiamanten werden Diamanten bezeichnet, die in Konfliktgebieten unter ausbeuterischen Bedingungen gefördert werden. Der Gewinn geht in der Regel an Guerilla-Bewegungen oder lokale Warlords. „Ich brauche deine Hilfe nicht, ich brauche Respekt“, wehrt Joseph sich. Dass Monika ohne ihn zu fragen, von seinen Plänen erzählt, nimmt er ihr übel. Aber dieses Missverständnis lässt sich noch klären. Doch mit zunehmender Nähe wird ihre Situation schwieriger. Immer wieder verschwindet Joseph. Sein Freund Ambara (Nsumbo Tango Samuel) bittet Monika um Geld, um ihn aus dem Gefängnis zu holen. Und auch mit der Idee zu heiraten lassen sich die Probleme nicht einfach aus der Welt schaffen.
Inspiriert von einer realen Geschichte geht Regisseurin Lisa Bierwirth lebensnah der Frage nach, wie sich postkoloniale Strukturen und Machtverhältnisse in einer europäisch-afrikanischen Beziehung widerspiegeln. Auch wenn ihr emotional berührendes Drama es nicht leisten kann alle politischen Hintergründe mitzuliefern, regt es an den eurozentrischen Blick zu weiten und das immer noch schwelende Kolonialerbe kritisch zu hinterfragen.
Luitgard Koch |programmkino.de
Le Prince
Credits:
DE 2021, 125 Min. OmU Regie: Lisa Bierwirth Drehbuch: Lisa Bierwirth, Hannes Held Kamera: Jenny Lou Ziegel Schnitt: Bettina Böhler mit: Ursula Strauss, Passi Balende, Alex Brendemühl, Victoria Trauttmansdorff
Auf das Kurzzeitgedächtnis von Menschen ist Verlass. Die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima liegt inzwischen fast zehn Jahre zurück, der Super-GAU von Tschernobyl über dreißig Jahre. Und Harrisburg oder Sellafield ist den wenigsten noch ein Begriff. Das ganze Ausmaß dieser Katastrophen blieb der Öffentlichkeit meist verborgen. Sie wurden vertuscht, verheimlicht oder verharmlost. Und plötzlich scheint die Hochrisikotechnik mit ihren dauerhaften Folgen für Mensch und Umwelt in Deutschland wieder salonfähig, die verschleppte Energiewende kein Thema mehr.
Der sehr sachlichen und zurückhaltenden Doku von Regisseur Carsten Rau mit dem provozierenden Titel kommt da im richtigen Moment. Ihr gelingt es, ohne Dramatisierung zu überzeugen. Ihr nüchterner Blick macht beispielhaft beim Abbau des AKWs in Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern die Gefahren der Atomenergie eindringlich sichtbar. Ganze Gebäudeblöcke sind verstrahlt, bei jedem Aufbohren von Beton können radioaktive Staubpartikel eingeatmet werden. Der Aufwand dieses Rückbaus der atomaren Ruine ist absurd.
Allein in Greifswald kommen 600.000 Tonnen an Beton, Stahl, Eisen, Aluminium zusammen. 1,8 Millionen Tonnen Material müssen gereinigt werden. Ein wahrer Kraftakt, auch in finanzieller Hinsicht. Die Container mit dem radioaktiven Material stapeln sich in blauen Schiffscontainern zu 20 bis 30 Tonnen in den Hallen. Als „Sonne in Menschenhand“ wurde der marode Reaktor einst gepriesen. „Das Atom sei Arbeiter und nicht Krieger” – so lautet ein sozialistischer Slogan aus den 70er-Jahren. Damals wurde das Kernkraftwerk Greifswald in Betrieb genommen.
Regierung, Arbeiter und Forscher träumten im Einklang von der friedlichen Nutzung der Atomkraft, für den Wohlstand und die Gleichheit der Völker. Und auch Greifswald war kein sicherer Atommeiler. Durch einen großen Brand im Maschinenraum Ende 1975 kam es fast zu einem GAU. Ende November 1989 geriet ein simulierter Störfall außer Kontrolle, als die automatische Schnellabschaltung versagte. Dadurch kam es zu einer gefährlichen Überhitzung mehrerer Brennelemente. Eine Kernschmelze stand kurz bevor.
Trotzdem denkt man im bayrischen Dorf Gundremmingen wehmütig an die strahlenden Zeiten des AKWs zurück. Ein Bild wie aus dem Hochglanzprospekt der atomaren Energiekonzerne zeigt die stillgelegten Kühltürme eingerahmt von Rosenbeeten aus dem Vorgarten des ehemaligen Bürgermeisters. Die Gemeinde wurde reich. Die Atomlobby, vom Staat subventioniert, spülte Geld in die Kassen. Sogar Eigentumswohnungen in München wurden angekauft. Eine aufwendige Sporthalle gebaut.
Auch wenn den Bauern ihr Land damals für drei Mark pro Quadratmeter abgehandelt wurde. Widerstand regte sich keiner. Wer daran verdient, wie die Wirtin im Ort, hängt dem Traum vom billigen sicheren Strom nach. Für sie gehören Kühe und Kühltürme zum Heimatgefühl. Und so vermittelt diese Sequenz der Doku die heile, ländliche Idylle. Dass natürlich auch das AKW Gundremmingen seine Störfälle hatte, die der Bevölkerung oft verschwiegen wurden, kommt nicht zur Sprache. Ein Kommentar aus dem Off dazu wäre vielleicht doch nicht ganz verkehrt. Wie sehr mit Atomkraft durch Unterstützung des Staates Geld zu verdienen war, klingt zumindest durch.
„Deutschlands lächerlicher Atomausstieg wäre heute nicht mehr tragbar“, verkündet ein französischer Atomingenieur aus dem Plutonium-Forschungslabor im südfranzösischen Cadarache überzeugt. Er hält das Ganze für ein Wahlmanöver, das Deutschland teurer kommt als die Wiedervereinigung. Ein Statement, das auf den ersten Blick, Atombefürwortern in die Hände spielt. Wenn die jungen französischen Nuklearphysiker, hippe Millenials, fast poetisch von der Atomkraft schwärmen, zeigt sich wie die schillernd faszinierende Chimäre dieser Technologie bereits wieder wirkt. Der Fortschrittsglaube aus den Anfängen lebt.
Erst ein Blick auf die ungelöste Frage der Endlagerung rückt das Bild wieder etwas zurecht. Kein Land der Welt fand bisher ein sicheres Endlager für hochradioaktiven Müll aus AKWS. Die neugegründete Bundesgesellschaft für Endlagerung aber soll es richten. Junge Geologinnen versuchen dort Gletscherbewegungen für Millionen von Jahren vorherzusehen. Denn schließlich wollen sie einen Ort finden, der über zehn Eiszeiten hinweg sicher sein soll. Kein noch so leiser Zweifel plagt sie bei dieser realistisch betrachtet unlösbaren Aufgabe.
Die Standortsuche hat freilich schon begonnen. Kein Bundesland ist scharf auf den verstrahlten Müll. Selbst Bayern, das sich einst unter seinem Ministerpräsidenten und ehemaligen Atomminister Strauß, für die umstrittenen WAA angedient hatte, will sich den bayerischen Wald nicht verseuchen lassen. Wenn dann der nimmermüde Sprecher Jochen Stay von „ausgestrahlt.de“ zu Wort kommt, schärft er mit seiner langjährigen Erfahrung das kritische Bewusstsein um den Fiebertraum Atom. Und last but not least steht ein Elefant im Raum: Wer Atomwaffen will, braucht Atomkraftwerke. Denn ohne Brennstoffwirtschaft auch kein Atomwaffenmaterial. Bekanntlich dient die französische Plutoniumfabrik in La Hague – die sogenannte Wiederaufarbeitungsanlage – vorrangig militärischen Zwecken.
Luitgard Koch | programmkino.de
Atomkraft Forever
Credits:
DE 2020, 94 Min., Buch und Regie: Carsten Rau Schnitt: Stephan Haase Kamera: Andrzej Krol
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