Mauern aus Sand

Mauern aus Sand

Ein Film von Čejen Černić Čanak. Ab 28.5. im fsk.

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Marko (Lav Novosel) lebt in einem klei­nen kroa­ti­schen Dorf und führt ein geord­ne­tes Leben. Er ist in der Schule beliebt, sport­lich erfolg­reich und mit sei­ner Freundin zusam­men, wäh­rend sei­ne Zukunft im Betrieb des Vaters zudem gesi­chert scheint. Doch dann kehrt sein frü­he­rer Freund Slaven (Andrija Žunac) zurück – und Markos Welt gerät ins Wanken. Längst ver­ges­sen geglaub­te Erinnerungen und Empfindungen bre­chen sich Bahn. Werden die bei­den wie­der in frü­he­re, „ver­bo­te­ne“ Muster ver­fal­len? Am Ende muss Marko eine Entscheidung tref­fen und sich mit den kon­ser­va­ti­ven Ansichten sei­ner Umgebung auseinandersetzen.

Die kroa­ti­sche Regisseurin Čejen Černić Čanak kommt ursprüng­lich vom expe­ri­men­tel­len Kurzfilm und hat auch schon doku­men­ta­ri­sche Werke insze­niert. Genau das merkt man „Mauern aus Sand“ an. Behutsam, und sehr oft mit Handkamera, nähert sie sich ihren Protagonisten und ergrün­det mit fei­ner Beobachtungsgabe und einem exak­ten Blick fürs Detail deren inne­re Befindlichkeiten.

Folglich sind es die klei­nen Momente des Alltags und die spon­tan wir­ken­den Szenen etwa zu Hause bei Marko und sei­ner Familie, die das sozia­le Miteinander und fami­liä­re Gefüge authen­tisch ein­fan­gen. Oft pas­siert zwi­schen den Zeilen oder durch Gestik, Mimik oder flüch­ti­ge Blicke deut­lich mehr als in den Gesprächsszenen bzw. Dialogen. Man spürt: Die Stimmung ist ange­spannt, Marko ringt mit sei­nem Umfeld und – vor allem – mit sich. Seine Eltern ste­hen dabei stell­ver­tre­tend für die rück­stän­di­gen Werte und die kon­ser­va­ti­ven Einstellungen der gan­zen Dorfgemeinschaft, die die Traditionen bewah­ren will.

Ebenso glaub­haft und lebens­nah agie­ren die Schauspieler, ganz beson­ders die bei­den fan­tas­ti­schen Jungdarsteller Lav Novosel als Marko und Andrija Žunac als zurück­hal­ten­der, wort­kar­ger Außenseiter Slaven. Novosel bril­liert als inner­lich zer­ris­se­ner Jugendlicher, des­sen Selbstbild Risse erfährt. Ist er viel­leicht doch nicht der har­te, ker­ni­ge Typ mit Freundin, des­sen beruf­li­cher Weg in der Autowerkstatt des Vaters bereits vor­ge­zeich­net ist? Und ist er viel­leicht doch nicht der „ech­te Kerl“, der – auf Wunsch des Vaters – an Armdrück-Wettkämpfen teil­nimmt und damit den Vorstellungen sei­ner Umgebung entspricht?

Diesen inne­ren Konflikt arbei­tet „Mauern aus Sand“ sorg­sam und kon­zen­triert her­aus. Der Titel des Films ver­mit­telt zwei­er­lei: Einerseits ist er eine Entsprechung für die Mauern, die Marko um sich her­um baut und hin­ter denen er sein Schwulsein ver­steckt. Niemand soll etwas von sei­nem heim­li­chen Begehren erfah­re. Die Mauern des Verdrängens, Schweigens und der Unterdrückung bie­ten, trotz der damit ver­bun­de­nen see­li­schen Qualen, natür­lich auch Schutz. Und gleich­zei­tig Abgrenzung.

Andererseits ver­sinn­bild­li­chen die Mauern im Filmtitel gleich­sam jenen Damm, den die Dorfbewohner mühe­voll errich­ten. Sie sta­peln Sandsäcke zu einem Schutzwall, da eine hef­ti­ge Flut näher rückt und die Gegend zu über­schwem­men droht. Eine Naturgewalt, die sich letzt­lich ihren Weg bah­nen wird. Ebenso wie die Emotionen irgend­wann nicht mehr zurück­zu­hal­ten sind – die­se Erfahrung macht Marko im Laufe sei­ner Entwicklung. Jene Botschaft ver­deut­licht die wun­der­ba­re Verbindung zwi­schen die­sen bei­den „Arten von Mauern“, die Čanak ihre Figuren errich­ten lässt. Einmal im Äußeren, ein­mal im Inneren.
Björn Schneider | programmkino.de

Credits:

HR/LT 2025, 88 Min., kroa­ti­sche Originalfassung mit deut­schen Untertiteln
Regie:  Čejen Černić Čanak
Kamera: Marko Brdar
Schnitt: Slaven Zečević
mit: Lav Novosel, Andrija Žunac, Leon Grgić, Franka Mikolaci

Trailer:
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