Das fsk Kino ist ein unabhängiges Filmkunstkino in Berlin Kreuzberg
Zitty:
Berlins Beste 2012: Anspruchvollstes Kino
Richtiges, pures Arthouse – für Mainstream-Mätzchen ist im Kreuzberger fsk am Oranienplatz kein Platz. Das Namenskürzel steht übrigens für Flugzeugsesselkino, die erste Bestuhlung stammte von ausgemusterten Lufthansa-Maschinen. Wer also echte Entdeckungen machen möchte, ist hier richtig, mit Filmen aus aller Welt, meist in der Originalfassung mit Untertiteln. Und die dürfen gerne mal elegisch oder sperrig sein, damit genug Raum für die Assoziationen des Zuschauers bleibt. (MS)
Die drei besten Berliner Kinos sind …?
Das FSK am Oranienplatz. Da gehe ich zu Fuß hin und schaue an, was gerade läuft. Das ist das Gegenteil von DVD. Ich treffe keine Kaufentscheidung, ich entdecke etwas. (…)
(Christian Petzold im Tagesspiegel Interview 2014)
Das fsk Kino ist ein unabhängiges Filmkunstkino in Berlin Kreuzberg
Zitty:
Berlins Beste 2012: Anspruchvollstes Kino
Richtiges, pures Arthouse – für Mainstream-Mätzchen ist im Kreuzberger fsk am Oranienplatz kein Platz. Das Namenskürzel steht übrigens für Flugzeugsesselkino, die erste Bestuhlung stammte von ausgemusterten Lufthansa-Maschinen. Wer also echte Entdeckungen machen möchte, ist hier richtig, mit Filmen aus aller Welt, meist in der Originalfassung mit Untertiteln. Und die dürfen gerne mal elegisch oder sperrig sein, damit genug Raum für die Assoziationen des Zuschauers bleibt. (MS)
Die drei besten Berliner Kinos sind …?
Das FSK am Oranienplatz. Da gehe ich zu Fuß hin und schaue an, was gerade läuft. Das ist das Gegenteil von DVD. Ich treffe keine Kaufentscheidung, ich entdecke etwas. (…)
(Christian Petzold im Tagesspiegel Interview 2014)
LUISA ist vor kurzem von zu Hause ausgezogen und neugierig, was das Leben für sie bereithält. Sie liebt Partys, ist für jeden Spaß zu haben, lässt sich auf Flirts und kleine Abenteuer ein. Sie lebt in der Wohngruppe einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung am Rande einer deutschen Kleinstadt. Dort erhält sie Unterstützung in ihrem oft turbulenten Alltag. Unbemerkt wird Luisa zunehmend stiller, in der Wohngruppe geht das alltägliche Leben weiter, bis unerwartet festgestellt wird, dass Luisa schwanger ist. Luisa selbst sagt nicht, wie das passiert ist, sie schweigt. Jede und jeder weiß, dass ihr Freund Anton nicht zeugungsfähig ist. Der Verdacht auf sexuellen Missbrauch liegt nahe. Luisa entschließt sich, die Schwangerschaft abbrechen zu lassen.
„Ziel war es, die Erzählung um Luisa und ihre Auseinandersetzung mit den Grenzverletzungen, die ihr zustoßen, möglichst einfühlsam und respektvoll zu umkreisen. Parallel sollte die häufig verborgene Lebenswelt von Menschen mit Behinderung in jener machtvollen Institution gezeigt werden, die sie eigentlich beschützen soll, aber zugleich bedrohlich für ihre körperliche Integrität und ein selbstbestimmtes Leben ist. Denn wie können wir szenisch und visuell abbilden, dass die Strukturen der Heimunterbringung Missbrauch in solchem Maße ermöglichen, also Institutionen, die Schutz für ausgerechnet die vulnerabelsten Menschen in der Gesellschaft versprechen und nicht halten können? Und wie können wir als Gesellschaft das verändern? Für den Dreh war es wichtig, einen inklusiven Cast an unserer Seite zu haben, mit dem all diese Fragen diskutiert werden konnten, um möglichst wenige Stereotype über Menschen mit Behinderung zu reproduzieren und natürlich auch die Perspektive von Menschen mit Behinderung sichtbar zu machen.“ Julia Roesler
Credits:
DE 2025, 94 Min., Deutsch OmeU Regie: Julia Roesler Kamera: Frank Amann Schnitt: Anne Jünemann mit: Celina Scharff, Trixi Strobel, Dennis Seidel, Eva Löbau, Bernd Hölscher, Katharina Bromka, Hadi Khanjanpour, Martin Schnippa, Peter Lohmeyer
Am Strand des Senegals schippert ein Boot vor sich hin, in ihm Kinder mit Rettungswesten. Man könnte an den Beginn einer riskanten Reise über den Atlantik, hin zu den verklärten Gestaden Europas denken, doch die Wirklichkeit ist banaler: Ein Film wird hier gedreht, die deutsche Schauspielerin Maja (Maren Eggert) spielt Medea, jene klassische Frauenfigur aus der antiken Tragödie, die in einem fremden Land belogen und betrogen wird und schließlich Mann und Kinder tötet.
Aus irgendeinem Grund hielt es ihre Regisseurin Caroline (Nathalie Richard) für eine gute Idee, diese Geschichte nun im Senegal anzusiedeln, fast alle Rollen außer Medea mit Schwarzen zu besetzen – so auch Medeas gegenüber Jason, der vom französisch-senegalesischen Schauspieler Nourou (Jean-Christophe Folly) gespielt wird.
Wie eine Kolonialherrin führt sich Caroline am Set auf, schreit und wütet, wenn etwas nicht so läuft, wie sie sich das vorgestellt hat. Dass gleichzeitig die Komparsen schlecht behandelt werden und nicht zum Catering zugelassen sind, stört sie dagegen kaum.
Wie sich das für Dreharbeiten gehört, haben die beiden Hauptdarsteller eine Affäre, während Maja per Zoom-Call mit ihrem offensichtlich zunehmend entfremdeten Mann (Hans Löw) über die Erziehung des Kindes spricht.
Monate später, der sonnige Senegal wurde mit dem tristen Berlin ausgetauscht, es ist Februar, auf der Berlinale wird der Film Premiere haben. Bei der Ankunft in seinem Hotel fühlt sich Nourou vom Portier rassistisch beleidigt, doch es ist Maja, die auf einer Entschuldigung besteht und schließlich für die Entlassung des – polnischen – Mitarbeiters sorgt. Auch die Affäre der Beiden ist vorbei, war vielleicht nur am Set möglich, vielleicht auch nur in der Fremde, in der exotischen Umgebung.
Vor gut 15 Jahren war Ulrich Köhler mit seinem Film „Schlafkrankheit“ selbst bei der Berlinale zu Gast, ein semi-autobiographischer Film, in dem der Autor und Regisseur Erfahrungen aus seiner Kindheit thematisierte, als er zusammen mit seinen Eltern in Afrika lebte. Auch damals spielte Jean-Christophe Folly eine Hauptrolle und erlebte in einem Berliner Hotel eine ähnliche Szene, wie sie nun die von ihm gespielte Figur Nourou erlebt.
Dieser Moment war für Köhler einer der Ausgangspunkte seines neuen Films, noch viel mehr aber manche Diskussion, die über die Berechtigung eines Films wie „Schlafkrankheit’“ entstand, ein von einem weißen Regisseur, mit einem hauptsächlich weißen Team in Afrika gedrehter Film. Seitdem hat sich die Diskussion über das, was Allgemein als Kulturelle Aneignung bezeichnet wird, keineswegs entspannt, selbst ein Film wie Köhlers wird von manchen als problematisch betrachtet. Und das obwohl dieser gar nicht dezidiert von Schwarzen erzählt, sondern gerade von oft ignoranten Weißen, die mit den Begebenheiten Afrikas kaum vertraut sind. Aber solche Feinheiten gehen in einer oft populistisch geführten Diskussion bekanntermaßen oft unter.
Regisseurin Lea Hartlaub unternimmt in ihrem filmischen Essay anhand eines Objekts – der Giraffe – eine Welterzählung über Kontinente und Jahrhunderte hinweg. Ein Filmexperiment, das international viel Beachtung gefunden hat und in Form und Inhalt seinesgleichen sucht.
In einer puristischen Filmsprache und bühnenhaften Tableaus erzähltSRvom Menschen und von durch ihn geschaffene Wirklichkeiten. 16 fragmentarische Episoden führen in 91 Einstellungen an 30 Handlungsorte – unter anderem auf eine Insel im Westpazifik, in einen Lesesaal in New York, zu einer Keramikfabrik bei Peking, auf eine Landebahn im Niger. Dabei trifft der Film auf Vermutungen, Behauptungen und die Relativität von Wissen, auf koloniale Relikte, hegemoniale Strukturen, auf Aneignungen und den Umgang mit Exotik. Ein wiederkehrendes Motiv, die Giraffe, erscheint mal direkt, mal am Rande. Eine Vielschichtigkeit entsteht, in der sich weit mehr andeutet, als das, was auf den ersten Blick sichtbar wird.
Für Mira (29) läuft es gut. Vor kurzem hat sie die Leitung eines Supermarkts übernommen. Rückhalt gibt ihr die liebevolle Beziehung zu ihrem Mann Tarik und ihren beiden Töchtern. Doch ein einziger schwacher Moment, in dem es Mira nicht gelingt, die Wahrheit zu sagen, zieht andere Halbwahrheiten und Lügen nach sich. Und auf einmal geht es nur noch darum, das Scheitern nicht zuzulassen. Bis ihr am Ende alles krachend um die Ohren fliegt.
Credits:
DE 2025, 104 Min., deutsche OmeU Regie: Franz Müller Kamera: Julia Daschner Schnitt: Stefan Stabenow mit: Katharina Derr, Alex Brendemühl, Leonidas Emre Pakkan, Lana Cooper
Ein legendärer, aber in die Jahre gekommener Gangster namens Mahr (Louis-Do de Lencquesaing, der mir als Alter-Ego von Humbert Balsan in Mia Hansen-Loves großartigem Der Vater meiner Kinder heute noch in Erinnerung ist), beauftragt die Auftragskillerin Tez den Mord an einem seiner Geldkuriere zu rächen. In ihrem klassisch nach Film-Noir-Genre-Regeln erzählten, erstmals auf Französisch realisiertem Werk weben Regisseur Christoph Hochhäusler und Co-Autor Ulrich Peltzer zwischen den Schnittpunkten Gier, Macht und Manipulation ein raffiniertes Geflecht aus Intrigen und Verrat. „Grundsätzlich nimmt Hochhäusler das Genre beim Wort, entledigt sich jeglichen Überbaus und sucht auch nicht im engeren Sinn den Anschluss ans Gesellschaftsdiagnostische, etwa der Finanzwelt, der Mediengesellschaft oder irgendwelcher Identitätspolitiken. La mort viendra ist ein fatalistischer Gangsterfilm nach dem Vorbild von Jean-Pierre Melville, finster, kalt und auf das Notwendigste reduziert. Alles basiert auf Knappheit, Enge und Begrenzung: Plot, Räume, Bildausschnitte. … Engmaschig geknüpft sind auch die Erzählfäden; fast stehen sich die Figuren gegenseitig auf den Füßen herum. Es gibt wir und sie. Und dann gibt es auch noch die – nicht in Erscheinung tretenden – Italiener“. Filmdienst, Esther Buss
Credits:
DE/BE/LU 2024, 101 Min., französiche OmU Regie: Christoph Hochhäusler Kamera: Reinhold Vorschneider Schnitt: Stefan Stabenow mit: Sophie Verbeeck, Louis-Do De Lencquesaing, Marc Limpach, Mourade Zeguendi, Nassim Rachi
Trailer:
Der Tod wird kommen / La mort viendra [Offizieller Trailer FRANZÖSISCHHD] – Ab 12. März im Kino
PL 2024 R/B/K: Maria Zbąska 99 min, OmdU S: Andrzej Kowalski M: Anja Garbarek D: Zofia Chabiera, Marcin Sztabiński u. a.
Die impulsive Wanda ist nur noch genervt. Sie und ihr Freund Janek haben sich auseinandergelebt, ihre Beziehung steckt fest. Das Geld ist chronisch knapp, ständig gibt es Streit, der freudlose Alltag ist nur noch die Wiederholung des ewig Gleichen und Janeks routinierter Pragmatismus bringt sie zur Weißglut. Haben sie überhaupt noch eine gemeinsame Zukunft?
Für Wanda steht fest: Sie müssen durch gemeinsame Grenzerfahrungen wieder zueinander finden – oder für immer auseinandergehen. Also brechen sie auf, mitten im Winter, einmal 400 km den polnischen Ostseestrand entlang von West nach Ost. Es gilt die eiserne Regel: Sie dürfen den Strand nicht verlassen. Wird sie gebrochen, ist das Projekt beendet – das gilt für die Wanderung, aber auch für ihre Beziehung. Wind, Kälte und Erschöpfung setzen ihnen ebenso zu wie die Notwendigkeit, trotz unterschiedlicher Charaktere immer wieder einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden.
Maria Zbąska inszeniert in ihrem Debüt eine Reise, die keinen Anfang und kein Ende zu haben scheint – ein bittersüß-poetisches Psycho-Kammerspiel und ein Road-Movie ohne Straßen. [Rainer Mende]
Maria Zbąska (geb. 1975) absolvierte ein Kamera-Studium an der Filmhochschule Łódź und veröffentlichte ab 2001 sieben Kurzfilme, bevor sie 2024 mit „Das ist nicht mein Film“ ihren ersten Langfilm drehte. Für alle ihre Filme stand sie auch hinter der Kamera.
Die quirlige Alyssa und der zurückhaltende Mehdi, beide um die zwanzig, sind beste Freunde mit grossen Träumen: Sie will im Ausland durchstarten, er als Zeichner in Tunesien Fuss fassen. Als sie von einem Kunstwettbewerb auf Djerba erfahren, beginnt ein Roadtrip, der ihr Leben verändern könnte.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine innige Freundschaft. Die 19-jährige Alyssa muss sich neben ihren schulischen Verpflichtungen um ihre kleine Schwester und die kranke Mutter kümmern. Sie ist eine Rebellin und möchte der Enge in Tunis entfliehen. Mehdi ist zurückhaltend und bewirbt sich mehr schlecht als recht auf IT-Jobs, hofft aber insgeheim, eines Tages von seiner Zeichenkunst leben zu können. Als die beiden von einem Kunstwettbewerb erfahren, bei dem ein Atelieraufenthalt in Deutschland als Hauptpreis winkt, bekommen ihre Träume Flügel. Doch schon das Beschaffen eines Fahrzeugs bedarf Alyssas Kühnheit, und ehe Mehdi sich versieht, sind sie unterwegs durch ein unbekanntes Tunesien, das ebenso faszinierend wie gesellschaftlich erdrückend ist.
Mit spielerischer Leichtigkeit erzählt Amel Guellaty in ihrem Langfilmdebüt vom Elan einer Generation, die das enttäuschende Erbe des Arabischen Frühlings mit Fantasie, Humor und Improvisationstalent antritt. Mehdis Zeichnungen erwachen dezent zum Leben, Alyssas Vorstellungskraft sorgt für feine, surreale Tupfer und arabische Indie-Musik trägt das Filmpaar durch die Landschaft. Es entsteht das Porträt einer aufgeschlossenen Jugend, die wie überall auf der Welt ihr eigenes Potenzial entdecken muss, das manchmal greifbar nah liegt.
Der Franzose Jay (Romain Duris) hat sich entschieden aus Japan nach Frankreich zurückzukehren. Neun Jahre hat er als Taxifahrer in Tokyo vergeblich nach seiner Tochter Lily gesucht. Nach ihrer Trennung ist Jays Frau mit der gemeinsamen Tochter in Tokyo untergetaucht. Jay hat seiner Frau die Scheidung verweigert, weil er sonst nach japanischem Recht jedes Anrecht verlieren würde seine Tochter vor ihrer Volljährigkeit wiederzusehen. Für Jay heißt es nun, sein Haus verkaufen und Abschiednehmen von seiner Sorgerechtsanwältin Michiko (Tsuyu), und der Selbsthilfegruppe aus Männern und Frauen, Japanern und Ausländern, denen allen der regelmäßige Zugang zu ihren Kindern verweigert wird. Gerade neu hinzugekommen ist Jessica (Judith Chemla) deren Sohn Lucas nach der Trennung seiner Eltern von seinem Vater von Paris nach Tokyo entführt worden ist. Als Jay eine Schicht für einen erkrankten Kollegen in einem anderen Stadtteil übernimmt steigt ein Mädchen (Mei Cirne-Masuki) in seinen Wagen das seine Tochter sein könnte. Jays Vater, der in Paris auf ihn wartet, warnt ihn, dass es das 10te Mal sei, dass er glaubt seine Tochter gefunden zu haben.
Credits:
Une part manquante FR/BE 2024, 98 Min., franz. OmU Regie: Guillaume Senez Kamera: Elin Kirschfink Schnitt: Julie Brenta mit: Romain Duris, Judith Chemla, Mei Cirne-Masuki, Tsuyu
Auf einer Party lässt sich die 13jährige Alpha (Mélissa Boros) ein Tattoo stechen: Wie ein Blitz wirkt das A, das nun ihren Oberarm ziert. Dass ein so junges Mädchen auf Parties anzufinden ist, könnte für eine gewisse Verwahrlosung sprechen, doch das Gegenteil ist der Fall. Ihre Mutter (Golshifteh Farahani) liebt sie über alles, zieht sie seit Jahren allein auf – vom Vater ist nie die Rede – und hat es bis zur Position einer Ärztin geschafft.
Anderen zu helfen scheint der Mutter, die namenlos bleibt, angeboren zu sein, denn auch ihren Bruder Amin (Tahar Rahim) pflegt sie immer wieder, nimmt ihn auf, wenn die Sucht ihn wieder einmal obdachlos gemacht hat, rettet ihm das Leben, wenn er einer Überdosis nahe ist.
Und als Ärztin weiß die Mutter, welche Gefahr das unbedachte Tattoo für ihre Tochter bedeutet: Ob die Nadel sauber war, will sie von Alpha wissen, ob sie vorher in einem anderen Arm steckte, mit fremdem Blut verschmutzt war. Denn mittels Blut wird das Virus übertragen, dass auch von Amin längst besitzt ergriffen hat, dass auch die Patienten in dem Krankenhaus quält, in dem die Mutter arbeitet: Mehr Palliativstation als Krankenhaus, denn das Virus marmorisiert die Körper der Infizierten, ergreift langsam aber unausweichlich vom ganzen Körper Besitz und verwandelt ihn in eine Statue von unwirklicher Schönheit.
Das A auf Alphas Arm bezieht sich einerseits auf ihren Namen, zitiert das A, dass die Ehebrecherin Hester Prynne in Nathanial Hawthrones Roman „Der scharlachrote Buchstabe“ zum Zeichen ihrer Transgression tragen musste, und verweist schließlich auf AIDS. Zwar fallen die Begriffe AIDS oder HIV nicht, aber die Bezüge sind mehr als deutlich. Nicht ganz in unserer Welt spielt „Alpha“ dabei, sondern in einer Art Parallelwelt, die so aussieht wie die Welt Anfang der 90er Jahre, in der AIDS seinen größten Schrecken hatte, die aber universeller und am Ende auch phantastischer wirkt.
Wirkt „Alpha“ anfangs noch wie eine jener Geschichten, in denen eine Außenseiterin, von ihren Mitschülern ausgeschlossen und gehänselt wird, entwickelt sich Julia Ducournaus Film bald zu etwas anderem, interessanteren. Zunehmend wird die Welt außerhalb der Wohnung der Mutter ausgeblendet, konzentriert sich die Geschichte auf Alpha, die Mutter und Amin. Gegenwärtiges verschwimmt mit Erinnerungen, in manchen Szenen scheint Alphas 13jähriges mit ihrem 5jährigen Ich zu verschmelzen, wie ein Fiebertraum oder den Wahnvorstellungen eines Heroinrausches.
Ihren Darstellern verlangt Julia Ducournau dabei einiges ab, besonders Mélissa Boros, die hier in ihrer ersten Rolle zu sehen ist und neben Golshifteh Farahani und besonders Tahar Rahim besteht. Abgemagert, mit herausstehenden Rippen, verkörpert Rahim seine Figur, zeigt auf berührende Weise sein Leid, seine Sucht, bald auch seinen Wunsch auf Erlösung von seinen Qualen.
In vielerlei Hinsicht mutet „Alpha“ konventioneller an als Ducournaus erste beiden Filme „Raw“ und „Titane“, die auf den ersten Blick radikaler wirkten, bisweilen ihre Lust an der Provokation ausstellten. „Alpha“ dagegen wirkt reifer, bewusster, verliert sich nicht mehr in betont transgressiven Momenten, sondern beschreibt auf emotionale und besonders in der zweiten Hälfte mitreißende Weise, wie drei Menschen herauszufinden wollen, wann und ob es sich zu Leben lohnt. Ein überraschendes, hartes, berührendes Drama über die Folgen einer Epidemie auf eine Familie. Michael Meyns | programmkino.de
Agadez war einst das Drehkreuz der Migration von Subsahara-Afrika nach Norden. Die lokale Bevölkerung, vor allem Tuareg, transportierten die Menschen auf dem lebensgefährlichen Weg durch die Wüste. Diese lukrative Einnahmequelle sicherte über Jahre den Wohlstand von Stadt und Region. Als Teil der ECOWAS Wirtschaftsgemeinschaft herrschte in Niger freier Personenverkehr. 2015 drängte die EU auf ein Gesetz, das den Transport von Menschen ohne Arbeitsvisum und ID kriminalisierte.Viele Migrant:innen an der virtuellen Grenze hatten plötzlich einen illegalen Status, aus Transporteuren wurden Schlepper, und tausende verloren über Nacht ihre Lebensgrundlage. Das Versprechen der EU, die negativen Folgen des Gesetzes durch Umschulungsprogramme abzufedern, wurde kaum eingelöst, und nicht nur Nigriner:innen stellten sich die Frage: Was machen Amerika und Europa hier eigentlich? Der Umgang der Bevölkerung mit dieser EU-Außengrenze mitten in Afrika bildet den roten Faden des Films. Er begleitet drei Einheimische über fünf Jahre, bis zum Putsch 2023: den ehemaligen Bürgermeister Agadez’, eine Journalistin und einen Händler, und zeichnet ein Bild der zum UNESCO-Weltkulturerbe zählenden früheren Handelsmetropole. Wie wirkt sich die Anwesenheit der fremden Militärs aus, wieweit fördert die Perspektivlosigkeit Radikalisierung? „Rhissa Feltou, ehemaliger Bürgermeister von Agadez … bezeichnet im Film die Region als „Migrationslabor der Europäer“. Wie Viele befürchtete auch er, dass mit dem Gesetz eine „bombe humaine“ entstehen würde … . Afrikanische Ableger des Islamischen Staates und von Al-Qaida begannen in der Region und den angrenzenden Staaten immer mehr an Einfluss zu gewinnen. Mit dem Zerfall Libyens liefen wichtige Routen für den Waffen- und Drogenschmuggel über Agadez. Es entstand eine Zone der Gewalt in einem schwer kontrollierbaren Gebiet, das größer ist als das Mittelmeer.“ G. Hauzenberger, und G. Schild
Credits:
AT/DE/CH 2024, 103 Min., Tamascheq, Hausa, Fulah, Französisch, Deutsch. OmU Regie: Gerald Igor Hauzenberger & Gabriela Schild Kamera: Thomas Eirich-Schneider, Gerald Igor Hauzenberger, Hajo Schomerus, Joerg Burger Schnitt: Nela Märki, Stefan Fauland
Trailer:
ONTHEBORDER // Trailer // Kinostart mit Kinotour am 19.03.26
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