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  • Nach dem Urteil

    Nach dem Urteil

    Ein Film von Xavier Legrand.

    Nach dem Urteil bedeu­tet hier: nach der Entscheidung in einem Umgangsrechtsverfahren. Miriam ist nach der Scheidung von Antoine mit ihren Kindern Hals über Kopf zu ihren Eltern gezo­gen, um ihm aus dem Weg zu gehen. Außerdem soll er Tochter und Sohn mög­lichst nicht sehen. Die bei­den ver­spü­ren auch wenig Lust, den Vater zu tref­fen, aber da der den Kontakt nicht abbre­chen las­sen will, kommt es zur Anhörung. Das Gericht ent­schei­det zu Gunsten Antoines. Er darf den den 11-jäh­ri­gen Julien alle 14 Tage fürs Wochenende zu sich neh­men. Seine Schwester Joséphine dage­gen ist alt genug, über ihren Kontakt selbst zu ent­schei­den. Wir erfah­ren wenig von der Vorgeschichte, und wir wis­sen nicht, ob Antoine sei­ne Frau tat­säch­lich geschla­gen hat, wie sie sagt – Beweise hat sie kei­ne – oder sie und ihre Eltern den Kindern Schauermärchen vom Vater erzäh­len und ihnen dadurch ent­frem­det, wie er behaup­tet. Wir sehen aber, wie Julien mit all‘ sei­nen ihm zu Verfügung ste­hen­den Mitteln ver­sucht, die Eltern von­ein­an­der fern­zu­hal­ten und die Mutter zu schüt­zen. Seine Lügen machen Antoine, der über den Jungen vor allem Informationen über sein Exfrau bekom­men will, aller­dings nur noch miss­traui­scher. Xavier Legrands Debut kon­zen­triert sich auf sei­ne Protagonist*innen, beob­ach­tet genau und ist dabei hochspannend.

    Es war eine Herausforderung und ein Balanceakt, sie (die Familienmitglieder) nicht als Genrefiguren zu miss­brau­chen und in Stereotype zu ver­fal­len. Die Geschichte beginnt im Gerichtssaal und ent­wi­ckelt sich lang­sam zu einem Thriller, und ich habe ver­sucht, jede Überdramatisierung zu ver­mei­den und die Situation atmo­sphä­risch so genau wie mög­lich zu zei­gen. … Ich habe alles Unnötige und Spektakuläre weg­ge­las­sen und den Plot so weit wie mög­lich ver­schlankt. Die Spannung baut sich lang­sam dadurch auf, dass ich dem Publikum nicht alles vor­kaue, es muss sel­ber Schlüsse zie­hen, Situationen inter­pre­tie­ren und zwei­feln.“ Xavier Legrand

     

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    Credits:
    Jusqu’à la garde
    Frankreich 2017, 94 Min., frz. OmU
    Regie & Drehbuch Xavier Legrand
    Kamera Nathalie Durand
    Schnitt Yorgos Lamprinos
    Mit
    Léa Drucker (Miriam Besson)
    Denis Ménochet (Antoine Besson)
    Thomas Gioria (Julien Besson)
    Mathilde Auneveux (Joséphine Besson)

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    Termine:

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  • Familie Brasch

    Familie Brasch

    Ein Film von Annekatrin Hendel.

    Während Horst Brasch nach der Rückkehr aus der Emigration wich­ti­ge Positionen in der DDR ein­nahm, wur­den sei­ne drei Söhne Thomas, Peter und Klaus früh „auf­fäl­lig“, alle­samt künst­le­risch tätig und bald auch zu Kritikern des poli­ti­schen Systems, für das sich der Vater ein­setz­te. Im Fall von Thomas Brasch führ­te es dazu, dass er ins Gefängnis und schließ­lich gemein­sam mit sei­ner dama­li­gen Freundin Katharina Thalbach die DDR ver­las­sen muss­te. Wie viel der Vater mit der Inhaftierung und der früh­zei­ti­gen Entlassung zu tun hat­te, sah jeder der Familienmitglieder etwas anders.

    Vor kur­zem hat die jüngs­te Tochter Marion, die im Gegensatz zu den Söhnen „lieb“ war, die Geschichte ihrer Familie in dem Buch „Ab jetzt ist Ruhe“ fest­ge­hal­ten; der Film gibt ihrer Perspektive Raum und fragt dane­ben ande­re Beteiligte: ehe­ma­li­ge Lebenspartnerinnen der Söhne, Freunde und Enkelkinder.

    Drei Generationen umfasst die Familie Brasch damit, drei Generationen, die einen Teil deut­scher Geschichte der letz­ten fast ein­hun­dert Jahre mit­er­lebt und auch mit­ge­prägt haben. Nicht den, der den Westdeutschen als der Wichtigste erschei­nen mag, son­dern den, des „ande­ren“ Deutschland. Nun, fast 30 Jahre nach dem Mauerfall scheint lang­sam eine dif­fe­ren­zier­te Darstellung der Geschichte und der Geschichten zu begin­nen, die sich in der DDR abspiel­ten, nicht mehr von ein­fa­chem, meist zu schlich­tem schwarz-weiß Denken geprägt, son­dern im Bemühen, viel­schich­tig zu sein. Dieser dif­fe­ren­zier­te Blick ist es, der Annekatrin Hendes „Familie Brasch“ so sehens­wert macht.“
    Michael Meyns | Programmkino.de

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    Credits:
    D 2018, 103 Min.,
    Buch und Regie: Annekatrin Hendel
    Kamera: Thomas Plenert, Martin Farkas
    Buch und Montage: Jörg Hauschild
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    Termine:

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    Familie Brasch Trailer Deutsch | German [HD]

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  • A skin so soft

    A skin so soft

    Ein Film von Denis Côté.

    Was sind es für Menschen, die ihre Zeit damit ver­brin­gen, sämt­li­che Muskeln ihres Körpers durch Krafttraining anwach­sen zu las­sen und zu stär­ken, um sich gut ein­ge­ölt an wenig gla­mou­rö­sen Wettbewerben zu betei­li­gen? Denis Cote beob­ach­tet sechs Anhänger der akti­ven Körpergestaltung im all­täg­li­chen Leben und nähert sich die­sem merk­wür­di­gen Universum mit sym­pa­thi­scher Selbstverständlichkeit. Familienvater Ronald Yang bedau­ert, viel zu wenig Zeit für sei­ne Kinder zu haben, Maxim Lemire zieht als Show einen gan­zen Truck mit rei­ner Muskelkraft durch die Gegend. Während Alexis Légarés Freundin sei­ne Übungen und sein Auftreten bewer­tet und beglei­tet, kann er sie nur schwer zum dis­zi­pli­nier­ten Training ani­mie­ren. Benoit Lapierre nimmt nicht mehr an Wettbewerben teil, son­dern arbei­tet als Motivationcoach und Kinesiologe. Wenig red­se­lig sind die meis­ten Protagonisten (du hast seit 2 Tagen nicht ein Wort mit mir gespro­chen, beschwert sich Maxims Partnerin ein­mal), aber Humor und Freundlichkeit sind ihnen nicht fremd. Und am Ende gönnt Cote sei­nen Männern noch eine gemein­sa­me Auszeit am See.

    … Wie ein Porträtmaler kon­zen­triert er [Coté] sich zwar auf die Oberfläche, weiß aber, dass mit den rich­ti­gen Bildern und gut dar­ge­stellt, die­se Haut wesent­lich mehr offen­bart. Als Kinotheoretiker nutzt er das Medium visu­ell und nicht didak­tisch, und ähn­lich sei­nen frü­he­ren Dokus („Carcases”, „Bestiaire”), ist „Skin“ ein offe­ner, akzep­tie­ren­der Film, in dem Neugierde eine Rolle spielt und nicht Polemik.” Jay Weissberg | Variety

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    Credits:
    Kanada, Schweiz, Frankreich  2017, 94 Min., franz. OmU
    Regie: Denis Côté 
    Kamera: François Messier-Rheault 
    Schnitt: Nicolas Roy 
    mit: Alexis Légaré , Benoit Lapierre , Cédric Doyon , Jean-François Bouchard , Ronald Yang , Maxim Lemire

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    Termine:

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    TA PEAU SI LISSE – Bande-annon­ce from Filmtage Tübingen on Vimeo.

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  • Don’t worry, weglaufen geht nicht

    Don’t worry, weglaufen geht nicht

    Ein Film von Gus van Sant.

    Don’t worry, he won’t get far on foot sagt der Cowboy zu sei­nen eben­falls berit­te­nen Begleitern beim Anblick des umge­stürz­ten Rollstuhls im Wüstensand. Ein schön kra­ke­lig gezeich­ne­ter Cartoon, denn der Autor war durch einen Autounfall quer­schnitts­ge­lähmt, er konn­te weder Arme noch Beine wirk­lich gebrau­chen und benutz­te bei­de Hände um den Stift zum Zeichnen zu halten.
    John Callahan hieß der Mann im Rollstuhl und wur­de als Cartoonist in den USA der ab den 70ern bekannt/berüchtigt, sein schwar­zer Humor betraf oft Menschen in sei­ner Lage, die mit Begegnungen mit frei beweg­li­chen Mitmenschen und ihrer gespiel­ten Normalität oder nor­ma­len Aggressivität umge­hen muß­ten. Er hat auch ein Album auf­ge­nom­men, hier wer­den unan­ge­neh­me Selbsterkenntnisse prä­zis auf den Punkt gebracht:
    C F
    Broken veins and Broken Needles
    C                    F           C
    I’m too tired to make a fist
    C F
    Charlie Manson sings the Beatles
    C                             F             C
    I should’ve known it would end like this

    Kann man lei­der nicht auf der Ukulele spie­len, weil die halt immer so jäm­mer­lich plinkern.

    Die Geschichte: Joaquin Phoenix malt. Wände/Decken/Fensterrahmen. Ein Anstreicher. Nach der Arbeit, die ohne Pegel erreichen/halten nicht mög­lich wäre, geht er auf Sauftour mit der Zufallsbekanntschaft Jack Black, dem Unglücksraben. Der über­lebt den selbst­ver­ur­sach­ten Carcrash im VW Vollrausch ohne Schrammen, der besof­fen schla­fen­de Callahan wacht jedoch quer­schnitts­ge­lähmt auf und ver­sucht, den Alkohol los zu wer­den. In sei­ner Selbsthilfegruppe sind Beth Dito und Kim Gordon, sei­ne säu­er­li­che Betreuerin heißt Carry Brownstein und der zärt­li­che Guru wird von Jonah Hill gespielt. Möglicherweise sind das Gründe, um tro­cken zu wer­den. Möglicherweise hat Bill Callahan Johns Zustand bes­ser beschrie­ben: „I used to be dar­ker, then I got ligh­ter, then I got dark again And some­thing too big to be seen was pas­sing over and over me“

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    Credits:
    Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot
    USA 2018, 113 Min., engl. OmU
    Regie, Buch: Gus Van Sant
    Kamera: Christopher Blauvelt
    Schnitt: Gus Van Sant, David Marks
    Mit:
    Joaquin Phoenix (John Callahan)
    Jonah Hill (Donny)
    Rooney Mara (Annu)
    Jack Black (Dexter)
    Mark Webber (Mike)
    Udo Kier (Hans)
    Carrie Brownstein (Suzanne)
    Beth Ditto (Reba)
    Kim Gordon (Corky)

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    Termine:

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  • Aus nächster Distanz

    Aus nächster Distanz

    Ein Film von Eran Riklis.

    Eran Riklis, hier­zu­lan­de bekannt für Tragikkommödien wie Die Syrische Braut oder Lemon Tree, hat einen Thriller gedreht, und zwar einen, der den Bechdel-Test spie­lend besteht.

    Die eins­ti­ge Mossad-Agentin Naomi wird mit einer beson­de­ren Aufgabe aus ihrem Ruhestand gelockt: sie soll die auf­ge­flo­ge­ne Informantin Mona beschüt­zen, beauf­sich­ti­gen und ihr zur Seite ste­hen. Die Libanesin konn­te in letz­ter Sekunde geret­tet wer­den und muss sich nun einer Gesichtsoperation unter­zie­hen, um danach mit ihrem klei­nen Sohn uner­kannt nach Kanada aus­rei­sen zu können.

    Die Situation in dem nun ein­set­zen­den Kammerspiel in der groß­zü­gi­gen Hamburger Altbauwohnung spie­len Golshifteh Farahani und Neta Riskin gekonnt aus. Die gro­ße Frage, wie weit sie sich ver­trau­en kön­nen, und ob über­haupt, ist für die zwei Frauen eine des Überlebens, und zudem ist immer suspekt wer von aus­sen kommt – der ver­se­hent­lich klin­geln­de freund­li­che Nachbar, der Kontaktmann, der Handwerker, der Zeitungsverkäufer vorm Haus – alle könn­ten Feinde sein, sogar die von der glei­chen Seite. Kann es unter die­sen Umständen eine Annäherung der bei­den Zwangsverbündeten geben? Die prag­ma­ti­sche Naomi ist es gewohnt, das Geschehen zu bestim­men, Mona sieht aller­dings nicht ein, sich unter­zu­ord­nen, nach allem, was sie ein­ge­setzt hat. Mit gross­ar­ti­gen Schauspielerinnen ist der Film unter­wegs in der groẞen Politik – auf kleins­tem Raum und span­nend und über­ra­schend bis zum Schluss.

    Eran Riklis nimmt sein Publikum mit auf eine hoch dra­ma­ti­sche Reise, die letzt­lich zeigt, wie sehr sich Menschen nach Schutz und Sicherheit seh­nen und wie sehr dabei jeder auf den ande­ren ange­wie­sen ist. Loyalität, Ver­rat, Gut und Böse – die­se Begriffe ver­schwim­men zu Floskeln ange­sichts der grau­sa­men Wirklichkeit. In­sofern bleibt sich Eran Riklis treu, indem er auch in sei­nem neu­en Film die per­sön­li­che Moral und Integrität über ver­ord­ne­te staat­li­che und reli­giö­se Instanzen stellt.”

    Gaby Sikorski | programmkino.de

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    Credits:
    Deutschland/Frankreich/Israel 2017, 93 min., engl., hebr. OmU
    Drehbuch und Regie: Eran Riklis
    KAMERA – Sebastian Edschmid
    SCHNITT – Richard Marizy
    mit: Golshifteh Farahani, Neta Riskin, Yehuda Almagor, Doraid Liddawi, David Hamade, August Wittgenstein, Mark Waschke
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    Termine:

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  • Gute Manieren

    Gute Manieren

    Ein Film von Juliana Rojas & Marco Dutr.

    Was pas­siert, wenn Frau an den Falschen gerät? Und in der Hitze der Nacht alle Vorsicht fah­ren lässt, so dass es zu schwer­wie­gen­den Spätfolgen kommt? Die hoch­schwan­ge­re Ana erlebt genau das, ihre begü­ter­te Familie hat sie vom Landsitz ent­fernt und in die Stadt ver­bannt. Immerhin in eine gut geschnit­te­ne Eigentumswohnung, aber Ana ist ein­sam und über­for­dert. Sie sucht eine Hausangestellte und Clara stellt sich vor. So rich­tig beein­druckt ihr Lebenslauf zwar nicht, außer­dem ist sie Krankenschwester, aber der Zufall kommt zur Hilfe und sie kriegt den drin­gend benö­tig­ten Job.

    Zwischen den bei­den jun­gen Frauen ent­wi­ckelt sich eine merk­wür­dig inti­me Freundschaft vol­ler Grenzüberschreitungen. Clara lernt dabei Anas dunk­le Seite ken­nen und ihre Ausbildung macht sich bezahlt, beson­ders nach Vollmondnächten. Schließlich kommt der Tag der Geburt des Kindes namens Joel, und das Geschehen nimmt einen unge­ahn­ten Verlauf.

    Souverän stür­zen sich das Regie- und Drehbuchgespann Juliana Rojas und Marco Dutra in die Berg- und Talfahrt ihrer Geschichte vol­ler uner­war­te­ter Wendungen und mit einer Fülle an beun­ru­hi­gen­den Details. Die Welt außer­halb von Anas Wohnung ist sur­re­al, wirkt bedroh­lich und fremd. Im Gegensatz zur Sicherheit der eige­nen vier Wände, mit den gewohn­ten, über­schau­ba­ren Abläufen. Doch der Feind befin­det sich längst im Inneren, war das nicht schon immer so?

    Frauen mit drin­gen­dem Kinderwunsch raten wir vom Besuch des Films ab. Vielen Dank.

    We tried to balan­ce the jour­neys of Clara, Ana and Joel in the film. While they deep­ly affect one ano­ther throug­hout the sto­ry, they also go through a pro­cess of sel­fun­der-stan­ding that is uni­que to each. But all of them are able to embrace the fan­ta­stic at some point, as you would expect from cha­rac­ters belon­ging to a fairy tale, it’s not the exis­tence of the super­na­tu­ral that they ques­ti­on, but the mea­ning of it.“
    (Juliana Rojas & Marco Dutra)

    Der herz­zer­rei­ßen­de Horrorfilm wur­de ver­gan­ge­nes Jahr bei den Filmfestspielen in Locarno als Meisterwerk gefei­ert und mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet.

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    Credits:
    As Boas Maneiras
    Brasilien, Frankreich 2017, 135 Min., por­tu­gie­si­sche OmU 

    Regie: Juliana Rojas , Marco Dutra 
    Kamera: Rui Poças 
    Schnitt: Caetano Gotardo 
    mit: Isabél Zuaa , Marjorie Estiano , Miguel Lobo , Cida Moreira , Andrea Marquee
    frei­ge­ge­ben ab 12 jahren
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    Termine:

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    Gute Manieren – Trailer für die offi­zi­el­le Website from Salzgeber & Co. Medien GmbH on Vimeo.

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  • Fridas Sommer

    Fridas Sommer

    Ein Film von Carla Simón.

    Wo gehst du hin?“ · „Ich gehe zurück nach Hause.“ · „Warum?“ · „Weil mich hier nie­mand liebt.“ · „Ich habe dich lieb.“

    Schweigend sieht die sechs­jäh­ri­ge Frida zu, wie die letz­ten Gegenstände aus der Wohnung ihrer ver­stor­be­nen Mutter ver­packt wer­den. Zum Abschied lau­fen Freunde win­kend hin­ter dem Auto her. Obgleich sie von der Familie ihres Onkels lie­be­voll auf­ge­nom­men wird, gewöhnt sich Frida fern­ab ihrer Heimatstadt Barcelona nur zöger­lich an ihr neu­es Zuhause auf dem Land. Momente kind­li­cher Ausgelassenheit wan­deln sich zu nach­denk­li­cher Distanziertheit. Abends betet Frida für ihre Mutter, die sie schmerz­lich ver­misst, tags­über ver­sucht sie ihren Platz in die­sem neu­en Leben zu fin­den. Trotz der som­mer­li­chen Farben berüh­ren die erns­ten Untertöne die­ses Coming of Age Dramas, das in behut­sa­men Bildern die Folgen einer unbe­re­chen­ba­ren Krankheit verhandelt.

    Jury der ev. Filmarbeit: Film des Monats August 2018

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    OT: Estiu 1993, 
    Spanien 2016, 96 Min., kata­la­ni­sche OmU
    Buch & Regie: Carla Simón
    Kamera: Santiago Racaj
    Schnitt: Didac Palou, Ana Pfaff
    mit: Laia Artigas, Paula Robles, Bruno Cusí, David Verdaguer, Fermi Reixacha

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  • Auf der Suche nach Ingmar Bergman

    Auf der Suche nach Ingmar Bergman

    Ein Film von Margarethe von Trotta.

    Als Margarethe von Trotta in den 1960er Jahren aus dem muf­fi­gen Deutschland nach Paris ging, lern­te sie dort eine jun­ge, auf­re­gen­de Filmszene ken­nen, die sich um die Filmzeitschrift Cahiers du ciné­ma gebil­det hat­te – die Nouvelle Vague. Ein Idol der jun­gen Filmliebhaber war der schwe­di­sche Regisseur Ingmar Bergman (1918−2007), und als ihre neu­en Freunde von Trotta ins Kino schlepp­ten, um Das sie­ben­te Siegel (1957) zu gucken, war das für sie die Initialzündung, selbst Regisseurin zu wer­den. (Jahre spä­ter schließt sich der Kreis, als Bergman in den 90-er Jahren aus­ge­rech­net von Trottas Die blei­er­ne Zeit als einen sei­nen Lieblingsfilme nennt – der ein­zi­ge Film von einer Frau auf der Liste.)
    Von Trottas Recherche zum 100sten Geburtstag Ingmar Bergmans ori­en­tiert sich an ihrem per­sön­li­chen Bezug. Sie beginnt und endet auf Farö, wo Bergman Das sie­ben­te Siegel dreh­te, führt nach Frankreich, wo von Trotta sei­nen Arbeiten zunächst begeg­ne­te und München, wo Bergman eine Zeit lang leb­te und auch bei von Trotta und Schlöndorf zu Besuch war.“ Hendrike Bake | indiekino

    Auf der Suche nach Ingmar Bergman ist wohl des­halb eine per­sön­li­che und emo­tio­na­le, aber auch cine­as­ti­sche Reise durch das fas­zi­nie­ren­de Universum der Filmlegende. Neben sel­te­nen Archivaufnahmen und Filmausschnitten sind es vor allem Margarethe von Trottas inten­si­ve Gespräche mit Bergmans Familie, Schauspielern und Wegbegleitern, die die facet­ten­rei­che Persönlichkeit des Meisters beleuchten.

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    Credits:
    D 2018, 98 Min., OmU

    Regie: Margarethe von Trotta 
    Co-Regie: Felix Moeller, Bettina Böhler
    Kamera: Börres Weiffenbach, Florian Lampersberger
    Schnitt: Bettina Böhler
    mit: Liv Ullmann, Daniel Bergman, Ruben Östlund, Mia Hansen-Løve, Carlos Saura, Olivier Assayas

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    Termine:

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  • Nico 1988

    Nico 1988

    Ein Film von  Susanna Nicchiarelli.

    [Indiekino Club]

    Nico war bereits ein Star-Model, Musikerin und Schauspielerin, als sie in New York zu Andy Warhols Factory stieß, und auf dem Album The Velvet Underground and Nico eine bedeut­sa­me Rolle spiel­te. Auf die­se Episode in ihrem Leben wird sie zukünf­tig häu­fig redu­ziert, ähn­lich, wie es Marianne Faithful pas­siert, die auch nur als Ex-Freundin von Mick Jagger wahr­ge­nom­men wird, und die ihr 2002 den Song for Nico wid­met. In den 80-Jahren hat die Sängerin die­sen Teil ihres Lebens weit hin­ter sich gelas­sen, nur das Rauschgift und ihr Mythos kamen mit. Nico, die jetzt ger­ne mit ihrem rich­ti­gen Namen Christa ange­spro­chen wer­den möch­te, macht immer noch schön düs­te­re Musik und tourt in klei­ner Besetzung durch Europa, mit immer beson­de­ren Auftritten.
    Der Film setzt 1986 ein. Ihre Drogenabhängigkeit macht Nico/Christa reiz­bar und lau­nisch und die Tournee zur Tour de Force, aber die gedul­di­ge, uner­wi­der­te Liebe ihres Tourmanagers zu ihr schafft man­che Probleme aus dem Weg. Eine gewis­se Weltfremdheit lässt sie über die schwie­ri­ge Beziehung zum Sohn Ari (des­sen Vaterschaft Alain Delon bis heu­te leug­net), sowie poli­ti­sche und ande­re Hindenisse ein­fach hin­weg­se­hen. Dass in die CSSR 1986 kaum Drogen ein­ge­führt wer­den kön­nen und das Konzert ille­gal ist, bekommt die Künstlerin z.B. nur am Rande mit.
    Nico 1988 ist weni­ger ein Biopic als ein Musik-Road-Movie, in dem die däni­sche Schauspielerin Trine Dyrholm die Ikone auf ihre eige­ne, groß­ar­ti­ge Weise ver­kör­pert und deren Songs pas­send inter­pre­tiert. Der Film über­führt die künst­li­che und auf­ge­la­de­ne Athmosphäre die­ser Künstlerwelt in die Realität. Er zeigt eine Musikerin zwi­schen Star-Allüren, Selbstironie und Depressionen und den gele­gent­li­chen Glücksmomenten mit begeis­ter­ten Fans, Limoncello und Spaghetti mit Freunden.

    So geht es Nicchiarelli letzt­lich nicht dar­um einen Künstlermythos auf­zu­grei­fen, son­dern eine Frau zu por­trä­tie­ren, die ihre, von die­sem Mythos über­schat­te­te Identität zu fin­den ver­sucht. Es sind die ein­fa­chen, all­täg­li­chen Momente, die ein­drück­li­cher von der Künstlerin erzäh­len, als es jeder nach­in­sze­nier­te Auftritt könn­te.“ Karsten Munt | programmkino.de

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    Credits:
    It. / Belgien 2017, 93 Min., engl. OmU 

    Regie: Susanna Nicchiarelli 
    Kamera: Crystel Fournier 
    Schnitt: Stefano Cravero 
    Dokumentarfilmmaterial von Jonas Mekas
    mit: Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca, Sandor Funtek

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    Termine:

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  • Ryuichi Sakamoto: Coda

    Ryuichi Sakamoto: Coda

    Ein Film von Stephen Nomura Schible.

    Obwohl ich Filmmusiken eher skep­tisch gegen­über­ste­he, hat mich die­ser Film gereizt, und ich wur­de nicht ent­täuscht. Letztendlich hat mich die ruhi­ge und freund­lich-infor­ma­ti­ve Art, die Gestaltung und der Protagonist tat­säch­lich für ihn ein­neh­men las­sen. Der japa­ni­sche Komponist Ryuichi Sakamoto ist in der Filmbranche wohl­be­kannt, zeich­net er doch für teil­wei­se hoch­de­ko­rier­te Soundtracks wie Der letz­te Kaiser oder The Reverent ver­an­wort­lich. David-Bowie-Fans kön­nen sich viel­leicht noch an des­sen Widerpart in Furyo, Merry Christmas Mr Lawrence erin­nern – dies ist Sakamoto, und die Musik zum Film schuf er auch.
    Stephen Nomura Schible arbei­tet fünf Jahre mit Sakamoto und nähert sich dabei dem zurück­hal­tend wir­ken­den Mann vor­sich­tig und respekt­voll. Der Film ver­folgt ohne klas­si­sche Chronologie drei Linien, die des Komponisten und Musikers, des Atomkraftgegners und des Krebskranken.
    Der Künstler begann sei­ne Karriere in den 1970 mit der Band Yellow Magic Orchestra , die als das japa­ni­sche Pendant zu Kraftwerk gel­ten, bevor er mit elek­tro­ni­scher, klas­si­scher und Weltmusik zum Star avan­cier­te und mit sei­nen Scores welt­weit berühmt wur­de. Für sei­ne akus­ti­schen Kollagen sam­mel­te er von Beginn an Klänge und Naturgeräusche, auch heu­te noch. Seine Erkrankung zwingt den Vielbeschäftigten aller­dings zum Innehalten, und Sakamoto zieht vor dem Hintergrund der öko­lo­gi­schen Situation sei­nes Heimatlandes und sei­ner per­sön­li­chen Lebenskrise Resümee.

    Ruhig und über­legt erzählt der Komponist … selbst von ein­schnei­den­den Erlebnissen und wie­der­keh­ren­den Themen in sei­nem Schaffen. Mit Bescheidenheit und unprä­ten­tiö­sem Charme schafft er es, die Verbindung und Konfrontation von Natur und Kultur, Endlichkeit und Ewigkeit, Melancholie und Witz als Grundmotive sei­ner Musik zu vermitteln.“
    Yorick Berta | Indiekino

     

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    Credits:

    USA/Japan 2017, 102 Min., japa­nisch-eng­li­sche OmU

    Regie: Stephen Nomura Schible
    Kamera: Neo S. Sora, Tom Richmond
    Schnitt: Hisayo Kushida, Yuji Oshige
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    Termine:

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