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Heimat ist ein Raum aus Zeit

Ein Film von Thomas Heise.

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Viele Ichs kom­men in Thomas Heises essay­is­ti­schem Dokumentarfilm „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ zu Wort und den­noch ist in kei­nem Moment jene Ich-Bezogenheit zu spü­ren, an der all­zu vie­le zeit­ge­nös­si­sche Dokumentationen (und Spielfilme) kran­ken. Denn der 1955 in Ost-Berlin gebo­re­ne Thomas Heise erzählt hier zwar durch und durch sub­jek­tiv, tut jedoch in kei­nem Moment so, als wäre die­se per­sön­li­che Perspektive ein Spiegel des gro­ßen Ganzen.

Enorme Mengen an Material hat Heise zusam­men­ge­tra­gen, vor allem Briefe, die sich sei­ne Verwandten im Lauf der Zeit schrie­ben. Angefangen mit sei­nem Großvater Wilhelm, der durch die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges zum Kommunisten wur­de und spä­ter eine Wiener Jüdin hei­ra­te­te, die im Holocaust einen Großteil ihrer Familie ver­lor. Sein Vater Wolfgang wie­der­um war in der DDR Professor für Philosophie, kor­re­spon­dier­te mit Christa Wolf und Heiner Müller, setz­te sich für Regimekritiker ein und wur­de dadurch selbst von Regime geta­delt. Seine Frau Rosemarie war Übersetzerin, Redakteurin, Verlegerin, schließ­lich Thomas selbst, der nach der Wende durch Filme wie „Stau – Jetzt geht’s los“ „Vaterland“ oder „Material“ zu einem nach­denk­li­chen Chronisten Deutschlands und sei­ner Geschichte wurde.

Über drei­ein­halb Stunden liest Heise selbst mit sono­rer Stimme aus Briefen sei­ner Verwandten vor, oft unspek­ta­ku­lä­re Briefe, in denen sich die his­to­ri­schen Verwerfungen ihrer Zeit nur andeu­ten, mal weni­ger stark, mal deut­li­cher. Unterlegt sind die­se Bild nur sel­ten mit his­to­ri­schen Aufnahmen oder Fotos, statt­des­sen mit auf den ers­ten Blick banal wir­ken­den schwarz-weiß Aufnahmen von Alltäglichem: Wald und Felder sind da zu sehen, eine ver­las­se­ne Bank, Bahngleise ins Nirgendwo, Holzhaufen, meist Leere, kei­ne Menschen, nur Geschichte, nur Erinnerungen.

Fast ein Hörspiel ist „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ oft, doch gera­de dass die Bilder das Gehörte nicht bebil­dern, nicht das Gesagte dop­peln und über­deut­lich kom­men­tie­ren, öff­net Assoziationsräume, zwingt dazu, die eige­nen Gedanken flie­ßen zu las­sen, Bezüge her­zu­stel­len, den Lauf der deut­schen Geschichte in der glei­cher­ma­ßen unspek­ta­ku­lä­ren, aber doch bezeich­nen­den, per­sön­li­chen Geschichte der Familie Heise zu finden.

In einer der beein­dru­ckends­ten, beklem­mends­ten Szenen des Films rollt 20 Minuten eine Liste mit Namen ab. 19. Oktober 1941 ist auf ihr ver­merkt und man muss nicht spe­zi­ell wis­sen, dass an die­sem Tag die Deportation der Wiener Juden begann, um ange­sichts die­ser schier end­los lan­gen Auflistung die unvor­stell­ba­ren Ausmaße der Vernichtung vor Augen zu haben.

Was Heimat ist, was die­ser nach dem Dritten Reich dis­kre­di­tier­te Begriff heu­te bedeu­ten kann, ist eine Frage, die kei­ne leich­te Antwort kennt. Im Wissen um die Unmöglichkeit einer ein­deu­ti­gen Antwort geht Thomas Heise einen ande­ren Weg, reiht Gedanken, Ideen, Assoziationen anein­an­der, die – lässt man sich dar­auf ein – „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ zu einem rei­chen und berei­chern­den Erlebnis machen.

Michael Meyns | programmkino.de

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Credits:

DE/AU 2019, 218 Min., 
Regie & Buch: Thomas Heise
Kamera: Stefan Neuberger, Peter Badel, Börres Weiffenbach
Schnitt: Chris Wright

Termine:

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Trailer:

Porträt einer jungen Frau in Flammen

Ein Film von Céline Sciamma.

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Nach ihren drei aktu­el­len Coming-of-Age-Filmen Water Lillies, Tomboy und Bande de fil­les wagt sich Celine Sciamma mit Porträt einer jun­gen Frau in Flammen an einen „wun­der­bar unkos­tü­miert wir­ken­den“ (Die Zeit) Kostümfilm – und gewinnt. Im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes bekam sie nicht nur eupho­ri­sche Reaktionen von Presse und Publikum, son­dern auch den Preis für das bes­te Drehbuch, obwohl die Süddeutsche Zeitung schrieb: „ihr Film war so durch und durch unge­wöhn­lich und groß­ar­tig, dass er auch jeden ande­ren Preis ver­dient hätte.“

Ende des 18. Jahrhunderts, auf einer abge­le­ge­nen Insel in der Bretagne: Die geschäfts­tüch­ti­ge Malerin Marianne (Noémie Merlant) soll ein Hochzeitsporträt der ade­li­gen Héloïse (Adenel Haenel) anfer­ti­gen. Das muss aller­dings heim­lich gesche­hen, denn Héloïse will gar nicht hei­ra­ten und wei­gert sich zu posie­ren. Also gibt sich Marianne als Gesellschafterin aus. Sie beob­ach­tet ihr Sujet bei lan­gen gemein­sa­men Spaziergängen und malt Héloïse spä­ter aus dem Gedächtnis. Dabei kom­men die bei­den Frauen ein­an­der näher. Als das Porträt fer­tig ist, gesteht Marianne den eigent­li­chen Inhalt ihres Auftrags. Héloïse aber ist mit dem Bild unzu­frie­den und for­dert die Künstlerin her­aus, es noch ein zwei­tes Mal zu versuchen.

Die fran­zö­si­sche Regisseurin Céline Sciamma hat mit ihrem Film die gro­ßen Themen der Moderne – indi­vi­du­el­les Begehren, weib­li­che Emanzipation, bür­ger­li­che Gleichheit – im Rahmen einer berüh­ren­den Liebesgeschichte in Szene gesetzt. Ein per­fek­tes Drehbuch und bril­lan­te Hauptdarstellerinnen machen den Film selbst zu einem beweg­ten Gemälde, bei dem Form und Inhalt zusam­men­kom­men: Blicke prä­gen die Beziehungen, und Beziehungen prä­gen die Blicke.

In der kur­zen Zeit, die Marianne und Héloïse gemein­sam haben, ver­wirk­li­chen sie eine Art Utopia, in dem Subjekt und Objekt ein­an­der als Gleiche begeg­nen und Klassenunterschiede vor­über­ge­hend auf­ge­ho­ben sind – auch das Dienstmädchen Sophie ist ein Teil die­ser neu­en Gesellschaft. Und auch wenn es für die Protagonistinnen in ihrer Zeit kein »Happy End« im kon­ven­tio­nel­len Sinn geben kann, so sind sie am Ende doch nicht an einer unmög­li­chen Liebe zer­bro­chen, son­dern um die Erfahrung einer mög­li­chen Liebe reicher.“
Film des Monats Oktober der evang. Filmarbeit

 

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Credits:

Portrait de la jeu­ne fil­le en feu
FR 2019, 113 Min., frz. OmU
Regie & Buch: Céline Sciamma
Kamera: Claire Mathon
Schnitt: Julien Lacheray
mit: Noémie Merlant, Adèle Haenel, Valeria Golino

Termine:

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Trailer:

Trailer «Portrait de la jeu­ne fil­le en feu» von Céline Sciamma (OV mit deut­schen Untertiteln)

Born in Evin

Ein Film von Maryam Zaree.

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MARYAM ZAREE ist bekannt als Schauspielerin in zahl­rei­chen Filmen und FSerien. Ihre ers­te Hauptrolle hat­te sie in Burhan Qurbanis Berlinale-Wettbewerbsbeitrag SHAHADA, im letz­ten „Petzold”-Polizeiruf TATORTE war sie an der Seite von Matthias Brandt eine der dienst­kür­zes­ten Ermittlerinnen des Formats, für ihre Rolle in 4 BLOCKS wur­de sie aus­ge­zeich­net, zur Zeit ist sie im Kino in SYSTEMSPRENGER zu sehen, dem­nächst in WEITERMACHEN SANSSOUCI.

Viel Arbeit also, aber haupt­säch­lich beglei­te­te sie sich in den letz­ten vier Jahren als Regisseurin sel­ber bei ihrer per­sön­li­chen Spurensuche, die ihren Ausgang im berüch­tig­ten (und noch immer betrie­be­nen) Foltergefängnis „Evin“ in Teheran hat.

Ihre Eltern waren waren wider­stän­dig gegen durch das die Revolution 1979 zur Macht gekom­me­nen repres­si­ven Khomeini-Regime. Sie wur­den des­halb sehr bald ver­haf­tet und getrennt in die­ses Gefängnis gebracht, wo Maryam kurz dar­auf zur Welt kam. Als sie zwei war, konn­te die Mutter flie­hen, das Ziel hieß Frankfurt.

Mit 12 erfuhr sie zufäl­lig von ihrem Geburtsort. Ihre Mutter schwieg und schweigt über ihre Zeit dort. Jetzt, mit Mitte 30, ver­sucht Maryam, woan­ders mehr zu erfah­ren. Was ist damals pas­siert, wo war ihr Vater? Wie waren die Zustände, gibt es noch ande­re Kinder, die dort gebo­ren wur­den, und wie erging es ihnen? Welche kör­per­li­che und see­li­sche Folgen hat die Traumatisierung durch Gefängnis und Gewalt, für die Verfolgten wie für die Kinder? Und vor allem: wie wird das Erlebte an die nächs­te Generation wei­ter­ge­ge­ben? Diese Frage stellt sich nicht nur Nachkommen aus dem Iran, und trotz­dem: »der wich­tigs­te Beitrag über den Iran auf der dies­jäh­ri­gen Berlinale« Andreas Fanizadeh | taz

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Credits:

DE/AU 2019, 95 Min., Deutsch, Englisch, Französisch und Farsi OmU
Regie, Buch: Maryam Zaree
Kamera: Siri Klug
Schnitt: Dieter Pichler

Termine:

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JFBB – Jüdisches Filmfestival Berlin Brandenburg 2019

Das größ­te Forum für den jüdi­schen und israe­li­schen Film in Deutschland fei­ert in die­sem Jahr vom 8. ‑17. September unter dem Motto „Celebration“ sein 25-jäh­ri­ges Jubiläum.

Im fsk gibt es fol­gen­de Vorstellungen:
10. 9.: 19:00
THE OPTIMISTS
Ein Dokumentarfilm über das Miteinander im Kibbuz Ketura in der Arava Wüste und unver­bes­ser­li­che Optimist*innen. IL/NL/JO 2018, 54′, hebr. OmU, Regie: Eliezer Yaari

Als Double Feature mit
NO PROMISED LAND
Vor dem Hintergrund lan­des­wei­ter Demonstrationen kämp­fen jun­ge äthio­pi­sche Jüdinnen und Juden für ihre Rechte.
CH 2019, 52 Min., eng/heb OmeU, Regie: Raphael Bondy. Zu Gast: Igal Avidan im Gespräch mit Raphael Bondy

15. 9. 17:00
IN THE DESERT
Der paläs­ti­nen­sisch-israe­li­sche Konflikt – zwei Familien – zwei Lebensentwürfe
IL/CA 2018, 215 Min., ara/heb OmeU, Regie: Avner Faingulernt. Zu Gast: Ofer Waldman (New Israel Fund Germany) im Gespräch mit Avner Faingulernt (Israel) und Produzentin Hagar Saad Shalom. Mehr: jfbb.de

 

 

Systemsprenger

Ein Film von Nora Fingscheidt.

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Bernadette oder Benni, wie sie genannt wer­den will, ein zar­tes Mädchen mit unge­stü­mer Energie, ist ein „Systemsprenger“. So nennt man Kinder, die radi­kal jede Regel bre­chen, Strukturen kon­se­quent ver­wei­gern und nach und nach durch alle Raster der deut­schen Kinder- und Jugendhilfe fal­len. Wo immer die Neunjährige auf­ge­nom­men wird, fliegt sie schon nach kur­zer Zeit wie­der raus. Und genau dar­auf hat sie es abge­se­hen, denn sie sehnt sich danach, wie­der bei ihrer Mutter zu leben. Einer Frau, die maß­los über­for­dert ist von der Unberechenbarkeit ihrer eige­nen Tochter.
Nach ihrem mehr­fach preis­ge­krön­ten Drehbuch insze­niert Nora Fingscheidt ein inten­si­ves Drama über die unbän­di­ge Sehnsucht eines Kindes nach Liebe und Geborgenheit und das dar­in lie­gen­de Gewaltpotenzial. Zugleich beschreibt der Film die uner­müd­li­chen Versuche von Erzieher*innen und Psycholog*innen, mit Respekt, Vertrauen und Zuversicht eine Perspektive für sol­che Kinder zu schaf­fen, die durch ihre unvor­her­seh­ba­ren Ausbrüche ande­re und sich selbst zu zer­stö­ren drohen.

Berlinale 2019. Silberner Bär – Alfred Bauer Preis

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Credits:

DE 2019, 113 Min.
Regie, Buch: Nora Fingscheidt
Kamera: Yunus Roy Imer
Schnitt: Stephan Bechinger, Julia Kovalenko
mit: Helena Zengel, Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide, Lisa Hagmeister, Melanie Straub

Termine:

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SYSTEMSPRENGER – Trailer

 

 

Ein Licht zwischen den Wolken

Ein Film von Robert Budina.

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Der schweig­sa­me, from­me Besnik ist Ziegenhirt. Er lebt allein mit sei­nem tod­kran­ken Vater, den er pflegt. Hier, in der unzu­gäng­li­chen Bergregion Albaniens, scheint die Zeit ste­hen geblie­ben. Viele jun­ge Leute sind fort­ge­gan­gen, es gibt nur weni­ge Kinder und vie­le alte Leute. Muslime, so wie Besnik, Katholiken und ortho­do­xe Christen leben auf engs­tem Raum zusam­men. Unterschiedliche Religionen gibt es auch in der eige­nen Familie. Besnik selbst hat­te eine katho­li­sche Mutter, sei­ne Geschwister sind Muslime oder ortho­dox, und sein Vater gehört einer vier­ten Religion an, die eigent­lich kei­ne ist, aber die es in Albanien immer noch gibt: dem Kommunismus. Die alten Plakate von Enver Hodscha und Co. hän­gen wie vor 50 Jahren in sei­nem Zimmer.

Beim Besuch der klei­nen Dorfmoschee ent­deckt Besnik einen Riss, hin­ter dem sich ein altes Fresko mit einer Heiligendarstellung ver­birgt. Für Besnik ist das kein Problem, aber damit steht er ziem­lich allei­ne. Eine Kunsthistorikerin aus der Stadt sorgt für Aufklärung und fri­schen Wind im Dörfchen, was die Gemüter zusätz­lich in Wallung ver­setzt. Während das gan­ze Dorf davon auf­ge­rüt­telt wird, dass die Moschee frü­her eine Kirche war, sieht sich Besnik wach­sen­den Problemen in sei­ner Familie gegen­über, denn in Erwartung des Todes sei­nes Vaters fin­den sich die ver­streut leben­den Geschwister mit ihren Kindern ein. Und bald muss der arg­lo­se Bresnik erken­nen, dass sie vor allem von Gier getrie­ben den Weg in die Heimat gefun­den haben. Es geht um das Erbe sei­nes Vaters.

Robert Budina bringt sei­ne kom­ple­xe Geschichte mit den vie­len aktu­el­len Bezügen in atem­sto­ckend schö­nen Bildern, in denen sanf­te Farben domi­nie­ren, auf die Leinwand. Die wil­de Berglandschaft beein­druckt dabei durch die pure, raue Natur, die von der Kamera (Marius Panduru) kon­ge­ni­al ein­ge­fan­gen wird. Seine Bilder sind oft sta­tisch, es gibt vie­le ruhi­ge, lan­ge Einstellungen, wenig Fahrten. Manche Außenaufnahmen wir­ken kom­po­niert wie Opernkulissen: ein Feuer, dar­an sit­zen Besnik und Vilma, die Kunsthistorikerin. Hinter ihnen die majes­tä­ti­schen Berggipfel. Offenbar wur­de sehr viel mit natür­li­chem Licht gedreht, wenig mit Kunstlicht. Die Innenaufnahmen erin­nern an Rembrandt-Gemälde in ihren war­men, dunk­len Farben, die das Elend und die Armut der Bewohner ein biss­chen ver­de­cken. Hier gibt es kei­ne rei­chen Leute, und das Erbe des Vaters ist ein schä­bi­ges altes Haus, so wie auch die übri­gen Häuser. An die klei­ne Dorfmoschee klam­mert sich ein bei­na­he bemit­lei­dens­wer­tes, schie­fes Minarettchen. Doch Robert Budina fei­ert hier kei­ne Ethno-Party mit idyl­li­schen Postkartenaufnahmen – sei­ne Darstellung ist in ihrem Realismus mehr Anklage als Nostalgie.

Nur wenig Inhalt läuft über die spar­sa­men Dialoge. Die dis­kre­te Absurdität der Story lässt dabei Raum für einen ganz fei­nen Humor, der von dem kon­ge­nia­len Hauptdarsteller Arben Bajraktaraj eben­so fes­selnd und anrüh­rend ver­mit­telt wird wie die gesam­te Persönlichkeit des Ziegenhirten Besnik. Der schein­bar harm­lo­se, from­me Naturbursche, der sei­ne Gebete am liebs­ten allein auf einer Bergwiese ver­rich­tet, ent­puppt sich immer mehr als ein­zig Gerechter zwi­schen Egoisten, Lügnern und Heuchlern, die nichts ande­res im Kopf haben, als sich gegen­ein­an­der aus­zu­spie­len und ihren eige­nen Vorteil zu suchen. Die Religion wird dabei als Ausrede benutzt, um die Unterschiede zu ver­tie­fen und das eige­ne Fehlverhalten zu rechtfertigen.

Als zwei Gläser mit Rotwein und Cola ver­wech­selt wer­den, kann der Familienkrach gera­de noch ver­mie­den wer­den. Doch bald geht ein Riss durch die Familie, man sitzt an unter­schied­li­chen Tischen. Und zwi­schen ihnen Besnik, der das alles nicht ver­steht. Sein Verständnis für Gott wird gelei­tet von der Liebe zur Natur und zu den Menschen. Er scheint weder Gier noch Leidenschaft zu ken­nen – was ihn zu dem gemacht hat, der er ist, wird im Film dis­kret ange­spro­chen. Besnik setzt sich dafür ein, dass die Moschee zumin­dest zeit­wei­lig für die Christen zugäng­lich gemacht wird. Doch damit macht er sich bei fast allen im Dorf sehr unbe­liebt, was sei­ne Position inner­halb der Familie noch wei­ter schwächt. Er ist für sie der zurück­ge­blie­be­ne Hinterwäldler, der klein­ge­hal­ten wer­den muss, damit er nicht gefähr­lich wird – der Prophet gilt nichts im eige­nen Lande. Regisseur Robert Budina kon­zen­triert sich auf die­se Figur des Besnik, auf sei­ne inne­re Welt und sei­ne Gefühle. Damit erschafft er eine uni­ver­sell gül­ti­ge Geschichte in einer Bildsprache, die gleich­zei­tig schön und berüh­rend ist.

Gaby Sikorsk | programmkino.dei

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Credits:

Streha mes reve
AL 2018, 84 Min., alban. OmU
Regie und Buch: Robert Budina
Kamera: Marius Panduru
Schnitt: Ștefan Tatu 
mit: Arben Bajraktaraj, Esela Pysqyli, Irena Cahani, Bruno Shllaku, Osman Ahmeti, Muzbaidin Qamili, Helga Boshnjaku, Suela Bako, Rubin Boshnjaku

Termine:

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A SHELTER AMONG THE CLOUDS – Trailer from Pluto Film on Vimeo.

Im Kino mit deut­schen Untertiteln.

Gelobt sei Gott

Ein Film von François Ozon.

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Die katho­li­sche Kirche inter­es­siert sich seit eini­ger Zeit gezwun­ge­ner­ma­ßen für die Aufarbeitung ihrer Missbrauchsgeschichte, die weit zurück­reicht. Schon 400 AD wur­de Priestern die Drittehe verboten,1139 war dann kom­plett Schluß mit Frauen. Danach impro­vi­sier­te man, z.B. mit dem Konkubinat (zu hohe Geldstrafen). Gerne aber auch im Bereich der Pädophilie, denn es han­delt sich bei der K.K. schließ­lich bis heu­te um eine rei­ne Männerbastion. Das Thema erle­dig­te sich dann die­ses Jahr wie von selbst. Ex Papst Benedikt von Bayern konn­te die 68er als die Schuldigen ent­lar­ven. Scheiterhaufen wur­den errich­tet, bis jemand vor­sich­tig dar­auf hin­wies, dass 68er Bashing längst ille­gal ist.

Trotz der Bräsigkeit und Starrheit der K.K., die des­halb eigent­lich wenig guten Stoff bie­tet, hat François Ozon einen enorm reflek­tier­ten, intel­li­gen­ten Film gemacht, weil er einen gläu­bi­gen Christen katho­li­scher Konfession in den Mittelpunkt von „Grâce à Dieu“ stellt, mit Melvil Poupaud per­fekt besetzt. Ozon über­trägt eine tat­säch­li­che Geschichte in einen Spielfilm, nicht um sich abzu­si­chern (nach einer wah­ren Geschichte), son­dern weil eine wei­te­re Dramatisierung weder mög­lich noch nötig ist. Dadurch gewinnt der schmerz­haf­te Gang durch die Katakomben der Kirche auf der Suche nach nur einem Würdenträger, der Würde besitzt und das Versprechen, für Aufklärung und Gerechtigkeit zu sor­gen, ein­löst, eine Allgemeingültigkeit. So funk­tio­nie­ren Machtapparate immer und über­all, egal in wel­cher Größe oder Farbe. Verweigern, Verharren, Vertuschen, bis ins höchs­te Amt. Ozon hat trotz­dem eine opti­mis­ti­sche Geschichte geschrie­ben, die den Widerstand von unten gegen die Missstände von oben aus­lo­tet. Die erzählt, wie eini­ge Menschen den Mut auf­brin­gen, durch einen eiser­nen Vorhang gehen zu wol­len und ihr Beispiel ande­re über­zeugt, eben­falls die Grenzen zu ignorieren.

La majo­ri­té des faits, grâce à Dieu, sont pre­scrits, mais cer­ta­ins peut-être pas”

Ein Großteil der Taten ist, Gott sei Dank, ver­jährt, aber man­che viel­leicht nicht.“

(Kardinal Philippe Barbarin anno 2016)

Stained glass win­dows keep the cold outside
While the hypo­cri­tes hide inside
With the lies of sta­tu­es in their minds
Where the Christian reli­gi­on made them blind
Where they hide
And prey to the God of a bitch spel­led back­wards is dog“

(PIL, Religion II)

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Credits:

Grâce à Dieu
FR 2019, 137 Min., frz. OmU

Regie, Buch: François Ozon
Kamera: Manu Dacosse
Schnitt: Laure Gardette
mit: Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Swann Arlaud, Éric Caravaca, François Marthouret, Bernard Verley, Martine Erhel 

 

Termine:

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GRACE A DIEU (Official Trailer, Französisch/deutsch)

Wajib

Ein Film von Annemarie Jacir.

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Ein Tag in Nazareth im Winter. Zwei Männer, Abu Shadi und sein Sohn Shadi (gespielt von Mohammad und Saleh Bakri, die auch im wirk­li­chen Leben Vater und Sohn sind) fah­ren kreuz und quer durch die Gassen. Hunderte von Einladungen müs­sen sie an nahe Verwandte, ent­fern­te Verwandte, Freunde, Freundinnen und ande­re, denen sie ver­pflich­tet sind, ver­tei­len. Tochter bzw. Schwester Amal wird hei­ra­ten, und die per­sön­li­che Übergabe ist Tradition.
Shadi arbei­tet als Architekt in Rom und ist mit der Tochter eines hoch­ran­gi­gen PLO-Aktivisten liiert. Seinem eher unpo­li­ti­schem Vater, der ange­se­he­ne Lehrer steht kurz vor sei­ner Pensionierung ist das unan­ge­nehm. Er möch­te, dass Shadi zurück­kommt, und auch, dass er eine ande­re Frau, z.B. eine aus der Heimat, fin­det. So preist er unter­wegs unent­wegt die Vorteile diver­ser Cousinen oder ande­rer Frauen, wäh­rend Shadi sich über den bau­li­chen Zustand der alten Gebäude und die klei­nen Geschmacklosigkeiten sei­ner Bewohner auf­regt. Entlang der vie­len Zwischenstopps und Stippvisiten, wo ihnen oft nicht nur Tee, son­dern ger­ne auch Hochprozentiges auf­ge­nö­tigt wird, tun sich mehr und mehr Gräben zwi­schen den bei­den auf. Dann erreicht sie die Nachricht, dass die Mutter der Braut, die lan­ge schon im Ausland lebt, nicht zur Hochzeit kom­men wird.

Der Film kreist um die Feier einer Familie, die längst zer­bro­chen ist, und por­trä­tiert dabei den Mikrokosmos christ­li­cher Palästinenser in Nazareth, eine klei­ne Welt mit vie­len Traditionen und weni­gen Bewegungsmöglichkei­ten. Die anrüh­ren­de Vater-Sohn-Geschichte der paläs­ti­nen­si­schen Regisseurin Annemarie Jacir wahrt die Balance zwi­schen der Tragödie mensch­li­cher Einsamkeit und fei­ner Situationskomik, zwi­schen poli­ti­scher Bestandsaufnahme, eth­no­gra­phi­scher Studie und dem kul­tur­über­grei­fen­den Konflikt zwi­schen Söhnen und Vätern.” Wolfgang Harmsdorf, Filmdienst
WAJIB ist Palästinas offi­zi­el­ler Kandidat für den Oscar für den bes­ten inter­na­tio­na­len Film

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Credits:

PS/FR/DE/CO/NO/QA/AE 2017, 96 min,  Arabisch mit deut­schen Untertiteln
Regie & Buch: Annemarie Jacir 
Kamera: Antoine Héberlé 
Schnitt: Jacques Comets 
mit: Mohammad Bakri, Saleh Bakri, Maria Zreik

Termine:

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Trailer:

WAJIB – ein Film von Annemarie Jacir (dt Trailer) – (واجب – فيلم ل ان ماري جاسر (إعلان الفيلم

Der Glanz der Unsichtbaren

Ein Film von Louis-Julien Petit.

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Vor dem Tor zum Tageszentrum für woh­nungs- und obdach­los gewor­de­ne Frauen tum­melt sich jeden Morgen viel Prominenz: Lady Di steht neben Edith Piaf und Salma Hayek drängt Ciccolina an die Seite. Ihren rich­ti­gen Namen brau­chen die hier Wartenden nicht anzu­ge­ben, ein selbst­ge­wähl­tes Alias reicht, und so wird aus Aïchi halt Vanessa Paradis und statt Stéphanie steht dort Françoise Hardy. Dafür spie­len eini­ge der Darstellerinnen sich selbst, und die weni­gen Profis pas­sen gut zwi­schen die Laien, die aus eige­ner Erfahrung wis­sen, wen und was sie hier spielen.
Für den Regisseur war das Buch „Sur la rou­te des Invisibles“ von Claire Lajeunie der Funke, der das Filmprojekt zum Leben erweck­te. Dort ent­deck­te er neben der geschil­der­ten Brutalität des Milieus und dra­ma­ti­scher Lebenswege eben­so tra­gik­ko­mi­sche Momente und weit kom­ple­xe­re Geschichten als erwar­tet. Trotz des ers­ten Impulses, ein ankla­gen­des doku­men­ta­ri­sches Drama zu insze­nie­ren, ent­schied er sich, sei­ne Protagonistinnen, die betrof­fe­nen Frauen genau so wie die Sozialarbeiterinnen, in einen Kampf zu schi­cken, gegen Bürokratie und Vorturteile, Ungerechtigkeit und die aus­weg­los schei­nen­de Situation, in einen Kampf auf ihre eige­ne Art, sub­til, soli­da­risch, mit Humor und Prinzipien. So wur­de aus dem har­ten Stoff eine Sozialkomödie a lá Stephen Frears: „Die Komödie erschien mir als das geeig­ne­te Genre, um die Verbindung zwi­schen dem Publikum und die­sem Thema her­zu­stel­len, mit dem man sich eigent­lich nicht beschäf­ti­gen will. Draußen auf der Straße senkt man den Blick, aus Ohnmacht oder Angst, aber im Kino sieht man die­se Frauen an, und lacht mit ihnen.“ Regisseur Louis-Julien Petit
„Les Invisibles“ wur­de in sei­ner Heimat über­ra­schend zum Hit an der Kinokasse, trotz sei­nes unpo­pu­lä­ren Themas: „Ein Ensemblefilm. Ein Film über Frauen. Ein Film, in dem man lacht und weint. In Frankreich hat „Der Glanz der Unsichtbaren“ weit über eine Million Zuschauer erreicht: Eine Sensation” IL FATTO QUOTIDIANO

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Credits:

Les Invisibles
FR 2019, 102 Min., frz. OmU
Regie und Buch: Louis-Julien Petit
nach dem Buch von Claire Lajeunie „Sur La Route Des Invisibles, Femmes Dans La Rue“
Kamera: DAVID CHAMBILLE
Schnitt: ANTOINE VAREILLE & NATHAN DELANNOY
mit: Audrey Lamy, Corinne Masiero, Noémie Lvovsky, Déborah Lukumuena, Sarah Suco, Brigitte Sy, Pablo Pauly, Quentin Faure u.a.

Termine:

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Trailer:

DER GLANZ DER UNSICHTBAREN – offi­zi­el­ler Trailer (OmU-Version) – ab 10. Oktober im Kino

Weitermachen Sanssouci

Ein Film von Max Linz.

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Dem Institut für Kybernetik und Simulationsforschung droht die Schließung – so das Ausgangsszenario die­ser Satire über die Verwandlung des Universitätsbetriebs in eine tur­bo­ka­pi­ta­lis­ti­sche Forschungsmaschinerie. Phoebe Phaidon nimmt als hoch­qua­li­fi­zier­te Nachwuchswissenschaftlerin wie­der ein­mal einen befris­te­ten Lehrauftrag an. Mit ihren noch nicht ganz ver­blass­ten Idealen als pro­gres­si­ve Klimaforscherin agiert sie zwi­schen den frus­trier­ten, aber kampf­be­rei­ten Studierenden, die die Bibliothek beset­zen. Auf der ande­ren Seite: der eta­blier­te Lehrkörper, beim Überlebenswillen im Drittmittelbeschaffungssumpf zu eit­len Zynikern ver­kom­men, die sich vor kei­ner noch so gro­tes­ken Verrenkung im Evaluierungswahnsinn scheu­en. Max Linz kom­po­niert sei­nen Film mit fei­nem Gespür für Berliner Befindlichkeiten, städ­ti­sche Kulissen, Bürodekor und aka­de­mi­sche Kostüme. Und mit Lust an der Überzeichnung der deka­den­ten Uni-Sprache, die ihre Reizwörter wie Köder in der Verhaltensforschung benutzt. Am Ende ent­wi­ckelt sich der Film fast zu einem Musical – der Ohrwurm „Warum kann es hier nicht schön sein, war­um wer­den wir nicht froh?“ könn­te zu einer post­ka­pi­ta­lis­ti­schen Revolutionshymne werden.

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Credits:

DE 2019, 80 Min.
Regie: Max Linz
Kamera: Carlos Andrés López
Schnitt: Bernd Euscher, René Frölke
Mit: Sarah Ralfs, Sophie Rois, Philipp Hauß, Bernd Moss, Maryam Zaree, Bastian Trost, Leonie Jenning, Luis Krawen, Martha von Mechow, Max Wagner, Anna Papenburg, Olga Lystsova, Kerstin Grassmann, Jean Chaize, Friedrich Liechstenstein

Termine:

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Trailer (Ausschnitt):

WEITERMACHEN SANSSOUCI | Trailer (deutsch) | Film von Max Linz (2019) ᴴᴰ