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Sun Children

ein Film von Majid Majidi.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Wer sich noch an Filme wie „Kinder des Himmels „Die Farben des Paradieses“ oder „Baran“ erin­nert, weiß, dass die Filme von Majid Majidi stets die Schicksale von Kindern in den Fokus stel­len. Auch sein neu­es Werk hat der ira­ni­sche Regisseur den „152 Millionen Kindern, die welt­weit zur Arbeit gezwun­gen wer­den, in Minen, auf Müllhalden oder in Sweatshops“ gewid­met. Es beginnt rasant, und sofort führt uns der Film die Klassenunterschiede in der Islamischen Republik vor die Augen, wenig sub­til, dafür umso ein­drück­li­cher. Vier Jungen müs­sen in der Tiefgarage einer Luxusmall Autoreifen aus­ge­wähl­ter teu­rer Modelle zwecks Weiterverwendung steh­len. Sie leben auf der Straße oder kom­men aus zer­rüt­te­ten Familien; die ille­ga­le Arbeit für die Autowerkstatt sichert ihr Überleben.
Für den neus­ten Auftrag, den der 12-jäh­ri­ge Ali, der schlaus­te Kopf der Truppe, vom Boss bekommt, muss sich das Quartett in einer Schule ein­schrei­ben. Die heißt „Sun School“ und ist ein schlecht aus­ge­stat­te­tes, spen­den basier­tes Projekt für Straßenkinder, das haupt­säch­lich durch das Engagement ein­zel­ner Lehrer auf­recht gehal­ten wer­den kann. Es könn­te die ein­zi­ge Chance auf ein bes­se­res Leben sein, aber die Jungs haben ande­re Pläne. Sie sol­len einen „Schatz“ heben, der unter dem Gelände ver­bor­gen liegt.
„Nach der Hälfte des Films hat­te ich das Gefühl, eine ziem­lich gute Vorstellung von der Richtung zu haben, in die es geht, aber das stimm­te nicht ganz; Majidi gräbt tie­fer. Dabei legt er eine unter­ir­di­sche Welt frei, in der es kei­ne ein­fa­chen Antworten und nur weni­ge Happy Ends gibt. Mit Energie und Herz, mit einer Tendenz zur Tragödie, arbei­tet sich „Sun Children“ durch den Schlamm und geht umso gestärk­ter dar­aus her­vor. Die Suche ist nur ein Ablenkungsmanöver, der wah­re Schatz ist der Film.“ Xan Brooks | The GuardianWer sich noch an Filme wie „Kinder des Himmels „Die Farben des Paradieses“ oder „Baran“ erin­nert, weiß, dass die Filme von Majid Majidi stets die Schicksale von Kindern in den Fokus stel­len. Auch sein neu­es Werk hat der ira­ni­sche Regisseur den „152 Millionen Kindern, die welt­weit zur Arbeit gezwun­gen wer­den, in Minen, auf Müllhalden oder in Sweatshops“ gewid­met. Es beginnt rasant, und sofort führt uns der Film die Klassenunterschiede in der Islamischen Republik vor die Augen, wenig sub­til, dafür umso ein­drück­li­cher. Vier Jungen müs­sen in der Tiefgarage einer Luxusmall Autoreifen aus­ge­wähl­ter teu­rer Modelle zwecks Weiterverwendung steh­len. Sie leben auf der Straße oder kom­men aus zer­rüt­te­ten Familien; die ille­ga­le Arbeit für die Autowerkstatt sichert ihr Überleben.
Für den neus­ten Auftrag, den der 12-jäh­ri­ge Ali, der schlaus­te Kopf der Truppe, vom Boss bekommt, muss sich das Quartett in einer Schule ein­schrei­ben. Die heißt „Sun School“ und ist ein schlecht aus­ge­stat­te­tes, spen­den basier­tes Projekt für Straßenkinder, das haupt­säch­lich durch das Engagement ein­zel­ner Lehrer auf­recht gehal­ten wer­den kann. Es könn­te die ein­zi­ge Chance auf ein bes­se­res Leben sein, aber die Jungs haben ande­re Pläne. Sie sol­len einen „Schatz“ heben, der unter dem Gelände ver­bor­gen liegt.
„Nach der Hälfte des Films hat­te ich das Gefühl, eine ziem­lich gute Vorstellung von der Richtung zu haben, in die es geht, aber das stimm­te nicht ganz; Majidi gräbt tie­fer. Dabei legt er eine unter­ir­di­sche Welt frei, in der es kei­ne ein­fa­chen Antworten und nur weni­ge Happy Ends gibt. Mit Energie und Herz, mit einer Tendenz zur Tragödie, arbei­tet sich „Sun Children“ durch den Schlamm und geht umso gestärk­ter dar­aus her­vor. Die Suche ist nur ein Ablenkungsmanöver, der wah­re Schatz ist der Film.“
Xan Brooks | The Guardian

Credits:

Khōrshīd
Iran 2020, 99 Min., far­si OmU
Regie: Majid Majidi
Drehbuch: Majid Majidi, Nima Javidi
Darsteller: Rouhollah Zamani, Ali Nasirian, Javad Ezzati, Tannaz Tabatabaie
Kamera: Hooman Behmanesh

Trailer:
Sun Children – Official US Trailer
Im Kino mit deut­schen Untertiteln
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Achtung Berlin 2022

Das Filmfestival Achtung Berlin!, bei dem wir mitt­ler­wei­le zum vier­ten Mal Spielort sind, prä­sen­tiert zwar Produktionen aus Berlin, ist aber nicht an den Ort gebun­den.
Wir begin­nen unse­re Auswahl z.B. auf Usedom, und sehen in ZWISCHENSAISON [Tickets] mit Regisseurin Tina Tripp vier Auszubildenden im Gastgewerbe, zwei Köchen, zwei Servicekräften, bis zur Prüfung über die Schultern. DE 2022, 105 Min., So. 24.4. 18:30
Dann kom­men wir nach Berlin, wo in Florian Hoffmanns Debut-Spielfilm STILLE POST [Tickets] ein Paar ver­zwei­felt ver­sucht, media­le Aufmerksamkeit für die Situation der Kurden in der Türkei und den Krieg gegen sie zu erlan­gen. DE 2021, 94 Min., So. 24.4. 21:00
Ein paar Schritte zurück, und wir sind in einem Bulgarischen Bergdorf. Hier por­trä­tiert Eliza Petkova in MAYOR, SHEPHERD, WIDOW, DRAGON [Tickets] eini­ge der noch ver­blie­be­nen Bewohner, außer­dem gibt es hier auch noch einen Drachen. DE BG 2020, 97 Min., Mo. 25.4. 18:30
Weiter west­lich in Wien bekommt die jun­ge und talen­tier­te fast-Architektin Eva einen begehr­ten Job bei einem Star-Architekten. In RISSE IM FUNDAMENT (Foto oben) [Tickets] erzäh­len Genia Leis und Gerald Sommerauer von ganz all­täg­li­chen Machtspielen und Zuschreibungen, zu denen Eva Position bezie­hen muss. DE 2022, 84 Min., Mo. 25.4. 21:00
In VOR ZEIT [Tickets] macht sich ein alter-Ego von Regisseurin Juliane Henrich in Polen auf die Suche nach Spuren der Vergangenheit und fin­det Hinweise auf Migrations- und Fluchtbewegungen, die auf die Gegenwart zie­len. DE 2021, 80 Min., Di. 26.4. 18:30
Rebeca Ofeks Spielfilm JESSY [Tickets] beruht auf einer eige­nen Erfahrung. Die 13-jäh­ri­ge Jessica lebt allein mit ihrer Mutter in Berlin, als ihr Vater nach 7 Jahren aus dem Knast zurück nach Hause kommt und nichts mehr ist, wie es war. DE 2021 79 Min., Di. 26.4. 21:00
Am Modell sei­ner ehe­ma­li­gen Schule in Brandenburg und der eige­nen Biografie zeigt Christian Bäucker in HEIMATKUNDE [Tickets] ein dif­fe­ren­zier­tes Bild des DDR-Schulsystems und spürt dem Einfluss ost­deut­scher Schulerziehung auf Schülerinnen und Schüler nach.
DE 2021, 89 Min., Mi. 27.4. 18:30
Das Anwerbeabkommen mit der Türkei 1961 brach­te mit den Menschen auch ihre Kultur nach Deutschland. Die Musik war die Verbindung zur „alten“ Heimat, die sich hier im Exil zu neu­en Formen und Verbindungen fand. Cem Kayas Dokumentarfilmessay LIEBE, D‑MARK UND TOD [Tickets], den wir zum Abschluss zei­gen, ist eine Nachhilfestunde in tür­kisch-deut­scher Zeitgeschichte. DE 2022, 96 Min., Mi. 27.4. 21:00
(Bitte beach­ten Sie die Epilepsiewarnung für die­sen Film!)

Alles, was man braucht

ein Film von Antje Hubert.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Während in der Hauptstadt der Straßenmatratzen Spätis das Bild der quir­li­ge­ren Viertel bele­ben und in ande­ren Städten Büdchen- und Kioskkulturen plötz­li­che Engpässe im Kühlschrank ver­hin­dern, sind die klei­nen Läden in der Fläche sel­ten gewor­den. Wer nicht mehr in der Lage ist, mit dem SUV zur nächs­ten Mall zu bret­tern, hat ein Problem.
Gerade für klei­ne­re Ortschaften und Dörfer ist der Verlust der klei­nen Geschäfte mehr als der Verlust von einem oder zwei Arbeitsplätzen, son­dern viel mehr: Der Verlust eines Treffpunktes, einem impro­vi­sier­ten Gemeindezentrum, einem Ort, an dem man sich zufäl­lig begeg­net, ein biss­chen quatscht und das Dorfleben leben­dig bleibt.

Die Menschen, die sol­che Läden im Norden Deutschlands betrei­ben ste­hen im Mittelpunkt von Antje Huberts Dokumentarfilm Alles, was man braucht, Menschen, die ihre fes­ten Jobs auf­ge­ge­ben haben, um zumin­dest in Teilzeit einen Dorfladen zu füh­ren, die bewusst aus dem Hamsterrad eines fes­ten Arbeitsverhältnissen aus­ge­stie­gen sind, um etwas Neues aus­zu­pro­bie­ren.
Und dar­um geht es in Alles, was man braucht: Um die Frage, was man wirk­lich braucht, ob man wirk­lich all das braucht, was man in einem rie­si­gen Supermarkt (als Beispiel für Konsumtempel aller Art) kau­fen könn­te. Ist es not­wen­dig, zehn ver­schie­de­ne Sorten Erdbeermarmelade zur Auswahl zu haben? Oder acht ver­schie­de­ne Waschmittel? Oder die Möglichkeit zu haben, noch am Abend mehr oder weni­ger fri­sche Brötchen kau­fen zu kön­nen?
All die­se Fragen wirft Antje Hubert auf, ohne ein dog­ma­ti­sches Plädoyer auf Verzicht abzu­lie­fern. Zwar zeigt sie schö­ne Aufnahmen vom Leben auf dem Land, von wei­ten Feldern und ein­sa­men Deichen, doch dass das Leben auf dem Land gewiss nichts für alle ist, dass wird nie ange­zwei­felt. Es ist eine von vie­len Möglichkeiten, in der Gegenwart sein Leben zu gestal­ten.“ Michael Meyns | programmkino.de

Credits:

DE 2021, 98 Min.
Regie : Antje Hubert
Kamera: Henning Brümmer
Montage: Magdolna Rokob

Trailer:
ALLES, WAS MAN BRAUCHT Trailer
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In den besten Händen

ein Film von Catherine Corsini.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Ein Feuerwerk übels­ter Beschimpfungen schickt Raphaelle ihrer Freundin wegen deren Trennungsabsichten mit­ten in der Nacht, gefolgt von einer Kaskade aus Gejammer, Beschwerden und Selbstmitleid, als die Comiczeichnerin kur­ze Zeit spä­ter nach einem Sturz mit einem Armbruch in der Notaufnahme des Pariser Krankenhauses ankommt. Hier ist auch ohne die Egomanin schon die Hölle los, dazu kom­men jetzt noch Verletzte von den Ausschreitungen der Gelbwesten-Proteste, dar­un­ter auch Yann. Der Lastwagenfahrer war vol­ler Überzeugung und mit gan­zem Einsatz vor­ne dabei auf der Champs-Elysee, als Splitter einer Tränengasgranate sein Bein zer­schos­sen. Ebenso pene­trant unge­dul­dig wie Raphaelle war­tet er auf die Behandlung; er will so schnell wie mög­lich wie­der weg, um sei­nen Job nicht zu ver­lie­ren, kaput­tes Bein hin, Schmerzen her. Allerdings warnt alle schon ein Schild: „Wartezeit 8 – 10 Stunden. Wir dan­ken für Ihr Verständnis.“ Natürlich beha­ken sich Raphaelle und Yann, als sie in Vertretung ver­schie­de­ner Klassen auf­ein­an­der tref­fen, aber der Schauplatz und das Klinikpersonal, die tun, was sie nur kön­nen, sind die eigent­li­chen Hauptdarsteller. Kim, die drit­te Protagonistin, muss ihre sechs­te Nachtschicht in Folge absol­vie­ren, obwohl maxi­mal drei erlaubt sind, und hat zudem ein kran­kes Kind samt über­for­der­tem Mann zuhau­se. Trotzdem behält die erfah­re­ne Pflegerin eini­ger­ma­ßen die Ruhe, nur ein­mal bemerkt sie, dass es so nicht wei­ter­ge­hen kön­ne: Bald hören alle auf, sagt sie, und dann wer­den sie es schon mer­ken.
In „La Fracture – In den bes­ten Händen“ steckt Catherine Corsini eine Culture-Clash-Komödie in einen Krankenhausalltag, der wie­der­um eine Tragödie ist, und legt dabei ein Wahnsinnstempo vor. „Am Ende kommt die gesät­tig­te obe­re Mittelschicht zwar davon, aber nicht gut weg“ sagt epd-Film.

Credits:

La frac­tu­re
FR 2021, 98 Min., frz. OmU
Regie : Catherine Corsini
Kamera: Jeanne Lapoirie
Schnitt: Frédéric Baillehaiche
mit : Valeria Bruni-Tedeschi, Marina Foïs, Pio Marmaï, Aissatou Diallo
Sagna


Trailer:
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Das Ereignis

ein Film von Audrey Diwan.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Anne (gespielt von Annamaria Vartolomei) ist eine begab­te Literaturstudentin, die unab­sicht­lich schwan­ger wird und des­halb Angst hat, ihr Studium nicht been­den und sich aus den Zwängen ihrer sozia­len Herkunft befrei­en zu kön­nen. Die Wochen ver­strei­chen, die Abschlussklausuren ste­hen an und Anne ent­schließt sich zu han­deln. Der Film spielt im Jahr 1963, also ein Jahr, bevor die Antibabypille in Frankfreich erhält­lich war. Wer damals abtrei­ben woll­te, muss­te zu einer Engelsmacherin und ris­kier­te damit eine Gefängnisstrafe.

Der Film basiert auf dem auto­bio­gra­fi­schen Buch DAS EREIGNIS der fran­zö­si­schen Schriftstellerin Annie Ernaux. Beim Filmfestival 2021 von Venedig wur­de DAS EREIGNIS mit dem Goldenen Löwen als „Bester Film“ aus­ge­zeich­net.
„Das Drama kon­zen­triert sich ganz auf die Situation der Protagonistin und schil­dert beklem­mend-inten­siv deren Dilemma, ent­we­der das sozia­le Stigma einer ledi­gen Mutter und das Ende ihrer beruf­li­chen Ambitionen oder aber das Risiko einer ille­ga­len Abtreibung in Kauf neh­men zu müs­sen. Das enge Bildformat und das inten­si­ve Spiel der Hauptdarstellerin ver­mit­teln nahe­zu kör­per­lich die Zwangslage, wobei die Inszenierung durch Zurückhaltung in der zeit­ge­nös­si­schen Ausstattung die blei­ben­de Aktualität des Themas betont.” Filmdienst

Credits:

L‘ Evénement
FR 2021, 100 min., frz. OmU
Regie: Audrey Diwan
Kamera: Laurent Tangy
Schnitt: Géraldine Mangenot
mit: Anamaria Vartolomei, Kacey Mottet-Klein, Luàna Bajrami, Louise Orry Diquero, Louise Chevillotte, Pio Marmaï, Sandrine Bonnaire, Anna Mouglalis, Leonor Oberson, Fabrizio Rongione


Trailer:
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Europe

ein Film von Philip Scheffner

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Zohra lebt in der süd­west­fran­zö­si­schen Kleinstadt Châtellerault. Sie hat dort Arbeit, eine Wohnung, Bekannte, Verwandte. Die Heirat in ihrer Heimat Algerien liegt nur kur­ze Zeit zurück, der Mann ist auf dem Sprung nach Frankreich, und in der Klinik wur­de die lang­wie­ri­ge Behandlung eines schmerz­haf­ten ortho­pä­di­schen Rückenleidens gera­de als erfolg­reich been­det erklärt. Als Zohra an ihrer Haltestelle „Europe“ – die gibt es dort wirk­lich – aus­steigt und nach Hause geht, ist ihre Welt noch gänz­lich in Ordnung. Für den Staat ist der Abschluss der medi­zi­ni­schen Versorgung aller­dings Anlass, ihre Aufenthaltsgenehmigung zu been­den, bleibt sie, wird sie zu einer „Illegalen“.

Innerhalb kur­zer Zeit, in der sich mit ihrer Umgebung auch ganz Frankreich in die Sommerferien begibt, wird Zohra in eine Parallelwirklichkeit kata­pul­tiert, in der nur Gleichgestellte sich wahr­neh­men kön­nen. Aber dort will Zohra sich nicht einrichten.

Dokumentarfilmer Philip Scheffner (Revision, Havarie, Der Tag des Spatzen …) zu sei­nem ers­ten Spielfilm: „Mir wur­de klar, dass die Arbeit mit klas­si­schen Methoden eines Dokumentarfilms die rea­le Lebenssituation von Rhim [die Darstellerin der Zohra] eher ver­schlei­ert hät­te: Wie kann ich einen Film mit einer Person machen, die eigent­lich gar nicht da sein darf, deren rea­le Anwesenheit vor Ort also eigent­lich fik­tiv ist? Diese erzwun­ge­ne Fiktionalisierung ist kon­sti­tu­ie­rend für ihre per­sön­li­che Lebensrealität aber auch für ihre Begegnung mit mir. Zwischen uns ver­läuft eine Grenze, die sich nicht ein­fach durch ein „spre­chen über“ auf­lö­sen lässt. Daher habe ich mich gemein­sam mit [Ko-Autorin] Merle Kröger ent­schie­den, die Methoden fil­mi­scher Fiktion auf ihre Relevanz in Bezug auf die Lebensrealität der Protagonistin hin zu unter­su­chen und zu sehen, wel­che Spielräume das eröff­nen könn­te. Aus Rhim wur­de Zohra …“

Credits:

DE/FR 2022, 105 Min., Französisch, Arabisch OmU,
Regie: Philip Scheffner
Kamera: Volker Sattel.
Schnitt: Philip Scheffner

Mit: Rhim Ibrir, Thierry Cantin, Didier Cuillierier, Sadya Bekkouche

Trailer:
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100 Jahre Pasolini: MAMMA ROMA 

[Tickets & Termine]

Als ihr Zuhälter und Vater ihres Kindes eine ande­re Frau hei­ra­tet, ver­sucht Mamma Roma (Anna Magnani) die Vergangenheit hin­ter sich zu las­sen und ein neu­es Leben anzu­fan­gen: Sie zieht mit ihrem 16-jäh­ri­gen Sohn, der auf dem Land in einem Internat auf­ge­wach­sen ist, in eine bür­ger­li­che Gegend und betreibt einen Gemüsestand. Das neue gemein­sa­me Leben ent­puppt sich als span­nungs­ge­la­de­ner als geplant, und plötz­lich erscheint auch der Zuhälter Carmine wie­der, inzwi­schen von sei­ner neu­en Frau getrennt, und stellt sie vor ein Ultimatum.

Regie: Pier Paolo Pasolini
Kamera: Tonino Delli Colli
Musik: Carlo Rustichelli
Mit: Anna Magnani, Ettore Garofolo, Franco Citti, Silvana Corsini, Luisa Loiano, Paolo Volponi etc.

IT, 1962, 105 min., OmU, FSK: 12

Parallele Mütter

ein Film von Pedro Almodóvar.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Die in Madrid leben­de Werbefotografin Janis (Penélope Cruz) wird bei ihrer Affäre mit dem Anthropologen Arturo (Israel Elejalde) unge­plant schwan­ger. Da Arturo sei­ne erkrank­te Ehefrau nicht ver­las­sen will, beschließt Janis, das Kind allei­ne groß­zu­zie­hen. Im Krankenhaus teilt sie sich ein Zimmer mit der eben­falls unge­wollt schwan­ge­ren 17-jäh­ri­gen Ana (Milena Smit). Die Geburt ihrer Babys fin­det am sel­ben Tag statt, fort­an unter­stüt­zen sich die allein­er­zie­hen­den Mütter, zumal Anas Mutter Teresa (Aitana Sánchez Gijón) als Theaterschauspielerin auf Tournee geht und ihr Vater seit der Scheidung der Eltern ohne­hin abwe­send ist. Derweil bemüht sich Arturo um eine Genehmigung, ein Massengrab aus der Franco-Zeit aus­zu­he­ben. Darin liegt Janis‘ im Bürgerkrieg erschos­se­ner Urgroßvater, der nun beer­digt wer­den soll.

Parallele Mütter“ trägt auf sämt­li­chen Ebenen die mar­kan­te Handschrift des Autorenfilmers Pedro Almodóvar, die stets auf den ers­ten Blick erkenn­bar ist. Die Farben strah­len satt wie immer, die arti­fi­zi­el­le Ausstattung setzt mit bun­ten Wäscheklammern oder dra­pier­ten Obstschalen Akzente, die Kostüme sit­zen pas­send zur Bildgestaltung. Mit Penélope Cruz oder Rossy de Palma („Zerrissene Umarmungen“) als bes­te Freundin und Chefin der Protagonistin tre­ten lang­jäh­ri­ge Stammdarstellerinnen des Regisseurs auf, hin­ter der Kamera kol­la­bo­riert er aber­mals mit Weggefährten wie dem Komponisten Alberto Iglesias („Volver“) oder dem Kameramann José Luis Alcaine („Die Haut, in der ich wohne“).

Auch the­ma­tisch beackert Almodóvar aus sei­nem Werk bekann­te Themen. Der Fokus liegt auf der Mutterschaft der unter­schied­li­chen Frauen Janis und Ana sowie am Rande Teresa, die ihre Rolle auf je eige­ne Weise gestal­ten, aber im selbst­be­stimm­ten Handeln geeint sind. „We should all be femi­nists“ steht qua­si als Quintessenz auf einem Shirt, das Penélope Cruz in einer Szene trägt. Einige span­nen­de Wendungen, die hier kei­nes­falls ver­ra­ten wer­den sol­len, hal­ten die zwi­schen­mensch­li­chen Beziehungen durch­weg auf Trab. Lediglich die Rahmenhandlung um Janis‘ Familiengeschichte und Arturos Nachforschungen zum ver­bre­che­ri­schen Franco-Regime wirkt etwas ange­hängt, auch wenn schlüs­si­ge Parallelen zur Haupthandlung bestehen.

In ers­ter Linie ist „Parallele Mütter“ ein raf­fi­nier­tes Melodram, bis­wei­len stellt Almodóvar die emo­tio­na­len Spannungen rund um Lügen, Geheimnisse oder Eifersucht aber auch mit­tels Thriller-Anleihen dar. Mal huschen Schatten wie in einem Film Noir über die Wand, mal wirkt Cruz mit einem gro­ßen Küchenmesser in der Hand zum Äußersten ent­schlos­sen, schnei­det dann aber nur ein paar Karotten. Die Stimmungswechsel und erzäh­le­ri­schen Wendungen sind meis­ter­lich insze­niert und hal­ten die inti­men (Gewissens-)Konflikte durch­weg unter Spannung. Ein oft trau­ri­ger und sehr schö­ner Film, mit dem Pedro Almodóvar nach zwei Dutzend Kinobeiträgen noch immer einen moder­nen Eindruck hinterlässt.

Christian Horn | programmkino.de

Die Welt von Almodóvar zu besu­chen ist herr­lich. Das Leuchten der Farben sei­ner Farben, die fein­sin­ni­ge Gestaltung der Melodramen, die schließ­lich dem Zerrupfen einer Avocado beim Abendessen gleich immer mehr auf den Kern fokus­siert wer­den, die SchauspielerInnen, die sich und die Rolle gleich­zei­tig spie­len kön­nen, die Architektur der Sets, bis in die Details sorg­fäl­tig aus­ge­frie­melt und gleich­zei­tig eis­klar. Und alles, um eine Geschichte zu erzäh­len, die ein­fach erscheint und dabei so vie­le Verästlungen hat.

war­um soll ich schwim­men, wenn ich auch trei­ben kann?“ (Die Nerven)

Mit Penelope Cruz als Protagonistin ist das gar kei­ne Frage, genau­so wenig wie das Thema des Films: Die von Francos Faschisten Ermordeten des Bürgerkriegs, die immer noch in Massengräbern anonym ver­scharrt lie­gen. Die spa­ni­sche Demokratie durf­te auf die­sem Friedhof auf­ge­baut wer­den und aktu­ell freu­en sich rech­te Politiker, dass kei­ne Mittel zur Exhumierung mehr zur Verfügung gestellt wer­den. Franco selbst wur­de übri­gens 2019 aus dem Tal der Gefallenen im Schatten eines pene­tran­ten Riesenkreuzes ins Privatgrab umge­bet­tet, um mit den Seinen in Frieden ruhen zu können.

Credits:

Madres para­le­las
Spanien 2021, 126 min., span. OmU
Regie und Buch: Pedro Almodóvar
Kamera: José Luis Alcaine
Schnitt: Teresa Font
mit: Penélope Cruz, Milena Smit, Rossy de Palma, Israel Elejalde, Aitana Sánchez Gijón, Julietta Serrano, Daniela Santiago


Trailer:
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A Hero

ein Film von Asghar Farhadi.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Rahim (Amir Jahidi) sitzt im Gefängnis. Nicht wegen eines schwe­ren Verbrechens, son­dern weil er Schulden gemacht hat, die er nicht zurück­zah­len kann. Im kom­pli­zier­ten Rechtssystem des Iran hät­te er die Möglichkeit, sich recht unkom­pli­ziert von sei­ner Schuld frei­zu­kau­fen, etwas, dass tat­säch­lich auch ein Mörder tun könn­te, soweit die Verwandten des Opfers mit dem Blutgeld zufrie­den sind.

Nun hat Rahim Freigang und trifft heim­lich sei­ne Freundin Nazanin (Sarina Farhadi), denn sie offen zu tref­fen wäre im streng kon­ser­va­ti­ven Iran unmög­lich. Scheinbar hat Nazanin die Lösung für Rahims Probleme, denn sie hat vor eini­gen Tagen eine Tasche gefun­den, in der sich Goldmünzen befan­den. Doch inzwi­schen ist der Goldpreis gefal­len, die Münzen wür­den nicht rei­chen, um die Schulden zu beglei­chen, zumal der Gläubiger Braham (Mohsen Tanabandeh) kein Interesse dar­an hat, Rahim einen Teil der Schulden zu stun­den. So ent­schließt sich Rahim, den Besitzer der Tasche zu fin­den, was auch gelingt. Eine Frau holt die Tasche ab, der Fall scheint geklärt. Doch im Gefängnis hat man von der Angelegenheit erfah­ren und betrach­tet Rahim nun als mora­li­sches Vorbild. Zwar erwähnt Rahim, dass es nicht er selbst war, der die Tasche gefun­den hat, doch der Gefängniswärter will den­noch ein TV-Team kom­men las­sen. Denn nicht nur Rahim bekommt Anerkennung, ein wenig Ruhm soll auch auf das Gefängnis fal­len. Und mit die­ser einen, klei­nen Unwahrheit beginnt ein Lügengeflecht, das bald immer dich­ter wird.

Rahim ist kein schlech­ter Mensch. Er lügt nicht aus Habgier oder Selbstsucht, ja, eigent­lich kann man das, was er sagt, kaum als Lüge bezeich­nen. Er ver­dreht die Wahrheit ein wenig, vor allem, um sei­ne Freundin zu schüt­zen, denn wenn ihre Beziehung bekannt wer­den wür­de, hät­te Nazanin mit Konsequenzen zu rech­nen. Dass er zudem zunächst ver­sucht hat­te, die Münzen zu ver­kau­fen, dann aber sei­ne Meinung änder­te, lässt sei­ne schein­bar heh­re mora­li­sche Tat in etwas weni­ger hel­lem Licht erscheinen.

Spielball der Elemente ist Rahim, nicht zuletzt der sozia­len Medien, die auch im Iran eine zuneh­mend gro­ße Rolle spie­len: So schnell man zum Held hoch­ge­schrie­ben wer­den kann, so schnell fin­det sich in den Sozialen Medien ein Skeptiker, der den umge­kehr­ten Trend her­bei­führt und aus dem Helden einen Betrüger macht. Und auch Teile des Systems kom­men bei Farhadis Anklage nicht zu kurz. Die Gefängnisleitung, die aus eige­nem Interesse agier­te und bald eben­so ver­sucht, sich von jeg­li­cher Schuld rein­zu­wa­schen, wie eine Organisation, die Gefangenen mit Spendenaktionen hilft.

Man mag hier jene Kritik an Strukturen der ira­ni­schen Gesellschaft sehen, wie sie in der west­li­chen Rezeption bei Filmen über den Iran (und ande­rer auto­kra­tisch regier­ter Länder) gern gese­hen wer­den. Vor allem jedoch kom­po­niert Asghar Farhadi ein­mal mehr ein dich­tes Geflecht an lang­sam, aber unauf­halt­sam wach­sen­der mora­li­scher Verstrickung, das am Ende kaum noch zu lösen ist. Nach eini­gen schwä­che­ren Filmen knüpft er nun mit „A Hero“ wie­der an die Qualität von „Über Elly“ und „Nader und Simin – Eine Trennung“ an.

Michael Meyns | programmkino.de

Credits:

قهرمان Ghahreman, IR 2021, 127 Min., far­si OmU
Regie & Buch: Asghar Farhadi
Kamera: Ali Ghazi
Schnitt: Hayedeh Safiyari
mit: Amir Jadidi, Mohsen Tanabandeh, Fereshteh Sadre Orafaiy, Sarina Farhadi, Sahar Goldust


Trailer:
https://vimeo.com/669792198/c821d52bf2
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Aheds Knie

ein Film von Nadav Lapid. Ab 17.3. im fsk. 

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Es ist eine die­ser Episoden des Nahost-Konflikts, die die gan­ze Brutalität, aber auch Absurdität der Situation ver­deut­li­chen. Die damals 17jährige paläs­ti­nen­si­sche Aktivistin Ahed Tamimi wur­de 2017 ver­haf­tet, weil sie angeb­lich israe­li­sche Sicherheitskräfte bedroht hat­te. Schließlich wur­de sie ver­ur­teilt und muss­te sie­ben Monate der Strafe absit­zen. Dazu twee­te­te Bezalel Smotrich, Mitglied der natio­nal­re­li­giö­sen Partei Habayit Hayehudi und ein Sprecher des israe­li­schen Parlaments, der Knesset, dass die­se Strafe viel zu gering sei und Tamini min­des­tens eine Kugel in die Kniescheibe ver­dient hätte.

Mit Bildern eines Knies beginnt dem­entspre­chend Nadav Lapids „Aheds Knie“, der Nachfolger sei­nes inter­na­tio­na­len Durchbruchs „Synonyms“, mit dem er vor zwei Jahren den Goldenen Bären der Berlinale gewann. Dort ging es um einen jun­gen Israeli – ein Alter Ego Lapids – der sein Land nach dem Militärdienst ver­ließ und in Paris ver­such­te, sei­ne israe­li­schen Wurzeln zu ver­drän­gen. Diesmal heißt die Hauptfigur Y (Avshalom Pollak), ist Filmregisseur, der gera­de einen gro­ßen Erfolg auf der Berlinale gefei­ert hat und einen Experimentalfilm über Aheds Knie plant. Doch das Casting gestal­tet sich schwie­rig und dann muss Y auch noch in eine Siedlung in der unwirt­li­chen Arava-Wüste im Süden Israels flie­gen, wo sein Film in einer Bibliothek gezeigt wird. Die dor­ti­ge Bibliothekarin Yahalom (Nur Fibak) erweist sich als gro­ßer Fan, kann jedoch nicht ver­mei­den, Y ein Formblatt vor­zu­le­gen, auf dem er ankreu­zen muss, wor­über er nach dem Film dis­ku­tie­ren möchte.

Dieser tat­säch­lich ech­te Vorgang geht auf eine Initiative der ehe­ma­li­gen Kulturministerin Miri Regev zurück, die auf die­se Weise Einfluss auf die öffent­li­che Meinung neh­men woll­te, oder – um es deut­li­cher zu for­mu­lie­ren – Zensur aus­üb­te. Nicht über heik­le Themen wie den völ­ker­rechts­wid­ri­gen Siedlungsbau in den besetz­ten Gebieten, Brutalität gegen­über den Palästinensern oder will­kür­li­che Sippenhaft gegen die Familien von tat­säch­li­chen oder mut­maß­li­chen Gewalttätern soll dis­ku­tiert wer­den, son­dern über jüdi­sche Identität, Heimat, den Holocaust.

Drastische Kritik an die­sen Regelungen, ja, am gan­zen Land übt Lapid in sei­nem Film, zeigt sein Alter Ego Y als wüten­den, auf­brau­sen­den aber auch nicht gera­de sym­pa­thi­schen Wutbürger. Die ein­zi­gen zärt­li­chen Momente sind Tonaufnahmen, mit denen Y Kontakt mit sei­ner Mutter hält. Auch Lapid war sei­ner Mutter sehr nahe, mit ihr schrieb er sei­ne Filme, sie war sei­ne Cutterin. Während des Schnitts an „Synonyms“ ver­starb sie, nur Wochen spä­ter schrieb Lapid das Drehbuch zu „Aheds Knie“, auch die Dreharbeiten dau­er­ten nur 18 Tage. Ein Schnellschuss in gewis­ser Weise, ein roh dahin­ge­wor­fe­ner Film, der lan­ge Zeit von sei­ner wüten­den Energie lebt – die aber auf Dauer auch ermü­det. So sti­lis­tisch ein­drucks­voll „Aheds Knie“ ist, oft mit extre­men Nahaufnahmen arbei­tet, mit rei­ßen­den Kameraschwenks die ner­vö­se Perspektive von Y zu evo­zie­ren scheint: Da Lapid kei­ne Geschichte im klas­si­schen Sinn erzählt, son­dern Gedanken, Ideen, Kritikpunkte asso­zia­tiv anein­an­der­reiht, wirkt sein neu­er Film wie eine Skizze. Wenn auch die eines der inter­es­san­tes­ten Regisseure des aktu­el­len Autorenkinos.

Michael Meyns | programmkino.de

Credits:

Ha’berech
Israel/ Deutschland/ Frankreich 2021 ‚109 Min., hebr. OmU
Regie & Buch: Nadav Lapid
Kamera: Shaï Goldman
Schnitt: Nili Feller
mit: Avshalom Pollak, Nur Fibak, Yoram Honig, Lidor Ederi, Yonathan Kugler


Trailer:
Aheds Knie (offi­zi­el­ler OmdU Trailer)
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