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Einzeltäter (Teil 1–3)

Dokumentarfilmreihe von Julian Vogel | 87min | 67min | 85min | DE 2023
Mit anschlie­ßen­dem Filmgespräch nach dem 3. Teil.

Tickets: [Teil1: München] [Teil 2: Halle] [Teil3: Hanau]
(Die Filme müs­sen ein­zeln gebucht wer­den. Wer alle 3 Filme schau­en will, kann jeweils den Tarif „Alle 3 Teile schau­en” im letz­ten Bestellschritt wählen)

Kamera: Luise Schröder, Julian Vogel
Ton: Oscar Stiebitz, Julian Vogel
Schnitt: Gregor Bartsch, Sebastian Winkels

München 2016, Halle 2019 und Hanau 2020. Drei rechts­extre­me Anschläge von soge­nann­ten „Einsamen Wölfen“: Vermeintliche Einzeltäter, die sich schein­bar ohne in klas­si­sche extre­mis­ti­sche Strukturen ein­ge­bun­den zu sein, im Internet radi­ka­li­sie­ren und im öffent­li­chen Raum plötz­lich zuschlu­gen. Es sind Geschichten, die mitt­ler­wei­le die Schlagzeilen domi­nie­ren: Der rech­te Terror gilt zur Zeit laut Verfassungsschutz als größ­te Bedrohung der Demokratie in Deutschland. Und das, obwohl sol­che Täter noch bis vor Kurzem oft als psy­chisch kran­ke, „ver­wirr­te“ Einzeltäter ein­ge­stuft wur­den und ihnen so ihr Rassismus abge­spro­chen wur­de. Diese Zeiten sind vor­bei: Frank Walter Steinmeier sprach nach dem Anschlag in Hanau von einem „Angriff auf uns alle“. Doch wer sind „wir alle“?

Die Trilogie „Einzeltäter (Teil 1–3)“ nimmt unab­hän­gig von­ein­an­der die Perspektive der Menschen ein, deren Angehörige tat­säch­lich das Ziel der Angriffe waren und deren Leben nie mehr sein wird wie zuvor.

EINZELTÄTER TEIL 1: MÜNCHEN

Arbnor hat sei­ne Schwester 2016 beim Anschlag am Olympia Einkaufszentrum ver­lo­ren, Hasan und Sibel ihren Sohn. Lange muss­ten die Angehörigen dar­um kämp­fen, dass der Staat den ras­sis­ti­schen Hintergrund der Tat aner­kennt. Erst nach den Anschlägen von Halle und Hanau hat­ten sie Erfolg.


EINZELTÄTER TEIL 2: HALLE

KurzsynopsisKarsten hat sei­nen ein­zi­gen Sohn Kevin beim Anschlag von Halle ver­lo­ren. Während die Öffentlichkeit zuschaut, wie dem rechts­extre­men Täter der Prozess gemacht wird, kämpft er um einen Umgang mit sei­ner Trauer. Halt fin­det er in der Fanszene des Halleschen FC.


EINZELTÄTER TEIL 3: HANAU

Der ras­sis­ti­sche Anschlag vom 19. Februar 2020 hat Hanau-Kesselstadt ver­än­dert. Hier leben Menschen ver­schie­de­ner Herkunft, hier star­ben sechs der neun Opfer. Nach dem Anschlag hält man hier zusam­men, ver­sucht mit den Folgen der Tat umzu­ge­hen, und kämpft um Aufklärung. Und hier leben der Vater des Täters und Hinterbliebene der Opfer in unmit­tel­ba­rer Nachbarschaft.


Regiekommentar

Seit Ende 2018 beschäf­ti­ge ich mich mit Menschen, die bei rechts­ra­di­ka­len Anschlägen ver­meint­li­cher “Einzeltäter” Angehörige ver­lo­ren haben. Ich kam damals in Kontakt mit Hinterbliebenen des ras­sis­ti­schen Anschlags vom Olympia Einkaufszentrum in München„ der bis zum Anschlag von Halle von Staat und Ermittlungsbehörden als unpo­li­ti­scher Amoklauf ein­ge­ord­net wor­den war. Ich ver­such­te einen Film zu rea­li­sie­ren, der den Angehörigen von München eine Stimme gibt. Deren ver­zwei­fel­ter Kampf um Anerkennung änder­te sich mit dem anti­se­mi­ti­schen und ras­sis­ti­schen Anschlag von Halle 2019. In Folge des Anschlags wur­de der Rechtsextremismus durch den Verfassungsschutz als aktu­ell größ­te Bedrohung der Sicherheitslage in Deutschland ein­ge­stuft. Nach dem Anschlag von Hanau 2020 schließ­lich fand der Kampf von Betroffenen von rech­ter Gewalt end­gül­tig Eingang in die brei­te Öffentlichkeit und ich ent­schloss mich, mei­nen Film auf die­se drei Taten auszuweiten.

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Blagas Lessons

Eine Frage der Würde – Blaga’s Lessons

Ein Film von Stephan Komandarev.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Es ist ein­fach, sich über Maschen und Opfer von Telefonbetrügern lus­tig zu machen, aber wirk­lich gefeit gegen die auch plum­pes­ten Methoden ist wohl nie­mand. Die ehe­ma­li­ge Lehrerin Blaga ist eigent­lich auch nicht naiv, lässt sich aber von einem recht absur­den Telefontrick über­rum­peln. Sie ver­liert das gan­ze Geld, das für die Grabstätte ihres kürz­lich ver­stor­be­nen Mannes vor­ge­se­hen war. Willig, ande­re zu war­nen, erzählt die Betrogene bei einer Nachbarschafts-Veranstaltung der ört­li­chen Polizei von ihrer Erfahrung, ern­tet aber groß­flä­chig nur Spott und Hohn. Selbst ihr im Ausland leben­der Sohn macht nur Vorhaltungen. Es fällt ihm nicht ein, die Mutter zu unter­stüt­zen. Blaga, schwer gede­mü­tigt und immer noch auf der Suche nach Geld für das Grab, weiß von der Polizei, wie die Betrüger Helfer aqui­rie­ren. Sie fin­det eine ent­spre­chen­de Announce und bewirbt sich.
„Beim wich­ti­gen Festival im tsche­chi­schen Karlovy Vary wur­de Eine Frage der Würde – Blaga’s Lessons mit drei Preisen aus­ge­zeich­net, völ­lig zurecht. Denn dem Bulgaren gelingt hier ein har­scher, mal sozi­al­rea­lis­ti­scher, mal wie eine Farce wir­ken­der Film über eine 70jährige Frau, die im mora­li­schen Niemandsland des post­so­zia­lis­ti­schen Bulgariens um ihre Würde kämpft – und sie ver­liert. …
Filme wie Eine Frage der Würde kamen in den letz­ten 20 Jahren oft aus Rumänien, Regisseure wie Cristi Puiu, Cristian Mungiu oder Corneliu Porumboiu hiel­ten der gesell­schaft­li­chen Entwicklung ihres Landes eines unge­schön­ten Spiegel vor, sezier­ten die Abgründe des Kapitalismus und die Spätfolgen des Sozialismus. Ganz ähn­li­ches macht nun auch der 57jährige bul­ga­ri­sche Regisseur Stephan Komandarev, der zu Beginn sei­ner Karriere Dokumentarfilme dreh­te, seit eini­gen Jahren nun mit zuneh­men­dem Erfolg Spielfilme, die aber einem doku­men­ta­ri­schen Blick ver­haf­tet sind.“ Michael Meyns | programmkino.de – „die­se inten­si­ven, klei­nen Filme sind es, für die das Kino gemacht wur­de.“ Sebastian Seidler | kino-zeit

Credits:

BG/DE 2023, 119 Min., bul­ga­ri­sche OmU
Regie: Stephan Komandarev
Kamera: Vesselin Hristov
Schnitt: Nina Altaparmakova
mit Eli Skorcheva, Ivan Barnev, Gerasim Georgiev, Stefan Denolyubov, Rozalia Abgarian, Ivaylo Hristov

Trailer:
Eine Frage der Würde (Blaga’s Lessons )| offi­zi­el­ler Trailer mit dt. Untertitel
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The Royal Hotel

Ein Film von Kitty Green. 

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Anzügliche Bemerkungen und sexis­ti­sche Witze sind sicher nicht aus­schließ­lich in Hotelbars im aus­tra­li­schen Outback an der Tagesordnung, aber hier­her hat es die bei­den ame­ri­ka­ni­schen Rucksacktouristinnen Hanna und Liv nun ein­mal ver­schla­gen. „Work and Travel“ heißt das Programm, das sie nach ihrer, vom aus­gie­bi­gen Feiern ver­ur­sach­ten finan­zi­el­len Pleite, für ein paar Wochen hin­ter die Bar des „Royal Hotel“ in einer abge­le­ge­nen Bergbaugegend geschickt hat. Ihre eng­li­schen Vorgängerinnen schei­nen die Zeit hier genos­sen zu haben, und nun freu­en sich die Barbesucher, unschwer zu über­se­hen, auf das „Frischfleisch“.
Die gebür­ti­ge Australierin Kitty Green hat mit The Assistant den wahr­schein­lich bes­ten Spielfilm zu Thema ME TOO gedreht, wo sie nicht Einzelne als allei­ni­ge Täter sah, son­dern alles durch­setzt von der Akzeptanz des Missbrauchs. Im „Royal Hotel“ wer­den raue­re Töne ange­schla­gen, aber auch hier muss der Thriller kei­ne Gewalttaten schil­dern, um in Fahrt zu kom­men. Von der Bedrohlichkeit der Situation, die sich nach anfäng­li­chen, fast ver­zwei­felt gesuch­ten Urlaubsgefühlen breit macht, will Liv nichts wis­sen. Hanna fühlt sich jedoch immer unwoh­ler. Stets taxiert sie den Grad ihrer Bedrohung und die Grenzen im Umgang mit den Gästen. War das nur ein Scherz, eine Drohung, ab wann ist über­grif­fig? Eine all­täg­li­che Situation, aber ein­fach abhau­en geht hier in der Wüste, wo nur alle drei Tage ein Bus fährt, nicht, und so ist die jun­ge Frau 247 in Habt-Acht-Stellung.

Konsequent geht Kitty Green dann das gan­ze Spektrum an Verhalten durch, das sich in einer sol­chen Situation ergibt: von der höf­li­chen Frage nach einem Date, die mit einem Nein sowie­so schon rech­net, bis zu aggres­si­ven Trinkgeldspielchen und vie­len wei­te­ren Situationen, in denen sich (sehr all­ge­mein gespro­chen) männ­li­ches Interesse so äußert, dass Hannah und Liv sich die gan­ze Zeit dazu ver­hal­ten müs­sen – bis Hanna sich schließ­lich als Girl mit der Axt in einer Rolle wie­der­fin­det, die sie sonst von sich wohl nicht ent­deckt hät­te. Wir woll­ten doch ein­fach nur so weit weg von Zuhause wie mög­lich, sagt Liv ein­mal. Das hat sich anders erfüllt als gedacht. Gutes Drehbuch, gut gespielt, auf eine raw­kus way nuan­ciert.“
Bert Rebhandl | Cargo

Credits:

AU 2023, 91 Min., eng­li­sche OmU
Regie: Kitty Green
Kamera: Michael Latham
Schnitt: Kasra Rassoulzadegan
mit Jessica Henwick, Julia Garner, Hugo Weaving, Bree Bain, Toby Wallace

Trailer:
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Im toten Winkel

Ein Film von Ayşe Polat. 

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Im kur­di­schen Gebiet im Nordosten der Türkei dreht eine deut­sche Regisseurin einen Dokumentarfilm über „ima­gi­nä­re Denkmäler“, über Rituale und Erzählungen, die der Erinnerung an ver­schwun­de­ne oder ver­schlepp­te Menschen die­nen. Am Rande der Interviews ereig­nen sich merk­wür­di­ge Dinge, und als die Situation der Filmcrew letzt­end­lich zu bedroh­lich erscheint, packen sie eilig die Koffer. Die Brücke zum zwei­ten Teil schla­gen Leyla, die Übersetzerin des Teams und Melek, ein klei­nes Mädchen, dem sie Unterricht gibt, und deren Vater in üble undurch­sich­ti­ge poli­ti­sche Machenschaften ver­wi­ckelt ist. Im drit­ten Teil wid­met sich der Film fast ganz die­ser Familie.
Im Toten Winkel ist ein sub­til ver­schach­tel­ter poli­ti­scher Thriller, in des­sen Mittelpunkt Melek zu ste­hen scheint. Ohne sie deu­ten zu kön­nen, erkennt sie die Geschehnisse um sie her­um son­der­ba­rer­wei­se bes­ser als die Erwachsenen, die ihre Erlebnisse und Geister-Erzählungen nur als kind­li­che Fantasien abtun kön­nen. Wie von Geisterhand erschei­nen auch die tech­nisch und mul­ti-per­spek­ti­visch, oft absen­der­los anmu­ten­den Bilder, die zum Mittel der Überwachung, Bedrohung und Einschüchterung ein­ge­setzt wer­den, und Paranoia erzeu­gen.
„Der blin­de Fleck heißt Trauma, trans­ge­ne­ra­tio­nal. Die deutsch-kur­di­sche Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin Ayşe Polat insze­niert ihn in Perfektion.“
Berlinale | Wettbewerb Encounters
JİTEM ist ein Geheimdienst, des­sen Existenz der tür­ki­sche Staat leug­net. Ayşe Polat gibt die­ser inof­fi­zi­el­len Organisation Gesichter, baut sogar eine Szene ein, in der die Agenten auf Polizisten tref­fen – eine Szene, die sub­til impli­ziert, dass der tür­ki­sche Staat sehr wohl invol­viert ist. Mit Im toten Winkel ist es ihr gelun­gen, Politik, Medientheorie und Genrekino zu ver­schrän­ken, und es ist kei­ne Begleitbroschüre nötig, damit der Film funk­tio­niert, denn er ist trotz aller Komplexität hoch­span­nend.“
Mathis Raabe | kino-zeit

Credits:

DE 2023, 118 Min., Deutsch, Türkisch, Kurdisch, Englisch OmU
Regie: Ayşe Polat
Kamera: Patrick Orth
Schnitt: Serhad Mutlu, Jörg Volkmar
mit Katja Bürkle, Ahmet Varlı, Çağla Yurga, Aybi Era, Maximilian Hemmersdorfer, Nihan Okutucu, Tudan Ürper, Mutallip Müjdeci, Rıza Akın, Aziz Çapkurt

Trailer:
Im toten Winkel | Trailer | Kinostart: 4. Januar 2024
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Knochen und Namen

Knochen und Namen

Ein Film von Fabian Stumm.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Knochen und Namen sind was bleibt, erfährt Jonathan vom Bestattungsunternehmer. Aber es geht im Film eher dar­um, was jetzt ist und was spä­ter dar­aus wird. Dem Leben zuschau­en, wäh­rend es einen beob­ach­tet, wie man so lebt. Fabian Stumm bekam den Heiner-Carow-Preis der DEFA Stiftung auf der letz­ten Berlinale.
„Boris (Fabian Stumm) arbei­tet an einem neu­en Film für die fran­zö­si­sche Regisseurin Jeanne (Marie-Lou Sellem). Darin geht es um einen Mann, der sei­ne Frau für einen ande­ren Mann ver­lässt. Auch wenn ihr Film Dramatisches erzäh­le, »es ist nicht schwer«, sagt die Regisseurin und kom­men­tiert damit auch Knochen und Namen. Jonathan (Knut Berger), Boris Partner, ist der­weil auf Recherchetour für sei­nen neu­en Roman, der vor­der­grün­dig von einer »Krankheit und einer Reise« han­delt. Er trifft sich mit Menschen, die einen Verlust erlit­ten haben oder damit ihren Unterhalt ver­die­nen. In zwi­schen­mensch­li­chen Tableaus, oft vor wei­ßen Wänden mit mini­ma­lis­ti­scher Inneneinrichtung gefilmt, ent­wirft der Film das lose Porträt des Paares im zuneh­men­den Krisenmodus und zugleich einer Gruppe von Suchenden. Jonathans Schwester, die allein­er­zie­hen­de Natascha (Doreen Fietz), ver­sucht sich beruf­lich neu zu ori­en­tie­ren. Ihre Tochter Josie (Alma Meyer-Prescott) wie­der­um begeg­net dem nahen­den Ende ihrer Kindheit mit Schabernack, klaut Apfelshampoo oder ver­führt ihre bes­te Freundin zu Telefonstreichen, die ziem­lich pein­lich enden.
Fabian Stumms Debüt ist ein klei­ner, groß­ar­ti­ger Film, und das im bes­ten aller Sinne. Ihm gelingt etwas Seltenes: mit Humor und dop­pel­tem Boden von eigent­lich schwe­ren Themen zu erzäh­len und mit ihnen zu spie­len. Als Jonathan sei­nem Partner wäh­rend eines Radiointerviews die Liebe gesteht, ist Boris gera­de Kaffee holen.“ Jens Balkenborg, epd Film
„Ich woll­te mich mit den Säulen aus­ein­an­der­set­zen, die mein Leben aus­ma­chen. Mich erin­nern, was dar­an gut und sta­bil ist, was mir Angst oder mich trau­rig macht und war­um das so ist. In gewis­sem Sinne hat der Film mich mit mir selbst aus­ge­söhnt und neu ver­bün­det“ Fabian Stumm

Credits:

DE 2023, 104 Min., dt., frz. OmU
Regie: Fabian Stumm
Kamera: Michael Bennett
Schnitt: Kaspar Panizza
mit Fabian Stumm, Knut Berger, Marie-Lou Sellem, Susie Meyer, Magnus Mariuson, Doreen Fietz, Alma Meyer-Prescott, Anneke Kim Sarnau, Godehard Giese

Trailer:
KNOCHEN UND NAMEN Trailer Deutsch | German [HD]
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Joan Baez I Am A Noise

Joan Baez I Am A Noise

Ein Film von Karen O’Connor, Miri Navasky, Maeve O’Boyle.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Als Musikerin, Bürgerrechtlerin und Aktivistin stand Joan Baez seit ihrem Debüt im Alter von 18 über 60 Jahre auf der Bühne. Für die inzwi­schen 82-Jährige war das Persönliche immer schon poli­tisch, die Freundschaft zu Martin Luther King und der Pazifismus präg­ten ihr Engagement. Ausgehend von ihrer Abschiedstour zieht Baez in die­ser Biografie eine scho­nungs­lo­se Bilanz, in der sie sich auch schmerz­haf­ten Erinnerungen stellt. Sie teilt nicht nur ihre Erfolge, son­dern spricht offen über lang­jäh­ri­ge psy­chi­sche Probleme und Therapien, über Familie, Drogen, das Altern und Fragen von Schuld und Vergebung. Und sie stellt auch klar, dass sie wäh­rend ihrer Beziehung mit dem sehr jun­gen Bob Dylan ihre Prominenz nutz­te, um sei­ne Karriere in Gang zu brin­gen. Ihre Enttäuschung über die spä­te­re Entfremdung von Dylan wird greif­bar.
Aufgrund einer lang­jäh­ri­gen Freundschaft zu einer der Regisseurinnen, Karen O’Connor, gewähr­te Baez dem Regietrio auch Zugang zu den „inne­ren Dämonen“, die sie seit ihrer Jugend beglei­ten. Der Film ver­webt Tagebuchtexte, eine Fülle von teils unge­zeig­tem Archivmaterial und aus­führ­li­che Gespräche mit Baez mit Backstage-Momenten der Tour. Ein inti­mes Porträt, das nicht nur für Fans inter­es­sant ist.

Der Umriss von Baez‘ gewal­tig gro­ßem, geschichts­träch­ti­gem Leben ist bes­tens bekannt und doku­men­tiert. Wir aber woll­ten mit die­sem Film Joans Vergangenheit zum Leben erwe­cken. Nicht mit Gimmicks oder „tal­king heads“, son­dern mit einer Fülle von ori­gi­na­lem Ausgangsmaterial von Joan selbst und ihrer Familie, auf das wir zugrei­fen konn­ten: neu ent­deck­te Home-Movies, Joans unglaub­li­che Kunstwerke und Zeichnungen, Tagebücher und Briefe, Fotos, Bandaufnahmen ihrer Therapiesitzungen und ein Goldschatz von auf Kassette ein­ge­spro­che­nen Briefen, die Baez von unter­wegs an ihre Familie geschickt hat­te – all die­se Quellen fan­gen in Realzeit ein, was sie damals emp­fun­den hat, anstatt eine Erinnerung aus wei­tem Abstand zu sein. Zu jedem Moment woll­ten wir, dass der Film eine immersi­ve und unmit­tel­ba­re Erfahrung ist, mehr eine Zeitreise als eine Biografie.“ Karen O’Connor

Credits:

US 2023, 113 Min., engl. OmU
Regie: Karen O’Connor, Miri Navasky, Maeve O’Boyle
Kamera: Wolfgang Held, Ben McCoy, Tim Grucza
Schnitt: Maeve O’Boyle
mit Joan Baez, Mimi Farina, Bob Dylan, David Harris

Trailer:
JOAN BAEZ I AM NOISE – Trailer OmdU German | Deutsch
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Little Fugitive

Ein Film von Ray Ashley, Morris Engel, Ruth Orkin.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Auf der letz­ten Berlinale konn­te er in der Retrospektive ent­deckt wer­den, denn hier hat­te Wes Anderson ihn als sei­nen per­sön­li­chen Coming-of-Age-Favoriten aus­ge­wählt: der im New York der 50er spie­len­de „Little Fugitive“, der in der Übersetzung hier immer schon „Kleiner Ausreißer“ hieß. Dies ist genau genom­men falsch, denn Joey ist ein Flüchtling, nach­dem sein gro­ßer Bruder Lenny und des­sen Freunde ihm einen bösen Streich gespielt haben, um ihn los­zu­wer­den. Vor der Polizei auf der Flucht lan­det er, mit wenig Geld in der Tasche, im Kirmes-Wunderland Coney Island, und ver­gisst bald, war­um er hier ist. Der Film hef­tet sich an Joeys Fersen, und nimmt dabei wie von selbst einen doku­men­ta­ri­schen Blick auf das rege ihn umge­ben­de Treiben mit. Während der Junge Karussell fährt, Zuckerwatte isst, als Cowboy auf Ponys rei­tet und dafür immer wie­der Geld besor­gen muss, wer­den die New Yorker wäh­rend ihrer Freizeit por­trä­tiert: beim Bummeln, Flirten, Schwimmen oder Sonnenbaden.
In einer viel­leicht leicht über­trie­be­nen Aussage bezeich­net Francois Truffault „Little Fugitive“ mit sei­ner meis­ter­haft gestal­te­ten, immersiv-ein­la­den­den Schwarz-Weiß-Kinematografie, der mini­ma­lis­ti­schen Erzählweise und dem natu­ra­lis­ti­schen Stil als weg­wei­send für die Regisseure der fran­zö­si­schen Nouvelle Vague, die im Jahrzehnt nach sei­ner Veröffentlichung die Filmszene erober­ten. Selbst wenn er kein so ein­fluss­rei­cher Film gewe­sen sein soll­te, schafft es „Little Fugitive“, der sei­ne ein­fa­che Geschichte nur so natür­lich wie mög­lich erzäh­len will, weit mehr zu errei­chen als das.

Die meis­ten Regisseurinnen haben vor ihrem ers­ten Hollywood-Film bereits Erfahrungen in ande­ren Bereichen des Filmwesens gesam­melt: sei es als Drehbuchautorin, als Schauspielerin, an der Kamera, im Schnitt, als Regieassistenzin oder rund um den Kinosaal. Und wenn sie dann end­lich im Regiestuhl sit­zen, hält ihnen eine kom­plet­te Filmcrew den Rücken frei. Wir hin­ge­gen hat­ten ledig­lich uns selbst. Ohne unse­ren foto­gra­fi­schen Hintergrund hät­ten wir nie Filme dre­hen kön­nen“. Ruth Orkin

Unweit vom fsk zeigt die Gallerie f³ – frei­raum für foto­gra­fie eine Ausstellung mit Fotos der Regisseurin Ruth Orkin.

Credits:

US 1953, 75 Min., engl. OmU
Regie: Ray Ashley, Morris Engel, Ruth Orkin
Kamera: Morris Engel
Schnitt: Ruth Orkin, Lester Troob
mit: Richard Brewster, Winnifred Cushing, Jay Williams, Will Lee, Charley Moss, Tommy DeCanio, Richie Andrusco

Trailer:
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Wie wilde Tiere

Ein Film von Rodrigo Sorogoyen.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Antoine und sei­ne Frau Olga sind Ökobauern aus Frankreich, die sich in einer abge­le­ge­nen Gegend in Galizien eine Existenz auf­bau­en wol­len. Als sie gegen einen Windpark votie­ren, machen sie sich die Dorfbewohner zu Feinden.

WIE WILDE TIERE (As Bestas) hat im Jahr 2023 fast alle Goyas – das ist der spa­ni­sche Filmpreis – abge­räumt, und wenn man den Film schaut, wird nach weni­gen Minuten klar, wie­so. In der Bar von Eusebio sit­zen die Männer des Dorfes bei­ein­an­der und schwin­gen Reden, es sind har­te Knochen, allen vor­an der Wortführer Xan (Luis Zahera) und sein Bruder Loren (Diego Anido), der seit der Sache mit dem Pferd etwas selt­sam ist. Als der Mann, der bis­lang still an der Bar geses­sen hat, sich zum Gehen wen­det, herrscht Xan ihn an „Ey, Franzose, ver­ab­schie­dest du dich nicht?“ In einer ein­zi­gen, dicht insze­nier­ten Szene baut der Film von Rodrigo Sorogoyen eine unglaub­li­che Anspannung auf – und lässt dann über den gesam­ten Verlauf von etwas über zwei Stunden nicht mehr los.

Die Männer des Dorfes sind schlecht auf Antoine (Denis Ménochet) und sei­ne Frau Olga (Marina Foïs), Ökobauern aus Frankreich, die sich in die­ser abge­le­ge­nen Gegend in Galizien eine Existenz auf­bau­en, zu spre­chen, denn sie blo­ckie­ren einen Windpark, der den Dorfbewohnern Geld brin­gen könn­te. Zur offe­nen Feindseligkeit kommt bald schlei­chen­der Terror hin­zu. Erst sind es nur lee­re Schnapsflaschen auf dem Verandatisch, die signa­li­sie­ren, dass in Antoines und Olgas Abwesenheit jemand auf ihrem Grundstück war. Aber nach und nach wer­den die Drohgebärden expli­zi­ter und gefähr­li­cher. Irgendwann will Olga gehen, aber Antoine lässt sich von „sei­nem“ Land nicht ver­trei­ben. In den kar­gen Hügeln, lee­ren Wäldern und dunk­len Steinhäusern bro­delt der Dorfthriller vor sich hin, und auch wenn die Vorkommnisse zunächst eher klein sind, scheint es weder für die Protagonisten noch die Zuschauerinnen rat­sam, die Aufmerksamkeit schwei­fen zu las­sen. Antoine fängt an, die Begegnungen mit sei­nen Nachbarn heim­lich zu filmen.

Unterwegs ändert WIE WILDE TIERE, der wie ein zeit­lo­ser Western wirkt, aber von einer wah­ren Begebenheit inspi­riert ist, mehr­fach fast unbe­merkt sei­nen Fokus. Erzählt er zunächst vom Aussteigerpaar Olga und Antoine, rücken spä­ter die Fehde von Antoine mit Xan und Loren und damit auch deren Lebensumstände ins Blickfeld, und schließ­lich wird Olga zum abso­lu­ten Mittelpunkt der Erzählung. Dabei stellt sich her­aus, dass sie es mit den Männern des Bergdorfes an Härte und Zähigkeit jeder­zeit auf­neh­men kann.

Hendrike Bake | indiekino

Credits:

As Bestas
ES/FR 2022, 137 Min., frz, span. OmU
Regie: Rodrigo Sorogoyen
Kamera: Alejandro de Pablo
Schnitt: Alberto del Campo
mit: Denis Menochet, Marina Foïs, Luis Zahera

Trailer:
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All eure Gesichter

Ein Film von Jeanne Herry.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Was pas­siert mit mir, wenn ich über­fal­len, beraubt oder bedroht wer­de?
Verbrechensopfer auch „min­der­schwe­rer“ Taten lei­den oft noch lan­ge danach am Geschehenen. Die Täter hin­ge­gen machen sich oft kei­ne Vorstellungen davon, was sie anrich­ten. Das Instrument der „Restorativen Justiz“ bzw. des „Täter – Opfer – Ausgleichs“ bringt Täter und Opfer ähn­li­cher Delikte zusam­men. Ziel ist es, auf der einen Seite Erleichterung zu brin­gen, und denen auf der ande­ren Empathie zu ver­mit­teln, also aktiv gemein­sam an der Lösung und Bereinigung der Folgewirkungen die­ser Straftat zu arbei­ten. Die Teilnahme an den Treffen ist abso­lut frei­wil­lig und erfor­dert viel Vorbereitung von allen Seiten. Da es in die­sem geschütz­ten Rahmen um sehr per­sön­li­che Dinge geht und es viel Mut braucht, am Verfahren teil­zu­neh­men, ist doku­men­ta­ri­sches Arbeiten natür­lich aus­ge­schlos­sen. So war genau­es­te Recherche der Regisseurin von­nö­ten, um die fil­mi­schen Prozesse zu ent­wi­ckeln und aus­zu­ar­bei­ten.
Mittels eines her­aus­ra­gen­den Ensembles erzählt „All eure Gesichter“ ver­dich­tet von zwei die­ser Begegnungen, von Wut, Angst, Hilflosigkeit und Hoffnung, Schweigen und der erlö­sen­den Kraft der Worte, von Einsicht, Misstrauen und Vertrauen, von unge­ahn­ten Gemeinsamkeiten und manch­mal auch von ech­ter Wiedergutmachung.
„Die opfer­ori­en­tier­te Justiz wur­de zu einem sehr inter­es­san­ten Feld; der idea­le Rahmen, um einen star­ken Film zu schrei­ben, bei dem viel auf dem Spiel steht, psy­cho­lo­gi­sche Actionszenen, Raum für Dialoge; alles, was ich mag.“ sagt Jeanne Herry über ihre Beweggründe, und über die rea­len Projekte „Diese Begegnungen öff­nen die Türen der Vorstellungskraft. Es ist wie bei einem guten Buch oder einem guten Film: Wir schaf­fen Raum für ande­re, für die Subjektivität der ande­ren, für inne­re Welten, die wir nicht ken­nen oder gut verstehen…“

Credits:

Je ver­rai tou­jours vos visa­ges, FR 2023, 118 Min., frz. OmU, Regie: Jeanne Herry, Kamera: Nicolas Loir, mit: Adèle Exarchopoulos, Dali Benssalah, Leïla Bekhti, Birane Ba, Anne Benoît, Elodie Bouchez, MiouMiou, Gilles Lellouche

Trailer:

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The Old Oak

Ein Film von Ken Loach.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

TJ Ballantyne ist Betreiber des Pubs The Old Oak in einer ehe­ma­li­gen Grubenstadt in Nordengland, wo nicht nur der Ausverkauf leer­ste­hen­der Häuser (damit der Werteverfall aller Immobilien) an aus­wär­ti­ge Investoren die Gemüter umtreibt. Die Schließungen sozia­ler Einrichtungen und Geschäfte, die Arbeits- und Aussichtslosigkeit machen den Menschen zu schaf­fen. Als eine Gruppe syri­scher Geflüchteter im Ort unter­ge­bracht wird, wird es nicht als Chance für neu­en Möglichkeiten gese­hen, son­dern als Gefahr. Zusammen mit der jun­gen Fotografin Yara, deren Vater wohl in Syrien ver­misst wird, ver­sucht TJ, gegen alle Anfeindungen ein soli­da­ri­sches, alle ein­schlie­ßen­des Netzwerk auf­zu­bau­en. Dass er für eine gemein­sa­me Kantine das unge­nutz­te Hinterzimmer des Pubs her­rich­tet, zuvor aber eine geplan­te Versammlung gegen die „Fremden“ dort unter­sagt hat, bringt sei­ne Stammgäste zunächst gegen ihn auf.
In ihrer klei­nen Utopie zei­gen Loach und sein Autor Laverty ein­mal mehr die Zusammenhänge und Auswirkungen einer rein aufs Ökonomische gerich­te­ten Politik auf. Für alle, denen das Ende zu posi­tiv ist, gibt es einen Trost: die Geschichte hat sich, so oder so ähn­lich, tat­säch­lich ereig­net.
„Loachs [und Lavertys] Anliegen ist klar: Syrische Flüchtlinge und eng­li­sche Arbeiter ste­hen auf der­sel­ben Stufe. Sie alle sind Unterdrückte und Opfer, ent­we­der von Kriegen oder Marktinteressen. Flüchtlinge zu has­sen, ihnen gar die Schuld an den eige­nen Problemen zu geben, nur weil die Boulevard-Medien dazu ansta­cheln, hat des­halb kei­nen Sinn. Loach plä­diert des­halb für Selbsthilfe. Die Kantine im „Old Oak“ ist so etwas wie eine prag­ma­ti­sche Lösung im Kleinen, ohne staat­li­che Vorgaben oder Hilfe. Hier begeg­nen sich frem­de Menschen, um Vorurteile abzu­bau­en und sich gegen­sei­tig bei ihren Problemen zu hel­fen. Wer gemein­sam isst, ver­steht sich bes­ser.
Das steht im wun­der­ba­ren Gegensatz zur aktu­el­len Politik, die vor unkon­trol­lier­ten Flüchtlingsströmen warnt – und dar­um kon­se­quen­ter­wei­se in die­sem Film gar nicht vor­kommt.“
Michael Ranze | Filmdienst

Credits:

GB/FR/BE 2023, 113 Min., engl. OmU
Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
Kamera: Robbie Ryan
Schnitt: Jonathan Morris
mit: Dave Turner, Ebla Mari, Debbie Honeywood, Reuben Bainbridge

Trailer:

OmU!

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