Porträt einer jungen Frau in Flammen

Ein Film von Céli­ne Sciam­ma. Ab 31.10. im fsk.

[Credits] [Ter­mi­ne] [Trai­ler]

Per Ruder­boot wird Mari­an­ne (Noé­mie Mer­lant) an eine abge­le­ge­ne Küs­te der Bre­ta­gne gebracht. Wir schrei­ben das Jahr 1770, die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on liegt noch etli­che Jah­re in der Zukunft, die Rol­le der Frau in der Gesell­schaft ist fest­ge­schrie­ben. Umso unge­wöhn­li­cher ist Mari­an­nes Metier: Sie ist Por­traitma­le­rin und hat nun einen neu­en Auf­trag ange­nom­men. Eine ver­wit­we­te ita­lie­ni­sche Grä­fin (Vale­ria Goli­no) beauf­tragt sie, dass Bild ihrer Toch­ter Héloï­se (Adè­le Haen­el) zu malen. Die­ses Bild ist drin­gend not­wen­dig, um die geplan­te, arran­gier­te Ehe von Héloï­se zu bestä­ti­gen. Die­se ist einem ihr unbe­kann­ten Mann im fer­nen Mai­land ver­spro­chen, der sie nie gese­hen hat.

Doch Héloï­se sträubt sich gegen die­se arran­gier­te Ver­bin­dung, wei­gert sich, für das Por­trait Modell zu sit­zen. So muss Mari­an­ne im Gehei­men, aus dem Gedächt­nis malen und blickt Héloï­se wäh­rend gemein­sa­mer Spa­zier­gän­ge an der rau­en Küs­te umso ein­dring­li­cher an. Unwei­ger­lich ver­lie­ben sich die bei­den jun­gen Frau­en und begin­nen wäh­rend der kurz­zei­ti­gen Abwe­sen­heit der Mut­ter eine Affä­re. Doch trotzt der Inten­si­tät der gemein­sa­men Momen­te ist bei­den klar, dass die­se Ver­bin­dung nicht von Dau­er sein kann.

Bekannt wur­de Céli­ne Sciam­ma als Autorin und Regis­seu­rin von Fil­men wie André Téchi­nés „Mit Sieb­zehn“ oder ihrem eige­nen „Mäd­chen­ban­de“, zeit­ge­nös­si­schen Fil­men, die moder­ne Rol­len­ver­hält­nis­se the­ma­ti­sier­ten. Da über­rascht es auf den ers­ten Blick ein wenig, dass sie sich für ihren neu­en Film 250 Jah­re in die Ver­gan­gen­heit begibt und sich dem oft ein wenig ange­staub­ten Gen­re des Kos­tüm­dra­mas annimmt. Doch „Por­trät einer jun­gen Frau in Flam­men“ ist weni­ger ein Film über eine ver­gan­ge­ne Zeit, als ein Film über die Gegen­wart, erzählt zwar vor­der­grün­dig von längst über­hol­ten Tra­di­tio­nen, die jedoch auf den zwei­ten Blick viel über die Rol­le der Frau in der Gegen­wart ver­ra­ten.

Unab­hän­gig und frei wirkt Mari­an­ne zunächst, einen selbst­stän­di­gen, künst­le­ri­schen Beruf aus­übend, nicht den Zwän­gen der Gesell­schaft unter­wor­fen. Doch bald zeigt sich, dass die­se ver­meint­li­che Frei­heit nur bedingt exis­tiert: Mit einem Por­trait wie dem von Héloï­se, dass in einer Zeit vor der Pho­to­gra­phie not­wen­dig ist, um fern­münd­li­che arran­gier­te Ehen zu bestä­ti­gen, trägt sie zur Auf­recht­erhal­tung der Kon­ven­tio­nen bei. Ihr weib­li­cher Blick auf ihre Sub­jek­te ersetzt sozu­sa­gen den männ­li­chen Blick.

Über den wird in Bezug auf das Kino seit lan­gem dis­ku­tiert, gera­de weil es in der Film­ge­schich­te meist Män­ner waren, die hin­ter der Kame­ra stan­den und die vor der Kame­ra ste­hen­den Frau­en film­ten. Bei Sciam­ma herrschst nun ein dezi­diert weib­li­cher Blick, die Kame­ra führ­te eine Frau, vor der Kame­ra tre­ten prak­tisch nur Frau­en auf, bis auf eine kur­ze Sequenz zu Beginn kom­men Män­ner noch nicht ein­mal zu Wort. Und den­noch ist „Por­trait einer jun­gen Frau in Flam­men“ kei­nes­wegs ein dog­ma­ti­scher, ideo­lo­gi­scher Film.

Zwar zeigt Sciam­ma Mecha­nis­men der Unter­drü­ckung auf, deu­tet die Schwie­rig­keit für eine Frau wie Mari­an­ne an, in einer von Män­nern domi­nier­ten Welt wirk­lich unab­hän­gig zu leben, doch didak­tisch wird sie nie. Am Ende erzählt sie in bril­lan­ten Bil­dern, mit zwei her­vor­ra­gen­den Schau­spie­le­rin­nen von einer unmög­li­chen Lie­be, einer Ver­bin­dung, die auch dann noch exis­tiert, als die bei­den Frau­en zumin­dest räum­lich schon lan­ge getrennt sind.

Micha­el Meyns | programmkino.de

 

Credits:

Por­trait de la jeu­ne fil­le en feu
FR 2019, 113 Min., frz. OmU
Regie & Buch: Céli­ne Sciam­ma
Kame­ra: Clai­re Mathon
Schnitt: Juli­en Lacher­ay
mit: Noé­mie Mer­lant, Adè­le Haen­el, Vale­ria Goli­no

Ter­mi­ne:

  • noch kei­ne oder kei­ne mehr

 
Trai­ler: