Archiv des Autors: fsk

La Chimera

Ein Film von Alice Rohrwacher. Ab 11.4. im fsk.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Eine ganz eige­ne, magi­sche Erzählung über einen Jäger ver­lo­re­ner Artefakte. Angesiedelt in den traum­haf­ten Landschaften von Riparbella in der Toskana in den 1980er Jahren, erzählt „La Chimera“ die Geschichte von Arthur (Josh O’Connor), einem ehe­ma­li­gen bri­ti­schen Archäologen, der mitt­ler­wei­le ein düs­te­res Gangsterleben führt. Als wir ihn zum ers­ten Mal im Film sehen, ist Arthur gera­de aus dem Gefängnis ent­las­sen wor­den. Zuvor hat er die altern­de Aristokratin Flora (Isabella Rossellini) getrof­fen und sich in deren Tochter Beniamina (Yile Vianello) ver­liebt. Als Beniamina stirbt, schließt sich Arthur einem klei­nen Netzwerk von kurio­sen Grabräubern an, die sich mit viel krea­ti­ver Kraft dem Diebstahl von etrus­ki­schen Schätzen wid­men. Während die meis­ten aufs gro­ße Geld hof­fen, ist Arthur nur dar­an inter­es­siert, sich mit sei­ner ver­stor­be­nen Traumfrau wie­der zu vereinen.

Wie schon Rohrwachers frü­he­re Werke, so ist auch „La Chimera“ ein ele­gan­tes Amalgam des ita­lie­ni­schen Kinos. Echos der Werke der größ­ten Meister durch­zie­hen ihren Film; von Pasolinis Außenseiterromantik, über die Folklore der Werke der Gebrüder Taviani bis hin zu den erns­ten Glaubensbekenntnissen eines Ermanno Olmi. Und die Gang der etrus­ki­schen Grabräuber könn­te ohne wei­te­res aus Fellinis „Amarcord“ oder „Roma“ gecas­tet sein. Dennoch folgt die ita­lie­ni­sche Regisseurin nicht nur den Spuren gro­ßer Vorbilder, son­dern formt sehr intel­li­gent ihren eige­nen, unver­wech­sel­ba­ren Stil, der zwi­schen der Rauheit des Neorealismus und einer traum­haf­ten Verspieltheit chan­giert und flie­ßend zwi­schen ver­schie­de­nen Konventionen wech­selt. Es ist ein Kino der gro­ßen Gefühle und sinn­li­chen Freude, das den Abenteuer-Plot in einen fil­mi­schen Karneval über­führt und den Alice Rohrwachers genia­le Kamerafrau Hélène Louvart in einen wil­den Mix aus 35mm, 16mm und Super8-Aufnahmen ein­fängt. Kurzum: Eine Feier von Zelluloid-Träumen. Dafür gewann der Film im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes den FIPRESCI-Preis als bes­ter Film.

Around the world in 14 films

Credits:

IT, FR, CH 2023, 103 Min., ital./engl. OmU
Regie: Alice Rohrwacher
Kamera: Hélène Louvart
Schnitt: Nelly Quettier
mit: Josh O’Connor, Carol Duarte, Isabella Rossellini, Alba Rohrwacher 

Trailer:
LA CHIMERA (Official Trailer, OV/d)
nach oben

Evil does not exist

Ein Film von Ryusuke Hamaguchi. Ab 18.4. im fsk.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Takumi (Hitoshi Omika) und sei­ne Tochter Hana (Ryo Nishikawa) leben in einem klei­nen Dorf namens Mizubiki, das nicht weit von der japa­ni­schen Hauptstadt Tokio ent­fernt liegt. Ihr Leben ist ein­fach und eng mit der Natur ver­bun­den. Sie genie­ßen die Kargheit und Abgeschiedenheit ihres Alltags. Doch die­se Idylle scheint bald ein Ende zu neh­men. Ein Unternehmen aus Tokio plant, eine Luxus-Campinganlage in der Nähe zu errich­ten. Das ent­schleu­nig­te Leben der Dorfbewohner hät­te damit ein Ende. Die Fronten sind ver­här­tet. In einem Versuch, die Situation zu ent­schär­fen, schickt das Unternehmen zwei Agenturmitarbeiter nach Mizubiki. Doch anstatt einer Lösung nahe­zu­kom­men, führt dies zu wei­te­ren Spannungen –mit tief­grei­fen­den Folgen für alle Beteiligten.
Umwelt gegen Ökonomie. Um die­se Auseinandersetzung geht es in Hamaguchis Werk, das auf dem letzt­jäh­ri­gen Filmfest von Venedig acht Minuten lang Standing Ovations erhielt. „Evil Does Not Exist“ ist eine fein­füh­lig erzähl­te, öko­lo­gi­sche Reise zu dem, was die Menschen in Mizubiki im Innersten antreibt und was sie erfüllt: sie exis­tie­ren selbst­be­stimmt und unab­hän­gig. Sie leben von dem, was der Wald ihnen gibt und was auf natür­li­che Weise vor­han­den ist.
Als Zuschauer beob­ach­tet man Takumi beim Wasserholen (aus dem nahe­ge­le­ge­nen Fluss), Holz hacken, bei den aus­gie­bi­gen Wanderungen und auf Hirschjagd. Oft ist sei­ne inter­es­sier­te Tochter Hana mit dabei, der Takumi viel über die Wälder, Tiere und Bäume lehrt. Gerade jene Szenen im Wald haben etwas zutiefst Meditatives und zäh­len zu den stim­mungs­volls­ten des Films. Verantwortlich dafür sind neben den unge­wöhn­li­chen Blickwinkeln und Kameraperspektiven noch zwei ande­re Aspekte. Zum einen die authen­ti­sche Soundkulisse und Klanglandschaft, vom Fließen des Baches über die kna­cken­den Äste bis hin zum Vogelgezwitscher.
Zum ande­ren die wun­der­schö­ne, anrüh­ren­de Filmmusik, kom­po­niert von der japa­ni­schen Künstlerin Eiko Ishibashi. Ihre Klänge unter­strei­chen vie­le Szenen, nicht nur jene im Wald. Und meist hat man das Gefühl, dass ihre Musik maß­geb­lich und stell­ver­tre­tend für die Stimmung des gesam­ten Films ist. Zu jener Naturverbundenheit und dem bereits ange­spro­che­nen Realismus kommt aber etwas hin­zu, das den Frieden stört. Den Frieden und das ruhi­ge Leben der Dorfbewohner. Das Eintreffen der bei­den Firmenvertreter in Mizubiki eben­so wie die „Glamping“-Pläne ihres Arbeitgebers, sym­bo­li­sie­ren das Eindringen des Menschen in die Natur. Stehen die Dörfler exem­pla­risch für ein natur­be­wuss­tes Dasein und die Liebe zur Umwelt, so geben die Firmenvertreter dem Kapitalismus und Gewinnstreben ein Gesicht.
Doch „Evil Does Not Exist“ gewährt jeder Seite letzt­lich eine fai­re Chance, um für ihre Position ein­zu­ste­hen und Argumente dar­zu­le­gen. Ryusuke Hamaguchi ergreift kei­ne Partei, auch wenn sein Standpunkt sub­til und unter­schwel­lig oft durch­scheint. Und egal ob Dorfbewohner oder Städter: Hamaguchi ent­lockt sei­nen Schauspielern durch den redu­zier­ten Einsatz von Dialogen durch­weg und unab­läs­sig gelun­ge­ne, wahr­haf­ti­ge Leistungen.

Björn Schneider | programmkino.de

Credits:

Aku wa Sonzai Shinai (悪は存在しない)
JP 2023, 106 Min., japan. OmU
Regie: Ryusuke Hamaguchi
Kamera: Yoshio Kitagawa
Schnitt: Ryūsuke Hamaguchi & Azusa Yamazaki
mit: Hitoshi Omika, Ryo Nishikawa, Ryūji Kosaka,
Ayaka Shibutani

Trailer:
nach oben

Helke Sander: Aufräumen

Ein Film von Claudia Richarz.
Am 11.3. mit anschlie­ßen­dem Filmgespräch mit Claudia Richarz und Helke Sander. Moderation: Tobias Büchner.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Es beginnt beim Bestatter: Helke Sander sucht sich einen Sarg aus, kein Zeichen von Fatalismus oder Morbidität, son­dern von Selbstbestimmung bis zum Ende. Eigentlich wür­de sie ger­ne ein­fach in einem Tuch begra­ben wer­den, so wie es bei Muslimen Tradition ist, doch für eine Deutsche auf einem deut­schen Friedhof gel­ten stren­ge Regeln.

Dass sie auch hier die Regeln hin­ter­fragt passt zu einer Frau, die in einem Moment sagt: „Wer nach­denkt, radi­ka­li­siert sich auch.“ Nachgedacht hat Helke Sander viel, beson­ders in den 60er Jahren, als die Studentenrevolten ihren Anfang nah­men, Revolten, die aber bei aller Radikalität oft von einem imma­nen­ten Sexismus geprägt waren. Das Patriarchat ließ sich bei den Eltern ger­ne ankla­gen, bei sich selbst waren die Muster nicht so schnell weg­zu­be­kom­men. Und so kam es 1968 zu Helke Sanders legen­dä­rer Rede vor dem SDS, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund. Sie for­der­te die Männer im Saal auf, sich nicht nur für die Befreiung der unter­drück­ten Völker in Vietnam oder anders­wo ein­zu­set­zen, nicht nur auf das gro­ße Ganze zu schau­en, son­dern auch das klei­ne, das wenig Spektakuläre im Auge zu behal­ten: Die Realität der Frauen in Deutschland, in Frankfurt und Berlin.

Dort stu­dier­te Sander im legen­dä­ren ers­ten Jahrgang der Filmhochschule DFFB, in dem unter ande­rem Wolfgang Petersen, Harun Farocki, Hartmut Bitomsky und auch der spä­te­re RAF-Terrorist Holger Meins stu­dier­ten. Erste Filme dreh­te Sander noch in den 70er Jahre, ihren bekann­tes­ten 1978. In „Die all­sei­tig redu­zier­te Persönlichkeit – Redupers“ spielt sie sel­ber die Hauptrolle einer allein­er­zie­hen­den Frau, die in West-Berlin als Fotografin arbei­tet und ver­sucht, Kind, Beruf, Privatleben und poli­ti­sches Bewusstsein unter einen Hut zu bringen.

Nicht nur durch ihr eige­nes Mitwirken vor der Kamera wird deut­lich, wie auto­bio­gra­phisch die­ser Film war: Anfang der 60er Jahre zog Sander nach Finnland, bekam ein Kind und kehr­te spä­ter als allein­er­zie­hen­de Mutter nach Berlin zurück. In der Rückschau bli­cken sie und Zeitgenossinnen durch­aus selbst­kri­tisch auf die­se Zeit zurück, geben zu, dass die Kinder nicht immer die Aufmerksamkeit beka­men, die sie viel­leicht hät­ten bekom­men sollen.

Das Private und das Politische unter einen Hut zu brin­gen, das war damals schon schwie­rig, das ist es auch heu­te noch, doch die Fortschritte, die seit den 60er Jahre in der Gesellschaft, aber auch in der Filmbranche zu beob­ach­ten sind, zei­gen, dass der Einsatz von Helke Sander und ande­ren nicht umsonst war. Heute gibt es die Initiative ProQuote, heu­te gibt es Kinderbetruung am Filmset und manch ande­re Errungenschaft. Wie Claudia Richarz in ihrem Dokumentarfilm „Helke Sander: Aufräumen“ über­zeu­gend zeigt: Nicht zuletzt dank Helke Sander.

Michael Meyns | programmkino.de

Credits:

GB 2023, 101 Min.
Regie: Claudia Richarz
Kamera: Claudia Richarz, Martin Gressmann, Volker Sattel
Schnitt: Martin Kayser-Landwehr, Magdolna Rokob

Trailer:
nach oben
Squaring the Circle - The Story of Hipgnosis

Squaring the Circle: The Story of Hipgnosis

Ein Film von Anton Corbijn . Ab 14.3. im fsk.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Es begann mit einem Knall: Als die bri­ti­sche Polizei 1964 eine ille­ga­le Party in der Underground-Szene von Cambridge gewalt­sam been­det, sind die bei­den Kunststudenten Aubrey „Po“ Powell und Storm Thorgerson die Einzigen, die nicht die Flucht ergrei­fen und den Beamten die Stirn bie­ten. Fortan ist das Duo unzer­trenn­lich. Gemeinsam grün­den sie das Grafik-Label „Hipgnosis“ und desi­gnen die ers­ten Cover für die noch unbe­kann­ten Rocker von Pink Floyd. Mit avant­gar­dis­ti­schem Stil und dem kom­pro­miss­lo­sen Primat der Kunst vor dem Kommerz wer­den Po und Storm zu Lieblingen der Bands – und zum Schrecken der Musikstudios und ‑pro­du­zen­ten. Der Erfolg aber gibt ihnen Recht. Pink Floyd wer­den Weltstars, ihre Cover erlan­gen Kultstatus.

Credits:

GB 2022, 101 Min., engl. OmU,
Regie: Anton Corbijn
Kamera: Stuart Luck, Martijn van Broekhuizen
Schnitt: Andrew Hulme
mit: Paul McCartney, Aubrey Powell, Jimmy Page, Noel Gallagher, Robert Plant, Roger Waters, u.a.

Trailer:
Squaring the Circle: The Story of Hipgnosis (2022)
nach oben
Wir waren Kumpel

Wir waren Kumpel

Ein Film von Christian Johannes Koch & Jonas Matauschek.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Hast du eine am Sträußchen?“ hät­ten die Eltern gesagt, wäre Martina mit dem Wunsch, Friseuse zu wer­den, „um die Ecke gekom­men“. Martina ist eine von fünf Bergleuten, die der Film vor und nach der Schließung der ost­west­fä­li­schen Steinkohle-Zeche beglei­tet. Bis 2015 hieß sie Mark, seit ihrer Transition ist sie die ers­te und ein­zi­ge Frau, die unter Tage ein­fährt.
Er ver­brin­ge mehr Zeit mit sei­nem Kumpel Wolfgang („Locke“) als mit sei­ner Frau, rech­net Marco („Langer“) vor. Damit und mit der Arbeit ist bald Schluss, und vor­aus­schau­end macht er neben­her den Busführerschein. Locke wie­der­um ver­misst nach der Stilllegung die gemein­sa­me Zeit schmerz­lich, trotz der oft hef­ti­gen Anblafferei zwi­schen ihnen, oder viel­leicht gera­de des­halb.
Auch Thomas fällt die Umstellung nicht leicht, zumal er die Wohnung mit der alles kon­trol­lie­ren­den Mutter jetzt den gan­zen Tag teilt. Der Tamile Kirishanthan („Kiri“) floh vor über 20 Jahren aus Sri Lanka. Die Hütte und die Kumpel sind seit­dem neben sei­ner Familie ein zwei­tes Zuhause. Auch er muss sich nun umori­en­tie­ren.
Das Ende des Steinkohlebergbaus in Deutschland bedeu­te­te auch das Ende eines der unge­sün­des­ten und här­tes­ten Berufe, wie man sehen kann. Ein Arbeitsplatz in bis zu 1600m Tiefe, enge Stollen, Hitze, Kohlenstaub, Schichtbetrieb – trotz­dem rol­len die Tränen beim Abschied nicht aus Freude. Der Strukturwandel trägt neben Perspektivlosigkeit auch Einsamkeit in sich, denn die har­te Arbeit und das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, schwei­ßen zusam­men. Der Film zeigt das in tra­gisch-humor­voll-berüh­ren­der Weise, und fin­det für den„Rückbau“ und was „danach“ pas­siert. beein­dru­cken­de Bilder.
Während Locke sich, ange­regt durch sei­ne Kinder und der FFF-Bewegung, Gedanken zum Klimaschutz macht („ein Bergmann, der Kohle geför­dert hat für Kohlekraftwerke will die Welt ret­ten – das wär doch mal was“), fährt Lange einen Schulbus, Kiri unter­rich­tet Tamilisch und Thomas kämpft mit sei­ner Mutter um die Hoheit am Herd. Nur Martina blieb dem Bergbau treu: sie arbei­tet jetzt im Salzbergwerk.

Credits:

DE 2023, 104 Min.,
Regie: Christian Johannes Koch & Jonas Matauschek
Kamera: Sebastian Klatt
Schnitt: Natali Barrey, Annette Brütsch, Jonas Matauschek

Trailer:
nach oben

Club Zero

Ein Film von Jessica Hausner. Ab 28.3. im fsk.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Miss Novak beginnt an einer inter­na­tio­na­len Privatschule zu unter­rich­ten, wo sie mit ihrem Unterricht über bewuss­te Ernährung die Essgewohnheiten der Schüler grund­le­gend verändert. Ohne den Verdacht der ande­ren Lehrer und der Eltern zu wecken, gera­ten eini­ge der Schüler in ihren Bann, bis sie schließ­lich selbst Teil des geheim­nis­vol­len Club Zero werden.

Es gibt bei mir kei­ne mora­li­sche Verurteilung, kei­ne Erlösung. Und ich den­ke, das Thema Ernährung berührt einen Nerv. Essen ist extrem intim, wie Nacktsein oder Sex. Es ist auch tabui­siert.” Jessica Hausner

Credits:

AT, UK, DE, FR, DK 2023, 110 Min., eng­li­sche OmU
Regie: Jessica Hausner
Kamera: Martin Gschlacht
Schnitt: Karina Ressler
mit: Mia Wasikowska, Sidse Babette Knudsen, Elsa Zylberstein, Lukas Turtur, Mathieu Demy, Amir El-Masry, Ksenia Devriendt, Luke Barker

Trailer:
nach oben

Slow

Ein Film von Marija Kavtaradze. Ab 21.3. im fsk.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Als Tanzlehrerin Elena bei einem Kurs für gehör­lo­se Jugendliche dem Gebärdendolmetscher Dovydas begeg­net, gibt es sofort eine Anziehung zwi­schen den bei­den, eine unmit­tel­ba­re Energie. Sie tref­fen sich wie­der, ver­brin­gen Zeit mit­ein­an­der, tei­len ers­te Erinnerungen. Schnell bekommt ihre Freundschaft immer roman­ti­sche­re Züge. Doch als Elena auch Dovydas’ kör­per­li­che Nähe sucht, schreckt der zurück und offen­bart ihr, dass er ase­xu­ell ist. Beide sind ein­an­der so wich­tig gewor­den, dass sie trotz­dem einen Weg als Paar fin­den wol­len – mit einer Art von Intimität, die sich für bei­de rich­tig anfühlt.

Credits:

LT/ES/SE 2023, 108 Min., litaui­sche OmU
Regie: Marija Kavtaradze
Kamera: Laurynas Bareiša
Schnitt: Silvija Vilkaitė
mit: Greta Grinevičiūtė, Kęstutis Cicėnas

Trailer:
SLOW Trailer Deutsch | German [HD]
nach oben

Die Unschuld

Ein Film von Hirokazu Kore-eda. Ab 21.3. im fsk.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Ein Haus brennt, mit­ten in der japa­ni­schen Kleinstadt, in der sich die Ereignisse von „Die Unschuld“ abspie­len. Ein Stripclub befand sich in dem Haus, den der Lehrer Hori (Eita Nagayama) offen­bar regel­mä­ßig besuch­te. Allein das lässt ihn ver­däch­tig erschei­nen, zumin­dest in den Augen von Saori (Sakura Ando), eine allein­er­zie­hen­de Mutter, die sich über das zuneh­mend rät­sel­haf­te Verhalten ihres Sohnes Minato (Soya Kurokawa) wun­dert. Mal schnei­det der sich sei­ne Haare ab, mal kommt er mit nur einem Schuh nach Hause. In der Schule jedoch fin­det Saori kei­ne Antworten, die Direktorin Fushimi (Yuko Tanaka) weicht den besorg­ten Fragen der Mutter aus und Hori deu­tet an, das Minato sei­nen Mitschüler Yori (Hinata Hiragi) schlecht behandelt.

Viele Fährten wer­den in die­sem ers­ten Teil gelegt, Andeutungen gemacht, Verdächtigungen aus­ge­spro­chen. Doch dann geht es an den Anfang zurück, zum bren­nen­den Haus, doch dies­mal bleibt die Erzählung beim Lehrer Hori, wer­den die Ereignisse aus sei­ner Perspektive geschil­dert. Und plötz­lich wirkt man­ches ganz anders, die Verletzung an Minatos Ohr, ein Streit im Klassenzimmer, ein Sturz auf der Treppe. Doch erst wenn im drit­ten Teil von „Die Unschuld“ aus der Perspektive von Minato erzählt wird, offen­bart sich die Wahrheit, lösen sich die Rätsel auf.

Vor sechs Jahren wur­de der japa­ni­sche Regisseur Hirokazu Kore-eda für „Shoplifters“ mit der Goldenen Palme aus­ge­zeich­net. Der ver­dien­te Höhepunkt einer gro­ßen Karriere, doch im Folgenden schien Kore-eda etwas ver­lo­ren, dreh­te Filme in Frankreich und Südkorea, in frem­den Kulturen, in frem­den Sprachen, in denen er nicht so prä­zi­se, nicht so sub­til agier­te, wie man es von ihm gewohnt war. Nun ist er nach Japan zurück­ge­kehrt, ver­filmt aller­dings zum ers­ten Mal seit vie­len Jahren wie­der ein Drehbuch, das er nicht sel­ber geschrie­ben hat, ein Buch auch, das nicht so klar und line­ar erzählt, wie ein typi­scher Kore-eda-Film.

Die Struktur, die die sel­ben Ereignisse aus unter­schied­li­chen Perspektiven erzählt, erin­nert an Akira Kurosawas Klassiker „Rashomon“, aller­dings mit einem fun­da­men­ta­len Unterschied: Während sich in Kurosawas Film die unter­schied­li­chen Versionen eines Ereignisses wider­spra­chen und sich am Ende somit kei­ne kla­re Wahrheit her­aus­kris­tal­li­sier­te, besteht am Ende von Kore-edas „Die Unschuld“ kein Zweifel dar­an, dass die drit­te Version, der Blick der Kinder, die Wahrheit darstellt.

Um die­sen Effekt zu errei­chen muss Kore-eda zuvor immer wie­der mani­pu­lie­ren, fal­sche Fährten legen, den Zuschauer eben­so wie die erwach­se­nen Figuren täu­schen. Wie leicht das geht, wie leicht man sich ange­sichts klei­ner, miss­ver­ständ­li­cher Indizien, aber auch der gesell­schaft­li­chen Konventionen, eine bestimm­te Wahrheit zurecht­legt, dar­um geht es in „Die Unschuld.“ Das am Ende die Perspektive der Kinder die Wahrheit ans Licht bringt kann nicht über­ra­schen: Immer wie­der hat Kore-eda aus Sicht von Kindern und Jugendlichen erzählt, hat ihren Blick auf eine erwach­se­ne Welt gezeigt, in denen ihre Wünsche und Sorgen oft nicht ernst genom­men werden.

M.Meyns | programmkino.de

Credits:

Kaibutsu (Monster)
Japan 2023, 127 Min., japan. OmU
Regie & Schnitt: Hirokazu Kore-eda
Kamera: Kondo Ryuto
mit: Eita Nagayama, Sakura Ando, Soya Kurokawa, Yuko Tanaka, Hinata Hiragi, Mugino Saori

Trailer:
nach oben

Julie – eine Frau gibt nicht auf

Ein Film von Eric Gravel. 

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Schon an nor­ma­len Tagen lebt Julie am Limit – allein­er­zie­hend mit zwei Kindern, Pendlerin zum Job in einem Luxus-Hotel im Zentrum von Paris, über­fäl­li­ge Kreditratenzahlungen und einem Ex-Mann, der nicht nur beim Unterhalt unzu­ver­läs­sig ist, ein anste­hen­der Kindergeburtstag… . Aber es kommt noch ärger: der Nahverkehr streikt, die Tagesmutter fast auch, und all‘ das aus­ge­rech­net, als Julie end­lich ein Job-Interview für eine gut bezahl­te Stelle im erlern­ten Beruf hat. Die Chefin im Luxushotel darf davon nichts wis­sen, und um die Zeit dafür frei zu bekom­men, wer­den Kolleginnen ein­ge­spannt. Unter gewal­ti­gem Druck orga­ni­siert, rennt, impro­vi­siert Julie auf Kante, und darf sich dabei den Stress nicht anmer­ken las­sen, nicht bei den Kindern, nicht im Hotel, und schon gar nicht beim Vorstellungsgespräch.

»… ein dyna­misch inten­si­ves Filmkunstwerk – manch­mal ist es ein biss­chen so, als wür­de man einem Hochseil-Kettensägen-Jonglierakt zuse­hen, der kurz davor ist, schreck­lich und kata­stro­phal schief zu gehen.« Wendy Ide | Screen-Daily

» Der Filmemacher … bestä­tigt hier sei­ne Kunst, ent­schei­den­de und wich­ti­ge Fragen in ein­drucks­vol­le und fas­zi­nie­ren­de fil­mi­sche Abenteuer zu ver­wan­deln.«  Fabien Lemercier | cin­eu­ro­pa

» Kommen Sie wegen des sozia­len Realismus, aber blei­ben Sie wegen des Thrills, denn Julies Tage wer­den zu einer auf­re­gen­den Analyse der ato­mi­sie­ren­den Auswirkungen des Kapitalismus. Lauf, Julie, lauf! «  Edinburgh Filmfestival

» Lassen Sie sich danach Zeit, um sich zu ent­span­nen.« The Guardian

Credits:

À plein temps
FR 2022, 88 Min., franz. OmU
Regie: Eric Gravel
Kamera: Victor Seguin
Schnitt: Mathilde Van de Moortel
mit: Laure Calamy, Anne Suarez, Geneviève Mnich, Nolan Arizmendi, Sasha Lemaitre Cremaschi, Cyril Gueï

Trailer:
nach oben

Kraft der Utopie – Leben mit Le Corbusier in Chandigarh

Ein Film von Karin Bucher und Thomas Karrer.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Kurz nach der Teilung Indiens und der Befreiung aus der Kolonialherrschaft Englands soll am Fusse des Himalayas aus dem Nichts eine neue Hauptstadt für den Punjab gebaut wer­den. Die alte Hauptstadt Lahore war Pakistan zuge­teilt wor­den. Die Planstadt Chandigarh steht für die neue Demokratie, den Fortschritt und den Glauben an die Zukunft. Engagiert wur­den Architekten aus dem Westen. Zuerst Albert Mayer, dann der schwei­ze­risch-fran­zö­si­sche Architekt Le Corbusier. Absichten, Visionen und Utopien kamen zusam­men. Für Le Corbusier bot Chandigarh die ein­ma­li­ge Gelegenheit, sein Lebenswerk zu voll­enden und sei­ne städ­te­bau­li­chen Ideen umzu­set­zen. Seine Vision war die einer moder­nen, huma­nen und gerech­ten Stadt, nach dem «Mass des Menschen» erbaut, die ein kul­tu­rel­les Leben und ein har­mo­ni­sches Zusammenspiel von Mensch und Natur ermöglichte. 

Zum 70-jäh­ri­gen Bestehen der Planstadt von Le Corbusier fra­gen wir nach, ob in Chandigarh die­se Vision Realität gewor­den ist. Der Film beglei­tet Menschen auf ihren Wegen durch die Stadt und sucht Orte und Schauplätze auf, an denen sich das schil­lern­de Zusammenspiel von altem Traum und neu­em Leben, von Utopie und Alltag, von Zerfall und lei­ser Poesie zei­gen. Ein Zeitzeuge erin­nert sich an die Gründerzeit. Die Direktorin des Le Corbusier Centers, ein Künstler, ein Schauspieler und ein Architekt erzäh­len vom Wagnis, sich hier nie­der­zu­las­sen und reflek­tie­ren ihr Leben in und mit Chandigarh. Auf Streifzügen tref­fen wir Bewohner:innen, die unse­ren Blick auf die Stadt erwei­tern und tau­chen in das all­täg­li­che Leben ein, wel­ches sich die bau­li­chen Strukturen zu eigen gemacht hat. 

Credits:

CH 2023, 84 Min., engl., deut­sche OmU
Regie & Kamera: Karin Bucher, Thomas Karrer
Schnitt: Fabian Kaiser, Thomas Karrer, Mirjam Krakenberger

Trailer:
nach oben