Über weite Strecken, und die Strecke von Moskau nach Murmansk ist weit, spielt der Olli-Mäki-Nachfolgefilm im Zug, genauer, im titel gebenden 2‑Personen-Schlafabteil. Die Finnin Laura wollte sich mit ihrer Liebe Irina hier eine gemütliche Zeit auf der langen Fahrt durch die winterliche Taiga machen, doch Irina kam Wichtigeres dazwischen. Laura muss alleine reisen, und plötzlich findet sich die Studentin ungefragt in enger Gesellschaft eines unverschämten, zunächst hackevollen jungen russischen Minenarbeiters wieder. Auch mit dem nüchteren Ljoha am nächsten Morgen bessert sich die Situation zunächst nicht, aber – der Weg ist weit und die Reise lang.
„‘Abteil No. 6‘ ist eine Art ‚Before Sunrise‘ mit zusätzlichen Hindernissen. Nicht unterschiedliche Ziele stehen einem Kennenlernen zwischen Laura und Ljoha im Weg, sondern ganz eindeutig Klassenschranken…. Dass der Film tatsächlich irgendwann bei jenem generischen Moment landet, in dem die eine lächelnd die Notiz, die der andere zum Abschied geschrieben hat, ausfaltet und liest, und sich diesen Moment auch noch verdient hat, ist ein kleines Wunder.
Dass das funktioniert, hat sichtlich mit den beiden Hauptdarstellern zu tun, aber vielleicht auch damit, dass Regisseur Juho Kuosmanen neben seinem scharfen Sinn für die feinen Unterschiede auch weiß, dass es häufig etwas Drittes braucht, damit zwei sich verstehen. Kein Wunder also, dass Laura und Ljoha das erste Mal miteinander ins Gespräch kommen, als für kurze Zeit eine Familie mit nervigen Kindern ins Abteil steigt. Dass sie erstmals miteinander saufen und lachen, als sie bei einem nächtlichen Stopp eine alte Freundin von Ljoha besuchen. Und dass Laura erst durch die Bekanntschaft mit Gitarrendude Sasha klar wird, dass man die, die einem auf den ersten Blick ganz nah scheinen, vielleicht besser auf Distanz hält, und vice versa.” Till Kadritzke | critic.de
Filmgespräch mit der Produzentin Jamila Wenske (Achtung Panda Prod.) am 2.4.
Credits:
Hytti nro 6, Compartment No. 6 FI/DE/EE/RU 2021, 107 Min., russ. finn. OmU Regie: Juho Kuosmanen Kamera: Jani-Petteri Passi Schnitt: Jussi Rautaniemi mit: Seidi Haarla, Jury Borisov, Yulija Aug
„Nicht umsonst rettet man, wenn es heißt, „seine Haut zu retten“, eigentlich sein Leben. Von dieser einfachen Redensart ausgehend, lässt die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania das junge syrische Paar Sam und Abeer in weiche, warme Farben getaucht, in einem voll besetzten Zugabteil spontan ihre Liebe feiern, um Sam im nächsten Moment im Gefängnis zu zeigen. Es ist das Jahr 2011, das syrische Regime will sich junger, freiheitsliebender Männer entledigen. Sam, herausragend gespielt von Yahya Mahayni, der für seine Rolle den Orizzonti-Preis als bester Hauptdarsteller bei den Filmfestspielen in Venedig gewann, gelingt die Flucht in den Libanon. Dort hängt er fest und arbeitet in einer Hühnerfabrik am Band. Oft geht er auf Vernissagen, um sich am Buffet das Abendessen zu sichern. Dort lernt er an der Bar den berühmten Künstler Jeffrey Godefroi kennen, der ihm einen Pakt vorschlägt: Sam lässt sich von ihm sein Schengen-Visum auf den Rücken tätowieren und kann mit diesem dann nach Europa einreisen. Er muss Godefroi allerdings zu jeder seiner Ausstellungen zur Verfügung stehen. Der Mensch Sam soll zum Kunstobjekt werden, für das es eigene Regeln und Verträge gibt. Kaouther Ben Hania erzählt diese faustische Geschichte mit allen intersektionellen Referenzen an unser herrschendes System. Godefroi ist Belgier mit dem richtigen Pass und genug Macht, um seine Sichtweise in die Welt zu tragen. Dass er Sam als Mittel zum Zweck benutzt, ist Teil seiner künstlerischen Aussage: Nicht er sei zynisch und betreibe Menschenhandel, das System täte es. Abeer (Dea Liane) hat mittlerweile einen jungen Diplomaten geheiratet, um heil aus dem vom Krieg zerstörten Land herauszukommen, nun muss sie sich ihrem Ehemann unterordnen. Wer hat bei all diesen Entscheidungen welche Wahl gehabt, sich zu welchem Preis verkauft? Und was darf Kunst? Die Filmemacherin inszeniert ein diabolisches Spiel in grandiosen Bildern, lässt das kulturbegeisterte Publikum durch die heiligen, perfekt ausgeleuchteten Tempel der Kunst schreiten, in denen Sam jeden Tag seinen seidenen Morgenmantel fallen lassen muss, um angestarrt, belacht, fotografiert, in Führungen besprochen zu werden: das sensationelle Kunstwerk im goldenen Käfig der Kunstblase. Die Mitspieler*innen nippen rituell an Sektkelchen, eine Menschenrechtsorganisation tritt auf den Plan, um für die Würde der syrischen Geflüchteten zu demonstrieren, schließlich wird Sam an einen reichen Sammler verkauft, der ihn wiederum auf einer Aktion feil bietet. Dieser Satire setzt Kaouther Ben Hania immer wieder die unsterbliche Liebe von Abeer und Sam gegenüber. Dabei treibt sie die Farce auf die Spitze, um im letzten Moment wie eine Königin den weißen Handschuh der Romantik fallen zu lassen. Denn nur die Haut die berührt wird, lebt.“ indiekino | Susanne Kim
Kaouther Ben Hania: „Ich lasse in diesem Film zwei Welten aufeinandertreffen, die mich beide faszinieren: die der zeitgenössischen Kunst und die des alltäglichen Überlebens von Geflüchteten. Wir haben es hier mit zwei in sich abgeschotteten Welten zu tun, die von völlig unterschiedlichen Codes regiert werden. Auf der einen Seite haben wir eine etablierte, elitäre Welt, in der „Freiheit“ ein Schlüsselbegriff ist; auf der anderen Seite haben wir eine Welt des Überlebens, die von aktuellen Ereignissen beeinflusst wird und in der das Fehlen von Wahlmöglichkeiten die tägliche Sorge der Geflüchteten ist. Das Aufeinandertreffen dieser beiden Welten fordert ein Nachdenken über unser Verständnis von Freiheit offen ein. Sam, der Geflüchtete, weiß das sehr wohl, wenn er dem Künstler Jeffrey sagt: „Du bist auf der richtigen Seite der Welt geboren.“ Das Problem ist, dass wir in einer Welt leben, in der die Menschen nicht gleich sind. Trotz aller Reden über Gleichheit und Menschenrechte sorgen die immer komplexeren historischen und geopolitischen Zusammenhänge dafür, dass es unweigerlich zwei Arten von Menschen gibt: die Privilegierten und die Verdammten. Der Film zeigt einen faustianischen Handel zwischen einem Privilegierten und einem Verdammten. Sam Ali kehrt dem Teufel den Rücken zu, weil er keine andere Wahl hat, und gerät so in die elitäre und überkodierte Sphäre der zeitgenössischen Kunst, indem er eine durchaus zweifelhafte Wahl trifft. Sein scheinbar naiver und ungebildeter Blick zeigt uns diese Welt aus einem anderen Blickwinkel als dem, durch den das kulturelle Establishment sich gewöhnlich zeigt. Einen wie Sam, der so stolz und ehrlich ist, kann es in den Wahnsinn treiben, so zum Objekt zu werden. Er wird entblößt, verkauft, hin und her geschoben. Diesem außergewöhnlichen Schicksal, verstärkt durch den hoch emotionalen zusätzlichen Konflikt seiner Gefühle zu Abeer, begegnet Sam Ali, indem er alles daran setzt seine Würde und seine Freiheit wiederzuerlangen.“
Credits:
TN/FR/BE 2020, 104‘ min., Arabisch/Englisch/Französisch OmU, Regie: Kaouther Ben Hania, Kamera: Nestor Salazar, Schnitt: Marie-Hélène Dozo, mit Yahya Mahayni, Dea Liane, Koen De Bouw, Monica Bellucci
Das Stadtviertel Fikirtepe liegt auf der asiatischen Seite Istanbuls (und im Stadtteil Kadiköy, einer Partnergemeinde Friedrichshain-Kreuzbergs) und galt früher als wenig attraktiv. Inzwischen jedoch werden die Grundstücke immer wertvoller, die Bewohner verdrängt und gewachsene Nachbarschaften auseinandergerissen. Staatliche Unternehmen bauen hier jetzt ein Hochhaus nach dem anderen. In die noch nicht abgerissenen, oder noch im Rohbau befindlichen Wohnungen ziehen häufig syrische und andere Geflüchtete ein, die für geringen Lohn auf den Baustellen arbeiten. Hier leben in Ali Vatansevers zweitem Spielfilm Kamil und Remziye im eigenen Haus – noch. Viele ihrer Nachbarn haben schon dem Druck nachgegeben, das angebotene Geld genommen und zogen weg. Bei den verbliebenen Stadtteilinitinativen gegen die rasante Gentrifizierung engagiert sich das Ehepaar nur halbherzig. Sie haben genug damit zu tun, ihren Lebensunterhalt zusammen zu bekommen. Die schwangere Remziye geht in reichen Haushalten putzen, Kamil bleibt nichts anderes übrig, als gegen Dumpinglohn ausgerechnet auf einer der Baustellen zu arbeiten. Dabei gerät der gutherzige Mann mehr oder weniger unverschuldet zwischen verschiedene Fronten, bis er eines Tages verschwindet. Seine Frau macht sich auf die Suche und muss schwierige Entscheidungen treffen. „Eine benachteiligte Gemeinschaft zieht weg, eine andere zieht ein. Sie teilen das gleiche Schicksal, aber sie tun sich nicht zusammen. Beginnend mit der physischen Umwandlung des Geländes, zeichnet der Film ein umfassenderes Bild der menschlichen Beziehungen, Umsiedlung, Einwanderung und Arbeit. Es hat vier Jahre gedauert, den Film zu schreiben; ich war selbst Zeuge all dieser radikalen Veränderungen. Es ist nicht nur die Geografie, die sich verändert, sondern auch das Leben der Menschen. … Die grundlegende Frage war: Wie kann man an einem so schwierigen Ort menschlich bleiben, wenn man von Monstern umgeben ist?“ Ali Vatansever
Credits:
DE, RO, TR 2021, 108 min., türkische OmU Buch und Regie: Ali Vatansever Kamera: Tudor Vladimir Panduru mit Erol Afsin, Saadet Aksoy, Kida Khodr Ramadan
80 Jahre alt wäre der Maler, Autor, Regisseur und politische Aktivist Derek Jarman am 31.1.22 geworden. Er starb 1986 an den Folgen seiner AIDS-Erkrankung, die er auch in seinen Filmen zur Sprache brachte. BLUE, sein letzter und formal wohl extremster Film, wurde von der Krankheit, durch die er erblindete, bestimmt. Die Ton- Musik- und Sprechcollage vor monochrom blauer Leinwand ist politisch und persönlich, poetisch und diskursiv zugleich.
Jarmans Filme gelten als radikal, zornig und engagiert. Er führte einen stetigen Kampf gegen die Thatcher-Regierung und zeigte sich hierbei als Queer- und AIDS-Aktivist, aber sein Thema war vor allem auch die Liebe, besonders die verhinderte, und körperliche.
Wir zeigen sechs seiner Werke, die neu restauriert und digitalisiert wurden. Dazu gibt eine Doku über ihn, von Regisseur Julien Isaac und Tilda Swinton, die ohne Jarman nicht zu denken wäre (und umgekehrt), und in allen sechs Filme mitwirkt:
Caravaggio (1986, 93‘), der biografische Ausschnitt vom italienischen Maler ist wohl sein bekanntestes Werk. (21.1. 17:45) [Tickets]
The Garden (1990, 95‘) ist eine sinnliche, subjektive, schwule Passionsgeschichte mit Garten-nahem Atomkraftwerk.(22.1. 17:45) [Tickets]
Edward II (1991, 90‘) hat bei Jarman einen etwas anderen Stand als bei Mel Gibson seinerzeit.(23.1. 17:45) [Tickets]
Wittgenstein (1993, 75‘) – „heitere, dialogsichere, hervorragend gespielte Gesamtschau auf das Leben eines philosophischen Außenseiters“ (Lexikon des intern. Films) (24.1. 17:45) [Tickets]
War Requiem (1989, 92‘) ist die filmische Umsetzung Benjamins Brittons Musikstücks, mit Laurence Olivier in seiner letzten Rolle. (25.1. 17:45) [Tickets]
Blue DF (1993, 74‘), gesprochen von Derek Jarman, Tilda Swinton, Nigel Terry, John Quentin, und in der deutschen Fassung von Ulrich Matthes, Sylvester Groth, Wolfgang Condrus, Eva Mattes. (22. & 23.1. 15:45) Blue OV[Tickets]
Derek (2008, 76‘) – ein Brief, ein Interview, eine Rückschau und Hommage (26.1. 17:45) [Tickets]
alle Filme laufen in Originalfassung mit deutschen Untertiteln, Blue in dt. und engl. Fassung
Fidan ist Ärztin, ihr Mann Samir Schauspieler ohne Engagement, Sohn Mahmut studiert und fühlt sich zu Höherem berufen. Die Kleinfamilie lebt zusammen in einer kleinen Wohnung in Baku, hat sich aber längst auseinandergelebt. Einen Tag lang begleiten wir das Trio, dabei soll ein Ausflug ans Kaspische Meer Familienleben suggerieren. Fidan muss sich außerdem entscheiden, ob sie das Arbeitsangebot einer deutschen Klinik annimmt. Während ihr Mann am Strand einschläft, schwimmt sie aufs Meer hinaus und verschwindet. Traditionelle Mentalität und Lebensweise, jahrzehntelang das Fundament für regionale Identitäten, trifft nun, auch durch den neuen Öl-Reichtum Aserbaidschans begründet, auf eine modernere und kapitalistischere Sichtweise. Die Veränderungen in der Gesellschaft wird hier durch die vorsichtige Beobachtung von Beziehungen und Dynamiken innerhalb der Familie aufgezeigt. Die Irritation über den Grad des offensichtlichen Verlustes der Kommunikationsfähigkeit weicht jedoch zum Ende hin einer empathischen, melancholischen Stimmung. „Für seine zutiefst rätselhafte Darstellung des familiären Zerfalls, seine oft überraschende erzählerische Schrägheit und seine erfrischende Beschwörung einer Welt, in der jedes Heim eine private Kammer frustrierter Sehnsucht ist – vor allem für Frauen.“ – dafür erhielt der Film den Preis der internationalen Filmkritik beim Filmfestival Rotterdam
End of Season
Credits:
DE/GE/AZ 2019, 92 Min., aserbaidschanische OmU Regie: Elmar Imanov Kamera: Berta Valin Escofet und Driss Azhari Schnitt: Ioseb „Soso” Bliadze mit Rasim Jafarov, Zulfiyye Gurbanova, Mir-Mövsüm Mirzazade
Auch „Petite Maman“ ist, wie der etwas anders gelagerte „Europe“, eine fantastische Geschichte, die schon beim Wettbewerb der Berlinale 2021 viele verzauberte. Es dauert ein wenig, bis man begreift, dass Celine Sciamma uns hier einen Zeitreise-Film präsentiert, mit der einfachen Prämisse, dass die achtjährige Nelly im Haus der verstorbenen Großmutter auf ihre gleichaltrige Mutter trifft und mit ihr die Tage verbingt. Die Mutter trauert um ihre Mutter und ist plötzlich verschwunden, bis sie als Nellys Spielgefährtin wieder auftaucht. Eine Zeitmaschine, die uns Gegenwärtigkeit schenkt, und eine heilsame, imaginierte Erinnerung hervorruft, so ist der Plan der Regisseurin.
„Zu Beginn ein Abschied, zum Ende ein Wiedersehen: Solch eine Klammer setzt Sciamma um ihren Film, die Linearität verspricht. „Petite Maman“ unterläuft sie allerdings und schlägt andere Pfade ein, berichtet mit schlichten wie zauberhaften Bildern von den rites de passage, feiert Übergangsszenarien und Herbstfarben, die der Winter demnächst vertreiben wird. Doch nur dem Anschein nach hat dieser Film nicht die Wucht, die „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ auszeichnet. „Petite Maman“ hat es ganz schön in sich. Seine Kraft will nur anders entdeckt werden, wenn er über Sehnsucht und Trauer fabuliert, über Lichtschalter, die Kinder in ein Morgen teleportieren, und Geheimnisse, die sich nicht verstecken, sondern denen nur ein Gegenüber fehlt, dem sie erzählt werden wollen.“ Anne Küper | critic.de
Als die deutsche Kamerafrau Antonia Kilian 2016 die Fernsehbilder von der Befreiung der nordsyrischen Stadt Manbidsch aus den Händen der Terrorgruppe IS im Fernsehen sieht, ist sie fasziniert: Frauen haben den sogenannten Islamischen Staat aus der Stadt getrieben – Frauen in Uniform, bewaffnet mit Granaten und feministischen Werten. „Ich möchte alle Frauen in Manbidsch befreien“, sagt die 20-jährige Hala Mustafa, die Kilian kennenlernt, als sie in die autonome kurdische Region Rojava in Syrien reist, wo jene Frauen ihre militärische Ausbildung erhalten – feministische Schulungen inklusive. Hala lernt hier, eine Soldatin zu werden, um in ihrer Heimatstadt auf der anderen Seite des Euphrat als Polizistin zu arbeiten. Ihr größter Wunsch ist es, ihre vier Schwestern aus dem Elternhaus zu holen, wo sie weiterhin zwangsverheiratet und unterdrückt werden. … Eine feministische Militärakademie voller junger Frauen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen: Nicht nur für die Regisseurin von The other Side of the River … ist die kurdische Frauenakademie in Rojava Utopie und Projektionsfläche. „Ich hatte große Träume“, sagt Antonia Kilian im Off, „aber keine Ahnung von der Realität.“ Geduldig schaut Kilian mit ihrer Handheld-Kamera zu, wie Hala sich voller Entschlossenheit durch diese gewaltvolle Welt bewegt, in der sie nie mehr macht- und hilflos sein will. Den hingebungsvollen Nahaufnahmen der Gesichter Halas und ihrer jüngeren Schwestern merkt man die Bewunderung für ihre Protagonistinnen an, in die sich zusehends auch Sorge mischt. Denn Krieg ist nun mal Krieg, und selbst die feministischste Revolution hat auch ihre Schattenseiten.“ Eva Szulkowski | indiekino
Bester Dokumentarfilm bein Deutschen Filmpreis 2022
Wie es so kommen kann, Xueming will sich nur eine Zigarette anzünden, doch genau in dieser Sekunde tritt plötzlich der Mann ins Scheinwerferlicht seines Lieferwagens – bremsen hilft nicht mehr. Geschockt begeht er Fahrerflucht, aber von nun an führt das Leben den von Schuldgefühlen geplagten Haustechniker in eine neue Richtung. Frau Liang erstattet eine Vermisstenanzeige, als ihr Mann nicht nach Hause kommt. Ein paar Tage später fällt ihre Klimaanlage aus, eine Katastrophe in der schwülwarmen Stadt (Originaltitel: „Es war einmal in den Tropen“). Sie kann schwerlich ahnen, dass dies kein Zufall ist, sondern von dem jungen Reparateur herbeigeführt wurde. Es ist Xueming, der seine Tat zu beichten will, es aber nicht schafft. Beide freunden sich an, und es stellt sich heraus, dass die Todesursache von Herrn Liang auch nicht so klar ist, wie es schien. Als schließlich die Leiche von Herrn Liang auftaucht, kommt auch noch ein Kommissar ins Spiel, und ein Koffer voller Geld hat darin auch seine Rolle. Der Debutfilm von Wen Shipei ist ein schmutziger, aber farbenprächtiger Noir-Thriller, der im Rückblick erzählt wird und sich auch in kleinen Spiralen aus Vorahnungen und Erinnerungsfetzen durch die Zeit bewegt. Mißtrauen ist in der gezeigten Gesellschaft immer ein guter Ratgeber, aber unsere Held*innen schlagen sich nach bestem Wissen und Gewissen durch den manchmal erstaunlich leeren Dschungel der Stadt. „…eines der erstaunlichsten Debuts der letzten Jahre, mit einem ganz eigenen Rhythmus, einem umwerfenden Gefühl für hypnotische Bilder. Von Wen Shipei lässt sich noch einiges erwarten.“ Tom Dorow, indiekino
Credits:
Originaltitel: Re dai wang shi CN 2021, 95 Min., mandarin OmU Regie: Wen Shipei Kamera: Cedric Cheung-Lau, Xiaosu Han, Zhang Heng, Andreas Thalhammer Schnitt: Zhu Lin, Will Wei, Dong Jie, Noé Dodson, Cao Hangchen mit: Eddie Peng, Peiyao Jiang, Zhang Yu, Sylvia Chang
Beim ersten Lockdown vor einem Jahr strandet Regisseur Andrea Segre im verlassenen Venedig. Er ist gerade für Dreharbeiten in der Luganenstadt, als sie sich schlagartig verändert: keine Touristen, ein leerer Canale Grande und auf der Piazza San Marco sind nur noch die Schreie der Möwen zu hören. Seinen ursprünglichen Film kann er nicht weiterdrehen, und beginnt stattdessen mit einer Annäherung an seine Familiengeschichte, die hier ihren Anfang nahm. „Andrea Segres einmalig poetische Doku ist mehr als ein Corona-Tagebuch. Geschickt spielt der Regisseur mit Super8-Aufnahmen seines Vaters, mischt elegant alte Fotografien von Venedig mit seinen neuen Aufnahmen, unterlegt mit Teho Teardos dräuender Musik. Letztlich entsteht eine berückend melancholische Liebeserklärung an den schweigsamen Vater und an Venedig. Der verstorbene Vater, ein Wissenschaftler, studierte Molekülbewegungen und arbeitete als Chemiker in Venedig. Der Großvater war Jude, die Großmutter nicht. Die Shoa begleitete sie als lebenslanger Schrecken, erzählt Segres Off-Stimme bei seiner Annäherung an die Familiengeschichte. ‚Während meines ganzen absurden Lebens, das ich gelebt hatte, war über Jahre hinweg ein dunkler Wind von irgendwo tief in meiner Zukunft auf mich zugekommen‘. Nicht umsonst beginnt der versierte Filmemacher mit diesem Zitat aus Albert Camus‘ Roman ‚Der Fremde‘. Der barbarische Zivilisationsbruch des Jahrhunderts hat auch in seiner Biographie Spuren hinterlassen.“ Luitgard Koch | programmkino.de
Moleküle der Erinnerung – Venedig, wie es niemand kennt
Credits:
IT 2020, 68 Min., ital. OmU, Buch & Regie: Andrea Segre Kamera: Matteo Calore, Andrea Segre Schnitt: Chiara Russo
Ein weiterer Tag im Büro: Jane, die neue Assistentin eines mächtigen Medienmoguls, war als Erste da und wird am Ende des Films als Letzte wieder gehen. Sie erledigt ihre Aufgaben, erträgt die ständigen Feindseligkeiten ihrer Kollegen und widmet sich dem wachsenden Stapel an Arbeit mit Sorgfalt und Präzision: Terminpläne ausdrucken, Reisen organisieren, Mittagessen bestellen, das Büro ihres Chefs aufräumen. Ohne dass er jemals auf der Leinwand erscheint, ist der Chef allgegenwärtig, bei Jane ebenso wie bei den Zuschauer*innen. Wir hören ihn durch das Telefon, als er Jane zurechtweist, und wir sehen eine ganze Reihe attraktiver Frauen, die auf seine Anweisung hin in die Firma kommen. Als Janes Misstrauen und ihr Unbehagen überhandnehmen, offenbart sich, dass sie Teil eines missbräuchlichen Systems ist. Mit visueller Strenge und erzählerischer Ruhe richtet Kitty Greens fesselndes Spielfilmdebüt den Fokus auf die repressiven Vorgänge am Arbeitsplatz. Sie schildert den Missbrauch, der hinter geschlossenen Türen stattfindet, aus der Perspektive derjenigen, die ihn willentlich oder unwillentlich ermöglichen. Am Ende haben wir vielleicht nicht viel gesehen, aber umso mehr verstanden.
US 2019, 87 Min., engl. OmU, Regie: Kitty Green Kamera: Michael Latham Schnitt: Kitty Green, Blair McClendon mit Julia Garner, Matthew Macfadyen, Makenzie Leigh, Kristine Froseth
Wir verwenden Cookies, um unsere Website und unseren Service zu optimieren.
Funktionale Cookies
Immer aktiv
Die technische Speicherung oder der Zugang ist unbedingt erforderlich für den rechtmäßigen Zweck, die Nutzung eines bestimmten Dienstes zu ermöglichen, der vom Teilnehmer oder Nutzer ausdrücklich gewünscht wird, oder für den alleinigen Zweck, die Übertragung einer Nachricht über ein elektronisches Kommunikationsnetz durchzuführen.
Vorlieben
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist für den rechtmäßigen Zweck der Speicherung von Präferenzen erforderlich, die nicht vom Abonnenten oder Benutzer angefordert wurden.
Statistiken
Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu statistischen Zwecken erfolgt.Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu anonymen statistischen Zwecken verwendet wird. Ohne eine Vorladung, die freiwillige Zustimmung deines Internetdienstanbieters oder zusätzliche Aufzeichnungen von Dritten können die zu diesem Zweck gespeicherten oder abgerufenen Informationen allein in der Regel nicht dazu verwendet werden, dich zu identifizieren.
Marketing
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist erforderlich, um Nutzerprofile zu erstellen, um Werbung zu versenden oder um den Nutzer auf einer Website oder über mehrere Websites hinweg zu ähnlichen Marketingzwecken zu verfolgen.