Jean Eustache, ausgebildeter Elektriker und Autodidakt, war als Arbeiter-Kind eine Ausnahmefigur der ansonsten bourgeoisen Nouvelle Vague. Fast autobiografisch spiegelt sich sein Leben auch in seinen Filmen wieder. Mit präziser Aufmerksamkeit für Sprache, Gesten und soziale Wirklichkeiten bewegt sich Eustaches Kino in einem Raum dokumentarischer Fiktion. Dank der Re:Visted-Reihe des Grand film-Verleihs können wir zwei seiner Klassiker anbieten:
LAMAMANETLAPUTAIN von 1973, in dem Jean-Pierre Léaud als Flaneur Alexandre zwischen zwei Frauen, endlosen Gesprächen in Pariser Cafés auf der Suche nach sich selbst ist. 16. + 18.7.26 [Tickets]
Im autobiografisch gefärbten MESPETITESAMOUREUSES von 1974 wird der 13-jährige Daniel aus seinem behüteten Landleben gerissen und in die Enge der Stadt und die Härte der Erwachsenenwelt gestoßen. 17. + 19.7.26 [Tickets]
Eine filmische Langzeitstudie, die über 8 Jahre das Coming of Age von Leonie begleitet: Leonie und Marlene sind 18 Jahre alt, beste Freundinnen und sicher, dass nichts sie trennen kann. Doch Leonie verliebt sich in Naomi, gibt sich ganz ihrer großen Liebe hin und entfernt sich immer weiter von Marlene. Mit der Zeit stellt sich heraus, dass Naomi an Depressionen leidet, die Leonie zunehmend überfordern. Erst als die Beziehung endgültig zerbricht, merkt Leonie, wie sehr sie sich isoliert hat. Sie verlässt Berlin und beginnt eine Ausbildung zur Gärtnerin in Brandenburg, die ihr dabei hilft, die Welt um sich herum wieder zu sortieren. Mit neu gefundener Stärke traut sie sich, nach Jahren der Entfremdung auf ihre Jugendfreundin Marlene zuzugehen. „Als ich 2017 begann, diesen Film zu drehen, sehnte ich mich nach einem Raum im Kino, in dem ein junger weiblicher oder queerer Körper ohne den männlichen Blick aufwachsen kann in der vulnerablen Zeit zwischen 18 und 25. „Ninja Motherf*cking Destruction“ ist ein Film über Intimität, über Sexualität und über Körper, die sich über 8 Jahre hinweg verändern. Und über das liebevolle, schmerzhafte, ambivalente Beziehungsnetz zwischen (queeren) Frauen.“ Lotta Schwerk
Credits:
DE 2025 79 Min., deutsche OmeU, Regie: Lotta Schwerk Kamera: Fion Mutert mit: Emma Suthe, Marie Tragousti, Merle von Mach, Yildiz Tiryakioglu
Es ist erschreckend, wenn Bomben Namen bekommen. Ungeheuerlich aber war die Benennung des Geschosses, die über Hiroshima explodierte und hunderttausende Leben forderte: Little Boy – kleiner Junge. James Benning war damals, 1945, ein kleiner Junge. Sein Film unterminiert die kindliche-unschuldige Welt mit Militarismus, Politik, Rassismus, indem er niedliche Miniaturmodelle, etwa von Zügen oder Bauwerken, fein säuberlich anpinseln lässt, und wer sich auskennt, kann auch die winzigen Firmennamensschilder zuordnen. Jedes Teil bekommt dabei seine eigene, passende oder konterkarierende Tonspur zugewiesen. Meist sind es Lieder, so von Tracy Chapman, Sinéad O’Connor, Cat Power und Nat King Cole, aber auch Reden und Ansprachen, die im Zusammenspiel mit dem Bild Emotionen freisetzen können. Es ist ein beinahe wütender Film, und leider aktueller denn je. Und für Eltern von Schulkindern hat er eine Empfehlung: Pete Seegers „What Did You Learn in School Today?“ – nicht nur für die USA relevant. „Das Gesamtbild ist das einer Gesellschaft, die zu Zyklen des inneren Niedergangs verdammt ist und im Namen eines „friedensstiftenden“ Interventionismus in den internationalen Terror verwickelt ist. … Little Boy [ist] ein amerikanisches Epos im Kleinen.“ filminc
Credits:
US 2025, 74 Min., englische OmU Regie: James Benning mit Johnan Jahromi, Alessandro Streccioni, Yusef Ferguson, Yuan Gao, Nelson De Los Santos, Calum Walter, Nathan Meier, James Benning
Ein weiterer Film des Regisseurs von The Love that Remains, der bisher noch nicht im Kino war.
Wie schon Missionare in anderen Kolonien vor ihm, ist der junge Priester Lucas von seiner Aufgabe, eine christliche Kirche im Heidengebiet Island zu errichten, überzeugt. Um Land und Leute kennenzulernen, segelt er nicht um die Insel, sondern wählt den beschwerlichen Weg quer durch das unwirtliche, fremde Gebiet, was am Ende des 19. Jahrhundert für jemanden unvorbereitetes einer Expedition gleicht. Die mit eindrücklichen Bildern eingefangene erbarmungslose Natur und die Widerspenstigkeit seiner einheimischen Begleiter lässt den Lutheraner den Bezug zur Realität verlieren. Auch die zunehmende Angst überspielt er mit Arroganz, und stößt so bald an seine Grenzen, sprachlich, menschlich und physisch. „Ruhig in der Erzählweise, drängt das unterdrückte Gewaltpotenzial der intensiv gespielten Figuren immer wieder an die Oberfläche, den sich aufdrängenden fatalistischen Blick auf die Menschheit kontert der Film allerdings auch mit Humor und Zärtlichkeit.“ Fimdienst
Credits:
IS/FR/DK/SE 2022, 135 Min., isländische OmU Regie : Hlynur Pálmason Kamera: Maria von Hausswolff Schnitt: Julius Krebs Damsbo mit: Elliott Crosset Hove, Vic Carmen Sonne, Ingvar Sigurdsson, Ída Mekkín Hlynsdóttir, Jacob Hauberg Lohmann
In den Vorbereitungen für ihren Auftritt in einer Talenteshow fürs Fernsehen wird Lea (Frida Hornemann) gefragt, warum sie glaubt, etwas ganz Besonderes zu sein. Eine Antwort darauf hat sie nicht. Ihre Eltern sind getrennt. Während ihr Vater Matze (Max Riemelt) sie bei ihrem Traum einer Bühnenkarriere unterstützt, kommt es mit Mutter Rieke (Gina Henkel) regelmäßig zu Konflikten. Lea lebt bei ihren Großeltern Christel (Rahel Ohm) und Friedrich (Peter René Lüdicke), die auf ihrem Hof inmitten der thüringischen Idylle eine Pension betreiben. Die Gäste bleiben aus. Stattdessen will sich die rechtspopulistische Partei für eine Tagung einmieten, was insbesondere Leas aufmüpfigem Bruder missfällt. Die einzige wirklich Vertraute der 16-Jährigen ist ihre Tante Kati (Eva Löbau), die aus dem Westen zurück in die Heimat gezogen ist, um das frisch sanierte Stadtschloss als DDR-Museum zu betreiben. Wenn Kati mit ihrer Mutter im Schlepptau des Fördergremiums durch die Ausstellung wandelt und Christel ihr Leben ausgestellt sieht, ist das eine der stärksten Szenen des Films. Wie kann es sein, dass für diese Vergangenheit, die sie am liebsten vergessen würde, Millionen ausgegeben werden, während sie kurz vor dem Bankrott steht? Die Autorin und Regisseurin Eva Trobisch, geboren und aufgewachsen im Osten Berlins, ordnet ihre Figurenkonstellation sorgsam an, um die Konflikte zwischen den Generationen auszuspielen. Genau beobachtet und mit spitzen Dialogen schildert sie deutsch-deutsche Befindlichkeiten.“ Indiekino
„Es sind nie die ganz großen Dramen, die wirklich schlimmen Tragödien, von denen Eva Trobisch erzählt, sondern eher die Geschichten, die einem oder einer eben so widerfahren, während alles eigentlich ganz anderes geplant war. Diese Beliäufigkeit, die viele kleine Beobachtungen enthält, viel Sinn für Details, mag auf den ersten Blick ein wenig unfokussiert erscheinen und doch verbirgt sich unter den hingetupften Episoden und Storylines, dem umherschweifenden Schauen des Films mehr, als man zunächst glaubt.“ Joachim Kurz | Kinozeit
Credits:
DE 2026, 116 Min., deutsche Originalfassung mit englischen Untertiteln Regie: Eva Trobisch Kamera: Adrian Campean Schnitt: Laura Lauzemis mit Frida Hornemann, Max Riemelt, Eva Löbau, Gina Henkel, Rahel Ohm, Peter René Lüdecke, Florian Geißelmann, Yvon Sable Moltzen, Ida Fischer, Florian Lukas, Thomas Schubert, Kara Schröder, Anne Kulbatzki, Nairi Hadodo
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Zwei Filme, die sich mit Ingeborg Bachmann beschäftigen, waren in den letzten 10 Jahren bei uns zu sehen: Margarethe von Trottas biografischer Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste (2023) beleuchtet eine Phase ihrer Beziehung mit Max Frisch. Ruth Beckermanns Die Geträumten (2016) setzt sich aus ihren Texten, genauer dem Briefaustausch mit Paul Celan, zusammen. Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war belässt diese und andere, eher unglücklich verlaufenden Liaisons im Hintergrund. Durch viele Originalaufnahmen und Dokumente erzählt der Film ausschnittartig vom Schaffen, Werdegang und medialem Aufstieg der Autorin in einer Zeit, in der Frauen im Literaturbetrieb eine seltene Spezies waren, besonders, wenn sie das Geschlechterverhältnis thematisierten. Sandra Hüllers respektvoller Auftritt drin ist kaum als Re-Enactment, denn als Interpretation zu verstehen und als solche gekennzeichnet. Dies erlaubt, Verletzlichkeit und nicht-autorisierte Stimmungen, wie die Verzweiflung vor der Schreibmaschine oder den befreienden Tanz auf einem römischen Platz, mit aufzunehmen ins filmische Kaleidoskop. „… diese kühne Exposition und die sich daran anschließenden Spielszenen [verleihen] dem Film eine Leichtigkeit und ein Funkeln, die ihn über eine rein dokumentarische Abhandlung über eine Dichterin, deren Leben und ihr Schaffen hinausheben. …Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann gelingt Regina Schilling eine so sinnliche wie intellektuelle Annäherung an eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts, ein filmisches Porträt, das die Zerbrechlichkeit und Kraft einer Künstlerin feiert, die sich jeder Vereinnahmung entzog und deren Werk bis heute eine visionäre Wucht besitzt.“ Joachim Kurz | kino-zeit.de „So fliegt einem das ganze misogyne Katastrophen-Jahrhundert noch einmal richtig um die Ohren.“ filmdienst.de
Credits:
DE/AT 2026, 95 Min., deutsche OmeU Regie: Regina Schilling Kamera: Johann Feindt Schnitt: Carina Mergens mit: Sandra Hüller
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Trailer:
Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war | Offizieller Trailer | Ab 25. Juni im Kino
Ein gewöhnlicher Arbeitstag auf der Baustelle. Den 40-jährigen Kranführer Thomas erreicht ein Anruf von seiner Frau Carla, er soll sie im Krankenhaus abholen. Dort trifft er sie weinend an und erfährt, dass sie einen Autounfall hatte. Carla erzählt von ihrem Tanzpartner David, mit dem sie sich ein Haus auf dem Land anschauen wollte und der bei dem Unfall ums Leben gekommen ist. Sie versucht mit aller Ehrlichkeit ihrem Mann offen alles zu erzählen, doch Thomas zieht sich mehr und mehr in sich zurück. Sie verstehen einander nicht. Ein Film über die Herausforderung, die Leben bedeutet, und über die Suche einer gemeinsamen Sprache. „In einer farblich geradezu zerfließenden Bildsprache kreist der Film sinnlich und körperlich um die unbeantwortbare Frage, was Menschen zusammenhält und beieinanderbleiben lässt. Das nahezu quadratische Bildformat grenzt dabei nicht etwa ein, sondern führt die Figuren sogar näher zusammen und lässt sie Ausdrucksmöglichkeiten jenseits der Sprache finden.“ Filmdienst
Angela Schanelec im Interview (Auszug): FG.: Der Film erzählt drei Tage, wenn ich richtig gezählt habe. A.S.: Drei Tage in der Geschichte von Thomas und Carla, ja. Es ist die Geschichte dieser Tage, die Zeit geht weiter, aber der Zustand des Schmerzes verändert sich nicht. So habe ich es auch wahrgenommen und mich gefragt, warum trotzdem keine Schwere aufkommt und ich in Momenten sogar lachen musste. Vielleicht lacht man, weil die Verzweiflung der Figuren manchmal kollidiert mit einer profanen, gleichmütigen Umgebung. Thomas und Carla haben, nachdem ihre Liebe durch das, was geschehen ist, infrage gestellt ist, keinen Plan mehr, keine Idee, was sie tun sollen, wie ihr Leben weitergehen soll. Aber es geht ja weiter, Dinge passieren, Freunde tauchen auf, Träume kommen ans Licht. Zum Beispiel der Regen im Tiergarten oder das Blasorchester. Ja. Manchmal finde ich auch komisch, was man sagt, wenn man ehrlich sein will. Da musste ich auch beim Schreiben lachen. Sprache hat einfach ein Eigenleben und manchmal beherrschen wir sie nicht.
Credits:
DE/FR 2026, 96 Min., deutsche OmeU Regie & Schnitt: Angela Schanelec Kamera: Marius Panduru mit: Vladimir Vulević, Agathe Bonitzer, Birte Schnöink, Pauline Rebmann, Ben Carter
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