Archiv der Kategorie: jetzt

The other Side of the River

ein Film von Antonia Kilian. Am 4.2. mit anschlie­ßen­dem Filmgespräch.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Als die deut­sche Kamerafrau Antonia Kilian 2016 die Fernsehbilder von der Befreiung der nord­sy­ri­schen Stadt Manbidsch aus den Händen der Terrorgruppe IS im Fernsehen sieht, ist sie fas­zi­niert: Frauen haben den soge­nann­ten Islamischen Staat aus der Stadt getrie­ben – Frauen in Uniform, bewaff­net mit Granaten und femi­nis­ti­schen Werten.
„Ich möch­te alle Frauen in Manbidsch befrei­en“, sagt die 20-jäh­ri­ge Hala Mustafa, die Kilian ken­nen­lernt, als sie in die auto­no­me kur­di­sche Region Rojava in Syrien reist, wo jene Frauen ihre mili­tä­ri­sche Ausbildung erhal­ten – femi­nis­ti­sche Schulungen inklu­si­ve. Hala lernt hier, eine Soldatin zu wer­den, um in ihrer Heimatstadt auf der ande­ren Seite des Euphrat als Polizistin zu arbei­ten. Ihr größ­ter Wunsch ist es, ihre vier Schwestern aus dem Elternhaus zu holen, wo sie wei­ter­hin zwangs­ver­hei­ra­tet und unter­drückt wer­den. …
Eine femi­nis­ti­sche Militärakademie vol­ler jun­ger Frauen, die ihr Schicksal selbst in die Hand neh­men: Nicht nur für die Regisseurin von The other Side of the River … ist die kur­di­sche Frauenakademie in Rojava Utopie und Projektionsfläche. „Ich hat­te gro­ße Träume“, sagt Antonia Kilian im Off, „aber kei­ne Ahnung von der Realität.“ Geduldig schaut Kilian mit ihrer Handheld-Kamera zu, wie Hala sich vol­ler Entschlossenheit durch die­se gewalt­vol­le Welt bewegt, in der sie nie mehr macht- und hilf­los sein will. Den hin­ge­bungs­vol­len Nahaufnahmen der Gesichter Halas und ihrer jün­ge­ren Schwestern merkt man die Bewunderung für ihre Protagonistinnen an, in die sich zuse­hends auch Sorge mischt. Denn Krieg ist nun mal Krieg, und selbst die femi­nis­tischs­te Revolution hat auch ihre Schattenseiten.“ Eva Szulkowski | indiekino

Credits:

DE/FI 2021, 92 Min., Arabisch, Kurdisch, Deutsch mit deut­schen Untertiteln
Regie: Antonia Kilian
Kamera: Antonia Kilian
Ton: Nadya Derwish
Schnitt: Arash Asadi


Trailer:
The Other Side Of The River | offi­zi­el­ler deut­scher Trailer
nach oben

Are You Lonesome Tonight?

ein Film von Wen Shipei .

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Wie es so kom­men kann, Xueming will sich nur eine Zigarette anzün­den, doch genau in die­ser Sekunde tritt plötz­lich der Mann ins Scheinwerferlicht sei­nes Lieferwagens – brem­sen hilft nicht mehr. Geschockt begeht er Fahrerflucht, aber von nun an führt das Leben den von Schuldgefühlen geplag­ten Haustechniker in eine neue Richtung.
Frau Liang erstat­tet eine Vermisstenanzeige, als ihr Mann nicht nach Hause kommt. Ein paar Tage spä­ter fällt ihre Klimaanlage aus, eine Katastrophe in der schwül­war­men Stadt (Originaltitel: „Es war ein­mal in den Tropen“). Sie kann schwer­lich ahnen, dass dies kein Zufall ist, son­dern von dem jun­gen Reparateur her­bei­ge­führt wur­de. Es ist Xueming, der sei­ne Tat zu beich­ten will, es aber nicht schafft. Beide freun­den sich an, und es stellt sich her­aus, dass die Todesursache von Herrn Liang auch nicht so klar ist, wie es schien. Als schließ­lich die Leiche von Herrn Liang auf­taucht, kommt auch noch ein Kommissar ins Spiel, und ein Koffer vol­ler Geld hat dar­in auch sei­ne Rolle.
Der Debutfilm von Wen Shipei ist ein schmut­zi­ger, aber far­ben­präch­ti­ger Noir-Thriller, der im Rückblick erzählt wird und sich auch in klei­nen Spiralen aus Vorahnungen und Erinnerungsfetzen durch die Zeit bewegt. Mißtrauen ist in der gezeig­ten Gesellschaft immer ein guter Ratgeber, aber unse­re Held*innen schla­gen sich nach bes­tem Wissen und Gewissen durch den manch­mal erstaun­lich lee­ren Dschungel der Stadt.
„…eines der erstaun­lichs­ten Debuts der letz­ten Jahre, mit einem ganz eige­nen Rhythmus, einem umwer­fen­den Gefühl für hyp­no­ti­sche Bilder. Von Wen Shipei lässt sich noch eini­ges erwar­ten.“ Tom Dorow, indiekino

Credits:

Originaltitel: Re dai wang shi
CN 2021, 95 Min., man­da­rin OmU
Regie: Wen Shipei
Kamera: Cedric Cheung-Lau, Xiaosu Han, Zhang Heng, Andreas Thalhammer
Schnitt: Zhu Lin, Will Wei, Dong Jie, Noé Dodson, Cao Hangchen

mit: Eddie Peng, Peiyao Jiang, Zhang Yu, Sylvia Chang 


Trailer:
nach oben

Niemand ist bei den Kälbern

ein Film von Sabrina Sarabi.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Kulturlandschaft, soweit das Auge blickt, unter­bro­chen von Gehöften hier und da, moder­ne Windmühlen sind fürs Vertikale zustän­dig, und das Fest der frei­wil­li­gen Feuerwehr ist der Höhepunkt des Sommers. Hier, in einem Ort im Nordosten des Landes, lebt und arbei­tet Christin mit ihrem lang­jäh­ri­gen Freund Jan auf dem Milchbetrieb sei­nes Vaters. Daneben ver­sorgt sie noch ihren alko­hol­kran­ken Vater und ist selbst mitt­ler­wei­le einem heim­li­chen Schluck Kirschlikör nicht abge­neigt. Als der Windkraftanlagentechniker Klaus auf­taucht, macht die jun­ge Frau ihm Avancen. Er fragt sie nach ihren Träumen, und sie muss pas­sen – und plötz­lich wird ihr klar, dass es so für sie nicht wei­ter­ge­hen kann – aber was kann sie wie ändern?
„Mit beein­dru­cken­der Präzision fängt Sabrina Sarabi die sozia­le Kälte die­ses Arbeitsalltags ein und lässt ihre Protagonistin wie­der ein Gespür für ihr eige­nes Begehren ent­wi­ckeln. Sie kommt ihren Figuren dabei immer näher, bis die­se ihren stil­len Aggressionen schließ­lich frei­en Lauf las­sen.
Hauptdarstellerin Saskia Rosendahl gibt dem Verloren sein ihrer Christin eine ner­vö­se Energie, bei der die Lebenslust unter der Routine und Abgeklärtheit durch­scheint.“ Jonas Nestroy | IFFMH
Saskia Rosendahl wur­de bei den Intern. Filmfestspielen in Locarno der Preis als Beste Darstellerin verliehen.

Credits:


DE 2021, 116 Min., dt. O.m.engl. U., optio­na­le Audiodeskription bei Greta
Buch und Regie: Sabrina Sarabi
nach dem Roman von Alina Herbing
Kamera: Max Preiss
Schnitt: Heike Parplies
mit: Saskia Rosendahl, Rik Okon, Godehard Giese, Enno Trebs, Peter Moltzen, Anne Weinknecht

Trailer:
Ausschnitt
nach oben

The Lost Daughter – Frau im Dunkeln

ein Film von Maggie Gyllenhaal.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Eine Literaturwissenschaftlerin macht Urlaub auf einer grie­chi­schen Insel und genießt die Zeit am Strand, bis eine Großfamilie auf­taucht und ihre Ruhe stört. Dabei ist es nicht nur das lau­te Treiben, das die Frau irri­tiert. Die Präsenz einer jun­gen Mutter und ihrer klei­nen Tochter wecken Erinnerungen an ihre eige­ne Vergangenheit als Mutter zwei­er Töchter, die sich, als die Mädchen klein waren, von der Mutterrolle über­for­dert fühl­te und eine radi­ka­le Entscheidung traf. Die Adaption des gleich­na­mi­gen Romans von Elena Ferrante chan­giert ele­gant zwi­schen zwei Zeitebenen und ver­webt sie zum Porträt einer Frau, die sich von klas­si­schen Rollenbildern löst, dafür aber die Bürde laten­ter Scham mit sich trägt. Mit gro­ßer Sensibilität arbei­tet die Inszenierung die unglei­chen Verhältnisse zwi­schen den Geschlechtern her­aus und den Druck, der dadurch auf der ful­mi­nant ver­kör­per­ten Protagonistin las­tet.” Filmdienst
„Gyllenhaal hat Ferrantes Buch selbst adap­tiert, die Textur ihrer Bilder lässt den lite­ra­ri­schen Ursprung manch­mal fast ver­ges­sen. Noch im kleins­ten visu­el­len Detail steckt ein Information aus Ledas Leben – selbst aus den zwan­zig Jahren, die „The Lost Daughter“ über­springt. Die jun­ge Leda, wenn sie mal in ihrer unge­lieb­ten Mutterrolle auf­geht, hat ein Spiel mit ihren Töchtern: Es gewinnt, wer geschickt genug ist, die Haut einer Orange in einem Stück zu schä­len. Das ist auch „The Lost Daughter“: ein Geduldspiel, kunst­voll und zer­brech­lich.” Andreas Busche | Tagesspiegel

Credits:


US/GB/GR/IL 2021, 121 Min., engl. OmU
Buch und Regie: Maggie Gyllenhaal
nach dem Roman „Frau im Dunkeln” von Elena Ferrante
Kamera: Hélène Louvart
Schnitt: Affonso Gonçalves
mit: Olivia Colman, Jessie Buckley, Dakota Johnson, Ed Harris, Peter Sarsgaard, Paul Mescal, Dagmara Dominczyk, Alba Rohrwacher

Trailer:
nach oben

Lunana

ein Film von Pawo Choyning Dorji.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Das Glück der Bevölkerung liegt der Regierung im klei­nen Bhutan sehr am Herzen, trotz­dem sind vie­le jun­ge Menschen davon über­zeugt, ihres eher im Ausland zu fin­den, so auch Uygen. Der Lehramtsstudent hat das Visa für die ange­streb­te Musikerkarriere in Australien schon in der Tasche, aber der Traum muss war­ten. Davor steht noch ein Jahr Referendariat, und dazu wird er in das klei­ne, tat­säch­lich exis­tie­ren­de Bergdorf Lununa ver­setzt, das in fast 4000m Höhe und acht Tagesmärsche von der letz­ten Kleinstadt ent­fernt liegt. So erklärt sich auch, dass hier­hin noch kei­ne Stromleitung den Weg gefun­den hat – ganz zu schwei­gen von den neus­ten Segnungen der Kommunikationsindustrie, die auch Bhutan schon längst erreicht hat, wie in Sing me a Song zu sehen ist. Bei der Ankunft dort ist Uygen trotz freund­lichs­tem Empfang ent­setzt über die­se und ande­re Mängel, kann aber nicht sogleich wie­der weg.
Hendrike Bake schreibt in „Indiekino“ dazu: »Dass sich [im Laufe des Films] sei­ne Einstellung ändert, ist wenig über­ra­schend, aber es ist schön, wie natu­ra­lis­tisch und ein­fühl­sam der Film die­se Veränderung erzählt und dabei Inszenierung und Dokumentarisches sanft ver­knüpft.« Die Dorfbewohner spie­len näm­lich sich selbst und brin­gen eige­ne Geschichten mit, und auch Probleme, die nicht nur die Abgeschiedenheit des Ortes auf­wirft, wer­den ange­spro­chen. Die behut­sam erzähl­te Geschichte in der groß­ar­ti­gen Landschaft fügt sich mit einer guten Portion Humor zu einem zau­ber­haf­ten Film zusam­men.
Überraschenderweise fand Lunana – Ein Yak im Klassenzimmer, wie er im Original heißt, einen Platz auf der kürz­lich ent­schie­de­nen, zum Teil unge­wöhn­lich gut aus­ge­wähl­ten „Oscar-Auslands“-Shortlist, zusam­men u.a. mit Drive my Car, Abteil Nr. 6 und Grosse Freiheit.

Credits:


BT/CN 2021, 109 Min., Dzongkha OmU
Buch und Regie: Pawo Choyning Dorji
Schnitt: Hsiao-Yun Ku
Kamera: Jigme Tenzing
mit: Sherab Dorji, Ugyen Norbu Lhendup, Pem Zam, Kelden Lhamo Gurung

Trailer:
nach oben

Drive my car

ein Film von Ryûsuke Hamaguchi.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Nach Lee Chang-Dongs BURNING (2018) ist Ryûsuke Hamaguchi mit DRIVE MY CAR die zwei­te umwer­fen­de Verfilmung eines Stoffes von Haruki Murakami gelun­gen. Murakamis Erzählungen über trau­ri­ge Menschen erzäh­len oft davon, dass es hel­fen kann, sich Zeit zu neh­men, um irgend­wo zu sit­zen, wie der Erzähler im Roman „Der Aufziehvogelmann“, der sich, als er nicht mehr wei­ter­weiß, mona­te­lang auf einen öffent­li­chen Platz setzt, bis etwas pas­siert. In DRIVE MY CAR lässt sich der Regisseur und Schauspieler Yûsuke im Auto her­um­fah­ren, wenn nichts mehr hilft. Das hat den Vorteil, eine lee­re Zeit zu erzeu­gen, in der er den­ken kann, und er kommt irgend­wo an, an einer Müllverbrennungsanlage, am Meer, an einem Dorf, an dem ein furcht­ba­res Unglück gesche­hen ist – und etwas ver­än­dert sich.

Die ers­te Dreiviertelstunde des Films erzählt die Vorgeschichte der Erzählung, dann erst lau­fen die Titel über das Bild. Yûsuke (Hidetoshi Nishijima) und sei­ne Frau Oto (Reika Kirishima) hat­ten gera­de Sex, sie erzählt eine Geschichte von einem jun­gen Mädchen, die immer wie­der in das Haus eines Schulfreundes ein­dringt, und jedes Mal ein Objekt aus des­sen Zimmer mit­nimmt und ein eige­nes Okjekt hin­ter­lässt. Die bei­den malen sich die Geschichte in ver­schie­de­nen Situationen wei­ter aus: ein Künstlerpaar, sie ist Drehbuchautorin beim Fernsehen. Ihre Beziehung scheint glück­lich und pro­duk­tiv, und auch nach­dem Yûsuke sei­ne Frau zufäl­lig beim Sex mit dem jun­gen Schauspieler Kôji (Masaki Okada) beob­ach­tet hat, scheint sich nichts in ihrem Zusammenleben zu ver­än­dern. Gemeinsam trau­ern sie am Todestag ihrer Tochter, gemein­sam spin­nen sie Geschichten wei­ter und schla­fen mit­ein­an­der. Bis ein furcht­ba­res Unglück passiert.

Zwei Jahre spä­ter beginnt die eigent­li­che Geschichte des Films. Yûsuke, der sich auf expe­ri­men­tel­le Inszenierungen mit Übertiteln und Schauspielern aus ver­schie­de­nen Sprachräumen spe­zia­li­siert hat, ist nach Hiroshima ein­ge­la­den wor­den, wo er sei­ne Inszenierung von Tschechows „Onkel Wanja“ mit einem neu­en Ensemble insze­nie­ren soll. Aus Versicherungsgründen erhält er eine Fahrerin, die schweig­sa­me jun­ge Misaki (Tôko Miura). Der Film ver­webt die Produktion des Theaterstücks und die exis­ten­ti­el­len Krisen der Figuren in „Onkel Wanja“ mit denen von Yûsuke, Kôji, Oto und Misaki. Wie um sich selbst zu befrei­en und sich im Geheimen an Kôji zu rächen, gibt Yûsuke ihm die Rolle des Wanja, der alles ver­liert und mit sei­ner Trauer und Enttäuschung wei­ter­le­ben muss.

Wie in Yûsukes (und wohl auch Ryûsuke Hamaguchis) Theatermethode geht es aber auch um die klei­nen Momente, in denen zwi­schen Menschen und Schauspielern „etwas pas­siert“, wie Yûsuke nach einer Szene zwi­schen einer chi­ne­sisch und einer in korea­ni­scher Zeichensprache spre­chen­den Darstellerin sagt. Die zurück­hal­ten­den, sehr beherrsch­ten Menschen, die der Film zeigt, öff­nen sich nur lang­sam. Die Momente, in denen die pure Emotion durch­bricht, sind um so über­wäl­ti­gen­der. Die sich all­mäh­lich ent­wi­ckeln­de Nähe zwi­schen Yûsuke und der Fahrerin Misaki, deren Geschichte am Ende des Film erzählt wird, ist dabei beson­ders inten­siv. Ein stil­ler, klu­ger Film, der in Cannes den Preis für das Beste Drehbuch, den Kritikerpreis und den Preis der Ökumenischen Jura gewann.

Tom Dorow | indiekino.de

Credits:

ドライブ・マイ・カー Doraibu mai kâ
JP 2021, 179 Min., japan. OmU
Regie: Ryûsuke Hamaguchi
Drehbuch: Ryûsuke Hamaguchi, Haruki Murakami, Takamasa Oe
Kamera: Hidetoshi Shinomiya
Schnitt: Azusa Yamazaki
mit: Hidetoshi Nishijima, Tôko Miura, Masaki Okada, Reika Kirishima

Trailer:
Drive My Car Trailer OmdU Deutsch | German
nach oben