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Showing up

Ein Film von Kelly Reichardt.

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Der aktu­el­le Film von Kelly Reichardt kommt nun end­lich ins fsk!

Filme über Künstler*innen befas­sen sich nur sel­ten mit dem, was die­se in ihrem Alltag tun – oder pro­kras­ti­nie­rend nicht tun. Gerade des­halb ist Kelly Reichardts SHOWING UP eine sol­che Offenbarung – und als Wende im Schaffen die­ser Autorin und Regisseurin ein aus­ge­spro­che­nes Vergnügen. Ein Hauch von Humor fin­det sich oft in Reichardts Filmen, aber die­ser hier ist durch und durch eine Komödie – wenn auch cha­rak­te­ris­ti­scher­wei­se eine phi­losophische, ent­spann­te, melan­cho­li­sche. In Portland, Oregon – einer Bastion der US-Gegenkultur –, berei­tet die Bildhauerin Lizzy ihre Soloausstellung vor. Dabei lässt sie sich von den Widrigkeiten des Lebens ablen­ken: von ihrem psy­chisch kran­ken Bruder, ihrem schrul­li­gen Vater, einer ego­is­tisch-nach­läs­si­gen Vermieterin und Künstlerkollegin sowie einer ver­letz­ten Taube. In der Rolle der wort­kar­gen Lizzy zeigt Reichardts Stammschauspielerin Michelle Williams eine ganz neue komi­sche Seite ihres Talents.“ (Jonathan Romney)

In ihrer bereits vier­ten Zusammenarbeit gelingt Reichardt und ihrer wun­der­ba­ren Hauptdarstellerin Michelle Williams das bemer­kens­wert detail­lier­te Porträt einer Künstlerin im künstlerverliebten Portland. Mit bezau­bern­der Leichtigkeit erle­ben wir die Bildhauerin Lizzy in den letz­ten Wochen vor ihrer gro­ßen Galerieausstellung, der noch jede Menge Feinschliff fehlt. Das Chaos des Alltags, die Anforderungen des Brotjobs und die Nöte des Umfelds machen es nicht gera­de leich­ter … Es ist vor allem der lei­se Humor, abseits gängiger Künstler:innen-Klischees oder sati­ri­scher Überzeichnung, der SHOWING UP zum so amüsanten wie gro­ßen Kino macht. (Nada Torucar)

Credits:

US 2022 | 108 Min., engl. OmU
Regie & Schnitt: Kelly Reichardt
Kamera: Christopher Blauvelt
mit: Michelle Williams, Hong Chau, Judd Hirsch, André Benjamin, Heather Lawless, Amanda Plummer

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Robot Dreams

Robot Dreams

Ein Film von Pablo Berger.

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Dog ist ein­sam. Nach den all­abend­li­chen Cheese-Maccharoni sitzt er allein vor dem Fernseher und switcht sich durch die Kanäle, nur die neu­gie­ri­gen Tauben schau­en von außen herein.

Doch plötz­lich gibt ein Reklame-Spot Hoffnung. Ein Roboter-Freund als do-it-yours­elf-Bausatz wird Freude und Spaß in Dog’s Leben brin­gen. Wir befin­den uns im som­mer­li­chen New York der 80er, und in den Straßen und Parks tobt das Leben, in das Dog und Robot fort­an ein­tau­chen. Rollschuhfahren, Breakdance, auch Punk-Posen lernt Robot schnell, und Dog ist an sei­ner Seite ein durch und durch glück­li­cher Hund. Aber der Ausflug nach Coney Island mit aus­gie­bi­gem Badespaß bekommt dem Blech-Kumpanen nicht, er ros­tet rapi­de. Um ihm zu hel­fen, muss Dog ihn allei­ne los, und kann nicht zurück. Eine sehn­suchts­vol­le lan­ge und trau­ri­ge Zeit für die bei­den Freunde beginnt – kön­nen sie wie­der zusam­men­kom­men, wer­den sie sich wiederfinden?

… allein auf­grund des Cartoon-Looks mit sei­nen knal­li­gen Farben, kla­ren Formen, detail­lier­ten Hintergründen und rund­um gelun­ge­nen Figurendesigns kommt man nicht drum­her­um, sich in die­sen Film zu ver­lie­ben. Robot Dreams ist ein klei­ner, aber sehr fei­ner Zeichentrickstreifen mit tol­lem Stil, gro­ßem Mut zum stil­len Erzählen und dem Herz am rech­ten Fleck.“ Christian Neffe | kino-zeit

Die schein­bar sim­pel daher­kom­men­den Zeichnungen kön­nen dazu ver­lei­ten, ROBOT DREAMS als Kinderfilm ein­zu­schät­zen. Doch all‘ die aus­ge­ar­bei­te­ten Details, die Filmzitate, das dra­ma­ti­sche Potenzial und die Handarbeit – die 150.000 ein­zel­nen Bilder wur­de von 60 Leuten in über x Jahren lie­be­voll ein­zeln gezeich­net, begeis­tert auch alle Ü10. Man braucht also kein Alibikind, um zu kom­men. Viele Herzen hat der dia­log­lo­se Film schon erwär­men kön­nen. Ausgestattet mit dem Grand Prix beim Animationsfestival in Annecy bekam er den gro­ßen GOYA, den Europäischen Filmpreis und wur­de OSCAR-nominiert.

Mit sei­ner lie­be­voll ent­wor­fe­nen, bis ins kleins­te Detail ein­falls­reich ange­räum­ten, gemal­ten Welt stellt Robot Dreams ein glän­zen­des Exempel jener hohen Kunst dar, aus dem frei flot­tie­ren­den Garn der Fantasie Gedanken und Gefühle wie Gold zu spin­nen.“ epd-Film | Alexandra Seitz

Nach der Graphic Novel „Robo und Hund“ von Sara Varon.

Credits:

ES/FR 2023 | 102 Min., ohne Dialog
Regie: Pablo Berger
Schnitt: Fernando Franco

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Die Vision der Claudia Andujar

Die Vision der Claudia Andujar

Ein Film von Heidi Specogna. 

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Claudia Andujar hat­te sich als Fotoreporterin in New York schon einen Namen gemacht, als sie 1960 begann, sich für die indi­ge­ne Bevölkerungsgruppen des bra­si­lia­ni­schen Amazonasgebiets zu inter­es­sie­ren. Die bedroh­te Lebenswelt der Yanomami nahm in Engagement und Arbeit der renom­mier­ten Fotografin ab da gro­ßen Raum ein. Nachdem sie zwei Jahre ohne Kontakt zur Außenwelt bei und mit ihnen gelebt hat­te und die Menschen ihr ver­trau­ten, begann sie ihre foto­gra­fi­sche Dokumentation. Die war mehr als Selbstzweck. Sie half, Gesundheitsakten für eine (über)lebenswichtige Impfung gegen von Weißen ein­ge­schlepp­te Krankheiten zu erstel­len. Die Bilder soll­ten auch zei­gen und auf­klä­ren, welch‘ unge­heu­res Unrecht dort im Namen des Profits und Fortschritts geschieht.

Der Film mischt nicht nur geschickt die leben­di­gen Erzählungen der Protagonistin mit ihren Fotos und ihrer eige­nen, eben­falls trau­ma­ti­schen Geschichte, son­dern schlägt im letz­ten Teil auch noch die Brücke zur Gegenwart. Der Blick rich­tet sich auf die jun­ge Generation der Yanomami und ihren immer noch erfor­der­li­chen Kampf gegen die Zerstörung ihrer Heimat, gegen Folgen von Abholzung und die Vergiftung der Flüsse mit Quecksilber. Und sie führt ihn eben­falls mit bild­ge­ben­den Medien, mit Fotos und Filmen für die Öffentlichkeit.

Der Film macht deut­lich, was Claudia Andujars Fotografien so bedeut­sam macht. Es ist nicht der eth­no­gra­fi­sche Blick auf das Fremde, son­dern die Perspektive einer Frau auf Menschen, die ihr selbst einen Sinn im Leben gege­ben haben. Ihre Fotos sind wert­schät­zend; sie urtei­len nicht.” Thomas Klein | Filmdienst

Ein Großteil der Fotografien von Claudia Andujar ist im Museum of Contemporary Art Inhotim aus­ge­stellt. In den Hamburger Deichtorhallen sind ihre Werke bis zum 11. August zu sehen.

Credits:

DE/CH 2024, 88 Min., por­tu­gie­sisch, fran­zö­si­sche OmU
Regie: Heidi Specogna
Kamera: Johann Feindt
Schnitt: Kaya Inan

Trailer:
Die Vision der Claudia Andujar [Offizieller Trailer DEUTSCH HD] – Ab 9. Mai im Kino
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Auf trockenen Gräsern

Ein Film von Nuri Bilge Ceylan.

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Durch die ver­schnei­te Landschaft stapft der Kunstlehrer Samet zu dem Dorf, in dem er nach Ende der Ferien wie­der unter­rich­ten muss. Es ist eine ein­sa­me Gegend irgend­wo in Anatolien, die unter der Winterdecke ruht. Was in den ers­ten Bildern noch Frieden aus­strahlt, wird im Lauf des Films zuneh­mend beklem­mend wir­ken, wie auch Samets Beziehungen zu den ande­ren Menschen an der Schule und im Dorf dop­pel­bö­dig und kom­pli­ziert wer­den. Und natür­lich weiß jeder, dass er vor­hat, sich nach Istanbul ver­set­zen zu las­sen, sobald die Pflichtzeit am Ende der Welt zu Beginn sei­ner Lehrtätigkeit erfüllt ist. Samet hält sich für einen guten und tole­ran­ten Pädagogen, aber als ihm unan­ge­mes­se­nes Verhalten gegen­über zwei Schülerinnen vor­ge­wor­fen wird und der Druck steigt, kommt lang­sam ein ande­rer Charakter zum Vorschein. Komplex, in sich ver­strickt und ein­ge­schlos­sen, ande­re nur unscharf wahr­neh­mend. Eine Person, deren Verfassung typisch ist für Ceylans männ­li­che Hauptfiguren und die in ihrer Unansehnlichkeit den Ausgangspunkt für ein dich­tes Netz von Berührungspunkten und Beziehungen zwi­schen allen Personen bil­det. Wie bereits in sei­nen vor­an­ge­gan­ge­nen Werken ent­wirft Nuri Bilge Ceylan auch in Auf tro­cke­nen Gräsern anhand von indi­vi­du­el­len Lebensgeschichten und ihren Verzahnungen ein Panorama der tür­ki­schen Gesellschaft in ihren unter­schied­li­chen Facetten. Daneben exis­tiert die archa­isch wir­ken­de Landschaft und spielt eine wei­te­re Hauptrolle.

Auf tro­cke­nen Gräsern lief 2023 im Wettbewerb von Cannes und Merve Dizdar gewann den Preis als bes­te Darstellerin.

In der Türkei ste­hen sich stän­dig Dualismen gegen­über, wie Gut gegen Böse und Individualismus gegen Kollektivismus. Mein Kunstlehrer glaubt, dass er dem Ende sei­nes Pflichtdienstes in einem abge­le­ge­nen Bezirk in Ostanatolien nahe ist. Er trös­tet sich seit Jahren mit der Hoffnung auf eine Versetzung nach Istanbul. Darin liegt ein span­nen­der Unterschied zwi­schen der Rolle des Gastgebers und des Gastes. Interessiert hat uns auch die men­ta­le Auswirkung von Gefühlen der Entfremdung, der Entfernung von städ­ti­schem Leben und einem Dasein am Rande. Mit wel­chen Problemen sehen sich die Bewohner die­ser länd­li­chen Region kon­fron­tiert – wie prägt sie die Dynamik der geo­gra­fi­schen, eth­ni­schen oder sozia­len Strukturen, in denen sie leben? Auch wenn die Möglichkeit Liebe zu fin­den gege­ben ist, wer­den ver­küm­mern­de Seelen unauf­hör­lich tie­fer in die Isolation getrie­ben durch Vorurteile, das Errichten von Mauern, ver­gan­ge­ne poli­ti­sche Traumata und den unstill­ba­ren Drang, jene, die einem nahe­ste­hen, für eige­ne Fehler büßen zu las­sen. In Regionen, wo Verzweiflung in jedem Gesicht, Erschöpfung in jedem Schritt und Bitterkeit in der Stimme spür­bar ist, wer­den die Spuren des „Schicksals“ beson­ders deut­lich.” Nuri Bilge Ceylan

Credits:

TK/FR 2023, 197 Min., türk. OmU
Regie: Nuri Bilge Ceylan
Kamera: Cevahİr Şahİn, Kürşat Üresİn
Schnitt: Oğuz Atabaş, Nuri Bilge Ceylan
Kamera: Cevahİr Şahİn, Nuri Bilge Ceylan
mit: Deniz Celiloğlu, Merve Dizdar, Musab Ekici

Trailer:
Auf tro­cke­nen Gräsern, Trailer OmdU
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La Chimera

Ein Film von Alice Rohrwacher.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Eine ganz eige­ne, magi­sche Erzählung über einen Jäger ver­lo­re­ner Artefakte. Angesiedelt in den traum­haf­ten Landschaften von Riparbella in der Toskana in den 1980er Jahren, erzählt „La Chimera“ die Geschichte von Arthur (Josh O’Connor), einem ehe­ma­li­gen bri­ti­schen Archäologen, der mitt­ler­wei­le ein düs­te­res Gangsterleben führt. Als wir ihn zum ers­ten Mal im Film sehen, ist Arthur gera­de aus dem Gefängnis ent­las­sen wor­den. Zuvor hat er die altern­de Aristokratin Flora (Isabella Rossellini) getrof­fen und sich in deren Tochter Beniamina (Yile Vianello) ver­liebt. Als Beniamina stirbt, schließt sich Arthur einem klei­nen Netzwerk von kurio­sen Grabräubern an, die sich mit viel krea­ti­ver Kraft dem Diebstahl von etrus­ki­schen Schätzen wid­men. Während die meis­ten aufs gro­ße Geld hof­fen, ist Arthur nur dar­an inter­es­siert, sich mit sei­ner ver­stor­be­nen Traumfrau wie­der zu vereinen.

Wie schon Rohrwachers frü­he­re Werke, so ist auch „La Chimera“ ein ele­gan­tes Amalgam des ita­lie­ni­schen Kinos. Echos der Werke der größ­ten Meister durch­zie­hen ihren Film; von Pasolinis Außenseiterromantik, über die Folklore der Werke der Gebrüder Taviani bis hin zu den erns­ten Glaubensbekenntnissen eines Ermanno Olmi. Und die Gang der etrus­ki­schen Grabräuber könn­te ohne wei­te­res aus Fellinis „Amarcord“ oder „Roma“ gecas­tet sein. Dennoch folgt die ita­lie­ni­sche Regisseurin nicht nur den Spuren gro­ßer Vorbilder, son­dern formt sehr intel­li­gent ihren eige­nen, unver­wech­sel­ba­ren Stil, der zwi­schen der Rauheit des Neorealismus und einer traum­haf­ten Verspieltheit chan­giert und flie­ßend zwi­schen ver­schie­de­nen Konventionen wech­selt. Es ist ein Kino der gro­ßen Gefühle und sinn­li­chen Freude, das den Abenteuer-Plot in einen fil­mi­schen Karneval über­führt und den Alice Rohrwachers genia­le Kamerafrau Hélène Louvart in einen wil­den Mix aus 35mm, 16mm und Super8-Aufnahmen ein­fängt. Kurzum: Eine Feier von Zelluloid-Träumen. Dafür gewann der Film im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes den FIPRESCI-Preis als bes­ter Film.

Around the world in 14 films

Credits:

IT, FR, CH 2023, 134 Min., ital./engl. OmU
Regie: Alice Rohrwacher
Kamera: Hélène Louvart
Schnitt: Nelly Quettier
mit: Josh O’Connor, Carol Duarte, Isabella Rossellini, Alba Rohrwacher 

Trailer:
LA CHIMERA (Official Trailer, OV/d)
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Evil does not exist

Ein Film von Ryusuke Hamaguchi.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Takumi (Hitoshi Omika) und sei­ne Tochter Hana (Ryo Nishikawa) leben in einem klei­nen Dorf namens Mizubiki, das nicht weit von der japa­ni­schen Hauptstadt Tokio ent­fernt liegt. Ihr Leben ist ein­fach und eng mit der Natur ver­bun­den. Sie genie­ßen die Kargheit und Abgeschiedenheit ihres Alltags. Doch die­se Idylle scheint bald ein Ende zu neh­men. Ein Unternehmen aus Tokio plant, eine Luxus-Campinganlage in der Nähe zu errich­ten. Das ent­schleu­nig­te Leben der Dorfbewohner hät­te damit ein Ende. Die Fronten sind ver­här­tet. In einem Versuch, die Situation zu ent­schär­fen, schickt das Unternehmen zwei Agenturmitarbeiter nach Mizubiki. Doch anstatt einer Lösung nahe­zu­kom­men, führt dies zu wei­te­ren Spannungen –mit tief­grei­fen­den Folgen für alle Beteiligten.
Umwelt gegen Ökonomie. Um die­se Auseinandersetzung geht es in Hamaguchis Werk, das auf dem letzt­jäh­ri­gen Filmfest von Venedig acht Minuten lang Standing Ovations erhielt. „Evil Does Not Exist“ ist eine fein­füh­lig erzähl­te, öko­lo­gi­sche Reise zu dem, was die Menschen in Mizubiki im Innersten antreibt und was sie erfüllt: sie exis­tie­ren selbst­be­stimmt und unab­hän­gig. Sie leben von dem, was der Wald ihnen gibt und was auf natür­li­che Weise vor­han­den ist.
Als Zuschauer beob­ach­tet man Takumi beim Wasserholen (aus dem nahe­ge­le­ge­nen Fluss), Holz hacken, bei den aus­gie­bi­gen Wanderungen und auf Hirschjagd. Oft ist sei­ne inter­es­sier­te Tochter Hana mit dabei, der Takumi viel über die Wälder, Tiere und Bäume lehrt. Gerade jene Szenen im Wald haben etwas zutiefst Meditatives und zäh­len zu den stim­mungs­volls­ten des Films. Verantwortlich dafür sind neben den unge­wöhn­li­chen Blickwinkeln und Kameraperspektiven noch zwei ande­re Aspekte. Zum einen die authen­ti­sche Soundkulisse und Klanglandschaft, vom Fließen des Baches über die kna­cken­den Äste bis hin zum Vogelgezwitscher.
Zum ande­ren die wun­der­schö­ne, anrüh­ren­de Filmmusik, kom­po­niert von der japa­ni­schen Künstlerin Eiko Ishibashi. Ihre Klänge unter­strei­chen vie­le Szenen, nicht nur jene im Wald. Und meist hat man das Gefühl, dass ihre Musik maß­geb­lich und stell­ver­tre­tend für die Stimmung des gesam­ten Films ist. Zu jener Naturverbundenheit und dem bereits ange­spro­che­nen Realismus kommt aber etwas hin­zu, das den Frieden stört. Den Frieden und das ruhi­ge Leben der Dorfbewohner. Das Eintreffen der bei­den Firmenvertreter in Mizubiki eben­so wie die „Glamping“-Pläne ihres Arbeitgebers, sym­bo­li­sie­ren das Eindringen des Menschen in die Natur. Stehen die Dörfler exem­pla­risch für ein natur­be­wuss­tes Dasein und die Liebe zur Umwelt, so geben die Firmenvertreter dem Kapitalismus und Gewinnstreben ein Gesicht.
Doch „Evil Does Not Exist“ gewährt jeder Seite letzt­lich eine fai­re Chance, um für ihre Position ein­zu­ste­hen und Argumente dar­zu­le­gen. Ryusuke Hamaguchi ergreift kei­ne Partei, auch wenn sein Standpunkt sub­til und unter­schwel­lig oft durch­scheint. Und egal ob Dorfbewohner oder Städter: Hamaguchi ent­lockt sei­nen Schauspielern durch den redu­zier­ten Einsatz von Dialogen durch­weg und unab­läs­sig gelun­ge­ne, wahr­haf­ti­ge Leistungen.

Björn Schneider | programmkino.de

Credits:

Aku wa Sonzai Shinai (悪は存在しない)
JP 2023, 106 Min., japan. OmU
Regie: Ryusuke Hamaguchi
Kamera: Yoshio Kitagawa
Schnitt: Ryūsuke Hamaguchi & Azusa Yamazaki
mit: Hitoshi Omika, Ryo Nishikawa, Ryūji Kosaka,
Ayaka Shibutani

Trailer:
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Perfect Days

Perfect Days

Ein Film von Wim Wenders.

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Es sieht aus, als sei für Hirayama jeder Tag ein per­fek­ter, mit sei­ner ger­ne und sorg­fäl­tig aus­ge­führ­ten Arbeit, den all­täg­li­chen Ritualen, dem Fotografieren, dem wöchent­li­chen Bad im Sentō, Lesen vorm Einschlafen, und der Musik beim Fahren. Eines Tages besucht ihn uner­war­tet sei­ne Nichte, er lässt sich dadurch aber nur kurz aus sei­ner Ruhe brin­gen.
Im Gegensatz zu sei­nen letz­ten monu­men­ta­len doku­men­ta­ri­schen Werken kommt der in nur 17 Tagen gedreh­te „Perfect Days“ gelas­sen und ein­fach erzählt daher, und erin­nert dabei posi­tiv an Wenders’ frü­he Filme. Hinter aller dra­ma­tur­gi­schen Bescheidenheit lau­ern jedoch klei­ne spek­ta­ku­lä­re Entdeckungen. Die in Tokio ver­teil­ten, von nam­haf­ten Architekten ent­wor­fe­nen, neu errich­te­ten öffent­li­chen Toilettenhäuschen rufen ein ums ande­re Mal erstaun­tes Entzücken her­vor. Sie waren der eigent­li­che Ausgangspunkt für den Film. Der inter­na­tio­nal bekann­te, in Japan berühm­te Darsteller Koji Yakusho geht so sehr in sei­ne Rolle hin­ein, dass man glau­ben kann, einen Dokumentarfilm über Toilettenreiniger mit ihm als por­trä­tier­te Hauptfigur zu schau­en. In sei­nem zum Putzmobil umge­bau­ten Kleintransporter hört Hirayamas rich­ti­ge Audio-Kassetten, jeden Tag eine ande­re, und besucht Läden, wo sie an- und ver­kauft wer­den. In sei­ner Stammbar singt die Besitzerin sehr melan­cho­lisch eine japa­ni­sche Version von „House of the Rising Sun“, wie die Melancholie über­haupt den gan­zen Film durch­zieht und bei allen zärt­li­chen und leben­di­gen Momenten mit den wun­der­ba­ren Aufnahmen an sein Vorbild Ozu den­ken lässt.
„Was für eine schö­ne Überraschung! Wim Wenders’ jüngs­ter Film, eine japa­ni­sche Produktion, hat eine uner­war­te­te Frische und Schönheit. … Wenders hat mit die­sem Film zu einer Simplizität gefun­den, zu einer poe­ti­schen Einfachheit, die man in sei­nem beein­dru­cken­den Gesamtwerk bis­wei­len schmerz­lich ver­misst hat. Der Film ist sicht­lich eine Hommage an die japa­ni­sche Kultur, aber auch an jenes klas­si­sche japa­ni­sche Kino, das sehr ein­fach von Menschen zu erzäh­len wuss­te.“
Sennhausers Filmblog

Credits:

JP 2023, 124 Min., japan. OmU
Regie: Wim Wenders
Kamera: Franz Lustig
Schnitt: Toni Froschhammer
mit: Koji Yakusho, Tokio Emoto, Arisa Nakano, Aoi Yamada, Yumi Aso, Sayuri Ishikawa, Tomokazu Miura as Tomoyama

Trailer:
PERFECT DAYS | TRAILER (OmdU)
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