Lunana

ein Film von Pawo Choyning Dorji. Ab 13.1. im fsk. 

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Ugyen hat einen Traum: Er will aus Bhutan nach Australien aus­wan­dern. Das Visum ist schon bean­tragt, doch zuerst muss Ugyen sei­ne Lehrerausbildung abschlie­ßen. Dafür fehlt ihm noch ein Jahr, und das soll er nun aus­ge­rech­net ganz oben in den Bergen ver­brin­gen. Alle Proteste sind nutz­los, wider­wil­lig macht sich Ugyen auf die Reise. Von der letz­ten Busstation wird er abge­holt. Von hier aus sei es nur noch ein klei­ner Bummel den Fluss ent­lang, sagen Ugyens bei­de Begleiter, die ihn auf die­se Weise gleich mit dem Humor der Bergvölker bekannt machen. Denn der klei­ne Spaziergang ent­puppt sich als hyper­an­stren­gen­der Treck über Stock und Stein.

Sogar hier oben, in der majes­tä­ti­schen Bergwelt, inter­es­siert sich Ugyen mehr für sei­nen IPod als für sei­ne Begleiter oder für die Landschaft. Am Ziel ange­kom­men, in dem win­zi­gen Dorf Lunana, wird Ugyen aufs Herzlichste begrüßt. Am liebs­ten wür­de er sofort wie­der umkeh­ren. Doch irgend­et­was hält ihn davon ab: viel­leicht sind es die erwar­tungs­vol­len Gesichter der Kinder oder die Tatsache, dass erst ein­mal nie­mand da ist, der ihn beim Abstieg ins Tal beglei­ten könn­te. Die Schule ist eine ver­rot­te­te Ruine, sein Zimmer eine ver­dreck­te Bruchbude, durch die der kal­te Wind pfeift. Immerhin gibt es ab und an mal Strom, man weiß nur nicht, wann. Ein Mobilnetz ist ohne­hin über­flüs­sig, weil man die Handys nicht auf­la­den kann.

Doch bald erweist sich der ver­wöhn­te Städter als Improvisationstalent. Er rich­tet den Klassenraum wie­der her, bas­telt sich Unterrichtsmaterial und zeigt den Kindern, wie viel Spaß das Lernen macht. Er sam­melt und trock­net sei­nen Yakmist selbst, um damit Feuer zu machen, und er macht die Bekanntschaft von Saldon, die den tra­di­tio­nel­len Gesang beherrscht. Zwischen den bei­den ent­wi­ckeln sich zar­te Bande, die jedoch davon über­schat­tet wer­den, dass Ugyen das Dorf bald wie­der ver­las­sen muss.

Pawo Choyning Dorji nimmt das alt­be­kann­te Motiv vom arro­gan­ten Stadtmenschen, der durch das ein­fa­che Leben in der Bergeinsamkeit geläu­tert wird, und mixt es auf ver­gnüg­lichs­te Weise mit vie­len Aspekten, die sei­ne Komödie auch für ein grö­ße­res Publikum inter­es­sant machen. Da ist zunächst ein­mal der lie­bens­wer­te Hauptdarsteller (Sherab Dorji), der tat­säch­lich noch an die Wand gespielt wird von einem bezau­bern­den klei­nen Mädchen: Pem Zam als Klassensprecherin der Dorfschule ver­sprüht einen abso­lut umwer­fen­den Charme, der weni­ger mit Niedlichkeit zu tun hat als mit einer unfass­ba­ren Leinwandpräsenz. Gut aus­ge­wählt sind aber auch die ande­ren Rollen, so Kelden Lhamo Gurung als Saldon, die stil­le, schö­ne Sängerin. Nicht nur die Kinder, son­dern auch die übri­gen Dorfbewohner sind zumeist Laiendarsteller, was dem Film zusätz­lich einen ganz eige­nen Charakter und einen sehr freund­li­chen Humor ver­leiht. Hier tref­fen sich Dokumentation und Spielfilm zu einem durch­aus rea­lis­ti­schen Eindruck.

Das har­te und ent­beh­rungs­rei­che Leben im Himalaya wird jedoch glück­li­cher­wei­se weder roman­ti­siert noch dra­ma­ti­siert. Das ist auch nicht nötig – die Unterschiede zur Großstadt im Tal sind deut­lich genug. Kultur und Religion ver­bin­den sich zu einem geschlos­se­nen Bild, was sich zum einen in der gelas­se­nen Bildsprache, zum ande­ren auch in der Selbstverständlichkeit äußert, mit der die Dorfbewohner ihre Rituale in den Alltag einbetten.

Dabei spart Pawo Choyning Dorji nicht mit dis­kre­ten iro­ni­schen Verweisen auf den west­li­chen Way of Life und sei­ne ver­wöhn­ten Anhänger, ohne dass er dabei gänz­lich die Probleme ver­nach­läs­sigt, die sich aus der Lebenssituation in den Bergen erge­ben. Das „Bruttonationalglück“, das im Film erwähnt wird, gehört übri­gens tat­säch­lich zu den Zielen, die sich der klei­ne Staat Bhutan für sei­ne Bewohner gesetzt hat. Dennoch oder, bes­ser gesagt, ange­neh­mer­wei­se ver­zich­tet Pawo Choyning Dorji auf ein plat­tes Happy End. Insgesamt über­wiegt eine posi­ti­ve und hei­te­re Grundstimmung, die durch die atem­be­rau­bend schö­nen Landschaftsaufnahmen noch beför­dert wird.

Gaby Sikorski | programmkino.de

Credits:


BT/CN 2021, 109 Min., Dzongkha OmU
Buch und Regie: Pawo Choyning Dorji
Schnitt: Hsiao-Yun Ku
Kamera: Jigme Tenzing
mit: Sherab Dorji, Ugyen Norbu Lhendup, Pem Zam, Kelden Lhamo Gurung

Trailer:
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