Zwei Halbschwestern (Renate Reinsve, Helene Bjørneby) treffen nach 25 Jahren in Gran Canaria wieder aufeinander, wo sie in einem All-inclusive-Resort aufgewachsen sind. Nach dem Tod ihrer esoterischen Mutter sind die unterschiedlichen Frauen gezwungen, sich mit ihrer gemeinsamen Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Eine Schriftstellerin beobachtet mit einem Fernrohr, was in der Wohnung gegenüber geschieht, in der zwei Brüder und eine Mitarbeiterin in einem Film-Tonstudio agieren. Als sie einen Helfer aufgedrängt bekommt, gerät auch dieser in der Bann des Geschehens und gibt sich bei der Frau von gegenüber als Schriftsteller aus, indem er Kostproben seiner Chefin als sein Werk ausgibt. Ein vielschichtiges Drama von Asghar Farhadi.
Al Cook lebt umgeben von seinen Erinnerungen. Seine Wohnung und sein Keller sind vollgestopft mit Büchern, Videokassetten und Schallplatten. Es ist alles, was ihm von einem Leben in vollen Zügen geblieben ist. Die Zeit scheint hier stillzustehen, während sich außerhalb seiner vier Wände die Erde weitergedreht hat. Der Blues, die Musik, die Al alles bedeutet, gerät allmählich in Vergessenheit. Seine Heimatstadt fühlt sich nicht mehr wie ein Zuhause an, und der Verlust seiner geliebten Frau schmerzt ihn noch immer täglich. Als eine skrupellose Immobilienfirma sein Haus abreißen will, droht ihm auch dieser Rückzugsort zu entgleiten, und er steht vor den Trümmern seiner Existenz. Während er sich gezwungenermaßen nach und nach von all den Schätzen seines Lebens verabschiedet, muss Al sich die Frage stellen: Wie weitermachen, wenn Erinnerungen alles sind, was ihm geblieben ist? Angesichts des drohenden Verlusts entscheidet er sich für einen radikalen Neuanfang.
„Bei all der nostalgischen Wehmut, die in diesem Film und in der Figur Al Cookes mitschwingt, ist The Loneliest Man in Town zugleich aber ein lebensbejahender, teilweise auch sehr komischer und überaus zärtlicher Film. Wenn der coole Bluesmusiker Blumen auf dem Hausaltar für seine verstorbene Frau abstellt oder unbeholfen mit einer verflossenen Liebe flirtet, die ihm den Laufpass gab, weil er ihr, die auf die Beatles stand, stattdessen Elvis-Platten verehrte, dann treffen einen diese kleinen Gesten mitten ins Herz und zeigen auch die Einsamkeit, die ja bereits im Titel (der wiederum von einem Song kommt, den Cooke an einer Stelle vor einem sehr kleinen Publikum darbietet) angedeutet wird. (…) Und Cooke / Koch selbst reiht sich nahtlos ein in die lange Reihe von Figuren aus Tizza Covi und Rainer Frimmels vorherigen Filmen, die häufig Musiker, sind, Zirkusartisten, fahrendem Volk oder Schauspieler*innen. Dabei liegt dem Regieduo wenig am Glanz und Glamour, der sich damit verbindet. Vielmehr zeigen sie voller Liebe zu den von ihnen Porträtierten all die Fadenscheinigkeiten und Brüche innerhalb eines Lebens, das diese Menschen ohne Rücksicht auf materielle Sicherheiten der Kunst gewidmet haben. Ihnen gilt all ihre Aufmerksamkeit, all ihre Liebe. Dass es ihnen immer wieder gelingt, so großartige, ganz eigene, ungeheuer humorvolle und zugleich berührende Filme über echte (Über-)Lebenskünstler wie Alois Koch zu machen, macht Tizza Covi und Rainer Frimmel zu Ausnahmeerscheinungen und ihre Filme zu ganz kostbaren Schätzen, die man mit all ihre Herzenswärme und ihre Empathie nicht missen möchte.„ Joachim Kurz | Kino-Zeit
Credits:
AT 2026, 86 Min., Deutsch Regie:Tizza Covi und Rainer Frimmel Buch: Tizza Covi Kamera: Rainer Frimmel Schnitt: Tizza Covi, Emily Artmann mit: Alois Koch, Brigitte Meduna, Alfred Blechinger, Flurina Schneider
Trailer:
Wiener Blues – The Loneliest Man in Town | Trailer Deutsch | Ab 19. November im Kino
Russland, 2022. Der erfolgreiche Geschäftsmann Gleb sieht sich wachsendem unternehmerischem Druck und politischer Instabilität ausgesetzt. Je mehr er die Kontrolle über sein sorgfältig strukturiertes Leben verliert, desto unerbittlicher steuert er auf die Gewalt zu. „Mit Minotaur kehrt Andrey Zvyagintsev nach neun Jahren zurück ins Kino und macht sofort klar, dass sich an seinem Blick auf Russland nichts verändert hat. Wenn überhaupt, ist er noch kompromissloser geworden. Schon seine Filme Leviathan und Loveless zeichneten ein Land, dessen gesellschaftliche und moralische Strukturen längst zu zerfallen begannen. Minotaur wirkt nun wie die endgültige Eskalation dieser Welt: ein Film über Menschen, die sich so sehr an Gewalt, Korruption und emotionale Kälte gewöhnt haben, dass sie kaum noch wahrnehmen, wie tief sie bereits selbst darin versunken sind. (…) Vor allen Dingen ist Minotaur ein Film, der weit über seine konkrete politische Situation hinausreicht. Er erzählt von einer Gesellschaft, in der Menschen ihre Menschlichkeit Stück für Stück gegen Stabilität, Wohlstand und Selbstschutz eingetauscht haben – und erkennt darin eine Tragödie.” Mia Pflüger | kinozeit
In einem Aufeinandertreffen zweier Familien werden Klassenunterschiede, moralische Überzeugungen und geheimes Begehren seziert. Nach dem gewaltsamen Ende eines Streiks versuchen Ho-seok und seine Frau Mi-ok wieder in ihr Leben zurückzufinden. Doch als die junge, ambitionierte Filmemacherin Ye-ji in ihr Leben tritt, die die Geschichte dieses Arbeitskampfes in einem Dokumentarfilm aufarbeiten will, treten unterdrückte Wut und Verletzungen an die Oberfläche. Zugleich verhandelt Possible Love Fragen nach künstlerischer und persönlicher Verantwortung und verwebt diese mit einer komplexen, multiperspektivischen Charakterstudie.
„Fazit: Das Jahrhundert-Meisterwerk Burning ist einer dieser Filme, bei denen man sich im Anschluss fragt, was zum Teufel danach eigentlich noch kommen soll. Mit „Possible Love“ und seinem zweiten absolut brillanten Fünf-Sterne-Meisterwerk in Folge liefert Lee Chang-dong eine beeindruckende Antwort.” Christoph Petersen | filmstarts.de
Credits:
Originaltitel: 가능한 사랑 (Ga-neung-han Sa-rang) KR 2026, 164 Min., koreanische OmU Regie: Lee Chang-dong Buch: Lee Chang-dong, Oh Jung-mi Kamera: Kim Ji-Yong Schnitt: Kim Da-won mit: Jeon Do-yeon , Sul Kyung-gu , Zo In-sung , Cho Yeo-jeong
Die CIA-Agenten Lee (Sam Rockwell) und Chris (John Malkovich) sind in Santiago de Chile stationiert. Im Sommer 1973 arbeiten sie am Destabilisieren der Allende-Regierung, aber Chris wird immer mehr zum Sicherheitsrisiko. Er ist tödlich krank, vergisst vieles und erzählt gerne von dem, was die CIA so tut. Lee und Chris reisen auf die Osterinseln, weil Chris schon immer die großen Köpfe sehen wollte, aber nicht nur deswegen. Es ist ein abgeschiedener Ort, der geradezu ideal ist, um sich vom Leben zu verabschieden.
Bei Brügge sehen und sterben sollte der ältere Killer den jungen töten, hier ist es umgekehrt, und die Gründe sind anders, aber im Kern ist es dieselbe Geschichte, die McDonagh hier erzählt. Das mag man negativ konnotieren, es ist auf den ersten Blick auch ein klein wenig enttäuschend, weil McDonagh als Theater- und Filmautor ansonsten weit, weit origineller erzählt. Aber er beweist wieder einmal, dass er es nicht nur versteht, plastische Figuren zu erschaffen, sondern ihnen als Meister des Dialogs auch geschliffene Worte in den Mund zu legen. Das Skript ist pures Gold, die Dialoge witzig, überdreht, dramatisch, aber nie so drüber, dass sie nicht noch authentisch wirken würden. Für Schauspieler vom Format eines Sam Rockwells oder John Malkovichs ist das pures Gold. Sie spielen einfach brillant.
McDonagh versteht es aber auch, die Schönheit der Osterinseln in Szene zu setzen; und er nutzt diese Pracht für eine Geschichte, die auch erstaunlich düster sein kann. Denn der Background ist der Putsch durch das Pinochet-Regime in Chile, unterstützt von den USA – stattgefunden am 11. September 1973. Es gibt Szenen, die für Gänsehaut sorgen, etwa dann, wenn Chris mit einer Studentin aus Chile spricht und ihr erklärt, was am 11. September passieren wird. Wie sie und ihre Freunde in das Stadion gebracht, wie sie gefoltert und wie viele von ihnen sterben werden. Chris, der ewige Lügner, sagt die Wahrheit, und aus dem Mund eines Mannes, der im Dienste des großen Ganzen grausame Dinge getan hat, ist das elektrisierend.
McDonagh beherrscht die Klaviatur narrativer Schönheit perfekt. Wenn er in einem Akt etwas einführt, dann erhält das im letzten Akt Bedeutung, sei es das Gewehr eines Attentats, das sich lange wie ein MacGuffin anfühlt, oder eine Warnung davor, sich niemals in ein Auto verschleppen zu lassen.
Die Dialoge leben von beißendem Humor, sie können ins Absurde abdriften, sind aber immer vielschichtig und tragen zur Charakterbildung bei. Auch wenn die Geschichte an sich nicht gänzlich neu sein mag, macht McDonagh daraus kluge Unterhaltung auf höchstem Niveau. Kino für Leute, die großes Schauspiel und große Dialoge lieben.
Peter Osteried | programmkino.de
Credits:
GB/US/CL 2026, 118 Min., engl. OmU Regie & Buch: Martin McDonagh Kamera: Ben Davis Schnitt: Mikkel E.G. Nielsen mit: John Malkovich, Sam Rockwell, Steve Buscemi, Mariana di Girolamo, Ailín Salas; Tom Waits, Parker Posey, Paola Giannini
Sommer in Südspanien. Iván arbeitet in einer Gewächshausanlage und steht kurz vor der Beförderung zum Manager, die seiner Familie ein besseres Leben ermöglichen soll. Doch als Hadoum als Saisonkraft in den Betrieb kommt, erwachen alte Gefühle. Iván kennt Hadoum noch aus der Schulzeit, vor seiner Transition. Nach einer Nacht am Strand wird die Beziehung der beiden intensiver. Doch Hadoum, die sich wegen ihrer marokkanischen Herkunft schon immer gegen Vorurteile behaupten musste, setzt sich auch engagiert für die Arbeitsrechte im Betrieb ein. Iván muss sich entscheiden, zu wem er stehen und wer er wirklich sein möchte. In Iván & Hadoum erzählt Ian de la Rosa von zwei Außenseiter*innen, die soziale Grenzen einreißen müssen, um zueinanderzufinden. „Eine bewegende, provokante und unvergessliche Geschichte“, lobte auf der Berlinale die Jury des queeren Filmpreises Teddy Award.
Credits:
ES/DE/BE 2026, 100 Min., spanisch, arabische OmU Regie & Buch: Ian de la Rosa Kamera: Beatriz Sastre Schnitt: Yannick Leroy mit: Silver Chicón, Herminia Loh
Trailer:
IVÁN&HADOUM – Offizieller Trailer (OmU) | Ab 5.11.26 im Kino
Was bedeutet es, aus einer Gemeinschaft herausgerissen und ausgegrenzt zu werden? Dieser Frage geht Autorin und Regisseurin Mariko Minoguchi (Mein Ende. Dein Anfang., Zeit Verbrechen: Dezember) in ihrem zweiten Kino-Spielfilm nach. Eine Ärztin hat sich mit einer ansteckenden Krankheit infiziert und wurde aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Einsam lebt sie in den Alpen, bis sie auf eine junge Frau trifft, die ebenfalls zu den Ausgegrenzten gehört. Gemeinsam wollen sie nach Süden vorstoßen, wo Leben in Freiheit noch möglich scheint. Auf wenige Personen reduziertes Survival-Drama.
Über fünf Jahre dokumentiert Pepa Lubojacki vier Familienmitglieder, allen voran Bruder David, der alkoholabhängig und ohne Obdach ist. In einer hochpersönlichen, tagebuchartigen Collage unternimmt Lubojacki den Versuch, die Wurzeln generationenübergreifenden Unglücks freizulegen, das seinen Ausdruck immer wieder in schweren Suchterkrankungen findet. Dabei verschmelzen Textskulpturen, Langzeitbeobachtung, Synthie-Beats und mit KI animierte Fotografien aus der Kindheit zu einer markant-verspielten, schonungslosen und doch liebenden Offenlegung. If Pigeons Turned to Gold ist Kapitulation und Hoffnungsschimmer gleichermaßen, Kraftakt und Lösungsprozess. Pepa Lubojacki bringt die Vergangenheit zum Sprechen und schafft auf diese Weise einen Kontext, der David und die ebenfalls suchtkranken Cousins dem richtenden Urteil der Außenwelt entzieht – und auch deren Ignoranz. In der behutsamen Begegnung werden sie für einen Moment erneut zu einsamen Kindern. Weniger auf der Suche nach Schuld als nach Heilung, steht am Ende die Möglichkeit einer Transformation, versinnbildlicht im verfallenen Haus des Vaters, das Pepa in einen geschützten Ort verwandelt: Home, I’m coming.
Schlafsack auf dem Boden vor dem Fitnessstudio-Kästchen, Coaching-Seminar und morgendliches Shift-Briefing (mit Verkaufslächeln-Übung): knallharte Situationen, in denen sich Brigitte (Johanna Wokalek) wiederfindet. Sie ist die Protagonistin dieser Elfriede-Jelinek-Adaption, für die Debütantin Koxi Inventur mit dem einstigen Erfolgs-Roman der späteren Nobelpreisträgerin macht, indem sie ihn aus den 1970er Jahren in den heutigen Spätkapitalismus katapultiert. Beim Scrollen stößt Brigitte, Messe-Hostess im mittleren Alter, auf die Schülerin Paula (Hannah Schiller), die alles tut, um Internet-Fame zu erlangen. Während die eine jugendlich ambitioniert aufzustreben scheint, beginnt sich die andere mit ihr zu vergleichen, zusehends obsessiv. Brigitte muss ihr Leben ändern, mit Kalkül ihre Ziele erreichen – aber sind es überhaupt ihre? Paula bricht mit extremeren Mitteln aus dem trostlosen Heim aus, jedoch ausweglos.
„Ja, es geht um alternde Körper und darum, was es für eine Frau bedeutet, ihr Leben lang ihren Körper vermarkten zu müssen. Aber vor allem geht es um die Frage, was eigentlich ein „alternder Körper“ ist. Ob das nicht vor allem eine äußere Zuschreibung ist. Wenn Brigittes Lächeln nicht mehr gut genug ist, ihre Sexualisierbarkeit nachlässt und sie damit nicht mehr in ihren Hostess-Job hereinpasst, dann hat das wenig mit tatsächlicher körperlicher Alterung zu tun.” Luca Schepers | Kino-Zeit
Credits:
DE/LX 2026, 98 Min., deutsche OmeU Regie: Koxi Buch: Antonio de Luca, Koxi Kamera: Jakob Berger Schnitt: Andreas Menn, Antonio de Luca mit Johanna Wokalek, Hannah Schiller, Ben Münchow, Victoria Trauttmansdorff, Jasmin Artosha Mokhtare, Susanne Bredehöft
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