Archiv der Kategorie: bald

Der Mann, der seine Haut verkaufte

Ein Film von Kaouther Ben Hania. Ab 24.2. im fsk. 

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Ein Zug in Syrien. Sam (Yahya Mahayni) legt den Arm um sei­ne Geliebte Abeer (Dea Liane). Nein, doch nicht in der Öffentlichkeit, pro­tes­tiert die jun­ge Frau. Sie kommt aus bes­se­rem Haus, soll einen Diplomaten hei­ra­ten und nach Brüssel gehen. Ihr Geliebter dage­gen ist ein armer Schlucker, ein Alptraum für sei­ne Möchtegern-Schwiegereltern. Sam reagiert sau­er, setzt sich in eine ande­re Sitzreihe. Die Freundin beru­higt ihn mit lang ersehn­ten Worten: „Ich lie­be dich“. Da kann der jun­ge Mann nicht an sich hal­ten, posaunt sei­ne Freude laut hin­aus, lässt das gan­ze Abteil dar­an teil­ha­ben. Im Überschwang rutscht ihm dabei auch ein ver­häng­nis­vol­ler Satz her­aus: „Es lebe die Revolution“. Das bedeu­tet im Jahr 2011, zu Beginn des Bürgerkriegs: Gefängnis, Flucht in den Libanon und wegen eines Reiseverbots das dro­hen­de Aus für die Liebe sei­nes Lebens.

Per Zufall trifft Sam im Exil auf den Starkünstler Jeffrey (Koen De Bouw), einen stets schwarz geklei­de­ten Exzentriker mit Sieben-Tage-Bart und dun­kel geschmink­ten Augen. Der Konzept-Artist ist ein Provokateur, immer auf der Suche nach der nächs­ten Grenzüberschreitung. Sein Angebot: Den Rücken von Sam als Kunstwerk zu täto­wie­ren, das jedes Jahr in ver­schie­de­nen Ausstellungen gezeigt wer­den darf – und sogar ver­kauft wer­den kann. Als Gegenleistung bekommt Sam eine Million Euro und ein Schengen Visum. Der noch immer schwer ver­lieb­te Sam wil­ligt ein und reist nach Brüssel, wo Abeer inzwi­schen in eine Vernunftheirat ein­ge­wil­ligt hat. Ironischerweise besteht das Kunstwerk in genau dem Visum, das Sam die Freiheit zurück­ge­ben soll. Versklavung zu einem guten Zweck sozu­sa­gen. Und Kritik an einer Globalisierung, die Geld und Waren über­all hin rei­sen lässt, Menschen aber nicht.

Die tune­si­sche Regisseurin Kaouther Ben Hania lässt von der ers­ten Minute an kei­nen Zweifel, wel­chen Blick sie auf die avant­gar­dis­ti­sche Kunstwelt wirft: einen min­des­tens iro­ni­schen, oft sati­ri­schen und manch­mal auch sar­kas­ti­schen. Kamerawinkel, Kostüme und Raumerkundungen über­hö­hen das Getue auf Vernissagen, den Starkult, die Posen ver­meint­li­cher Kenner und die dezen­te Unterwürfigkeit her­aus­ge­putz­ter Assistentinnen in eine ent­lar­ven­de Künstlichkeit. Das hat der Film mit der eben­so köst­li­chen Satire „The Square“ (2017) von Ruben Östland gemein. Darüber hin­aus nutzt die Regisseurin die kunst­vol­len Spiegelungen, aus­ge­feil­ten Kompositionen und sub­ti­len Irritationen, um eine Identitätssuche zu illus­trie­ren. Sam hat im Liebesüberschwang einen Fehler gemacht. Er wird Zeit brau­chen, um zu sich selbst zurückzufinden.

Bewundernswert ist auch die erzäh­le­ri­sche Ökonomie, mit der das syri­sche Drama sei­nen Platz in der Kunstsatire behaup­tet. Sam skypt regel­mä­ßig mit der Familie. Was er da zu hören und sehen bekommt, sind beschwich­ti­gen­de Berichte, die das Ausmaß des Elends abmil­dern wol­len. Aber in einer Szene bricht die Realität in vol­ler Wucht durch. Jemand stört in der syri­schen Wohnung Sams Gespräch aus Brüssel mit der Mutter. Kurz dar­auf steht der Laptop ein Stück wei­ter weg, gibt die Sicht auf die Beinstümpfe der Mutter frei. „Wie lan­ge ist das so“, fragt der ent­setz­te Sohn. Seit einem Jahr, eine ein­stür­zen­de Wand hat ihr die Beine zerquetscht.

Aufgrund der iro­ni­schen Bildsprache könn­te man glau­ben, die Regisseurin urtei­le mora­lisch ein­di­men­sio­nal. Aber dem ist nicht so. „Nicht ich bin zynisch“, legt sie dem Provokateur Jeffrey in den Mund. Die Welt sei zynisch, wenn sie ille­ga­len Organhandel, Zwangsprostitution und Leihmutterschaft zulas­se. Seine Aufgabe sei nur, unan­ge­neh­me Wahrheiten in dras­ti­scher Form aus­zu­spre­chen. Außerdem: Wer woll­te Sam, dem Geflüchteten, das Recht abspre­chen, alles zu tun, um sei­ne Geliebte wie­der­zu­se­hen? Der Film hält sol­che Überlegungen offen, vie­le Antworten sind mög­lich. Schließlich ist die Fragestellung nicht banal. Der Geschichte lie­gen rea­le Fakten zugrunde.

Peter Gutting | programmkino.de

Credits:

TN/FR/BE 2020, 104‘ min., Arabisch/Englisch/Französisch OmU, Regie: Kaouther Ben Hania, Kamera: Nestor Salazar, Schnitt: Marie-Hélène Dozo, mit Yahya Mahayni, Dea Liane, Koen De Bouw, Monica Bellucci

Trailer:
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SAF

Ein Film von Ali Vatansever. Ab 24.2. im fsk. 

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Kamil, ein gut­her­zi­ger Arbeiter, nimmt einen Job auf einer benach­bar­ten Baustelle an. Als Widerständler gegen die städ­ti­sche Wandlung wider­spricht dies jedoch sei­nen Prinzipien. Sein Vorgänger bei die­ser Arbeit, ein syri­scher Flüchtling, möch­te sei­ne Stelle zurück, was einen Konflikt mit Kamil pro­vo­ziert. Doch Unterdrückung und Angst in Kamils Nachbarschaft und bei sei­ner Arbeit führen dazu, dass Kamil bei einem Unfall ums Leben kommt. Nun muss sich sei­ne Frau den Konsequenzen sei­ner Taten stellen.

Credits:

DE, RO, TR 2021, 108 min., tür­ki­sche OmU
Buch und Regie: Ali Vatansever
Kamera: Tudor Vladimir Panduru
mit Erol Afsin, Saadet Aksoy, Kida Khodr Ramadan

Trailer:
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End of Season

ein Film von Elmar Imanov. Ab 17.2 im fsk. 

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Eine Familie in der Auflösung: Der arbeits­lo­se Schauspieler Samir will eigent­lich nur in Ruhe gelas­sen wer­den, sei­ne Frau Fidan über­legt, in Berlin eine Stelle anzu­neh­men, und Sohn Mahmud will vor allem sei­nen Eltern ent­flie­hen. Ein dra­ma­ti­scher Zwischenfall wäh­rend eines Ausflugs an den Strand legt die Risse in der Familie schmerz­haft frei. Der Film navi­giert meis­ter­haft zwi­schen den drei Figuren und por­trä­tiert sie zugleich als Fremde und Komplizen.

Credits:

DE/GE/AZ 2019, 92 Min., aze­ri OmU
Regie: Elmar Imanov
Kamera: Berta Valin Escofet und Driss Azhari
Schnitt: Ioseb „Soso” Bliadze
mit Rasim Jafarov, Zulfiyye Gurbanova, Mir-Mövsüm Mirzazade

Trailer:
END OF SEASON – Offizieller Trailer
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Petite Maman

ein Film von Céline Sciamma. Ab 17.2 im fsk. 

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Nach dem Tod von Nellys gelieb­ter Großmutter hilft das acht­jäh­ri­ge Mädchen sei­nen Eltern beim Ausräumen des Hauses, in dem ihre Mutter Marion ihre Kindheit ver­brach­te. Nelly erkun­det das Haus und den umlie­gen­den Wald, in dem ihre Mutter frü­her spiel­te und das Baumhaus bau­te, von dem Nelly so viel gehört hat. Eines Tages reist die Mutter unver­mit­telt ab. Da lernt Nelly ein gleich­alt­ri­ges Mädchen ken­nen, das im Wald gera­de ein Baumhaus baut. Das Mädchen heißt: Marion.
Céline Sciamma, zum zwei­ten Mal auf der Berlinale, hat mit ihrem fünf­ten Film ein höchst inten­si­ves und rei­fes Werk geschaf­fen. Im herbst­li­chen Licht der Bilder von Kamerafrau Claire Mathon spürt die Regisseurin mit poe­ti­scher Präzision einem wich­ti­gen Moment des Erwachsenwerdens nach. Wieder ein­mal stellt Sciamma das weib­li­che Universum in den Mittelpunkt ihrer Beschäftigung mit den Fragen des Lebens. Aus der Kraft der Erinnerung und der Imagination lässt sie einen ein­zig­ar­ti­gen emo­tio­na­len Resonanzraum entstehen.

Credits:

FR 2021, 72 Min., frz. OmU
Regie, Buch: Céline Sciamma
Kamera: Claire Mathon
Schnitt: Julien Lacheray
mit Joséphine Sanz, Gabrielle Sanz, Nina Meurisse, Stéphane Varupenne, Margot Abascal

Trailer:
Petite Maman – Official Trailer
im Kino mit deut­schen Untertitlen
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The other Side of the River

ein Film von Antonia Kilian. Am 4.2. mit anschlie­ßen­dem Filmgespräch.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Als die deut­sche Kamerafrau Antonia Kilian 2016 die Fernsehbilder von der Befreiung der nord­sy­ri­schen Stadt Manbidsch aus den Händen der Terrorgruppe IS im Fernsehen sieht, ist sie fas­zi­niert: Frauen haben den soge­nann­ten Islamischen Staat aus der Stadt getrie­ben – Frauen in Uniform, bewaff­net mit Granaten und femi­nis­ti­schen Werten.
„Ich möch­te alle Frauen in Manbidsch befrei­en“, sagt die 20-jäh­ri­ge Hala Mustafa, die Kilian ken­nen­lernt, als sie in die auto­no­me kur­di­sche Region Rojava in Syrien reist, wo jene Frauen ihre mili­tä­ri­sche Ausbildung erhal­ten – femi­nis­ti­sche Schulungen inklu­si­ve. Hala lernt hier, eine Soldatin zu wer­den, um in ihrer Heimatstadt auf der ande­ren Seite des Euphrat als Polizistin zu arbei­ten. Ihr größ­ter Wunsch ist es, ihre vier Schwestern aus dem Elternhaus zu holen, wo sie wei­ter­hin zwangs­ver­hei­ra­tet und unter­drückt wer­den. …
Eine femi­nis­ti­sche Militärakademie vol­ler jun­ger Frauen, die ihr Schicksal selbst in die Hand neh­men: Nicht nur für die Regisseurin von The other Side of the River … ist die kur­di­sche Frauenakademie in Rojava Utopie und Projektionsfläche. „Ich hat­te gro­ße Träume“, sagt Antonia Kilian im Off, „aber kei­ne Ahnung von der Realität.“ Geduldig schaut Kilian mit ihrer Handheld-Kamera zu, wie Hala sich vol­ler Entschlossenheit durch die­se gewalt­vol­le Welt bewegt, in der sie nie mehr macht- und hilf­los sein will. Den hin­ge­bungs­vol­len Nahaufnahmen der Gesichter Halas und ihrer jün­ge­ren Schwestern merkt man die Bewunderung für ihre Protagonistinnen an, in die sich zuse­hends auch Sorge mischt. Denn Krieg ist nun mal Krieg, und selbst die femi­nis­tischs­te Revolution hat auch ihre Schattenseiten.“ Eva Szulkowski | indiekino

Credits:

DE/FI 2021, 92 Min., Arabisch, Kurdisch, Deutsch mit deut­schen Untertiteln
Regie: Antonia Kilian
Kamera: Antonia Kilian
Ton: Nadya Derwish
Schnitt: Arash Asadi


Trailer:
The Other Side Of The River | offi­zi­el­ler deut­scher Trailer
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Are You Lonesome Tonight?

ein Film von Wen Shipei .

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Wie es so kom­men kann, Xueming will sich nur eine Zigarette anzün­den, doch genau in die­ser Sekunde tritt plötz­lich der Mann ins Scheinwerferlicht sei­nes Lieferwagens – brem­sen hilft nicht mehr. Geschockt begeht er Fahrerflucht, aber von nun an führt das Leben den von Schuldgefühlen geplag­ten Haustechniker in eine neue Richtung.
Frau Liang erstat­tet eine Vermisstenanzeige, als ihr Mann nicht nach Hause kommt. Ein paar Tage spä­ter fällt ihre Klimaanlage aus, eine Katastrophe in der schwül­war­men Stadt (Originaltitel: „Es war ein­mal in den Tropen“). Sie kann schwer­lich ahnen, dass dies kein Zufall ist, son­dern von dem jun­gen Reparateur her­bei­ge­führt wur­de. Es ist Xueming, der sei­ne Tat zu beich­ten will, es aber nicht schafft. Beide freun­den sich an, und es stellt sich her­aus, dass die Todesursache von Herrn Liang auch nicht so klar ist, wie es schien. Als schließ­lich die Leiche von Herrn Liang auf­taucht, kommt auch noch ein Kommissar ins Spiel, und ein Koffer vol­ler Geld hat dar­in auch sei­ne Rolle.
Der Debutfilm von Wen Shipei ist ein schmut­zi­ger, aber far­ben­präch­ti­ger Noir-Thriller, der im Rückblick erzählt wird und sich auch in klei­nen Spiralen aus Vorahnungen und Erinnerungsfetzen durch die Zeit bewegt. Mißtrauen ist in der gezeig­ten Gesellschaft immer ein guter Ratgeber, aber unse­re Held*innen schla­gen sich nach bes­tem Wissen und Gewissen durch den manch­mal erstaun­lich lee­ren Dschungel der Stadt.
„…eines der erstaun­lichs­ten Debuts der letz­ten Jahre, mit einem ganz eige­nen Rhythmus, einem umwer­fen­den Gefühl für hyp­no­ti­sche Bilder. Von Wen Shipei lässt sich noch eini­ges erwar­ten.“ Tom Dorow, indiekino

Credits:

Originaltitel: Re dai wang shi
CN 2021, 95 Min., man­da­rin OmU
Regie: Wen Shipei
Kamera: Cedric Cheung-Lau, Xiaosu Han, Zhang Heng, Andreas Thalhammer
Schnitt: Zhu Lin, Will Wei, Dong Jie, Noé Dodson, Cao Hangchen

mit: Eddie Peng, Peiyao Jiang, Zhang Yu, Sylvia Chang 


Trailer:
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Ballade von der weißen Kuh

ein Film von Behtash Sanaeeha, Maryam Moghaddam. Ab 3.2. im fsk. 

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Minas Mann ist tot, hin­ge­rich­tet. Ein Justizirrtum, wie sich ein Jahr spä­ter her­aus­stellt. Eine finan­zi­el­le Entschädigung soll ihr über den Verlust hin­weg­hel­fen und der sie­ben­jäh­ri­gen gehör­lo­sen Tochter das Leben erleich­tern. Aber Minas Trauer sitzt tief, und so leicht lässt sie sich nicht abschüt­teln.
Während die Witwe ihren Kampf gegen ein System auf­nimmt, das nicht auf Widerstand ein­ge­stellt ist, steht plötz­lich Reza vor der Tür. Er ist angeb­lich ein Freund ihres Mannes, der alte Schulden zu beglei­chen wünscht. Mina ist zunächst miss­trau­isch, nimmt sei­ne Hilfe und Freundlichkeit jedoch bald dank­bar an, als ihr selbst Kraft, Geld und Hoffnung schwin­den. Noch ahnt sie nicht, dass Rezas Vergangenheit unmit­tel­bar mit ihrem Schicksal ver­bun­den ist, bis auch die­se Wahrheit irgend­wann ans Licht gerät und Mina erneut vor eine schwe­re Prüfung gestellt wird.
Der meis­ter­haf­te Film von Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam, bei dem Moghaddam als Regisseurin und (groß­ar­ti­ge) Hauptdarstellerin eine Doppelrolle über­nimmt, kon­zen­triert sich voll und ganz auf die Frau im Zentrum des Geschehens. Die Kamera folgt Mina durch den Alltag und streift dabei immer wie­der ihr Gesicht, schaut ihr oft und lan­ge in die schwe­ren Augen, die so viel mehr sagen als jedes Wort. Aber auch in ihrem tief­sit­zen­den Schmerz lässt sie sich nicht ein­schüch­tern. Mit einer hart­nä­cki­gen Wut im Bauch stellt sie sich den Lügen des Überwachungsstaates eben­so ent­ge­gen wie Demütigungen, als etwa der Schwiegervater das Sorgerecht für ihre Tochter ein­klagt. Allein Mina weiß, wie weit sie zu gehen bereit ist.“
Pamela Jahn | indiekino.de
„Das ist ein wuch­ti­ger, wüten­der Film, der ein­mal mehr die Aussagen all jener ira­ni­schen Künstler und Filmemacherinnen bestä­tigt, dass die­ser Staat sich nicht um kri­ti­sche Kunst küm­mert, so lan­ge sie die Dinge nicht direkt und wört­lich auf den Punkt bringt. Das mensch­li­che Drama die­ser Figuren lässt sich eben ohne wei­te­res auf den Monster’s Ball (US Film über eine Henker – Opfernwitwe Beziehung) redu­zie­ren. Zumal bis auf Reza die staat­li­chen Funktionäre gesichts- und per­sön­lich­keits­los gezeigt wer­den.“ Sennhausers Filmblog

Credits:


Ghasideyeh gave sef­id
IR/FR 2020, 105 Min., far­si OmU
Buch und Regie: Behtash Sanaeeha, Maryam Moghaddam
Kamera: Amin Jafari
Schnitt: Ata Mehrad, Behtash Sanaeeha
mit Maryam Moghaddam, Alireza Sanifar, Pourya Rahimisam, Avin Purraoufi, Farid Ghobadi, Lili Farhadpour

Trailer:
Ballad of a White Cow (Ghasideyeh gave sef­id) new clip offi­cial from Berlin Film Festival 2021
Im Kino mit deut­schen Untertiteln
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Dok-Termin

Unsere Dokfilmwoche, die ins­ge­samt sechs­mal jeweils Ende August statt­fand, ist vor­erst Geschichte. Sie wur­de von uns über­ar­bei­tet, zer­stü­ckelt und neu zusammengesetzt.

Herausgekommen ist Dok-Termin- 12 beson­de­re Dokumentarfilme ver­tei­len sich aufs Jahr. Jedes Werk wird zwei­mal zu sehen sein, im fsk-Kino und in einem wei­te­ren Kino der Indiekino-Gruppe. Gespräche mit den Macher*innen, Diskussionen, Einführungen und was sich sonst zur Unterstützung oder Weiterführung anbie­tet, ergän­zen die Veranstaltungen.

Das Programm ist nicht auf bestimm­te Themen, Formen oder Inhalte ausgerichtet.

Die geplan­ten Filme las­sen Zusammenhänge in neu­em Licht erschei­nen. Die gesam­te Haltung, wie Empathie und Umgang mit Protagonist*innen, der gewähl­te Blickwinkel ent­schei­den über ihre Relevanz. Wir freu­en uns über Angebote zum Dialog, oder die Einladung, beim Zuschauen eige­ne Bilder zu for­men sowie über die essay­is­ti­sche Annäherung an ein Thema.

Besondere und indi­vi­du­el­le Geschichten, die unauf­dring­lich auf einen kom­ple­xen äuße­ren Kosmos

wei­sen, sind gefragt, aber in der Umkehrung auch eine freie und wei­te Erzählung, in der sich der/die Einzelne wie­der­fin­det. Die Filme gehen vom Großen, Weiten ins Detail und las­sen vom Persönlichen, engen Rahmen aufs Allgemeine schlie­ßen, regio­nal wie weltweit.

Hier die nächs­ten Termine:

23. & 24.10.:

#7 City Hall von Frederick Wiseman

Der inzwi­schen 91-jäh­ri­ge Frederick Wiseman ist mit sei­nen über 40 Dokumentarfilmen selbst eine Institution, gera­de wur­de er in Cannes für sein Lebenswerk geehrt. Passend dazu sind sei­ne Arbeiten oft genaue Innensichten bekann­ter Kultur-Institutionen, wie zuletzt der New Yorker Public Library und dem Nachtclub Crazy Horse, der National Gallery in London, der Pariser Oper. Zuvor hat­te Wiseman sich immer ger­ne auch die admi­nis­tra­ti­ve Bereiche vor­ge­nom­men, wie Justizsystem, Universitäten oder Militär. Bei CITY HALL gehen wir gleich mit in den gan­zen Komplex einer Stadtverwaltung, der sei­ner Geburtsstadt Boston.
Diskussionen über die Quartiersentwicklung, Armutsbekämpfung und Rassismus, die Städtische Telefon-Hotline, Einbeziehung der Bürger in kom­mu­na­le Aufgaben, Essenstafeln und Obdachlosenhilfe – die­se und weit mehr sozia­le Projekte und Betreuungsbereiche ste­hen auf dem Programm der Stadtverwaltung Bostons, und beson­ders auch des damals amtie­ren­den Bürgermeisters Marty Walsh. Polizeiarbeit und Feuerwehreinsätze, Veteranentreffen, Eheschließung, Stadt- und Wirtschaftsplanung, Sportereignissen, Empfänge, Eröffnungen, Pressekonferenzen und all­ge­mei­ner Verwaltungsaufwand, die gan­zen admi­nis­tra­ti­ven Aufgaben, die der Film in gut vier Stunden vor­führt, will ich gar nicht auf­zäh­len.
Über unzäh­li­ge per­sön­li­che Schicksale wird hier ent­schie­den, und wir sind mit­ten­drin. CITY HALL ist ein Portrait der gesam­ten Stadt Boston, das der Regisseur in bekannt span­nen­der und ein­dring­li­chen Art prä­sen­tiert, wo dann selbst Abwasser- und Abfallentsorgung zum Ereignis werden.

14. & 16.11:

#8 The two sights von Joshua Bonnetta

Laut Abspann wur­de das Material für The Two Sights zwi­schen 2017 und 2019 auf den Äußeren Hebriden „gesam­melt“. Aber um was für Material han­delt es sich? Zum einen sind da die atembe­raubenden 16-mm-Landschaftsaufnahmen: Felsklippen, Strände und Ebenen, Pflanzen und Tiere, Häuser und Schiffe, wech­sel­haf­te Lichtverhältnisse. Zum ande­ren – auf­ge­nom­men mit einem Mi­krofon, das in den ers­ten Einstellungen zu sehen ist – sind da die Geräusche: krei­schen­de Vögel, brau­sen­der Wind, tosen­des, gur­geln­des, tröp­feln­des Wasser – und aus dem Off erzählt eine Stimme, auf Englisch und Gälisch, von Hundeskeletten, ver­sun­ke­nen Dörfern, ster­ben­den Angehörigen; manch­mal erklin­gen auch Lieder, hört man den Seewetterbericht, oder es herrscht Stille. Wie in je­der guten Sammlung geht es nicht um die ein­zel­nen Bestandteile, es geht um Schnittpunkte, um die Krähe im Stacheldraht, die eine bis­her uner­zählt geblie­be­ne Geschichte evo­ziert, um den Gesang ei­ner Frau, der das Wasser leicht zu kräu­seln scheint, und es geht dar­um, dass jede Erzählung von der rau­schen­den Luft getra­gen wird. Sehen, mit Augen und Ohren – zwei Perspektiven, die ineinander­fließen. (Berlinale Forum d. Internationalen Jungen Films 2020)

→ Am Sonntag, den 14.11. wird die aus­tra­li­sche Klangkünstlerin, Komponistin und Pädagogin Felicity Mangan musi­ka­lisch auf den Film ein­stim­men. Mit Naturtönen aus ihrem Field Recording Archiv erforscht sie Klangfarben und bio­rhyth­mi­sche Muster, um qua­si-bio­akus­ti­sche elek­tro­ni­sche Musik zu bauen.

4. & 5.12.:

#9 Cousin Jules von Dominique Benicheti

»Ein wirk­lich außer­ge­wöhn­li­ches Kunstwerk.« Time Out NY

Ein Bauernhof im Burgund, ein klei­ner Alltag, der im 19. Jahrhundert nicht viel anders aus­ge­se­hen haben dürf­te: Ein Schmid – Verwandter des Regisseurs – und sei­ne Frau, bei­de um die 80, in den Rhythmen ihres Lebens. Es gibt im Tageslauf des Paares wenig zu sagen, aber im Film umso mehr zu sehen und zu hören: Arbeitsschritte und häus­li­che Besorgungen, der Klang von Feuer und Häm­mern, das Klappern der Holzschuhe. Handgriffe und Gewohnheiten, die mit der Dauer der Jahre und in der Verdichtung des Films etwas Rituelles bekom­men. Dominique Benicheti ein­zi­ger Lang­film formt in sei­ner Montage das Verstreichen eines Tages nach, tat­säch­lich ist er über fünf Jahre hin­weg gedreht wor­den, in schwel­ge­ri­schem Cinemascope und Stereoton, 2012 wur­de er restau­riert und unter ande­rem im Forum der Berlinale wie­der­auf­ge­führt. Kino im empha­ti­schen Sinne ist er ge­blieben, eine Eloge auf die lyri­sche Materialität und eige­ne Zeitlichkeit einer länd­li­chen Kultur.

Vorstellungen
4.12. City Wedding 19:00 [Tickets]
5.12. fsk-Kino 18:00 [Tickets]

DokTermin wird rea­li­siert mit Unterstützung aus Mitteln der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa

Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?

Ein Film von Alexandre Koberidze. Ab 20.1 im fsk.

[Credits] [Termine] [Trailer]

Eine zufäl­li­ge Begegnung vor den Toren einer Schule im geor­gi­schen Kutaissi. Lisa und Giorgi stol­pern inein­an­der, ein Buch fällt zu Boden. Sichtlich ver­wirrt ver­ab­re­den sie ein Date, ohne ein­an­der ihre Namen genannt zu haben. Es ist Liebe auf den ers­ten Blick, und wie ver­zau­bert fan­gen die Dinge an zu leben: Die Überwachungskamera wird zum bösen Auge, das Abflussrohr zum Orakel, Augen zu – und Gong! Über den Liebenden liegt ein Fluch, der sie dazu ver­dammt, am nächs­ten Tag mit einem ande­ren Aussehen zu erwa­chen. Doch gera­de die­se wun­der­sa­me Erschwernis ihrer Wiederbegegnung wird zur Eintrittskarte in eine Welt, in der nur noch der Zauber des Alltags herrscht – in schlich­ter Schönheit, mit zärt­li­cher Komik und einer Fußballbegeisterung, die Junge wie Alte und sogar den phleg­ma­ti­schen Straßenköter Vardy befällt.
Es ist die Poesie der Ziellosigkeit, die es Alexandre Koberidze, wie schon in Lass den Sommer nie wie­der kom­men, ermög­licht, im Kino all das sicht­bar und erzähl­bar zu machen, was wir in der Wirklichkeit unse­res Alltags nur sel­ten wahr­neh­men. Feuerzeuge raus! Denn die Nächte sind magisch, wie Gianna Nannini inbrüns­tig sin­gen darf in die­ser Perle von einem Film.

Credits:

Ras vkhe­davt, rode­sac cas vuku­rebt?
DE/GE 2021, 150 Minuten, geor­gisch mit dt. Untertiteln,
Regie: Alexandre Koberidze
Kamera: Faraz Fesharaki
Schnitt: Alexandre Koberidze
mit: Ani Karseladze, Giorgi Bochorishvili, Oliko Barbakadze, Giorgi Ambroladze, Vakhtang Panchulidze, Sofio Tchanishvili, Irina Chelidze, David Koberidze, Sofio Sharashidze

Trailer:
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