Archiv der Kategorie: bald

Wir sind dann wohl die Angehörigen

Ein Film von Hans-Christian Schmid. Ab 3.11. im fsk. 

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Für den 13-jäh­ri­gen Johann ist an einem Tag des Jahres 1996 plötz­lich nichts mehr wie zuvor. Mit der Entführung sei­nes Vaters erlebt er zum ers­ten Mal in sei­nem Leben wirk­li­che Angst – und wird Zeuge beklem­men­der 33 Tage. Polizisten wer­den zu Hausgenossen von frag­wür­di­ger Kompetenz. Zwischen geschei­ter­ten Geldübergaben errei­chen ihn die ver­zwei­fel­ten Briefe sei­nes Vaters. Immer deut­li­cher wird dabei, dass das Leben des Vaters nur ent­ge­gen der Polizeistrategie zu ret­ten ist.

WIR SIND DANN WOHL DIE ANGEHÖRIGEN ist die Geschichte einer Familie im Ausnahmezustand. Hans-Christian Schmid erzählt den Entführungsfall Jan Philipp Reemtsma nach dem auto­bio­gra­phi­schen Roman von Johann Scheerer erst­mals aus der Sicht der Angehörigen. Das Drehbuch ver­fass­te er gemein­sam mit Michael Gutmann, mit dem er unter ande­rem bereits bei LICHTER, 23 und CRAZY zusam­men­ge­ar­bei­tet hat.

Neben Claude Heinrich als Johann und Adina Vetter als Ann Kathrin Scheerer ste­hen Justus von Dohnányi, Hans Löw, Yorck Dippe, Enno Trebs, Fabian Hinrichs und Philipp Hauß vor der Kamera von Julian Krubasik.

Credits:

DE 2022, 119 Min.
Regie: Hans-Christian Schmid
Drehbuch: Michael Gutmann und Hans-Christian Schmid nach dem gleich­na­mi­gen Buch von Johann Scheerer
Kamera: Julian Krubasik
Schnitt: Hansjörg Weißbrich
mit: Claude Heinrich
Adina Vetter
Justus von Dohnányi
Hans Löw
Yorck Dippe
Enno Trebs
Philipp Hauß
Fabian Hinrichs


Trailer:
WIR SIND DANN WOHL DIE ANGEHÖRIGEN – Teaser (HD)
nach oben

Elfriede Jelinek – die Sprache von der Leine lassen

Ein Film von Claudia Müller. Ab 10.11. im fsk. 

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Wunderkind, Skandalautorin, Vaterlandsverräterin, Feministin, Modeliebhaberin, Kommunistin, Sprachterroristin, Rebellin, Enfant ter­ri­ble, Nestbeschmutzerin, genia­le, ver­letz­li­che Künstlerin“. Der Film über Elfriede Jelinek, die 2004 als ers­te öster­rei­chi­sche Schriftstellerin mit dem Nobelpreis für Literatur aus­ge­zeich­net wur­de, stellt ihren künst­le­ri­schen Umgang mit Sprache in den Mittelpunkt. Vielschichtig und asso­zia­tiv nähert er sich der Kunst sei­ner Protagonistin mit ihren eige­nen sprach­kom­po­si­to­ri­schen Verfahren. ELFRIEDE JELINEKDIE SPRACHE VON DER LEINE LASSEN ist ein Dokumentarfilm von Claudia Müller (90‘). Unter Mitwirkung und mit den Stimmen von Ilse Ritter, Sandra Hüller, Stefanie Reinsperger, Sophie Rois, Maren Kroymann, Martin Wuttke ist ein viel­schich­ti­ges, asso­zia­ti­ves, essay­is­ti­sches Filmporträt entstanden.

Credits:

LT/FR/BE 2022, 114 Min., engl. OmU,
Regie: Claudia Müller
Kamera: Christine A. Maier
Schnitt: Mechthild Barth
Mit den Stimmen von Ilse Ritter, Sandra Hüller, Stefanie Reinsperger, Sophie Rois, Maren Kroymann

Trailer:
ELFRIEDE JELINEKDIE SPRACHE VON DER LEINE LASSEN | Trailer [HD]
nach oben

Menschliche Dinge

Ein Film von Yvan Attal. Ab 3.11. im fsk. 

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Man könn­te mei­nen, die Farels sind eine Familie wie aus dem Bilderbuch: Jean Farel ist ein pro­mi­nen­ter Fernsehjournalist, sei­ne Frau Claire eine Intellektuelle, bekannt für ihr femi­nis­ti­sches Engagement, ihr gemein­sa­mer Sohn Alexandre ist gut­aus­se­hend, sport­lich und stu­diert in Kalifornien an einer Eliteuni. Bis eines Tages die Polizei vor der Tür steht: Ausgerechnet die 16-jäh­ri­ge Tochter von Claires neu­em Lebensgefährten hat Anzeige wegen Vergewaltigung gegen Alexandre erstat­tet. Die glanz­vol­le Fassade zeigt gefähr­li­che Risse, und das Leben aller gerät aus den Fugen, „wegen eines Aktes von 20 Minuten” – ein Satz, für den Alexandres Vater einen Twitter-Shitstorm kassiert.

Wo fängt eine Vergewaltigung an? Was genau ist sexu­el­ler Konsens? Wo lie­gen die Grenzen von Lust? All das sind Fragen, die spä­tes­tens seit #MeToo drin­gend dis­ku­tiert wer­den müs­sen und in dem span­nen­den Thriller von Yvan Attal (DER HUND BLEIBT, DIE BRILLANTE MADEMOISELLE NEÏLA) gestellt wer­den. Das atem­be­rau­ben­de Drama mit einer her­aus­ra­gen­den Charlotte Gainsbourg in der Hauptrolle basiert auf dem gleich­na­mi­gen Bestsellerroman „Menschliche Dinge” und ist inspi­riert von dem „Fall Stanford”.

Credits:

Les cho­ses humai­nes
FR 2021, 138 Min., frz. OmU
Regie: Yvan Attal
Kamera: Rémy Chevrin
Schnitt: Albertine Lastera
Mit: Charlotte Gainsbourg, Mathieu Kassovitz, Ben Attal, Pierre Arditi

Trailer:
MENSCHLICHE DINGE – Trailer OmU German | Deutsch
nach oben

Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall

Ein Film von Hong Sangsoo. Ab 10.11. im fsk. 

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Das Wiedersehen der berühm­ten Romanautorin Junhee mit zwei Bekannten hat einen leicht bit­te­ren Beigeschmack: Der eine, der selbst das Schreiben auf­ge­ge­ben hat, um am Stadtrand von Seoul eine Buchhandlung zu eröff­nen, schul­det ihr noch einen Kommentar zu ihrem letz­ten Buch. Der ande­re, ein Filmemacher, hat ihren Roman doch nicht ver­filmt. Schlimmer ist, dass Junhee seit einer Weile nichts mehr ver­öf­fent­licht hat. Sie hin­ter­fragt ihre Arbeit und jene Sensibilität, die seit jeher ihren Stil sowie ihre cha­ris­ma­ti­sche Persönlichkeit prägt. Auf einem Spaziergang mit dem Regisseur lernt sie eine bekann­te Schauspielerin ken­nen, die sich in einer ähn­li­chen Schaffenskrise befin­det. Die bei­den spü­ren eine Verbundenheit, wel­che die Autorin auf die Idee zu einem Film bringt, der ihr ers­ter wer­den soll.
Hong Sangsoos 27. Spielfilm ist Anlass einer bezau­bern­den Begegnung zwi­schen Kim Minhee und Cho Yunhee. Er erzählt von der Rolle der Zeit in einem Leben, das der Kunst gewid­met ist, und fei­ert die Schönheit zufäl­li­ger Begegnungen eben­so wie die Bedeutung von Wahrhaftigkeit im trü­ge­ri­schen Filmbusiness. Und er ist ein Loblied, ja eine Liebeserklärung an sei­ne Darsteller*innen. Selbst für den, der mit sei­ner Kunst ver­traut ist, ist die hin­rei­ßen­de Offenheit die­ses neus­ten Werkes schlicht überwältigend.

Credits:

So-seol-ga-ui yeong-hwa
KR 2021, 92 Min., korea­ni­sche OmU
Regie, Kamera, Schnitt & Buch: Hong Sangsoo
mit Lee Hyeyoung, Kim Minhee, Seo Younghwa, Park Miso

Trailer:
The Novelist’s Film (So-seol-ga-ui yeong-hwa) | Trailer | Berlinale 2022
Im Kino mit deut­schen Untertiteln
nach oben

Zur Erinnerung an Tatjana Turanskyj

Weitermachen!“ war die Devise von Tatjana Turanskyj, die vor einem Jahr viel zu früh ver­starb. „Tatjana war zual­ler­erst Feministin. Sie war Autorin-Filmemacherin, Aktivistin, Performerin, Galeristin, Werbetexterin, Kritikerin, Freundin, Mentorin, Professorin, Gefährtin und Verbündete“, schrei­ben Jan Ahlrichs und Freund:innen nach ihrem Tod. Die drei Langfilme von Turanskyj (einer davon in Co-Regie mit Marita Neher) wer­den jeweils von Filmausschnitten, Einführungen und Gesprächen beglei­tet. Zahlreiche Wegbegleiter:innen haben sich ange­kün­digt um nach den Filmen zu erin­nern und das Weitermachen weiterzudenken.

Freitag, 7.10., 17:30 Uhr, Eine Flexible Frau, D 2010 ‚
Greta, 40, ist Architektin, arbeits­los, Mutter, Trinkerin. Sie jobbt im Callcenter, doku­men­tiert die Gentrifizierung Berlins, wehrt sich gegen ihre Umwelt und drif­tet tags und nachts durch die Stadt.
Samstag, 8.10., 17:30 Uhr, Top Girl oder la défor­ma­ti­on pro­fes­si­onnel­le, D 2014
Helena, 29, ist allein­er­zie­hen­de Mutter und mäßig erfolg­rei­che Schauspielerin. Deshalb arbei­tet sie neben­bei selbst­stän­dig als Sexarbeiterin. Zweiter Teil der unvoll­ende­ten „Frauen und Arbeit„-Trilogie.
Sonntag, 9.10., 17:30 Uhr, Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen (mit Marita Neher), D 2016

Vesper Chronicles

Ein Film von Kristina Buozyte und Bruno Samper.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Endzeitfilm mit viel Liebe zur Photosynthese. Schlürpige Gewächse, nicht immer fleisch­fres­send, dafür sehr neu­gie­rig und wach­sam, bevöl­kern Wald und Wiese. Im Labor ent­wi­ckelt, zur Serienreife gebracht, aber nach der Katastrophe sich selbst über­las­sen und um Evolution bemüht. Ununterscheidbar mit der natür­li­chen Flora und Fauna ver­wo­ben, im dich­ten Märchenwald ver­bor­gen, den Vesper durch­streift, auf der Suche nach allem, was ihren Vater und sie am Leben hal­ten könn­te. Vesper ist sowohl Hänsel als auch Gretel, ihr Vater liegt para­ly­siert daheim, kann ihr aber als schwe­ben­de Box mit auf­ge­mal­tem Kindergesicht bei­ste­hen. Hauptsächlich gegen den eige­nen Onkel, der eisig und kon­se­quent das System der Macht ver­kör­pert, in der Unterwelt, die nur Mangel bie­tet. Eines Tages kracht ein Flugkörper aus einer der Inseln der Oberwelt ins Gebüsch und Vesper will die­se ande­re Welt ent­de­cken, in der sie leben und nicht nur über­le­ben kann.

Ein Genrebeitrag im offi­zi­el­len Wettbewerb? Das war beim Karlovy Vary International Film Festival tat­säch­lich noch nicht all­zu oft der Fall. Tatsächlich hat­te Vesper auch schon im Vorfeld sei­ner Weltpremiere beim 56. KVIFF für Aufsehen gesorgt: Der Trailer zum ambi­tio­nier­ten Sci-Fi-Film der Vanishing Waves Filmemacher*innen Kristina Buožytė und Bruno Samper beein­druck­te mit sei­nem Production Design, den schö­nen Effekten und einer stim­mi­gen Atmosphäre. Und die­se Attribute las­sen sich defi­ni­tiv auch auf den fer­ti­gen Film über­tra­gen: Vesper wirkt tat­säch­lich sehr lie­be­voll und durch­dacht, gera­de was die ein­zel­nen Elemente der Welt angeht, in der er ange­sie­delt ist.”

(TV Movie)

Credits:

LT/FR/BE 2022, 114 Min., engl. OmU,
Regie: Kristina Buozyte, Bruno Samper
Kamera: Feliksas Abrukauskas
Schnitt: Suzanne Fenn
mit: Raffiella Chapman, Eddie Marsan, Rosie McEwen, Richard Brake

Trailer:
Vesper – Official Trailer | HD | IFC Films
Im Kino mit deut­schen Untertiteln
nach oben

Nicht VerRecken

Ein Film von Martin Gressmann. Ab 13.10. im fsk. Am 14.10. ist Martin Gressmann bei uns zu Gast, um über sei­nen Film zu sprechen.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Immer wei­ter­lau­fen, um mit dem Leben davon­zu­kom­men … Anfang 1945 wer­den über­all dort, wo die Front in die Nähe der Konzentrationslager kommt, Gefangene Richtung Westen getrie­ben. Häftlinge aus den Lagern Sachsenhausen und Ravensbrück müs­sen bis zu 250 Kilometer mar­schie­ren. Anfang Mai wer­den die Überlebenden der Tortur in Raben Steinfeld bei Schwerin, in Ludwigslust, in Plau am See und noch wei­ter nörd­lich von der Roten Armee und der US-Armee befreit.
Über sie­ben Jahrzehnte spä­ter folgt Regisseur Martin Gressmann („Das Gelände“) den Hauptrouten der Todesmärsche durch Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, an denen heu­te 200 Gedenktafeln ste­hen. In sei­nem Film „Nicht verRecken“ lässt er die letz­ten, heu­te hoch­be­tag­ten Zeugen zu Wort kom­men. Einige von ihnen spre­chen zum ers­ten Mal dar­über. Sie erin­nern sich an ein Grauen, das nicht ver­schwin­det. Wie weit muss man zurück­schau­en, um zu ver­ste­hen, wie stark das Vergangene mit dem Heutigen ver­knüpft ist?
„Martin Gressmann erzählt und ent­deckt Spuren der Grausamkeit des Reichs-Zusammenbruchs, der auf die ent­setz­li­chen Grausamkeiten der Kriegs-Triumphe not­ge­drun­gen fol­gen muss­te. Überall Unvorstellbares, was Menschen, „Häftlinge“ ertru­gen. Beginnende Rechtfertigungsversuche der Nazibonzen ange­sichts der unaus­weich­li­chen Niederlage und der bevor­ste­hen­den Entdeckung ihrer Taten. Tausende von Wandernden durch Brandenburg und Mecklenburg, ohne­hin am Ende der Kräfte, ange­trie­ben von SS-Horden mit Peitschen und Hunden, immer auf Nebenstraßen, mög­lichst unge­se­hen vor­bei an den Dörfern. Wer zurück­blieb bekam den Todesschuss. Wo sie kurz lagern durf­ten, da hat­ten die vor­an­ge­gan­ge­nen Kolonnen bereits das Gras, den Löwenzahn, die Wurzeln ver­tilgt. Völlig anders­ar­tig als die gegen­wär­tig ste­reo­ty­pen Historien-Dokus der Fernsehsender, ganz ohne Musik, lei­se, auf­merk­sam, anteil­neh­mend geht Gressmann die Strecken ent­lang, beob­ach­tet, befragt die noch leben­den einst­ma­li­gen Häftlinge oder die heu­te alten Kinder, die damals die elen­den Vorbeiziehenden gese­hen hat­ten. Er horcht und blickt auf das Detail, gibt acht auf die Topographien und lässt ahnen. Hier erweckt die Sachlichkeit ech­tes Gefühl. So sehen Filme aus, die unei­tel und gedul­dig Wahrheit suchen.“ Dominik Graf

Credits:

DE 2021, 110 Min.,
Regie & Buch: Martin Gressmann
Kamera: Volker Gläser, Sabine Herpich
Schnitt: Stefan Oliveira-Pita
mit: Simcha Applebaum, Guy Chataigné, Alexander Fried, Karol Gdanietz, Wladimier Wojwodschenko

Trailer:
nach oben

Nachbarn

Ein Film von Mano Khalil. Ab 13.10. im fsk. 

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Auf der Basis eige­ner Kindheitserinnerungen hat Mano Khalil einen Film über das Aufwachsen in der Assad-Diktatur der 1980er-Jahre gedreht. Nach „Der Imker“ und „Die Schwalbe“ the­ma­ti­siert der syrisch-kur­di­sche Autor und Regisseur mit „Nachbarn“ aber­mals sei­ne kul­tu­rel­le Herkunft – und beweist erneut Gespür für eine leben­di­ge Mileudarstellung.

Anfang der 1980er-Jahre lebt der sechs­jäh­ri­ge Sero in einem Dorf an der syrisch-tür­ki­schen Grenze, wo Kurden, Araber und Juden nah bei­ein­an­der sie­deln. Vor dem ers­ten Schultag des kur­di­schen Jungen weht ein neu­er Wind im Grenzort. Ein regime­treu­er Lehrer aus Damaskus will die Dorfkinder „von der Dunkelheit der Unterentwicklung befrei­en“, sprich: sie auf die Diktatur unter Hafiz al-Assad ein­schwö­ren. Der unver­hoh­le­ne Nationalismus führt zu Konflikten, die Seros Kindheit zuneh­mend überschatten.

Der Filmemacher Mano Khalil lebt als Exil-Syrer in der Schweiz. Sein Drama „Nachbarn“ ist von eige­nen Kindheitserlebnissen inspi­riert. Dementsprechend ist der Film aus Seros Perspektive erzählt, der die Staatspropaganda als Kind mit­er­lebt. Plötzlich ist die lang­jäh­ri­ge Freundschaft zwi­schen Seros Verwandten und der jüdi­schen Nachbarsfamilie ein Tabu – und Israel nur noch „die Entität, die unser Palästina gestoh­len hat“. Wo zuvor kind­li­che Streiche und die Vorfreude auf einen Fernseher den Alltag des Jungen präg­ten, herrscht nun Willkür.

Mano Khalil insze­niert den Stoff recht zurück­ge­nom­men als Erzählkino. Dialogreiche Episoden aus der Dorfgemeinschaft rei­ßen vie­le Aspekte an, wobei der zen­tra­le Protagonist Sero als emo­tio­na­ler Anker und Alter Ego des Regisseurs fun­giert. Im Grunde ist er ein gewöhn­li­cher Junge, dem ein Teil der Kindheit genom­men wird. Die Titelschrift ver­weist mit ihrem Stacheldraht-Layout auf den nahe gele­ge­nen Grenzzaun, der das Dorfleben ent­schei­dend prägt. Rund um die Einweihung der Stromleitungen, eine ver­bo­te­ne Liebe oder Konfrontationen mit den Grenzsoldaten ent­steht eine ein­gän­gi­ge Milieuschilderung.

Mit iro­ni­schen Zuspitzungen und dem trotz allem lebens­be­ja­hen­den Ton ähnelt „Nachbarn“ dem 2015 oscar­no­mi­nier­ten Drama „Timbuktu“. Nicht nur in der Baracke, die als Klassenraum dient, geht es oft absurd zu. Der Lehrer schürt fort­wäh­rend anti­jü­di­sche Ressentiments und gestat­tet im Unterricht aus­nahms­los Arabisch, obwohl eini­ge der Kinder nur Kurdisch spre­chen. Auch Sero ver­steht weder den Erzieher noch die Formeln aus dem neu ein­ge­führ­ten Fahnenappell. Kein Wunder, dass sei­ne Augen im Unterricht auf Halbmast hängen.

Die Stimmung kippt mit­un­ter schlag­ar­tig. So ist es amü­sant, wenn der Regierungsbeamte vol­ler Stolz eine Palme als Symbol der ara­bi­schen Nation ankar­ren lässt, obgleich der Boden dafür unge­eig­net ist. In einer Parallelszene spie­len die Kinder unter­des­sen mit einer Landmine – und schon regiert wie­der der Schrecken.

Christian Horn

Credits:

CH/FR 2021, 124 Min., kur­disch, hebrä­isch, ara­bische OmU
Regie & Buch: Mano Khalil
Kamera: Stéphane Kuthy
Schnitt: Thomas Bachmann
mit: Serhed Khalil, Jalal Altawil, Jay Abdo, Zîrek, Heval Naif, Tuna Dwek, Mazen Al Natour

Trailer:
NACHBARN – Trailer OV/df
nach oben

Dok-Termin

Unsere Dokfilmwoche, die ins­ge­samt sechs­mal jeweils Ende August statt­fand, ist vor­erst Geschichte. Sie wur­de von uns über­ar­bei­tet, zer­stü­ckelt und neu zusammengesetzt.

Herausgekommen ist Dok-Termin- 12 beson­de­re Dokumentarfilme ver­tei­len sich aufs Jahr. Jedes Werk wird zwei­mal zu sehen sein, im fsk-Kino und in einem wei­te­ren Kino der Indiekino-Gruppe. Gespräche mit den Macher*innen, Diskussionen, Einführungen und was sich sonst zur Unterstützung oder Weiterführung anbie­tet, ergän­zen die Veranstaltungen.

Das Programm ist nicht auf bestimm­te Themen, Formen oder Inhalte ausgerichtet.

Die geplan­ten Filme las­sen Zusammenhänge in neu­em Licht erschei­nen. Die gesam­te Haltung, wie Empathie und Umgang mit Protagonist*innen, der gewähl­te Blickwinkel ent­schei­den über ihre Relevanz. Wir freu­en uns über Angebote zum Dialog, oder die Einladung, beim Zuschauen eige­ne Bilder zu for­men sowie über die essay­is­ti­sche Annäherung an ein Thema.

Besondere und indi­vi­du­el­le Geschichten, die unauf­dring­lich auf einen kom­ple­xen äuße­ren Kosmos

wei­sen, sind gefragt, aber in der Umkehrung auch eine freie und wei­te Erzählung, in der sich der/die Einzelne wie­der­fin­det. Die Filme gehen vom Großen, Weiten ins Detail und las­sen vom Persönlichen, engen Rahmen aufs Allgemeine schlie­ßen, regio­nal wie weltweit. 

Hier die nächs­ten Termine:

#16 UNCOMFORTABLY COMFORTABLE

So. 21.8. 18:00 fsk-Kino [Tickets]
Mo. 22.8. 18:00 Klick-Kino

#17 A RIVER RUNS TURNS ERASES REPLACES

So., 11.9. 18:00 fsk-Kino
Mo. 12.9. 18:00 Klick-Kino

#18 JAPANBIG LAGOON VILLAGE

So., 2.10. 18:00 fsk-Kino
Mo. 3.10. 17:30 Klick-Kino

DokTermin wird rea­li­siert mit Unterstützung aus Mitteln der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa