Hervorgehobener Artikel

Kino


fsk KinoDas fsk Kino ist ein unabhängiges Filmkunstkino in Berlin Kreuzberg Weiterlesen

Der letzte der Ungerechten


Benjamin Murmelstein

ein Film von Claude Lanzmann, nur am 31.5. & 7.6 im fsk

“Der Rabbiner Benjamin Murmelstein war der letzte Vorsitzende des Judenrates von Theresienstadt. 1975 filmte ich ihn eine Woche lang in Rom. Der Fall Theresienstadt war in meinen Augen zugleich Nebenprodukt und zentraler Faktor der Entstehung und Abwicklung der Endlösung. Diese langen Interviewstunden, die viele Enthüllungen aus erster Hand brachten, haben mich seither nicht losgelassen. Ich wusste, ich verwahre etwas Einzigartiges, schreckte jedoch vor der schwierigen Aufgabe zurück, daraus einen Film zu konstruieren. Ich brauchte lange für die Einsicht, dass ich nicht das Recht hatte, etwas Derartiges für mich zu behalten.
60 Kilometer nordöstlich von Prag liegt Theresienstadt. Die Ende des 18. Jahrhunderts erbaute Festungsanlage erkoren die Nazis zum Ort dessen aus, was Adolf Eichmann als “Modell Ghetto” bezeichnete – als Vorzeige-Ghetto. Wie in allen Ghettos in Polen nach Oktober 1939 wurde ein Altenrat eingesetzt, bestehend aus zwölf Mitgliedern plus dem Ältesten, dem so genannten “Judenältesten” – die Wortwahl ist abwertend und eine Anspielung auf Stammesverhältnisse. Es gab in Theresienstadt zwischen November 1941 und Frühling 1945, während des vierjährigen Bestehens des Ghettos, aufeinander folgend drei Judenälteste. Der erste, Jakob Edelstein, war aus Prag, Zionist und für die Jugend. Nach zwei Jahren in der Nazi-Hölle, wo den Juden absolut alles verboten war, hieß er die Schaffung Theresienstadts mit blindem Optimismus willkommen und hoffte darauf, dass das schwere Leben, das sie erwartete, eine Vorbereitung für ihr zukünftiges Leben in Palästina sein möge. Die Nazis verhafteten ihn im November 1943, deportierten ihn nach Auschwitz und töteten ihn sechs Monate später durch einen Genickschuss, nachdem sie vor seinen Augen und auf dieselbe Weise seine Frau und seinen Sohn ermordetet hatten.
Der zweite Älteste hieß Paul Eppstein, er war aus Berlin und starb ebenfalls durch einen
Genickschuss in Theresienstadt am 27. September 1944. Benjamin Murmelstein, der dritte und letzte, ein Rabbiner aus Wien, wurde im Dezember 1944 zum Ältesten ernannt.
Murmelstein war von beeindruckendem Äußeren, ein brillanter Kopf, der Intelligenteste der drei und, vielleicht, der Mutigste.
Anders als Jakob Edelstein konnte er sich mit dem Leid der Alten nicht abfinden. Obwohl es
ihm gelang, das Ghetto bis in die letzten Kriegstage zu erhalten und dessen Bewohnern die von Hitler angeordneten Todesmärsche zu ersparen, zog er sich den Hass einer Reihe Überlebender zu.
Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, zu fliehen. Er tat es nicht und ließ sich lieber von den
Tschechen verhaften und einsperren, nachdem man ihn der Kollaboration mit dem Feind bezichtigt hatte. Er saß achtzehn Monate im Gefängnis, bevor er in allen Punkten der Anklage freigesprochen wurde.
Er ging ins römische Exil, wo er ein hartes Leben führte. Er reiste nie nach Israel, obwohl er
den tiefen Wunsch dazu hegte und dieses Land aufrichtig liebte.
Alle Judenältesten fanden ein tragisches Ende. Benjamin Murmelstein ist der einzige Vorsit-
zende des Judenrates, der überlebte. Das macht sein Zeugnis so unendlich wertvoll. Er lügt
nicht, er ist ironisch, sardonisch, hart gegenüber anderen und sich selbst.
Bezug nehmend auf den Titel von André Schwarz-Barts Meisterwerk Der Letzte der Gerechten nennt er sich selbst “Der Letzte der Ungerechten”. Somit hat er diesem Film den Namen gegeben. Vor unseren Gesprächen im Jahr 1975 hatte er auf Italienisch ein Buch geschrieben mit dem Titel Terezin. Il ghetto modello di Eichmann, erschienen 1961.
Bei seiner ersten Erwähnung im Film sind wir im Jahr 1943, bei der Ankunft eines “Transports” deutscher Juden aus Hamburg. Seit 1941 aber hatten sich in Theresienstadt vor allem tschechische und österreichische Juden befunden. Dank ersterer, Mitglieder des Technischen Büros, die Baupläne erstellen mussten und hervorragende Zeichner waren, verfügen wir über eine unvergleichliche Sammlung von Kunstwerken, die Zeugnis darüber abliefern, wie das Leben im “Vorzeige-Ghetto” wirklich war: Gebaut für maximal 7.000 Soldaten fing Theresienstadt zu Spitzenzeiten 50.000 Juden auf. Die meisten dieser genialen Künstler, die in tiefster Nacht aufstanden, um heimlich ihre Bilder und Zeichnungen zu schaffen, die sie dann in der Erde vergruben, wurden in den Gaskammern der Vernichtungslager ermordet.”
Claude Lanzmann

derletztederungerechten

Claude Lanzmann & Benjamin Murmelstein

Frankreich/Österreich 2013, Farbe,
218 Minuten

deutsch, französische Teile
mit deutschen Untertiteln

Regie: Claude Lanzmann
Drebbuch: Claude Lanzmann
Kamera: Caroline Champetier,
William Lubtchansky

Schnitt: Chantal Hymans

Filmwebseite

Ein Papagei im Eiscafé


papagei2

„Ertrinkende gehen in ein Land, wo sie noch mehr ertrinken’ sagt der aus Marokko eingewanderte Barbier. Unter Rasiermessern und Trockenhauben werden kleine Bemerkungen für uns zu großen Weisheiten. Ines Thomsen erzählt uns ein Stück Neues Europa. Von der Mobilität des ‚flexiblen Menschen’, von der Suche nach Glück und Weiterlesen

Von Caligari zu Hitler


Film-still aus „DrMabuse, der Spieler, Teil 1: Der grosse Spieler. Ein Bild der Zeit“, 1922
Schauspieler: Rudolf Klein-Rogge als Dr. Mabuse
Kamera: Carl Hoffmann
Copyright: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Ein Dokumentarfilm von Rüdiger Suchsland, am 7.6. in Anwesenheit des Regisseurs.

Der Film erzählt die Epoche des Kinos zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit und ergänzt dies mit Ausblicken auf das politische und gesellschaftliche Geschehen der aufregenden Zwanziger Jahre. Weiterlesen

A most violent year


amostviolentyear

„Bewahrt euch wenigstens ein bisschen Stolz bei eurem Tun!“ – der Geschäftsmann Abel Morales (Oscar Isaac) ist nicht gut zu sprechen auf seine Konkurrenz im Heizöl-Handel. Immer öfter werden seine Tank-Laster auf offener Straße überfallen und gekapert. Dass Rivalen hinter den Raubzügen stecken, kann der junge Unternehmer zwar nicht beweisen, Weiterlesen

Made in Ash


Ash_12kl

ein Film von Iveta Grófová

Vollkommen unbekümmert erzählt Iveta Grófová eine Migrationsgeschichte im heutigen Europa, dem Synonym für eine räumlich dehnbare Welt im verständigungsresistenten Rahmen der beengten Verhältnisse.

Die junge Romni Dorotka verlässt die Slowakei Richtung Tschechien, wo der Arbeitsmarkt Weiterlesen

She’s lost Control


sheslostcontrol1

ein Film von Anja Marquardt

Surrogatpartnerschaft ist kaum jemanden hier ein Begriff, da nur eingeschränkt zugelassen. Es ist eine körperliche Therapieform, die zur Überwindung überzogener Angst vor Intimität eingesetzt und auch Sexualassistenz genannt wird. Weiterlesen

Das Zimmermädchen Lynn


zimmermädchenlynn

„Das Schöne am Putzen ist, dass es immer wieder schmutzig wird.“ Lynn Zapatek putzt gerne. Und gründlich. Ihr Job in einem Hotel Eden ist da ideal, auch für eine andere Vorliebe: jeden Mittwoch legt sich Lynn, ausgestattet mit Proviant und Kissen, unters Hotelbett und verfolgt das meist unspektakulärem Treiben des jeweiligen Gastes. Dieser etwas einseitige zwischenmenschliche Kontakt deutet die Schwierigkeiten der Weiterlesen

Papusza


Papusza

Bronisława Wajs, eine der bekanntesten Roma-Lyrikerinnen, von ihrer Mutter „Papusza“ genannt, wird 1910 in Ostpolen geboren und ist schon als junges Mädchen so wissbegierig, dass sie sich von einer jüdischen Buchhändlerin Lesen und Schreiben beibringen lässt, ohne Wissen ihrer Familie. Sie begeistert sich für Poesie und lernt nach dem Zweiten Weltkrieg den Schriftsteller Jerzy Ficowski kennen, der sie ermutigt, ihre Gedichte Weiterlesen

Une jeunesse Allemande – Eine deutsche Jugend


Andreas Baader während der Stürmung des Abgeordnetenhauses Berlin (Quelle: RBB „Berliner Abendschau“, 15.9.1967)

ein Film von Jean-Gabriel Périot

Ende der Sechzigerjahre lehnte sich die Nachkriegsgeneration in der Bundesrepublik gegen ihre Eltern auf. Sie war desillusioniert von den antikommunistischen, kapitalistischen Staatsstrukturen, in denen die Elite des tausendjährigen Reichs, umetikettiert zu Demokraten, ihre Verbrechen unter den Teppich gekehrt hatte. Weiterlesen