Monster – Die Unschuld

Ein Film von Hirokazu Kore-eda. Ab 21.3. im fsk.

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Ein Haus brennt, mit­ten in der japa­ni­schen Kleinstadt, in der sich die Ereignisse von „Die Unschuld“ abspie­len. Ein Stripclub befand sich in dem Haus, den der Lehrer Hori (Eita Nagayama) offen­bar regel­mä­ßig besuch­te. Allein das lässt ihn ver­däch­tig erschei­nen, zumin­dest in den Augen von Saori (Sakura Ando), eine allein­er­zie­hen­de Mutter, die sich über das zuneh­mend rät­sel­haf­te Verhalten ihres Sohnes Minato (Soya Kurokawa) wun­dert. Mal schnei­det der sich sei­ne Haare ab, mal kommt er mit nur einem Schuh nach Hause. In der Schule jedoch fin­det Saori kei­ne Antworten, die Direktorin Fushimi (Yuko Tanaka) weicht den besorg­ten Fragen der Mutter aus und Hori deu­tet an, das Minato sei­nen Mitschüler Yori (Hinata Hiragi) schlecht behandelt.

Viele Fährten wer­den in die­sem ers­ten Teil gelegt, Andeutungen gemacht, Verdächtigungen aus­ge­spro­chen. Doch dann geht es an den Anfang zurück, zum bren­nen­den Haus, doch dies­mal bleibt die Erzählung beim Lehrer Hori, wer­den die Ereignisse aus sei­ner Perspektive geschil­dert. Und plötz­lich wirkt man­ches ganz anders, die Verletzung an Minatos Ohr, ein Streit im Klassenzimmer, ein Sturz auf der Treppe. Doch erst wenn im drit­ten Teil von „Die Unschuld“ aus der Perspektive von Minato erzählt wird, offen­bart sich die Wahrheit, lösen sich die Rätsel auf.

Vor sechs Jahren wur­de der japa­ni­sche Regisseur Hirokazu Kore-eda für „Shoplifters“ mit der Goldenen Palme aus­ge­zeich­net. Der ver­dien­te Höhepunkt einer gro­ßen Karriere, doch im Folgenden schien Kore-eda etwas ver­lo­ren, dreh­te Filme in Frankreich und Südkorea, in frem­den Kulturen, in frem­den Sprachen, in denen er nicht so prä­zi­se, nicht so sub­til agier­te, wie man es von ihm gewohnt war. Nun ist er nach Japan zurück­ge­kehrt, ver­filmt aller­dings zum ers­ten Mal seit vie­len Jahren wie­der ein Drehbuch, das er nicht sel­ber geschrie­ben hat, ein Buch auch, das nicht so klar und line­ar erzählt, wie ein typi­scher Kore-eda-Film.

Die Struktur, die die sel­ben Ereignisse aus unter­schied­li­chen Perspektiven erzählt, erin­nert an Akira Kurosawas Klassiker „Rashomon“, aller­dings mit einem fun­da­men­ta­len Unterschied: Während sich in Kurosawas Film die unter­schied­li­chen Versionen eines Ereignisses wider­spra­chen und sich am Ende somit kei­ne kla­re Wahrheit her­aus­kris­tal­li­sier­te, besteht am Ende von Kore-edas „Die Unschuld“ kein Zweifel dar­an, dass die drit­te Version, der Blick der Kinder, die Wahrheit darstellt.

Um die­sen Effekt zu errei­chen muss Kore-eda zuvor immer wie­der mani­pu­lie­ren, fal­sche Fährten legen, den Zuschauer eben­so wie die erwach­se­nen Figuren täu­schen. Wie leicht das geht, wie leicht man sich ange­sichts klei­ner, miss­ver­ständ­li­cher Indizien, aber auch der gesell­schaft­li­chen Konventionen, eine bestimm­te Wahrheit zurecht­legt, dar­um geht es in „Die Unschuld.“ Das am Ende die Perspektive der Kinder die Wahrheit ans Licht bringt kann nicht über­ra­schen: Immer wie­der hat Kore-eda aus Sicht von Kindern und Jugendlichen erzählt, hat ihren Blick auf eine erwach­se­ne Welt gezeigt, in denen ihre Wünsche und Sorgen oft nicht ernst genom­men werden.

M.Meyns | programmkino.de

Credits:

Kaibutsu
Japan 2023, 127 Min., japan. OmU
Regie & Schnitt: Hirokazu Kore-eda
Kamera: Kondo Ryuto
mit: Eita Nagayama, Sakura Ando, Soya Kurokawa, Yuko Tanaka, Hinata Hiragi, Mugino Saori

Trailer:
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