Drive my car

ein Film von Ryûsuke Hamaguchi. Ab 23.12. im fsk.

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Nach Lee Chang-Dongs BURNING (2018) ist Ryûsuke Hamaguchi mit DRIVE MY CAR die zwei­te umwer­fen­de Verfilmung eines Stoffes von Haruki Murakami gelun­gen. Murakamis Erzählungen über trau­ri­ge Menschen erzäh­len oft davon, dass es hel­fen kann, sich Zeit zu neh­men, um irgend­wo zu sit­zen, wie der Erzähler im Roman „Der Aufziehvogelmann“, der sich, als er nicht mehr wei­ter­weiß, mona­te­lang auf einen öffent­li­chen Platz setzt, bis etwas pas­siert. In DRIVE MY CAR lässt sich der Regisseur und Schauspieler Yûsuke im Auto her­um­fah­ren, wenn nichts mehr hilft. Das hat den Vorteil, eine lee­re Zeit zu erzeu­gen, in der er den­ken kann, und er kommt irgend­wo an, an einer Müllverbrennungsanlage, am Meer, an einem Dorf, an dem ein furcht­ba­res Unglück gesche­hen ist – und etwas ver­än­dert sich.

Die ers­te Dreiviertelstunde des Films erzählt die Vorgeschichte der Erzählung, dann erst lau­fen die Titel über das Bild. Yûsuke (Hidetoshi Nishijima) und sei­ne Frau Oto (Reika Kirishima) hat­ten gera­de Sex, sie erzählt eine Geschichte von einem jun­gen Mädchen, die immer wie­der in das Haus eines Schulfreundes ein­dringt, und jedes Mal ein Objekt aus des­sen Zimmer mit­nimmt und ein eige­nes Okjekt hin­ter­lässt. Die bei­den malen sich die Geschichte in ver­schie­de­nen Situationen wei­ter aus: ein Künstlerpaar, sie ist Drehbuchautorin beim Fernsehen. Ihre Beziehung scheint glück­lich und pro­duk­tiv, und auch nach­dem Yûsuke sei­ne Frau zufäl­lig beim Sex mit dem jun­gen Schauspieler Kôji (Masaki Okada) beob­ach­tet hat, scheint sich nichts in ihrem Zusammenleben zu ver­än­dern. Gemeinsam trau­ern sie am Todestag ihrer Tochter, gemein­sam spin­nen sie Geschichten wei­ter und schla­fen mit­ein­an­der. Bis ein furcht­ba­res Unglück passiert.

Zwei Jahre spä­ter beginnt die eigent­li­che Geschichte des Films. Yûsuke, der sich auf expe­ri­men­tel­le Inszenierungen mit Übertiteln und Schauspielern aus ver­schie­de­nen Sprachräumen spe­zia­li­siert hat, ist nach Hiroshima ein­ge­la­den wor­den, wo er sei­ne Inszenierung von Tschechows „Onkel Wanja“ mit einem neu­en Ensemble insze­nie­ren soll. Aus Versicherungsgründen erhält er eine Fahrerin, die schweig­sa­me jun­ge Misaki (Tôko Miura). Der Film ver­webt die Produktion des Theaterstücks und die exis­ten­ti­el­len Krisen der Figuren in „Onkel Wanja“ mit denen von Yûsuke, Kôji, Oto und Misaki. Wie um sich selbst zu befrei­en und sich im Geheimen an Kôji zu rächen, gibt Yûsuke ihm die Rolle des Wanja, der alles ver­liert und mit sei­ner Trauer und Enttäuschung wei­ter­le­ben muss.

Wie in Yûsukes (und wohl auch Ryûsuke Hamaguchis) Theatermethode geht es aber auch um die klei­nen Momente, in denen zwi­schen Menschen und Schauspielern „etwas pas­siert“, wie Yûsuke nach einer Szene zwi­schen einer chi­ne­sisch und einer in korea­ni­scher Zeichensprache spre­chen­den Darstellerin sagt. Die zurück­hal­ten­den, sehr beherrsch­ten Menschen, die der Film zeigt, öff­nen sich nur lang­sam. Die Momente, in denen die pure Emotion durch­bricht, sind um so über­wäl­ti­gen­der. Die sich all­mäh­lich ent­wi­ckeln­de Nähe zwi­schen Yûsuke und der Fahrerin Misaki, deren Geschichte am Ende des Film erzählt wird, ist dabei beson­ders inten­siv. Ein stil­ler, klu­ger Film, der in Cannes den Preis für das Beste Drehbuch, den Kritikerpreis und den Preis der Ökumenischen Jura gewann.

Tom Dorow | indiekino.de

Credits:

ドライブ・マイ・カー Doraibu mai kâ
JP 2021, 179 Min., japan. OmU
Regie: Ryûsuke Hamaguchi
Drehbuch: Ryûsuke Hamaguchi, Haruki Murakami, Takamasa Oe
Kamera: Hidetoshi Shinomiya
Schnitt: Azusa Yamazaki
mit: Hidetoshi Nishijima, Tôko Miura, Masaki Okada, Reika Kirishima

Trailer:
Drive My Car Trailer OmdU Deutsch | German
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