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  • Slow

    Slow

    Ein Film von Marija Kavtaradze.

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Elena ist (wie ihre Interpretin Greta Grineviciute) mit Leib und Seele Tänzerin und Choreografin. Bei einem Tanzworkshop für gehör­lo­se Jugendliche lernt sie den Gebärdendolmetscher Dovydas ken­nen. Die bei­den mögen sich sofort, ver­brin­gen eini­ge Zeit mit­ein­an­der und kom­men sich näher, bis er sei­ne Grenzen auf­zeigt. Dovydas ist ase­xu­ell. Er hat zwar ein Bedürfnis nach kör­per­li­cher Nähe, aber kei­nes nach Sex – eine Herausforderung für Elena, wie für die fri­sche roman­ti­sche Beziehung über­haupt. Unspektakulär und warm­her­zig erzählt Regisseurin Marija Kavtaradze von einer unge­wöhn­li­chen sinn­li­chen Liebe, die ihre Sprache und ihren Weg ent­lang bei­der Wünsche fin­den will, und den ganz nor­ma­len Fallstricken unter­wegs.
    „Doch dass, bloß weil zwei, die sich lie­ben, sich etwas vor­neh­men, es noch lan­ge nicht nach Plan ver­lau­fen muss, weiß Marija Kavtaradze in ihrer gra­zil geschrie­be­nen Geschichte eben­so zu illus­trie­ren. Die litaui­sche Filmemacherin benö­tigt in ihrem zwei­ten lan­gen Spielfilm als Regisseurin … kei­ne Einfälle rie­si­ger Tragödien, um alles durch­drin­gen­de Emotionen auf die Leinwand zu zau­bern, insze­na­to­ri­sche Ruhe und Vertrauen in die Dialoge sowie die, die sie spre­chen, genü­gen ihr dazu.“
    Jakob Dibold | Ray Filmmagazin
    „… es ist erfri­schend, einen Film zu sehen, der „ein­fach nur“ erfolg­reich eine rea­li­täts­ge­treue Beziehung dar­stellt, ohne in die­se gezwun­gen wir­ken­de erzäh­le­ri­sche Wendungen ein­zu­bau­en.“ Maximilian Schröter | film-rezensionen.de

    Credits:

    LT/ES/SE 2023, 108 Min., litaui­sche OmU
    Regie: Marija Kavtaradze
    Kamera: Laurynas Bareiša
    Schnitt: Silvija Vilkaitė
    mit: Greta Grinevičiūtė, Kęstutis Cicėnas

    Trailer:
    SLOW Trailer Deutsch | German [HD]
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  • Die Unschuld

    Die Unschuld

    Ein Film von Hirokazu Kore-eda.

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Empathie ist der Begriff, der mir zu den Filmen des Regisseurs Hirokazu Kore-eda sofort ein­fällt, natür­lich auch dies­mal wie­der. Seit sei­nem vier­ten Spielfilm „Nobody Knows“ (nach den frü­hen, nicht weni­ger gran­dio­sen „Maboroshi“, „After Life“ und „Distance“), nimmt er häu­fig die Belange von Kindern ernst, aber auch die Erwachsenen, deren Umgang mit ihnen oder auch der nicht-Umgang, das Ignorieren, sind Thema, und immer ganz grund­sätz­lich jede Kommunikation und das Zusammenleben.
    So stellt sich im ers­ten der drei Kapitel von „Die Unschuld“ sehr schnell die Frage, ob Herr Hori, der net­te jun­ge Lehrer von Minato und Yori, nicht doch ein eher win­di­ger Typ ist, zumal er auch noch hand­greif­lich wird. Oder mobbt Minato den klei­nen Yori, und Lehrer Hori greift nur ein, und ist Minatos allein erzie­hen­de Mutter ihrer Aufgabe über­haupt gewach­sen? Welche Rolle spielt die Schulleitung? Aus drei auf­ein­an­der fol­gen­den Blickwinkeln eröff­net der Film, der nach dem Kinderreim „Wer ist das Monster?“ im Original „Kaibutsu – Monster“ heißt, immer wei­ter­füh­ren­de Erklärungen für und Einblicke in Geschehnisse, die zunächst allen Beteiligten, auch uns Zusehenden, als sehr ein­fach zu deu­ten galten.

    Zwischen den Geheimnissen und Vorurteilen, die sich nach und nach offen­ba­ren, zeigt Kore-eda aber auch für eini­ge der Erwachsenen – oft sel­ber Opfer der Umstände – Verständnis. Der Schrecken, der zwi­schen all dem steckt – Kore-eda ist bei aller Zartheit kein Märchenonkel, son­dern Realist – wird fil­misch sub­li­miert und von Ryūchi Sakamotos Pianotupfern abge­mil­dert. Es war die letz­te Arbeit des im ver­gan­ge­nen Jahr ver­stor­be­nen Musikers.“
    Christian Meyer-Pröpstl | choices

    Credits:

    Kaibutsu (Monster)
    Japan 2023, 127 Min., japan. OmU
    Regie & Schnitt: Hirokazu Kore-eda
    Kamera: Kondo Ryuto
    mit: Eita Nagayama, Sakura Ando, Soya Kurokawa, Yuko Tanaka, Hinata Hiragi, Mugino Saori

    Trailer:
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  • Julie – eine Frau gibt nicht auf

    Julie – eine Frau gibt nicht auf

    Ein Film von Eric Gravel. 

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Julie gibt alles, um die Erziehung ihrer zwei Kinder in einer länd­li­chen Vorstadt mit dem Job in einem Pariser Luxushotel gut unter einen Hut zu brin­gen, und der Exmann ist ihr kei­ne gro­ße Hilfe. Aber sie ist eine Kämpferin, und sie hat ein Ziel. Nur, dass aus­ge­rech­net an dem Tag, an dem sie ein Jobinterview für die erträum­te Stelle in ihrem erlern­ten Beruf bekommt, ein Streik der öffent­li­chen Verkehrsmittel beginnt und alles lahm­legt. Julies sorg­fäl­tig orga­ni­sier­ter, fra­gi­ler Zeitplan droht zusam­men­zu­bre­chen.
    Unter gewal­ti­gem Druck orga­ni­siert, rennt, impro­vi­siert sie, stets auf Kante und auch rück­sichts­los, denn sie hat viel zu ver­lie­ren. Dabei darf sie sich von all der Hektik und dem Stress nichts anmer­ken las­sen, nicht bei den Kindern, nicht im Hotel, und schon gar nicht beim Vorstellungsgespräch.
    Für die­se Tour-de-Force wur­de Laure Calamy in Venedig aus­ge­zeich­net, eben­so wie Eric Gravel für die Regie. Der hyp­no­ti­sche Score von Irène Drésel bekam den fran­zö­si­schen Filmpreis César, so auch die her­aus­for­dern­de Schnittarbeit (Mathilde van de Moortel).

    Kommen Sie wegen des sozia­len Realismus, blei­ben Sie wegen der thril­ler­ar­ti­gen Spannung, denn Julies Tage wer­den zu einer auf­re­gen­den Analyse der ver­hee­ren­den Auswirkungen des Kapitalismus. Lauf, Julie, lauf!“
    Edinburgh Filmfestival

    Arbeit, Kinder, rück­stän­di­ge Hypotheken, ein beschis­se­ner Ex. Der Film ist so authen­tisch und nach­voll­zieh­bar – so genau beob­ach­tet, dass ich, um ehr­lich zu sein, annahm, er sei von einer Frau gemacht wor­den.“
    Cath Clarke | The Guardian

    Credits:

    À plein temps
    FR 2022, 88 Min., franz. OmU
    Regie: Eric Gravel
    Kamera: Victor Seguin
    Schnitt: Mathilde Van de Moortel
    mit: Laure Calamy, Anne Suarez, Geneviève Mnich, Nolan Arizmendi, Sasha Lemaitre Cremaschi, Cyril Gueï

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  • Kraft der Utopie – Leben mit Le Corbusier in Chandigarh

    Kraft der Utopie – Leben mit Le Corbusier in Chandigarh

    Ein Film von Karin Bucher und Thomas Karrer.

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Kurz nach der Teilung Indiens und der Befreiung aus der Kolonialherrschaft Englands soll am Fusse des Himalayas aus dem Nichts eine neue Hauptstadt für den Punjab gebaut wer­den. Die alte Hauptstadt Lahore war Pakistan zuge­teilt wor­den. Die Planstadt Chandigarh steht für die neue Demokratie, den Fortschritt und den Glauben an die Zukunft. Engagiert wur­den Architekten aus dem Westen. Zuerst Albert Mayer, dann der schwei­ze­risch-fran­zö­si­sche Architekt Le Corbusier. Absichten, Visionen und Utopien kamen zusam­men. Für Le Corbusier bot Chandigarh die ein­ma­li­ge Gelegenheit, sein Lebenswerk zu voll­enden und sei­ne städ­te­bau­li­chen Ideen umzu­set­zen. Seine Vision war die einer moder­nen, huma­nen und gerech­ten Stadt, nach dem «Mass des Menschen» erbaut, die ein kul­tu­rel­les Leben und ein har­mo­ni­sches Zusammenspiel von Mensch und Natur ermöglichte. 

    Zum 70-jäh­ri­gen Bestehen der Planstadt von Le Corbusier fra­gen wir nach, ob in Chandigarh die­se Vision Realität gewor­den ist. Der Film beglei­tet Menschen auf ihren Wegen durch die Stadt und sucht Orte und Schauplätze auf, an denen sich das schil­lern­de Zusammenspiel von altem Traum und neu­em Leben, von Utopie und Alltag, von Zerfall und lei­ser Poesie zei­gen. Ein Zeitzeuge erin­nert sich an die Gründerzeit. Die Direktorin des Le Corbusier Centers, ein Künstler, ein Schauspieler und ein Architekt erzäh­len vom Wagnis, sich hier nie­der­zu­las­sen und reflek­tie­ren ihr Leben in und mit Chandigarh. Auf Streifzügen tref­fen wir Bewohner:innen, die unse­ren Blick auf die Stadt erwei­tern und tau­chen in das all­täg­li­che Leben ein, wel­ches sich die bau­li­chen Strukturen zu eigen gemacht hat. 

    Credits:

    CH 2023, 84 Min., engl., deut­sche OmU
    Regie & Kamera: Karin Bucher, Thomas Karrer
    Schnitt: Fabian Kaiser, Thomas Karrer, Mirjam Krakenberger

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  • Die Unsichtbaren

    Die Unsichtbaren

    Ein Film von Matthias Freier. 

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Matthias Freier hat bis­her vor allem Werbespots und Musikvideos gedreht, unter ande­rem für Jochen Distelmeyer, Die Fantastischen Vier und Samy Deluxe. Sein True-Crime-Dokumentarfilm DIE UNSICHTBAREN han­delt von einem der spek­ta­ku­lärs­ten Kriminalfälle der neun­zi­ger Jahre, ist aber vor allem eine Hommage an Freiers Stiefmutter, die Kriminalkommissarin Marianne Atzeroth-Freier, die gegen den Widerstand ihres Dienststellenleiters und die Ignoranz der älte­ren männ­li­chen Kollegen in der Hamburger Mordkommission den Fall um eine Entführung und zwei ver­schwun­de­ne Frauen auf­klär­te. „Janne“, wie die Kommissarin genannt wur­de, hat­te als Streifenpolizistin ange­fan­gen, dann bei der „Sitte“ die Opfer von sexua­li­sier­ter Gewalt betreut. Während die männ­li­chen Kollegen den Aussagen eines Entführungsopfers nicht ver­trau­ten („Ich sag dir gleich, wir glau­ben der kein Wort.“),
    nahm Atzeroth-Freier die Aussagen des Opfers als Erste ernst und kam schnell dem Täter, einem Hamburger Pelzhändler, auf die Spur. Bald stell­te sich her­aus, dass zwei wei­te­re Frauen ver­schwun­den und mit dem Entführer bekannt waren.
    Die grau­sa­men Details des Falls füll­ten bis Mitte der 90er Jahre die Spalten nicht nur der Boulevardpresse. Freiers Film ver­mei­det jede spe­ku­la­ti­ve Ausbeutung der Geschichte, und kon­zen­triert sich auf die Ermittlungen, auf die Nachlässigkeiten, den – hier töd­li­chen – män­ner­bünd­le­ri­schen Sexismus auf dem Polizeirevier und Jannes per­sön­li­ches Verhältnis zu den Angehörigen der Opfer. Dokumente und Interviews sind sorg­fäl­tig aus­ge­wählt und sen­si­bel geführt, die Spielszenen mit ruhi­gem Understatement insze­niert. Im True-Crime-Genre ist das alles ande­re als selbst­ver-
    ständ­lich. DIE UNSICHTBAREN ist ein exzel­len­ter, sehr span­nen­der und immer noch rele­van­ter Film über die Durchsetzungskraft einer inte­gren Polizistin.
    Tom Dorow | indiekino

    Credits:

    DE 2023, 97 Min.
    Regie: Matthias Freier
    Kamera: Kay Madsen
    Schnitt: Marielle Pohlmann

    Trailer:
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  • Einzeltäter (Teil 1–3)

    Einzeltäter (Teil 1–3)

    Dokumentarfilmreihe von Julian Vogel | 87min | 67min | 85min | DE 2023
    Mit anschlie­ßen­dem Filmgespräch nach dem 3. Teil.

    Tickets: [Teil1: München] [Teil 2: Halle] [Teil3: Hanau]
    (Die Filme müs­sen ein­zeln gebucht wer­den. Wer alle 3 Filme schau­en will, kann jeweils den Tarif „Alle 3 Teile schau­en” im letz­ten Bestellschritt wählen)

    Kamera: Luise Schröder, Julian Vogel
    Ton: Oscar Stiebitz, Julian Vogel
    Schnitt: Gregor Bartsch, Sebastian Winkels

    München 2016, Halle 2019 und Hanau 2020. Drei rechts­extre­me Anschläge von soge­nann­ten „Einsamen Wölfen“: Vermeintliche Einzeltäter, die sich schein­bar ohne in klas­si­sche extre­mis­ti­sche Strukturen ein­ge­bun­den zu sein, im Internet radi­ka­li­sie­ren und im öffent­li­chen Raum plötz­lich zuschlu­gen. Es sind Geschichten, die mitt­ler­wei­le die Schlagzeilen domi­nie­ren: Der rech­te Terror gilt zur Zeit laut Verfassungsschutz als größ­te Bedrohung der Demokratie in Deutschland. Und das, obwohl sol­che Täter noch bis vor Kurzem oft als psy­chisch kran­ke, „ver­wirr­te“ Einzeltäter ein­ge­stuft wur­den und ihnen so ihr Rassismus abge­spro­chen wur­de. Diese Zeiten sind vor­bei: Frank Walter Steinmeier sprach nach dem Anschlag in Hanau von einem „Angriff auf uns alle“. Doch wer sind „wir alle“?

    Die Trilogie „Einzeltäter (Teil 1–3)“ nimmt unab­hän­gig von­ein­an­der die Perspektive der Menschen ein, deren Angehörige tat­säch­lich das Ziel der Angriffe waren und deren Leben nie mehr sein wird wie zuvor.

    EINZELTÄTER TEIL 1: MÜNCHEN

    Arbnor hat sei­ne Schwester 2016 beim Anschlag am Olympia Einkaufszentrum ver­lo­ren, Hasan und Sibel ihren Sohn. Lange muss­ten die Angehörigen dar­um kämp­fen, dass der Staat den ras­sis­ti­schen Hintergrund der Tat aner­kennt. Erst nach den Anschlägen von Halle und Hanau hat­ten sie Erfolg.


    EINZELTÄTER TEIL 2: HALLE

    KurzsynopsisKarsten hat sei­nen ein­zi­gen Sohn Kevin beim Anschlag von Halle ver­lo­ren. Während die Öffentlichkeit zuschaut, wie dem rechts­extre­men Täter der Prozess gemacht wird, kämpft er um einen Umgang mit sei­ner Trauer. Halt fin­det er in der Fanszene des Halleschen FC.


    EINZELTÄTER TEIL 3: HANAU

    Der ras­sis­ti­sche Anschlag vom 19. Februar 2020 hat Hanau-Kesselstadt ver­än­dert. Hier leben Menschen ver­schie­de­ner Herkunft, hier star­ben sechs der neun Opfer. Nach dem Anschlag hält man hier zusam­men, ver­sucht mit den Folgen der Tat umzu­ge­hen, und kämpft um Aufklärung. Und hier leben der Vater des Täters und Hinterbliebene der Opfer in unmit­tel­ba­rer Nachbarschaft.


    Regiekommentar

    Seit Ende 2018 beschäf­ti­ge ich mich mit Menschen, die bei rechts­ra­di­ka­len Anschlägen ver­meint­li­cher “Einzeltäter” Angehörige ver­lo­ren haben. Ich kam damals in Kontakt mit Hinterbliebenen des ras­sis­ti­schen Anschlags vom Olympia Einkaufszentrum in München„ der bis zum Anschlag von Halle von Staat und Ermittlungsbehörden als unpo­li­ti­scher Amoklauf ein­ge­ord­net wor­den war. Ich ver­such­te einen Film zu rea­li­sie­ren, der den Angehörigen von München eine Stimme gibt. Deren ver­zwei­fel­ter Kampf um Anerkennung änder­te sich mit dem anti­se­mi­ti­schen und ras­sis­ti­schen Anschlag von Halle 2019. In Folge des Anschlags wur­de der Rechtsextremismus durch den Verfassungsschutz als aktu­ell größ­te Bedrohung der Sicherheitslage in Deutschland ein­ge­stuft. Nach dem Anschlag von Hanau 2020 schließ­lich fand der Kampf von Betroffenen von rech­ter Gewalt end­gül­tig Eingang in die brei­te Öffentlichkeit und ich ent­schloss mich, mei­nen Film auf die­se drei Taten auszuweiten.

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  • Eine Frage der Würde – Blaga’s Lessons

    Eine Frage der Würde – Blaga’s Lessons

    Ein Film von Stephan Komandarev.

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Es ist ein­fach, sich über Maschen und Opfer von Telefonbetrügern lus­tig zu machen, aber wirk­lich gefeit gegen die auch plum­pes­ten Methoden ist wohl nie­mand. Die ehe­ma­li­ge Lehrerin Blaga ist eigent­lich auch nicht naiv, lässt sich aber von einem recht absur­den Telefontrick über­rum­peln. Sie ver­liert das gan­ze Geld, das für die Grabstätte ihres kürz­lich ver­stor­be­nen Mannes vor­ge­se­hen war. Willig, ande­re zu war­nen, erzählt die Betrogene bei einer Nachbarschafts-Veranstaltung der ört­li­chen Polizei von ihrer Erfahrung, ern­tet aber groß­flä­chig nur Spott und Hohn. Selbst ihr im Ausland leben­der Sohn macht nur Vorhaltungen. Es fällt ihm nicht ein, die Mutter zu unter­stüt­zen. Blaga, schwer gede­mü­tigt und immer noch auf der Suche nach Geld für das Grab, weiß von der Polizei, wie die Betrüger Helfer aqui­rie­ren. Sie fin­det eine ent­spre­chen­de Announce und bewirbt sich.
    „Beim wich­ti­gen Festival im tsche­chi­schen Karlovy Vary wur­de Eine Frage der Würde – Blaga’s Lessons mit drei Preisen aus­ge­zeich­net, völ­lig zurecht. Denn dem Bulgaren gelingt hier ein har­scher, mal sozi­al­rea­lis­ti­scher, mal wie eine Farce wir­ken­der Film über eine 70jährige Frau, die im mora­li­schen Niemandsland des post­so­zia­lis­ti­schen Bulgariens um ihre Würde kämpft – und sie ver­liert. …
    Filme wie Eine Frage der Würde kamen in den letz­ten 20 Jahren oft aus Rumänien, Regisseure wie Cristi Puiu, Cristian Mungiu oder Corneliu Porumboiu hiel­ten der gesell­schaft­li­chen Entwicklung ihres Landes eines unge­schön­ten Spiegel vor, sezier­ten die Abgründe des Kapitalismus und die Spätfolgen des Sozialismus. Ganz ähn­li­ches macht nun auch der 57jährige bul­ga­ri­sche Regisseur Stephan Komandarev, der zu Beginn sei­ner Karriere Dokumentarfilme dreh­te, seit eini­gen Jahren nun mit zuneh­men­dem Erfolg Spielfilme, die aber einem doku­men­ta­ri­schen Blick ver­haf­tet sind.“ Michael Meyns | programmkino.de – „die­se inten­si­ven, klei­nen Filme sind es, für die das Kino gemacht wur­de.“ Sebastian Seidler | kino-zeit

    Credits:

    BG/DE 2023, 119 Min., bul­ga­ri­sche OmU
    Regie: Stephan Komandarev
    Kamera: Vesselin Hristov
    Schnitt: Nina Altaparmakova
    mit Eli Skorcheva, Ivan Barnev, Gerasim Georgiev, Stefan Denolyubov, Rozalia Abgarian, Ivaylo Hristov

    Trailer:
    Eine Frage der Würde (Blaga’s Lessons )| offi­zi­el­ler Trailer mit dt. Untertitel
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  • Reality

    Reality

    Ein Film von Tina Satter.

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Reality Winner war 25, als sie, über­zeugt davon, im Namen der Demokratie zu han­deln, gehei­me Informationen über die Einflussnahme Russlands auf den US-Wahlkampf 2016 öffent­lich mach­te. Die Gerichte sahen das anders und ver­ur­teil­ten sie 2018 zu 63 Monaten Haft.
    Größter Wunsch der in Farsi, Dari und Pashto aus­ge­bil­de­ten Linguistin der US-Airforce war es, als Übersetzerin in Afghanistan ein­ge­setzt zu wer­den. Mit der Stelle bei einem Informationsdienstleister der NSA woll­te sie dem einen Schritt näher kom­men. Dort stieß sie auf die bri­san­ten Papiere. Tina Satters Film folgt als re-Enactment den trans­skri­bier­ten Tonaufzeichnungen von Hausdurchsuchung und Festnahme der jun­gen Frau, auch unter Kennzeichnung der öffent­lich nicht zugäng­li­chen geschwärz­ten Stellen. Das absur­de Spiel mit dem Machtgefälle zeich­net sich durch ein Gemenge aus unge­schickt-jovia­lem Smalltalk, patrio­tisch-auto­ri­tä­rem Auftreten, Unbeholfenheit und per­fi­den Drohungen auf FBI-Seite aus, wäh­rend Reality ver­zwei­felt ver­sucht, dem mit vor­ge­täusch­ter Ahnungslosigkeit, Notlügen und Höflichkeit zu ent­kom­men. Auf der Bildebene fin­den wir, abge­se­hen von einer Automatikwaffe in Pink sowie Büchern in ara­bi­scher Schrift, Accessoires eines nor­ma­len, allein leben­den All-American-Girls vor, die ihre Hunde und Yoga liebt.

    Und so sehr auf „Reality“ auch die Bezeichnung Kammerspiel zutrifft, so fas­zi­nie­rend sind doch gera­de die film­spe­zi­fi­schen Mittel. Die Kamera von Paul Yee … erfasst durch Nah- und Großaufnahmen jede kleins­te Irritation und Verunsicherung in den Gesichtern der Beteiligten. In ande­ren Einstellungen wird wie­der­um die Taktik des FBI sicht­bar: Reality ist stets von Männern, die sie beob­ach­ten oder aus­fra­gen, umge­ben, wäh­rend ihr Haus durch­sucht wird. … Was Reality zusätz­lich zu einem fil­mi­schen Ereignis macht, sind die prä­zi­sen Schauspielleistungen. Sydney Sweeney (Euphoria) hat die Titelrolle offen­sicht­lich mit jeder Faser ihres Körpers ver­in­ner­licht. Sie lie­fert eine kom­ple­xe, authen­ti­sche Darbietung, sou­ve­rän flan­kiert von Josh Hamilton und Marchánt Davis in den Parts der gegen­sätz­li­chen Agenten …“
    Andreas Köhnemann | kino-zeit.de

    Credits:

    US 2023, 85 Min., eng­li­sche OmU
    Regie: Tina Satter
    Kamera: Paul Yee
    Schnitt: Jennifer Vecchiarello, Ron Dulin
    mit Sydney Sweeney, Josh Hamilton, Marchánt Davis

    Trailer:
    REALITY (offi­zi­el­ler OmU Trailer) – mit Sydney Sweeney in einem Film von Tina Satter
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  • Green Border

    Green Border

    Ein Film von Agnieszka Holland.

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Dieser Film ist wich­tig, er tut weh. Denn Agnieszka Holland kon­fron­tiert uns mit dem schrei­en­den Unrecht, das sich hin­ter dem Begriff „Pushback“ ver­birgt, vor dem wir uns nicht weg­du­cken kön­nen, trös­ten in der Gewissheit: Ist doch alles nur Kino. Ja, Green Border ist – trotz der zuwei­len qua­si­do­ku­men­ta­ri­schen Bildführung – Fiktion; ist gro­ße, berüh­ren­de Erzählung. Und ist doch wahr. Es geht um die 2021 von Belarus gesteu­er­te und von der pol­ni­schen Regierung mit gan­zer Härte erwi­der­te Flüchtlingspolitik, eine Politik, die Menschen als Waffen ein­setzt und nicht ein­mal den Toten das Recht auf Ruhe gewährt.
    Im Mittelpunkt ste­hen, auf der Flucht vor der Verfolgung in der Heimat, eine syri­sche Familie sowie eine afgha­ni­sche Frau, Leila, die dem Terror der Taliban ent­kom­men ist. Wir sehen sie, ein hal­bes Dutzend von Tausenden, die ihr Heil in der Flucht suchen, zunächst auf dem Flug nach Minsk. Müde sind sie, erschöpft, aber doch zuver­sicht­lich, weil sie es schaf­fen wer­den ins gelob­te Land. Sehr lei­se, sanft ist die­se ers­te Szene, spar­sam mit Musik unter­legt, wie über­haupt Musik nie als Mittel dra­ma­ti­scher Überwältigung benutzt wird. Friede also herrscht, denn die­se Menschen wis­sen noch nicht, in wel­che Falle sie gera­ten sind.
    Aber dann kommt es knüp­pel­dick, im Wortsinn. Denn Pushback heißt erbar­mungs­lo­se Abwehr von Menschen. Mit Schlagstock, Tränengas, Hunden, mit der Waffe wer­den sie im pol­nisch-weiß­rus­si­schen Niemandsland über die Grenze getrie­ben, und wie­der zurück, hin und her. Holland, die­ser genau beob­ach­ten­den, abwä­gen­den Regisseurin, gelingt dabei das Wunderbare, den gehetz­ten Menschen den­noch ihre Würde zu belas­sen; sie zeigt sie nicht nur als Opfer. Neben Bildern nack­ter Gewalt, von Chaos, Geschrei, Lärm setzt sie Augenblicke der Ruhe: das klei­ne Mädchen, das so unbe­schwert spielt; den Großvater, wie er auf dem mat­schi­gen Waldboden sei­nen Gebetsteppich aus­brei­tet, der spä­ter Schutz bie­ten soll vor den nie­der­pras­seln­den Regenströmen. Auch die Zuschauer erleich­tern­de Momente der Hoffnung lässt sie zu, wenn drei jugend­li­che Flüchtlinge mit den Kindern ihrer pol­ni­schen Helferfamilie drauf­los­rap­pen. Und sie lässt erah­nen, dass die zotig auf­trump­fen­de Männlichkeit der Grenzbeamten womög­lich ein Versuch ist, die beun­ru­hi­gen­den Stimmen des Gewissens zum Schweigen zu brin­gen. 
Elisabeth Bauschmid | indiekino

    Zusammenfassung der hef­ti­gen Diskussion in Polen um Green Border, von Jörg Taszman für den Filmdienst: hier

    Credits:

    PL, FR, CZ, BE 2023, 147 Min., pol­nisch, ara­bisch, eng­lisch, fran­zö­si­sche OmU
    Regie: Agnieszka Holland
    Kamera: Tomek Naumiuk,
    Schnitt: Pavel Hrdlička
    mit: Jalal Altawil, Maja Ostaszewska, Behi Djanati Atai, Mohamad Al Rashi, Dalia Naous, Tomasz Włosok

    Trailer:
    GREEN BORDER – offi­zi­el­ler Kinotrailer (OmU) – Kinostart 01.02.2024
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  • The Royal Hotel

    The Royal Hotel

    Ein Film von Kitty Green. 

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Anzügliche Bemerkungen und sexis­ti­sche Witze sind sicher nicht aus­schließ­lich in Hotelbars im aus­tra­li­schen Outback an der Tagesordnung, aber hier­her hat es die bei­den ame­ri­ka­ni­schen Rucksacktouristinnen Hanna und Liv nun ein­mal ver­schla­gen. „Work and Travel“ heißt das Programm, das sie nach ihrer, vom aus­gie­bi­gen Feiern ver­ur­sach­ten finan­zi­el­len Pleite, für ein paar Wochen hin­ter die Bar des „Royal Hotel“ in einer abge­le­ge­nen Bergbaugegend geschickt hat. Ihre eng­li­schen Vorgängerinnen schei­nen die Zeit hier genos­sen zu haben, und nun freu­en sich die Barbesucher, unschwer zu über­se­hen, auf das „Frischfleisch“.
    Die gebür­ti­ge Australierin Kitty Green hat mit The Assistant den wahr­schein­lich bes­ten Spielfilm zu Thema ME TOO gedreht, wo sie nicht Einzelne als allei­ni­ge Täter sah, son­dern alles durch­setzt von der Akzeptanz des Missbrauchs. Im „Royal Hotel“ wer­den raue­re Töne ange­schla­gen, aber auch hier muss der Thriller kei­ne Gewalttaten schil­dern, um in Fahrt zu kom­men. Von der Bedrohlichkeit der Situation, die sich nach anfäng­li­chen, fast ver­zwei­felt gesuch­ten Urlaubsgefühlen breit macht, will Liv nichts wis­sen. Hanna fühlt sich jedoch immer unwoh­ler. Stets taxiert sie den Grad ihrer Bedrohung und die Grenzen im Umgang mit den Gästen. War das nur ein Scherz, eine Drohung, ab wann ist über­grif­fig? Eine all­täg­li­che Situation, aber ein­fach abhau­en geht hier in der Wüste, wo nur alle drei Tage ein Bus fährt, nicht, und so ist die jun­ge Frau 247 in Habt-Acht-Stellung.

    Konsequent geht Kitty Green dann das gan­ze Spektrum an Verhalten durch, das sich in einer sol­chen Situation ergibt: von der höf­li­chen Frage nach einem Date, die mit einem Nein sowie­so schon rech­net, bis zu aggres­si­ven Trinkgeldspielchen und vie­len wei­te­ren Situationen, in denen sich (sehr all­ge­mein gespro­chen) männ­li­ches Interesse so äußert, dass Hannah und Liv sich die gan­ze Zeit dazu ver­hal­ten müs­sen – bis Hanna sich schließ­lich als Girl mit der Axt in einer Rolle wie­der­fin­det, die sie sonst von sich wohl nicht ent­deckt hät­te. Wir woll­ten doch ein­fach nur so weit weg von Zuhause wie mög­lich, sagt Liv ein­mal. Das hat sich anders erfüllt als gedacht. Gutes Drehbuch, gut gespielt, auf eine raw­kus way nuan­ciert.“
    Bert Rebhandl | Cargo

    Credits:

    AU 2023, 91 Min., eng­li­sche OmU
    Regie: Kitty Green
    Kamera: Michael Latham
    Schnitt: Kasra Rassoulzadegan
    mit Jessica Henwick, Julia Garner, Hugo Weaving, Bree Bain, Toby Wallace

    Trailer:
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