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Solastalgia

Ein Film von Marina Hufnagel. Am 19.9. mit anschlie­ßen­dem Filmgespräch mit der Regisseurin Marina Hufnagel und dem Produzenten Michael Kalb.

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Ganz anders als ihre Geschwister, ist Edda sehr aktiv in Klima- und Umweltschutzgruppen tätig. Eines Tages jedoch wird bei ihr die Verzweiflung dar­über, dass alle Anstrengung offen­sicht­lich ins Leere läuft, zu groß, was sie aller­dings nicht rebel­li­scher macht. Nein, sie sagt geplan­te Interviews und Auftritte ab, bricht alle Kontakte ab und zieht sich ganz zurück. Sie ist dabei wohl nicht die Einzige, immer­hin gibt es schon län­ger einen Begriff für das Phänomen: SOLASTALGIE – das belas­ten­de Gefühl des Verlustes, das ent­steht, wenn jemand die Zerstörung des eige­nen Lebensraums direkt mit­er­lebt. Edda bricht erst­mal auf die Nordseeinsel Pellworm auf, um dort ein Praktikum zu begin­nen, wo sie auf die etwa gleich­alt­ri­ge Studentin Sophie Backsen trifft, die dort mit ihrer Familie einen Bio-Hof betreibt. Sie war eine der­je­ni­gen, die beim Bundesverfassungsgericht die Bundesregierung auf ihr Recht auf Zukunft ver­klag­ten. Edda muss erken­nen, dass die Insel, auf der sie sich befin­det, jetzt schon vom stei­gen­den Meeresspiegel bedroht ist. Wie kann es gelin­gen, ande­ren Menschen die­se Bedrohung begreif­lich zu machen? Ist der pri­va­te Rückzug wirk­lich eine Option?
In dem lei­sen und ein­dring­li­chen Hybridfilm trifft die fik­ti­ve Figur Edda auf die rea­le Protagonistin Sophie. Die solastal­gi­sche Haltung der Regisseurin trifft auf die prag­ma­ti­sche Realität von Menschen, die schon jetzt unter den Folgen des Klimawandels leiden.

Credits:

DE 2022, 72 Min., dt OmeU,
Regie: Marina Hufnagel
Kamera:: Felix Riedelsheimer
Schnitt: Melanie Jilg
mit: Marie Tragoustie, Sophie Backsen

Trailer:
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Justine

Ein Film von Jamie Patterson. 

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Justine (Tallulah Haddon) ist eine jun­ge Frau mit einer aus­ge­präg­ten Intelligenz, aber einem eben­so star­ken Hang zur Selbstzerstörung. Zusammen mit ihrem ein­zi­gen Freund Peach (Xavien Russell) fin­det sie sich in einer Welt wie­der, die wenig Sinn ergibt und in der Alkohol der ein­zi­ge Ausweg aus ihrer hoff­nungs­lo­sen Zukunft ist. Ihre Bewährungshelferin Leanne (Sian Reese-Williams) und ihr Arzt (Steve Oram) ver­su­chen, sie zurück in die Gesellschaft zu füh­ren. Doch Justine weiß nur zu gut, was die­se Gesellschaft für sie bereithält…

Eines Tages lernt sie bei einem Ladendiebstahl Rachel (Sophie Reid) ken­nen, und die Möglichkeit von Glück, Liebe und einer hel­len Zukunft beginnt sich abzu­zeich­nen. Doch ihr Schmerz sitzt tief, und als die Dämonen in ihrem Inneren an die Oberfläche kom­men, beginnt sich Justine zu fra­gen, ob sie sich das Konzept Hoffnung über­haupt erlau­ben kann.

Credits:

GB 2020, 82 Min., engl. OmU
Regie: Jamie Patterson
Kamera: Paul O’Callaghan
Schnitt: David Fricker
mit: Tallulah Rose Haddon, Sophie Reid, Sian Reese-Williams

Trailer:
JUSTINE Official Trailer (2021) Sian Reese Williams
im Kino mit deut­schen Untertiteln
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Verabredungen mit einem Dichter – Michael Krüger

Ein Film von Frank Wierke. 

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Michael Krüger gilt als einer der bedeu­tends­ten Verleger und Literaturvermittler in Deut-schland und welt­weit – aber vor allem ist er Dichter. Wir sind ver­ab­re­det in den inof­fi­zi­el­len Bereichen, wo sich sei­ne Gedichte und ein unkon­ven­tio­nel­les, schick­sal­haf­tes Leben berüh­ren.
„Wie ein Gedicht wirk­lich ent­steht? Wenn man es wüss­te, wür­den kei­ne Gedichte mehr ent­ste­hen. Das ist für mich ganz klar.“ (Michael Krüger)
Unvoreingenommen folgt der Filmemacher Frank Wierke den Gedankengängen Michael Krügers bei ihren Verabredungen – von Krügers letz­tem Monat im Verlag bis in die Zeit, in der eine lebens­be­droh­li­che Erkrankung tie­fe Fragen auf­wirft. In der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, im Garten bei den ver­trau­ten Bäumen und auf sei­nen täg­li­chen Wegen sind es oft die gegen­wär­ti­gen Momente, in denen sich Michael Krügers Gedanken über das Leben ent­wi­ckeln.
Mit den Verabredungen mit einem Dichter gelingt Frank Wierke ein leicht­fü­ßi­ger Spaziergang durch das Leben und Denken eines gro­ßen Intellektuellen unse­rer Zeit.
„Michael Krügers Karriere begann 1968, als der damals 25-Jährige eine Stelle als Verlagslektor beim Carl Hanser Verlag antrat. 1986 wur­de er lite­ra­ri­scher Leiter des Verlages; 1995 über­nahm er die Geschäftsführung. Geschrieben hat­te er wäh­rend die­ser Zeit immer. Pausenlos. 1976 erschien sein Debüt, der Gedichtband „Reginapoly“, 1984 folg­te, nach eini­gen wei­te­ren Lyrikbänden, das ers­te Prosastück „Was tun? Eine alt­mo­di­sche Geschichte“. Mit „Der Mann im Turm“ erschien 1991 im Residenz Verlag Krügers ers­ter Roman. Ein uner­müd­li­cher Literaturarbeiter, der, so scheint es, vie­le Jahrzehnte lang vom Lesen ins Schreiben fiel und umge­kehrt. Was bewegt einen sol­chen Menschen, was treibt ihn um? Wo tun sich Erschöpfungsgrenzen auf? Gibt es sol­che über­haupt? Unter ande­rem die­sen Fragen geht der Regisseur Frank Wierke in sei­nem Dokumentarfilm Verabredungen mit einem Dichter – Michael Krüger nach.“ Lesering
DE 2022, 91 Min., Regie, Kamera & Schnitt: Frank Wierke

Credits:

DE 2022, 91 Min.,
Regie, Kamera und Schnitt: Frank Wierke

Trailer:
VERABREDUNGEN MIT EINEM DICHTERMICHAEL KRÜGER – Offizieller Trailer
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Mutter

Ein Film von Carolin Schmitz. 

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Bei der Premiere von „Mutter“ beim Filmfest München konn­te ich erle­ben, welch unter­schied­li­che per­sön­li­che Rezeptionen vie­le Filme ermög­li­chen, so auch die­ser. Während bei der anschlie­ßen­den Diskussion eine Zuschauerin recht bald fest­stell­te, dass das dar­ge­stell­te Mutterbild durch­weg sehr nega­tiv sei, ver­tra­ten ande­re sofort eine gegen­tei­li­ge Meinung. Spricht das für die Offenheit des Films, der ver­schie­de­ne Sichtweisen erlaubt, oder gewin­nen eige­ne Erfahrungen, wenn sie mit dem Kunstprodukt abge­gli­chen wer­den, stets die Oberhand?
15 Frauen haben Carolin Schmitz ihre Geschichten erzählt. Acht davon hören wir im Film offen und frei über Mutterschaft, Sex, Männer, Familie oder Beruf spre­chen, anony­mi­siert sozu­sa­gen durch Anke Engelke, die uns dabei durch mehr oder weni­ger all­täg­li­che Szenen führt.
„Einmal sitzt die Schauspielerin, die hier erfreu­li­cher­wei­se nichts von ihrem Image als Komikerin ein­flie­ßen lässt, auf einem Sofa, als sie den Text der Frauen „spricht“. Plötzlich greift ein Regisseur ein, wir sehen eine Bühne. Das ist nicht die ein­zi­ge Verfremdung, die klar macht: Hier geht es nicht um Anke Engelke. Aber auch nicht allein um die Einzelschicksale der acht Interviewten. Dadurch, dass die Geschichten der acht Frauen so intim und indi­vi­du­ell sind, wer­den sie anschluss­fä­hig für die Erfahrungen aller Mütter. … Manchmal kann man die inein­an­der ver­schach­tel­ten Stimmen der ein­zel­nen Mütter gut aus­ein­an­der­hal­ten, in ande­ren Momenten gelingt dies weni­ger. Aber das macht nichts. Denn der Film lädt das Publikum ein, sich trei­ben zu las­sen und sich ein Gesamtbild der Mutterschaft zusam­men zu puz­zeln, gera­de auch mit ihren tabui­sier­ten Teilen.“
Peter Gutting | film-rezensionen.de

Credits:

DE 2022, 88 Min., deut­sche OmeU
Regie & Buch: Carolin Schmitz
Kamera: Reinhold Vorschneider
Schnitt: Stefan Oliveira-Pita, Annett Kiener
mit: Anke Engelke

Trailer:
MUTTER von Carolin Schmitz mit Anke Engelke // Trailer
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Hive

Ein Film von Blerta Basholli.

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Der Krieg im Kosovo ist vor­über, und vie­le der Männer kehr­ten nicht zurück. Im Dorf müs­sen jetzt die Alten, die Frauen, ihre Kinder und weni­ge arbeits­fä­hi­ge Männer neben der Ungewiss auch mit der pre­kä­ren Lage zurecht­kom­men. Mehr schlecht als recht schafft es Fahrije, mit der kläg­li­chen Unterstützung, Sohn, Tochter, Schwiegervater und sich selbst durch­zu­brin­gen, der Ertrag vom Bienenstock ihres Ehemannes hilft wenig. Aber sie weiß, was sie kann: Ajvar, eine Paprikazubereitung, her­stel­len, und so wird eine Großküche in der Imkerei ein­ge­rich­tet. Kontakte zu Supermärkten in der Gegend her­stel­len ist die eine, die Ware dort zuzu­stel­len die ande­re Hürde. Fahrjie beschließt, den Führerschein zu machen. Das ist zu viel für die, vor­sich­tig gesagt, patri­ar­chal gepräg­te Gemeinde. Selbständig arbei­ten zu wol­len war schon eine Zumutung, aber Auto fah­ren … da fliegt auch schon mal ein Stein durch die Scheibe. Andere Frauen, die in der glei­chen Situation ste­cken, war­nen sie, aber, was bleibt ihnen eigent­lich zu tun übrig? Das Ende wird jetzt nicht ver­ra­ten, nur soviel: die Geschichte hat so bzw. so ähn­lich statt­ge­fun­den, und die rea­le Farhije sag­te nach Sichtung des Filmes: „Ich habe so viel mehr gelit­ten, aber ich den­ke, Sie haben die Dinge sehr gut zusam­men­ge­fasst.“ zu Regisseurin Blerta Basholli. Die kehr­te nach ihrem Studium an der New York University 2011 in ihre Heimat zurück, und ist inzwi­schen Kulturdirektorin in Pristina.

… [Sie] erzählt sozi­al­rea­lis­tisch aus dem Leben die­ser Frau und ihres Umfelds, das vom Feminismus ver­ges­sen wor­den zu sein scheint. Doch rutscht sie nie­mals ins Melodram, viel­mehr rückt sie die ver­hee­ren­de Zerstörung eines gan­zen sozia­len Gefüges in den Fokus ihres Films und die immense gemein­schaft­li­che Anstrengung, derer es bedarf, um nach einem sol­chen kol­lek­ti­ven und per­sön­li­chen Trauma wei­ter­zu­ma­chen.“
Sofia Glasl | Filmdienst

Credits:

XK, CH, AL, MK 2021, 84 Min., alba­ni­sche OmU
Buch & Regie: Blerta Basholli
Kamera: Alex Bloom
Schnitt: Félix Sandri, Enis Saraçimit: Yllka Gashi, Çun Lajçi, Aurita Agushi, Kumrije Hoxha, Adriana Matoshi

Trailer:
HIVE | offi­zi­el­ler deut­scher Trailer | OmU
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Komm mit mir in das Cinema – Die Gregors

Ein Film von Alice Agneskirchner.

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Der Titel zitiert Else Lasker-Schülers gleich­na­mi­ges Gedicht: Im Cinema fin­de man, „was ein­mal war: Die Liebe!“, schreibt die Dichterin dar­in im Jahr 1937. Zwei Jahrzehnte spä­ter hat die Liebe zum Kino zwei Menschen zusam­men­ge­bracht, die die Filmgeschichte Nachkriegsdeutschlands – umfas­send ver­stan­den als Geschichte auch des Filmabspiels und des Diskurses über Film – auf bedeu­ten­de Weise erwei­tert, heu­te wür­de man sagen, diver­ser gemacht haben: Erika und Ulrich Gregor.
Alice Agneskirchners Dokumentarfilm nähert sich den Gründer*innen des Kinos Arsenal und des Internationalen Forum des Jungen Films über ver­schie­de­ne Pfade: zum einen über die beweg­te Lebensgeschichte des seit über 60 Jahren ver­hei­ra­te­ten Paars, zum ande­ren über pro­mi­nen­te Wegbegleiter*innen wie Jutta Brückner, Wim Wenders und Jim Jarmusch. Zentral sind aber auch die Filme, die den Gregors beson­ders am Herzen lie­gen, für die sie sich ein­ge­setzt haben: So gibt es Wiederbegegnungen der Gregors mit Claude Lanzmanns Shoah, István Szabós Apa oder Helke Sanders Die all­sei­tig redu­zier­te Persönlichkeit – Redupers. Ein Film nicht nur über die Liebe und das Kino, son­dern auch über ein Stück bun­des­re­pu­bli­ka­ni­scher Zeitgeschichte.

Credits:

DE 2021, 155 Min.
Regie & Buch: Alice Agneskirchner
Kamera: Jan Kerhart
Schnitt: Silke Botsch
mit Erika Gregor, Ulrich Gregor

Trailer:
KOMM MIT MIR IN DAS CINEMADIE GREGORS – Offizieller Trailer
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Das Glücksrad – Wheel of fortune and fantasy

Ein Film von Ryusuke Hamaguchi.

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Ryūsuke Hamaguchis zwei letz­te Filme lie­fen hin­ter­ein­an­der im Wettbewerb zwei­er A‑Festivals, und bei­de wur­den aus­ge­zeich­net. Oscar-Gewinner „Drive my Car“, der in Cannes 2021 u.a. den Drehbuchpreis gewann, star­te­te letz­ten November erfolg­reich auch bei uns im Kino. Jetzt legen wir mit dem „Großen Jurypreis“ der Berlinale, „Wheel of Fortune and Fantasy“ bzw.“Das Glücksrad“ nach. War ers­te­rer geprägt von sei­ner Vorlage, einer Murakami-Kurzgeschichte, merkt man dem „Glücksrad“ die Nähe zu Rohmers luf­tig-tie­fem „Rendezvous in Paris“ an, den der Regisseur als Referenz angibt, und dabei mehr als nur die Aufteilung in drei Episoden meint.
Der Zufall spielt dies­mal eine gro­ße Rolle, sei es eine Begegnung, ein Missverständnis oder nur eine falsch gesen­de­te Mail. Filigrane amou­rö­se Gebilde sind alle drei Geschichten, sie fügen sich zu anrüh­ren­den oder auf­re­gen­den, uni­ver­sal ver­ständ­li­chen Momenten für die Protagonistinnen zusam­men.
Zunächst schwärmt Meikos Freundin Tsugumi von einer tol­len Nacht mit einem tol­len Mann, bis Meiko erkennt, dass es sich dabei um ihren Ex-Liebhaber han­delt, mit dem sie noch nicht abge­schlos­sen hat. In der nächs­ten, gleich tra­gi­schen wie lus­ti­gen Episode will die Studentin Nao ihrem Hochschulprofessor Tsugumi eine Verführungsfalle stel­len. Zum Schluss trifft Nana nach einem völ­lig ver­patz­ten Klassentreffen ihre Jugendliebe Moka doch noch wie­der. Die bei­den Frauen ver­brin­gen einen wun­der­ba­ren, ver­trau­ten Nachmittag mit­ein­an­der – doch ist es wirk­lich Moka?
„Ich weiß nicht, wie man die­sen Film nicht lie­ben kann.“ Robert Ide | Tagesspiegel

Credits:

JP 2021, 121 Min., jap. OmU
Regie & Schnitt: Ryusuke Hamaguchi
Kamera: Yukiko Iioka
mit:
Kotone Furukawa, Kiyohiko Shibukawa, Katsuki Mori, Fusako Urabe, Aoba Kawai, Ayumu Nakajima, Hyunri, Shouma Kai

Trailer:
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Alle reden übers Wetter

Ein Film von Annika Pinske. 

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Stadt / Land, Ost / West, Mann / Frau – für Clara für gibt es vie­le Identitätsfragen. Die wich­tigs­te jedoch heißt: was ist der Preis, den die Philosophiedoktorandin für den Bildungsaufstieg bezah­len muss? Als sie zum 60sten Geburtstag ihrer Mutter in ihre meck­len­bur­gi­sche Heimat zurück­kehrt, reagie­ren die Verwandten und alten Bekannten ganz ver­schie­den auf sie. Kein ent­spann­ter Umgang erscheint mög­lich.
Clara wird bewusst, wie weit sie sich auf der Suche nach einem selbst­be­stimm­ten, erfolg­rei­chen Leben von ihren Wurzeln ent­fernt hat, und wie sich sich hat ver­än­dern müs­sen, um in ihrem jetz­ti­gen Leben in Berlin mit­zu­hal­ten. Aber auch dort, im aka­de­mi­schen Umfeld, wo auf Feiern Champagner statt Bier gereicht wird, ist sie nicht zuhause.

Der Film han­delt von Heimat und Herkunft und fragt, was man für ein selbst­be­stimm­tes Leben zurück­las­sen muss, beson­ders als Frau. Es geht auch um Mütter und Töchter und ihre Beziehungen, um Frauen in män­ner­do­mi­nier­ten Berufen und den Kampf um Anerkennung.
Der Film beob­ach­tet die Geschlechterhierarchien in den ganz ein­fa­chen all­täg­li­chen Interaktionen der Figuren und zeigt, wie stark wir in der Gesellschaft auf bestimm­te Rollen fest­ge­legt sind und wie schwie­rig es ist, die­sen zuge­wie­se­nen Platz zu ver­las­sen, aus­zu­bre­chen und etwas Neues zu fin­den. Diese Sehnsucht hat mit Trennung und Grenzen zu tun, und es gibt eben­so viel Schmerz wie Verheißung. Ich lie­be die­se Widersprüche im Leben. Sie sind eine Art krea­ti­ver Motor für mich.“ Annika Pinske

Credits:

DE 2022, 89 Min., deut­sche OmeU
Regie & Buch: Annika Pinske
Kamera: Ben Bernhard
Schnitt: Laura Lauzemis
mit Anne Schäfer, Anne-Kathrin Gummich, Judith Hofmann, Marcel Kohler, Max Riemelt, Emma Frieda Brüggler, Thomas Bading, Christine Schorn, Sandra Hüller, Alireza Bayram

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Alle reden übers Wetter (offi­zi­el­ler Trailer)
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Mit 20 wirst du sterben

Ein Film von Amjad Abu Alala.

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Damit der Mensch leben kann, muss der Tod gleich­zei­tig prä­sent und abwe­send sein. Das Gefühl von Sterblichkeit treibt vor­an und erfüllt mit Sinn, begrenz­te Zeit will schließ­lich genutzt wer­den. Doch zu nah darf das Ende nicht erschei­nen, weil es vom Gefühl für Wirkung und Konsequenz des Handelns befreit.“ Dieser Text von Lucas Barwenczik führt in den Film ein. Es gibt schon eini­ge Filme, in denen das Wissen über den Todeszeitpunkt die Folie ist, aber dies ist der ers­te aus suda­ni­scher Sicht und der ers­te des Regisseurs, dabei erst der ach­te Spielfilm aus dem Land ins­ge­samt.
Ein Junge wur­de gebo­ren und soll vom Imam geseg­net wer­den, doch bei sei­nem Zahlentanz bricht der Derwisch mit dem Wort „20“ auf den Lippen tot zusam­men. Für die Gemeinde steht fest: Mit 20 wird der klei­ne Muzamil ster­ben. Was wird aus einem Kind, das ohne Zukunft auf­wächst? Der Vater ver­lässt umge­hend das Land, die Mutter wird immer from­mer, der Junge zwei­felt nicht an der Prophezeiung, muss aber viel Häme ertra­gen und wird oft geschnit­ten. Als Heranwachsender lernt er jedoch Sulaiman ken­nen, einen alten Rebellen, der von reli­giö­sen Vorhersagen wenig hält.
Mit 20 wirst du ster­ben ist fas­zi­nie­rend in sei­nen Bildkompositionen, den war­men Farben, den Aufnahmen, in denen das Innere in Muzamils Haus mit den traum­haf­ten Sequenzen der kegel­för­mi­gen Heiligtümer kon­tras­tiert. Der in Venedig preis­ge­krön­te Film ist geprägt von der sorg­fäl­ti­gen und wohl­wol­len­den Beobachtung des Lebens im Dorf zwi­schen blau­em und wei­ßem Nil.
„Er [der Film] zeigt, wie sehr ein star­ker Glaube das Leben der Menschen beein­flus­sen und wie er poli­tisch genutzt wer­den kann. Die suda­ne­si­sche Regierung von Omar el-Beshir benutz­te den Islam, um das Volk zum Schweigen zu brin­gen. Wenn jemand den Satz «Gott sagt» aus­spricht, wer­den alle still. Mein Film ist eine Einladung, sich davon frei zu machen.“ Amjad Abu Alala
Filmgespräch mit dem Produzenten am 28.8. 20Uhr

Credits:

SD 2019, 105 Min., OmU
Regie: Amjad Abu Alala
Schnitt: Heba Othman
Kamera: Sébastien Goepfert
mit: Mustafa Shehata, Islam Mubarak, Mahmoud Elsaraj, Bunna Khalid

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Der perfekte Chef

Ein Film von Fernando León de Aranoa.

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Einst war er Santa, ein groß­mäu­li­ger Arbeitsloser unter vie­len – Javier Bardem gibt ihn in Fernando León de Aranoas Debut Montags in der Sonne, das mit viel Sinn für Humor und Solidarität unter den gesell­schaft­lich Benachteiligten zum gro­ßen Überraschungserfolg avan­cier­te. 20 Jahre spä­ter ist er bei de Aranoa nicht mehr der Underdog, son­dern ganz oben ange­langt. Bardem spielt Julio, den patri­ar­cha­len Chef einer Waagenfabrik, mit eben soviel Verve wie vor zwei Jahrzehnten Santa.
Julio Blanco hat die Fabrik von sei­nem Vater geerbt und will sie einer­seits zeit­ge­mäß fort­füh­ren. Alle Mitarbeiter über­neh­men Verantwortung, heißt es bei ihm. Alle sind auf Augenhöhe und eine gro­ße glück­li­che Familie und noch mehr Humbug, der jeg­li­chen Zusammenhalt und Mitbestimmungswunsch der Untergebenen unter­bin­den soll. Auf der ande­ren Seite mischt er sich, ganz Firmen-Papa, unge­fragt in die pri­va­ten Angelegenheiten sei­ner Angestellten ein und über­schrei­tet auch sonst man­che mora­li­sche Grenze. Als ein Angestellter sich mit sei­ner – natür­lich unaus­weich­li­chen – Entlassung nicht abfin­det, und ein Protestcamp vor dem Firmentor auf­schlägt, scheint das dem Firmenoberhaupt aus der Balance zu brin­gen. Er war­tet gera­de sehn­süch­tig auf den unan­ge­mel­de­ten Besuch der Jury, die den begehr­ten Preis der Regierung für exzel­len­te Unternehmensführung ver­gibt. Die Auszeichnung soll der Höhepunkt sei­nes Schaffens wer­den, und da ist der irrer Querulant vor der Tür, der auch noch vol­les Medieninteresse erlangt, äußerst unwill­kom­men.
„Der alte Klassenkampf löst sich auf in einen Nebel aus Metaphern über das Boot, in dem man sit­ze. Diesen Strukturwandel so raf­fi­niert in die komö­di­an­ti­sche Struktur ein­zu­flech­ten und qua­si unter­zu­schmug­geln, ist das eigent­li­che Verdienst des Films.“ Peter Gutting | kino-zeit.de

Credits:

El buen patrón
ES 2021, 120 Min., span. OmU
Drehbuch und Regie: Fernando León de Aranoa

Schnitt: Vanessa Marimbert
mit: Javier Bardem, Manolo Solo, Almudena Amor, Óscar de la Fuente, Sonia Almarcha
Kamera: Pau Esteve Birba

Trailer:
Der per­fek­te Chef Trailer OmU
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