Regisseurin Janna Ji Wonders erzählt die Geschichte der Frauen ihrer Familie über ein Jahrhundert. Verbindendes Element und stiller Chronist ist der bayerische Walchensee, an dem die Familie 1920 ein Ausflugscafé eröffnet, das bis heute existiert. Die imposante Gründerin Apa vermacht ihrer Erstgeborenen Norma das Unternehmen, das diese ohne zu klagen bis ins hohe Alter führt. Normas Töchter Anna und Frauke verlassen den See. Sie wollen sich befreien und bereisen als Musikerinnen die Welt. Doch sie kehren zurück und leben in einer Kommune um Rainer Langhans. Frauke, die sich nach der großen Liebe sehnt, kommt auf mysteriöse Weise ums Leben und wird für die Hinterbliebenen zum Irrlicht. Die rastlose Anna zieht in die USA, wo sie ungeplant eine Tochter bekommt. Von den Schatten der Vergangenheit gerufen, kehrt sie mit Tochter Janna zurück an den Walchensee, wo Großmutter Norma für die Enkeltochter zur wichtigen Bezugsperson wird. Als Regisseurin sucht Janna Antworten auf die Fragen wie: Was ist Heimat? Wie sehr prägt mich meine Herkunft? Was zählt am Ende wirklich? Und findet Anhaltspunkte in der Verbundenheit von vier Generationen von Frauen mit unterschiedlichen Lebenskonzepten.
Credits:
DE 2020, 110 Min., dt, engl. OmU, Regie: Janna Ji Wonders Kamera: Janna Ji Wonders, Sven Zellner, Anna Werner Schnitt: Anja Pohl
Regisseurin Janna Ji Wonders erzählt die Geschichte der Frauen ihrer Familie über ein Jahrhundert. Verbindendes Element und stiller Chronist ist der bayerische Walchensee, an dem die Familie 1920 ein Ausflugscafé eröffnet, das bis heute existiert. Die imposante Gründerin Apa vermacht ihrer Erstgeborenen Norma das Unternehmen, das diese ohne zu klagen bis ins hohe Alter führt. Normas Töchter Anna und Frauke verlassen den See. Sie wollen sich befreien und bereisen als Musikerinnen die Welt. Doch sie kehren zurück und leben in einer Kommune um Rainer Langhans. Frauke, die sich nach der großen Liebe sehnt, kommt auf mysteriöse Weise ums Leben und wird für die Hinterbliebenen zum Irrlicht. Die rastlose Anna zieht in die USA, wo sie ungeplant eine Tochter bekommt. Von den Schatten der Vergangenheit gerufen, kehrt sie mit Tochter Janna zurück an den Walchensee, wo Großmutter Norma für die Enkeltochter zur wichtigen Bezugsperson wird. Als Regisseurin sucht Janna Antworten auf die Fragen wie: Was ist Heimat? Wie sehr prägt mich meine Herkunft? Was zählt am Ende wirklich? Und findet Anhaltspunkte in der Verbundenheit von vier Generationen von Frauen mit unterschiedlichen Lebenskonzepten.
Credits:
DE 2020, 110 Min., dt, engl. OmU, Regie: Janna Ji Wonders Kamera: Janna Ji Wonders, Sven Zellner, Anna Werner Schnitt: Anja Pohl
In einer Provinzvorstadt sind drei Nachbar*innen mit den Auswirkungen der schönen neuen Social-Media-Welt konfrontiert. Marie, die von den Familienbeihilfen ihres Gatten lebt, hat Angst, wegen eines Sextapes den Respekt ihres Sohnes zu verlieren. Bertrand kann bei Werbeanrufen nicht Nein sagen und kämpft um das Wohl seiner Tochter, die im Internet gemobbt wird. Christine steht durch ihre TV-Serien-Abhängigkeit vor dem Nichts und fragt sich, warum ihre Bewertung als Uber-Fahrerin nicht steigt. Die drei Einzelkämpfer*innen sind unfähig, allein eine Lösung für ihre Probleme zu finden, bis sie sich zusammentun und den Tech-Giganten den Kampf ansagen. Effacer l’historique, vordergründig eine Situationskomödie, beschreibt treffend wie wenige andere Filme die Realität im 21. Jahrhundert: Es gibt weder Geschichte noch Geschichten, weder links noch rechts. Statt eines Vorgesetzten, der unseren Gehorsam einfordert, beherrscht uns eine unsichtbare, Daten spuckende Cloud und verschlingt unsere Identität. Delépines und Kerverns dritter Berlinale-Beitrag ist eine empathische Hommage an die „Abgehängten“, die uns und unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit einen Spiegel vorhalten.
Ein beliebiger Tag in der nahen Zukunft, ein Stromausfall legt das Leben in der türkischen Metropole Istanbul still, auch wenn die Werbung im Autoradio eine unbeschwerte Zukunft verspricht. Nicht in den eleganten Vierteln der Innenstadt spielt „Ghosts“, nicht dort, wo wohlhabende Istanbuler einem westlichen Lebensstil nacheifern, sondern am Rand der Megalopolis, in Vierteln, die von baufälligen Gebäuden geprägt sind, vom täglichen Kampf ums Überleben erzählen.
In diesen Straßen leben die vier Protagonisten von „Ghosts“, drei Frauen und ein Mann, deren Wege sich im Verlauf der 90 Minuten immer wieder kreuzen. Da ist Didem (Dilayda Gunes), die davon träumt, durch ihre Leidenschaft zum Tanzen Geld zu verdienen, die sich momentan aber noch mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Iffet (Nalan Kurucim) arbeitet bei der Müllabfuhr und versucht mit zunehmender Verzweiflung Geld aufzutreiben, um ihren Sohn zu unterstützen, der im Gefängnis sitzt und sich Angriffen ausgesetzt sieht. Die Aktivistin Ela (Beril Kayar) kämpft gegen die betrügerischen Machenschaften der öffentlichen Verwaltung, die zur Gentrifizierung der Stadt beiträgt und langjährige Mieter aus ihren Wohnungen vertreibt. Ein Teil dieses Systems ist Rasit (Emrah Ozdemir), der zu völlig überhöhten Preisen Räume an syrische Flüchtlinge vermietet.
Viele Aspekte des Lebens in der modernen Türkei reißt Azra Deniz Okyay in ihrem Debütfilm an, vom Umgang mit den Flüchtlingen aus dem benachbarten Syrien, über die misogynen Strukturen, die Frauen gleichermaßen sexualisieren, ihnen aber auch viele Freiheiten vorenthalten, bis zum Kampf gegen Korruption und Machtmissbrauch, der nach fast einem Jahrzehnt der zunehmend autokratischen Herrschaft von Recep Tayyip Erdoğan immer stärker wird.
Zwangsläufig bleiben manche Ansätze schematisch, werden einzelne Figuren weniger vielschichtig gezeichnet als andere, wirkt manche Metapher – der Stromausfall, der droht, die Gesellschaft in Dunkelheit versinken zu lassen! – weniger subtil als andere. Doch die überzeugenden Momente überwiegen bei weitem. Gerade für einen Debütfilm gelingt es Okyay außerordentlich gut, die Geschichten, die Schicksale ihrer vier Protagonisten zu gewichten, rhythmisch zwischen den Episoden hin und her zu schneiden und so ein vielschichtiges Porträt der modernen Türkei zu entwickeln.
So pessimistisch ihr Blick auf ihr Land oft auch wirkt, so viele Missstände angedeutet werden, so rückständig gerade die Rolle der Frau oft wirkt: Hoffnungslos wirkt die Situation nicht. Gerade im Tanz findet Dilem und mit ihr der Film ein Ventil, ihre Energie auszuleben, sich zu verlieren und für Momente alle Sorgen zu vergessen. Wie es nach diesem einen Tag mit den Figuren weitergeht bleibt unklar, ihr Weg ist ebenso offen wie der Weg, den die Türkei in den nächsten Jahren einschlagen wird.
Michael Meyns | programmkino.de
Credits:
Hayaletler TK/FR 2020, 90 Min., türk. OmU Regie & Buch: Azra Deniz Okyay Darsteller: Dilayda Gunes, Nalan Kurucim, Beril Kayar, Emrah Ozdemir, Ahmet Turan, Ihsan Ozgen, Ekin Aribas
Schon mit ihrem Debütfilm „Raw“ spaltete die junge französische Regisseurin Julia Ducournau die Geister, damals variierte sie Motive des Zombiefilms, bediente sich queerer Ästhetik und blieb ebenso rätselhaft, wie sie es auch nun, in ihrem zweiten Film „Titane“ ist. Es beginnt mit einem nervenden Kind namens Alexia auf dem Rücksitz eines Autos, der Vater ist abgelenkt und baut einen Unfall. Schwer verletzt überlebt das Kind und bekommt eine Platte aus Titan in den Kopf gepflanzt.
Jahre später ist Alexia erwachsen und wird vom Model Agathe Rousselle gespielt, deren androgyne Gestalt andeutet, wie sehr es fortan um Fragen von Geschlechtszugehörigkeit, Transformation, Diversität gehen wird. Alexia arbeitet als Tänzerin auf Autoshows, räkelt sich verführerisch auf den Motorhauben ebenso verführerischer Autos, nimmt danach gerne einen lechzenden Zuschauer zum Sex mit – und tötet ihre Lover mit dem Stich einer langen Haarnadel direkt ins Gehirn.
Wie lange sie schon so agiert bleibt offen, nach einem ausufernden Gemetzel ist ihr die Polizei jedoch so sehr auf der Spur, dass sie die Identität wechselt. Sie gibt sich als Adrien aus, ein Junge, der seit Jahren vermisst wird. Er war der Sohn von Vincent (Vincent Lindon), der als Kapitän einer Feuerwache schon beruflich mit Testosterongeschwängerten Männern zu tun hat, sich selber Steroide spritz und seinen alternden, faltigen Körper mit Klimmzügen strafft.
Vincent nimmt Alexia als Sohn auf, auch wenn er schnell ahnt, dass dieser Sohn nicht der ist, den er einst verloren hat. Zumal Alexias Bauch immer dicker wird und sich nur noch mit großen Mühen und nicht unerheblichen Scherzen abbinden lässt, denn Alexia ist schwanger, vermutlich vom Sex mit einem Auto. Wenn die sich zunehmend verändernde Frau blutet, tropft eine schwarze Flüssigkeit aus den Wunden, die an Maschinenöl erinnert und die Frage aufwirft, was Alexia eigentlich ist, vor allem aber, ob es für Vincent eine Rolle spielt, wen er da eigentlich liebt.
Bezüge zu den Body-Horror-Filmen von David Cronenberg, nicht zuletzt „Crash“, scheinen ebenso deutlich zu sein wir Referenzen zu Filmen wie Shinya Tsukamotos “Tetsuo: The Iron Man“, vor allem aber auch außerfilmischen Debatten über Diversität, Transsexualität oder toxischer Männlichkeit. Julia Ducournaus „Titane“ mutet oft wie ein Film an, der wie dazu gemacht ist, in Seminararbeiten analysiert zu werden, als Beispiel für ein Kino herzuhalten, dass auf moderne, gewagte Weise den Zeitgeist spiegelt.
Kein Wunder, bleibt „Titane“ in seinem wilden, mal verstörenden, mal mitreißenden, mal albernden Spiel mit Genrebildern, exzessiver Gewalt und gleißenden Aufnahmen menschlicher und maschineller Körper doch so offen – manche werden sagen: beliebig – dass sich unzählige Lesarten anbieten. Ein Film wie ein Rorschach-Test also, ein Film, der von jeder Zuschauerin, jedem Zuschauer anders gelesen werden wird, aber in jedem Fall einen Nerv der Zeit trifft.
„Ich habe mich seit hundert Jahren nicht mehr beworben. Ich weiß gar nicht mehr wie das geht“, gesteht Kuratorin Monika (Ursula Strauss) ihrer Freundin. Dass der fast 50jährigen das jetzt bevorsteht, weiß die agile Kulturschaffende erst seit kurzem. Völlig überraschend erfährt sie vom Weggang ihres Vorgesetzten. Mit Peter (Alex Brendemühl), dem Leiter der Frankfurter Kunsthalle fühlte sie sich eigentlich freundschaftlich verbunden. „Wann wolltest du mir das sagen“, stellt sie ihn frustriert zur Rede. Gedankenverloren läuft sie an diesem Abend durchs Frankfurter Bahnhofsviertel.
Ein Abend mit einer folgenschweren Begegnung. Unversehens gerät sie in eine Razzia. Eigentlich wollte sie sich nur eine Schachtel Zigaretten holen. Doch als die Polizei das Lokal nach Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung durchkämmt landet sie mit Joseph (Passi Balende) im Hinterhof. Der afrikanische Geschäftsmann aus dem Kongo muss sich verstecken. Denn auch er ist ohne Papiere. Dass er sich bedankt, sie zusammen einen Kaffee trinken und ihre Telefonnummern austauschen, vergisst Monika fast wieder.
Doch Joseph meldet sich bei ihr. Mit dem smarten 38jährigen entdeckt sie im „Cafe Denis“ die pulsierende afrikanische Diaspora. „Wenn ich afrikanische Musik und Vibes brauche komme ich hierher“, verrät er. Josef handelt mit Diamanten und sucht in der Main-Metropole Investoren, die eine Mine im Kongo finanzieren. Bis es so weit ist, versucht er sich mit Import- und Exportgeschäften mehr oder weniger über Wasser zu halten. „Wieso ist eine so schöne Frau wie du allein?“, schmeichelt der selbstsichere Charmeur. Und gibt sich gleich selbst die Antwort. „Die Männer haben Angst vor dir. Ich habe keine Angst.“
Und tatsächlich ist die selbstbewusste, eloquente Frau nicht auf den Mund gefallen. Nicht nur einmal eckt sie mit ihren ehrlichen Kommentaren in der Kunstszene an. Mit Joseph beginnt sie ein leidenschaftliches Verhältnis und hofft, dass ihre Liebe stark genug ist zu bestehen. Doch schon bei der ersten Essenseinladung mit ihren Freunden aus der Kunstszene knirscht es. Freudestrahlend erzählt Monika vom Diamantendeal ihres Freundes. „Blutdiamanten“, fragt entsetzt ihre Freundin Ursula. Peinliches Schweigen folgt.
Als Blutdiamanten werden Diamanten bezeichnet, die in Konfliktgebieten unter ausbeuterischen Bedingungen gefördert werden. Der Gewinn geht in der Regel an Guerilla-Bewegungen oder lokale Warlords. „Ich brauche deine Hilfe nicht, ich brauche Respekt“, wehrt Joseph sich. Dass Monika ohne ihn zu fragen, von seinen Plänen erzählt, nimmt er ihr übel. Aber dieses Missverständnis lässt sich noch klären. Doch mit zunehmender Nähe wird ihre Situation schwieriger. Immer wieder verschwindet Joseph. Sein Freund Ambara (Nsumbo Tango Samuel) bittet Monika um Geld, um ihn aus dem Gefängnis zu holen. Und auch mit der Idee zu heiraten lassen sich die Probleme nicht einfach aus der Welt schaffen.
Inspiriert von einer realen Geschichte geht Regisseurin Lisa Bierwirth lebensnah der Frage nach, wie sich postkoloniale Strukturen und Machtverhältnisse in einer europäisch-afrikanischen Beziehung widerspiegeln. Auch wenn ihr emotional berührendes Drama es nicht leisten kann alle politischen Hintergründe mitzuliefern, regt es an den eurozentrischen Blick zu weiten und das immer noch schwelende Kolonialerbe kritisch zu hinterfragen.
Luitgard Koch |programmkino.de
Le Prince
Credits:
DE 2021, 125 Min. OmU Regie: Lisa Bierwirth Drehbuch: Lisa Bierwirth, Hannes Held Kamera: Jenny Lou Ziegel Schnitt: Bettina Böhler mit: Ursula Strauss, Passi Balende, Alex Brendemühl, Victoria Trauttmansdorff
Auf das Kurzzeitgedächtnis von Menschen ist Verlass. Die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima liegt inzwischen fast zehn Jahre zurück, der Super-GAU von Tschernobyl über dreißig Jahre. Und Harrisburg oder Sellafield ist den wenigsten noch ein Begriff. Das ganze Ausmaß dieser Katastrophen blieb der Öffentlichkeit meist verborgen. Sie wurden vertuscht, verheimlicht oder verharmlost. Und plötzlich scheint die Hochrisikotechnik mit ihren dauerhaften Folgen für Mensch und Umwelt in Deutschland wieder salonfähig, die verschleppte Energiewende kein Thema mehr.
Der sehr sachlichen und zurückhaltenden Doku von Regisseur Carsten Rau mit dem provozierenden Titel kommt da im richtigen Moment. Ihr gelingt es, ohne Dramatisierung zu überzeugen. Ihr nüchterner Blick macht beispielhaft beim Abbau des AKWs in Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern die Gefahren der Atomenergie eindringlich sichtbar. Ganze Gebäudeblöcke sind verstrahlt, bei jedem Aufbohren von Beton können radioaktive Staubpartikel eingeatmet werden. Der Aufwand dieses Rückbaus der atomaren Ruine ist absurd.
Allein in Greifswald kommen 600.000 Tonnen an Beton, Stahl, Eisen, Aluminium zusammen. 1,8 Millionen Tonnen Material müssen gereinigt werden. Ein wahrer Kraftakt, auch in finanzieller Hinsicht. Die Container mit dem radioaktiven Material stapeln sich in blauen Schiffscontainern zu 20 bis 30 Tonnen in den Hallen. Als „Sonne in Menschenhand“ wurde der marode Reaktor einst gepriesen. „Das Atom sei Arbeiter und nicht Krieger” – so lautet ein sozialistischer Slogan aus den 70er-Jahren. Damals wurde das Kernkraftwerk Greifswald in Betrieb genommen.
Regierung, Arbeiter und Forscher träumten im Einklang von der friedlichen Nutzung der Atomkraft, für den Wohlstand und die Gleichheit der Völker. Und auch Greifswald war kein sicherer Atommeiler. Durch einen großen Brand im Maschinenraum Ende 1975 kam es fast zu einem GAU. Ende November 1989 geriet ein simulierter Störfall außer Kontrolle, als die automatische Schnellabschaltung versagte. Dadurch kam es zu einer gefährlichen Überhitzung mehrerer Brennelemente. Eine Kernschmelze stand kurz bevor.
Trotzdem denkt man im bayrischen Dorf Gundremmingen wehmütig an die strahlenden Zeiten des AKWs zurück. Ein Bild wie aus dem Hochglanzprospekt der atomaren Energiekonzerne zeigt die stillgelegten Kühltürme eingerahmt von Rosenbeeten aus dem Vorgarten des ehemaligen Bürgermeisters. Die Gemeinde wurde reich. Die Atomlobby, vom Staat subventioniert, spülte Geld in die Kassen. Sogar Eigentumswohnungen in München wurden angekauft. Eine aufwendige Sporthalle gebaut.
Auch wenn den Bauern ihr Land damals für drei Mark pro Quadratmeter abgehandelt wurde. Widerstand regte sich keiner. Wer daran verdient, wie die Wirtin im Ort, hängt dem Traum vom billigen sicheren Strom nach. Für sie gehören Kühe und Kühltürme zum Heimatgefühl. Und so vermittelt diese Sequenz der Doku die heile, ländliche Idylle. Dass natürlich auch das AKW Gundremmingen seine Störfälle hatte, die der Bevölkerung oft verschwiegen wurden, kommt nicht zur Sprache. Ein Kommentar aus dem Off dazu wäre vielleicht doch nicht ganz verkehrt. Wie sehr mit Atomkraft durch Unterstützung des Staates Geld zu verdienen war, klingt zumindest durch.
„Deutschlands lächerlicher Atomausstieg wäre heute nicht mehr tragbar“, verkündet ein französischer Atomingenieur aus dem Plutonium-Forschungslabor im südfranzösischen Cadarache überzeugt. Er hält das Ganze für ein Wahlmanöver, das Deutschland teurer kommt als die Wiedervereinigung. Ein Statement, das auf den ersten Blick, Atombefürwortern in die Hände spielt. Wenn die jungen französischen Nuklearphysiker, hippe Millenials, fast poetisch von der Atomkraft schwärmen, zeigt sich wie die schillernd faszinierende Chimäre dieser Technologie bereits wieder wirkt. Der Fortschrittsglaube aus den Anfängen lebt.
Erst ein Blick auf die ungelöste Frage der Endlagerung rückt das Bild wieder etwas zurecht. Kein Land der Welt fand bisher ein sicheres Endlager für hochradioaktiven Müll aus AKWS. Die neugegründete Bundesgesellschaft für Endlagerung aber soll es richten. Junge Geologinnen versuchen dort Gletscherbewegungen für Millionen von Jahren vorherzusehen. Denn schließlich wollen sie einen Ort finden, der über zehn Eiszeiten hinweg sicher sein soll. Kein noch so leiser Zweifel plagt sie bei dieser realistisch betrachtet unlösbaren Aufgabe.
Die Standortsuche hat freilich schon begonnen. Kein Bundesland ist scharf auf den verstrahlten Müll. Selbst Bayern, das sich einst unter seinem Ministerpräsidenten und ehemaligen Atomminister Strauß, für die umstrittenen WAA angedient hatte, will sich den bayerischen Wald nicht verseuchen lassen. Wenn dann der nimmermüde Sprecher Jochen Stay von „ausgestrahlt.de“ zu Wort kommt, schärft er mit seiner langjährigen Erfahrung das kritische Bewusstsein um den Fiebertraum Atom. Und last but not least steht ein Elefant im Raum: Wer Atomwaffen will, braucht Atomkraftwerke. Denn ohne Brennstoffwirtschaft auch kein Atomwaffenmaterial. Bekanntlich dient die französische Plutoniumfabrik in La Hague – die sogenannte Wiederaufarbeitungsanlage – vorrangig militärischen Zwecken.
Luitgard Koch | programmkino.de
Atomkraft Forever
Credits:
DE 2020, 94 Min., Buch und Regie: Carsten Rau Schnitt: Stephan Haase Kamera: Andrzej Krol
Eine Stadt in Nord-Irland. Der Fensterputzer John zieht seinen vierjährigen Sohn Michael alleine auf, seit die Mutter die Familie kurz nach der Geburt verlassen hat. Ihr Leben ist bestimmt von den täglichen Notwendigkeiten und Ritualen, geprägt von der tiefen Liebe zwischen Vater und Sohn. Was Michael nicht weiß: John hat Krebs. Ihm bleiben nur noch wenige Monate. Die will er nutzen, um eine neue Familie für Michael suchen, eine perfekte Familie.
Aber wie kann er seinem Sohn erklären, warum sie so viele merkwürdige Menschen besuchen? Kennt er seinen Sohn gut genug, um zu wissen, was der braucht? Langsam beginnt John zu begreifen, dass er keine Entscheidung für die Zukunft treffen muss, sondern eine für die Gegenwart. Gemeinsam mit Michael.
„Nowhere Special“ ist das neue, herzzerreißende Drama von Uberto Pasolini („Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“) mit James Norton und Daniel Lamont. Bei seiner Weltpremiere in der Orizzonti-Sektion des Festivals von Venedig 2020 wurde der Film mit dem Jurypreis des Premio Bisata d’Oro ausgezeichnet.
Nowhere Special
Credits:
UK, IT, RO 2020, 96 Min., engl. OmU Buch und Regie Uberto Pasolini Kamera Marius Panduru Musik Andrew Simon Mcallister Montage Masahiro Hirakubo, Saska Simpson mit James Norton, Daniel Lamont, Eileen O‘Higgins
Mit dem bundesweiten Festival Studio Bosporus richtet die Kulturakademie Tarabya vom 3. September bis 31. Oktober den Fokus auf den deutsch-türkischen Dialog. Sie nimmt die politische Situation in der Türkei ebenso in den Blick wie die plurale Gesellschaft Deutschlands. Anlass ist der 60. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei als zentrales Erinnerungsdatum einer gesellschaftlichen Vielfalt sowie das 10-jährige Bestehen der Künstlerresidenz am Bosporus.
Im Rahmen dieses Programms zeigt das fsk Kino folgende Filme:
Aysun Bademsoy: Spuren – Die Opfer des NSU Dokumentarfilm, 81 Min., anschließendes Gespräch mit der Regisseurin 8.9. 20:15 [Tickets]
Aslı Özarslan: Dil Leyla Dokumentarfilm, 71 Min., Deutsch, Kurdisch, anschließendes Gespräch mit der Regisseurin 23.9. 20:15 [Tickets]
Ezgi Kılınçaslan: Kurzfilme 30.9. 20:15 Anschließendes Gespräch mit der Regisseurin 30.9. 20:15
Silvina Der-Meguerditchian: Armenoscope, constructing belonging (2017) Doku-Essay 62 Min., Armenisch mit englischen UT, anschließendes Gespräch mit der Regisseurin 21.10. 20:15 [Tickets]
Ayşe Polat: Die Anderen (2016) Dokumentarfilm 66 Min., Kurdisch, Türkisch mit englischen UT, anschließendes Gespräch mit der Regisseurin 27.10. 20:15 [Tickets]
Dinosaur jr. sind Pioniere des Indie-Rock, aber es gab schon früh Berichte über Spannungen zwischen den drei Bandmitgliedern. In FREAKSCENE reden J. Macsis, Lou und Murph offen über die toxische Atmosphäre in der Band.
Mitte der 80er Jahre veröffentlichte die Band Dinosaur jr. – damals noch als „Dinosaur“, das „jr.“ war die Folge einer Klage der älteren Hippie-Band „Dinosaurs“ – ihr Debütalbum, das zwar noch im US-Hardcore-Punk verwurzelt war, aber eine lässigere Haltung mit älteren Rockstilen einnahm. Dinosaur jr. waren (und sind) irrsinnig laut und wirkten trotzdem seltsam introvertiert. Die Band war schnell in Independent-Kreisen erfolgreich, und landete mit 1988 mit „Freak Scene“ einen Hit in den Independent-Charts, ein Jahr später kam ihre Coverversion des The Cure-Songs „Just Like Heaven“ auch in die Pop-Charts. Dinosaur jr. war auf dem Höhepunkt des Erfolgs, aber es gab Gerüchte darüber, dass die Musiker nicht mehr miteinander redeten. 1989 warf J. Mascis Lou Barlow aus der Band, zwei Jahre später hatte auch Drummer Murph genug. In FREAKSCENE – THESTORYOFDINOSAURJR. reden J. Macsis, Lou und Murph über die Gründung, Trennung, und Wiedervereinigung der Band, und sind dabei erstaunlich offen in Bezug auf die eigene toxische Männlichkeit, die sich bei Dinosaur jr. wenigstens nicht gegen Frauen richtete. Heute, nach den Missbrauchsskandalen um Ryan Adams und Marilyn Manson, ist klar, dass auch in der Independent Szene reichlich Macker-Gift verbreitet war und ist, aber damals standen die Stars auch für eine andere, komplexere Vorstellung von Männlichkeit. Heute zeigen sich auch Band-Diktator J. Mascis und Aggro-Bassist Lou Barlow einsichtig. Drummer Murph weckt aufrichtiges Mitgefühl dafür, den Psycho-Terror seiner Band so lange ausgehalten zu haben. Als Porträt einer Banddynamik ist FREAKSCENE großartig, nur kommt die Faszination der Musik von Dinosaur jr., die gerade in der flächigen Entfaltung der Songs und in den brachialen Dynamikwechseln liegt, in den Songschnipseln nicht herüber. Für Fans ist der Film Gold, für Nicht-Eingeweihte weniger.
Tom Dorow | indiekino.de
Freakscene – The Story of Dinosaur Jr.
Credits:
DE/US 2020, 82 Min. Regie: Philipp Reichenheim mit: J Mascis, Lou Barlow, Murph, Kim Gordon, Henry Rollins, Bob Mould, Thurston Moore
Einen Science-Fiction-Film aus Kuba bekommt man nicht alle Tage zu sehen, allein das schon macht das Regiedebüt des erfahrenen Drehbuchautors Arturo Infantes bemerkenswert. Weltraumaction sollte man allerdings nicht erwarten, denn „Die außergewöhnliche Reise der Celeste Garcia“ benutzt sein Sci-Fi-Motiv ganz unterschwellig und erzählt stattdessen von seiner Titelheldin, die nach Jahren des immer gleichen Trotts noch einmal einen Neuanfang wagen möchte.
Die ehemalige Lehrerin Celeste Garcia (Maria Isabel Diaz) führt nach ihrer Pensionierung ein beschauliches Leben in Havanna, arbeitet als Teilzeitkraft im Planetarium und kümmert sich um ihren 25jährigen Sohn Pedrito (Roberto Espinosa), der immer noch zu Hause lebt und den ganzen Tag mit seinen Videospielen beschäftigt ist. Ein wenig mehr Aufregung wünscht sich Celeste in ihrem täglichen Trott, der so beschaulich abläuft, wie das Leben in der kubanischen Hauptstadt.
Als sie eines Tages nach Hause kommt, ist die Wohnung ihrer Nachbarin Polina von der Polizei abgesperrt und die Nachbarin verschwunden. Und dann hört Celeste in den abendlichen Nachrichten im Staatsfernsehen etwas seltsames: Der Sprecher erklärt der Bevölkerung, dass Kuba seit langem von Außerirdischen vom Planeten Gryok Besuch hat. Unbemerkt haben die Aliens sich unter die Bevölkerung gemischt, um die besonderen Erfolge des kubanischen Sonderweges mit eigenen Augen zu erleben, Erfolge, die, wie der Nachrichtensprecher betont, trotz des Embargos durch die Vereinigten Staaten errungen wurden. Und als wäre das nicht schon seltsam genug, findet Celeste in ihrer Wohnung eine Einladung zum Planeten der Gryoks, die einige Kubaner als Botschafter in ihre Welt holen wollen. Voller Enthusiasmus beginnt sich Celeste auf die bevorstehende Reise vorzubereiten und erinnert sich derweil an Momente, die ihr bisheriges Leben geprägt haben.
In einer alten, verfallenen Schule spielt „Die außergewöhnliche Reise der Celeste Garcia“ in erster Linie, umfunktioniert zum Ort, wo die Auserwählten sich auf ihr neues Leben vorbereiten. Eine bunte Gruppe kubanischer Charaktere ist das, vom alternden Musiker, einer schwangeren Frau, bis zu einem jüngeren Paar, das unbedingt ausreisen möchte. Unweigerlich muss man spätestens hier an den Wunsch vieler Kubaner denken, ihre mit wirtschaftlichen Problemen kämpfende Heimat zu verlassen und ihr Glück im Ausland, am liebsten im ebenso nahen wie fernen Amerika zu suchen. Doch die Vorbereitung auf die Migration macht schnell deutlich, dass auch das Leben auf Gyrok kein Zuckerschlecken ist, das auch dort strenge Regeln gelten, das auch in diesem scheinbaren Ort der Freiheit, nicht Alle alle Möglichkeiten haben.
So deutlich sich diese Prämisse auf dem Papier liest, so subtil erzählt Arturo Infante von seiner Titelfigur, einfühlsam gespielt von der auch international bekannten Maria Isabel Diaz, die etwa in Almodovars „Volver“ oder Mel Gibsons „Apocalypto“ zu sehen war. Ob Celeste Garcia dann am Ende mit dem Raumschiff in ein neues Leben aufbricht oder doch in ihrer Heimat zurückbleibt, spielt keine Rolle mehr. Längst hat sie erkannt, dass nicht der Ort an dem sie lebt für ihr Glücklichsein entscheidend ist, sondern die Menschen, die sie umgeben und vor allem ihr eigener Blick auf ihr Dasein.
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