Ein utopischer Ort der Menschlichkeit mitten in Paris
Wie ein elegantes Holzschiff liegt die Adamant am rechten Seine-Ufer im Herzen von Paris vor Anker. In diese einzigartige, 2010 eröffnete Tagesklinik kommen Erwachsene mit psychischen Störungen, die therapeutisch begleitet werden, sich hier vor allem aber kreativ entfalten: Sie schreiben Chansons, veranstalten Filmfestivals, dichten, malen und zeichnen. Das Team der Adamant zeigt tagtäglich, wie es in Zeiten eines Gesundheitssystems in der Krise gelingen kann, zugewandt und offen auf Menschen mit psychischer Erkrankung einzugehen. Aus sensiblen Beobachtungen und Gesprächen mit den Adamant-„Passagier*innen“ entsteht das leichtfüßige Portrait einer Einrichtung, deren Existenz Hoffnung macht.
Der Franzose Nicolas Philibert gehört seit seinem Publikumserfolg SEINUNDHABEN zu den großen Dokumentarfilmemachern Europas. Für AUFDERADAMANT wurde er auf der Berlinale 2023 mit dem Hauptpreis des Festivals, dem Goldenen Bären, ausgezeichnet.
Credits:
Sur l’Adamant FR/JP 2022, 109 Min., frz. OmU Regie, Kamera, Schnitt: Nicolas Philibert, Regie unter Mitwirkung von Linda De Zitter
Die UN hat den Abzug aus Mali bis Ende 23 auf Druck der dortigen Militärjunta beschlossen. Danach ist die Bevölkerung dem Terror von Wagner Gruppe und Islamisten ausgeliefert. Le Mali 70 entstand Anfang der 20er Jahre, als der Krieg noch auf den Norden beschränkt war und feiert die Musik des Landes, die reich und überbordend ist. Besonders nach der Unabhängigkeit vom französischen Kolonialregime schufen die Big Bands den Sound der Zukunft für Mali. Die Berliner Musiker von Omniversal Earkestra, eine Combo mit fettem Bläsersatz und von extrem mitreißender Spielfreude entdeckte die Musik, hortete die Platten der 70er und fisselte sich die Arrangements in mühevoller Detailarbeit zusammen. Die Idee, eine Reise nach Mali zu unternehmen und sich mit den inzwischen in die Jahre gekommenen Künstlern live auszutauschen, wurde umgesetzt und schon sind wir in Bamako, atmen die Musik und lauschen der Oral History. Auch über den kubanischen Einfluss, denn beim Balanceakt Malis zwischen Ost- u. West waren kubanische Aufbauhelfer im Land. Die Intuition trifft auf das Notenblatt, die Geschichten auf die Geschichte.
„Nachdem Mali im Jahr 1960 die Unabhängigkeit von Frankreich erlangte, entwickelte sich das Land zu einem wichtigen Zentrum für afrikanische Musik und spielte eine bedeutende Rolle in der Musikszene des Kontinents. Mali hat eine reiche musikalische Tradition, die sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt und globalen Einfluss erlangt hat.In den 1960er und 1970er Jahren, in der Zeit nach der Unabhängigkeit, wurde die Musik in Mali zu einem wichtigen Medium, um soziale und politische Botschaften zu vermitteln. Viele Künstler nutzten ihre Musik, um auf soziale Ungerechtigkeiten, politische Themen und die Wahrung der kulturellen Identität aufmerksam zu machen.“ ChatGPT
Credits:
DE 2022, 92 Min., German, French, Bambara, English OmU Regie & Schnitt: Markus CM Schmidt Kamera: Martin Langner
Seit 30 Jahren dreht Aki Kaurismäki Filme, die das Bild seiner finnischen Heimat im Ausland geprägt haben. Eigentlich hatte er sich schon zur Ruhe gesetzt, mit „Fallen Leaves“ hat Kaurismäki nun doch noch einen Film gedreht, einen seiner schönsten. Eine zarte Liebesgeschichte in Helsinki, ein Film, der in jedem Moment ein Kaurismäki-Film ist, völlig aus der Zeit gefallen und dabei durch und durch eigen.
In der finnischen Hauptstadt Helsinki (bzw. der Kaurismäki-Version von Helsinki) leben Ansa (Alma Pöysti) und Holappa (Jussi Vatanen) bescheidene Leben. Sie arbeitet in einem Supermarkt, räumt die Regale ein und nimmt bisweilen eine Packung abgelaufener Wurst mit nach Hause, weswegen sie bald entlassen wird. Er arbeitet auf dem Bau – zumindest noch – lebt in einem Container und geht gelegentlich mit seinem Freund zur Karaoke, an der er aber nicht teilnimmt, denn: Harte Jungs singen nicht. Noch wissen die beiden Nichts voneinander, leben vor sich hin, in einer zeitlosen Welt, die weder bewusst die Vergangenheit darstellt, noch deutlich die Gegenwart.
Das Radio in Ansas Küche etwa, scheint aus den 60er Jahren zu stammen, aber sie hört darin Nachrichten, die auf den aktuellen Krieg in der Ukraine Bezug nehmen. Fernseher gibt es in dieser Welt dagegen nicht, die Moderne scheint noch keinen Einzug gehalten zu haben. Irgendwann kommt es zu einer ersten Verabredung – man sieht sich Jim Jarmuschs „The Dead don’t die“ im Kino an – doch bevor Ansa und Holappa wie der kleine Tramp und das Mädchen in den Sonnenaufgang gehen können, wollen noch einige Hindernisse überwunden werden.
Ein eigenartiges Gefühl hinterlässt Aki Kaurismäkis „Fallen Leaves“: Ein neuer Film des finnischen Kultregisseurs ist dies, der sich dennoch in jedem Moment, in praktisch jedem Dialog, jeder Geste, jedem Schauplatz bekannt anfühlt. Als hätte es Kaurismäki zum diesmal vielleicht endgültigen Ende seiner Karriere darauf angelegt, ein Pastiche seiner bisherigen Arbeiten zu drehen, eine Art Best Of-Kaurismäki.
Die Welt, die er dabei zeigt, scheint sich seit den 80er Jahren, als Kaurismäki begann, Filme zu drehen, kaum geändert zu haben. Damals war das karge Set-Design wohl nur wenig von der finnischen Realität entfernt, im Laufe der Jahre hat sich dagegen Finnland selbst weit mehr entwickelt als die Filme des im Ausland wohl berühmtesten Finnen.
Kein Regisseur und auch sonst kein Künstler dürfte das Bild von Finnland stärker geprägt haben als Kaurismäki. Das Bild eines wortkargen, melancholischen Volkes, dass das Leben lakonisch an sich vorbeiziehen lässt ist dabei im Lauf der Jahre entstanden, ist die Welt, in der Kaurismäkis Filme spielen, unverwechselbar geworden. In gewisser Weise ist „Fallen Leaves“ also pure Nostalgie, erlaubt es dem Zuschauer einmal mehr in die bekannte, auch die heile, Kaurismäki-Welt einzutauchen, in der die Dinge sich im Lauf der Jahrzehnte nicht verändert haben. Doch die Kaurismäki-Nostalgie funktioniert anders als etwa der Versuch allzu vieler Serien und Filme der letzten Jahre, sich auf eine Reise in die 80er oder 90er Jahre zu begeben und eine nur vermeintlich einfachere Zeit wiederaufleben zu lassen.
Kaurismäkis-Filme haben bei allem Realismus, bei aller Sympathie für die Arbeiterklasse („Fallen Leaves“ soll als Weiterführung der um 1990 entstandenen Proletarischen Trilogie verstanden werden), immer auch etwas Irreales, etwas Märchenhaftes. Das Finnland, das Kaurismäki zeigt, hat so vermutlich nie existiert, es war schon Mitte der 80er Jahre eine Illusion und ist es 40 Jahre später noch viel mehr. Allein an der Lust, sich von Kaurismäki, seinen einzigartigen Figuren und seinem speziellen Blick auf die Welt verzaubern zu lassen hat sich nichts geändert.
Michael Meyns | programmkino.de
Credits:
Kuolleet lehdet FI 2023, 81 Min., finn. OmU Regie: Aki Kaurismäki Kamera: Timo Salminen Schnitt: Samu Heikkilä mit: Alma Pöysti, Jussi Vatanen
Trailer:
Fallen Leaves (2023) | Trailer | Aki Kaurismäki Alma Pöysti | Jussi Vatanen
Ein Sommerfilm, der in einem Sommer aus einer anderen Zeit spielt. Niemand stellt ständig von zu heiß auf zu kalt, von extrem trocken auf Cats’n’Dogs, es ist einfach der Zustand der Gelöstheit, der Entdeckungen, des sich treiben lassen. Dazu haben die ProtagonistInnen allerdings zu wenig Zeit. Margaux ist vierzehn und macht in den Sommerferien eher unbegeistert ein Praktikum in einem Kinderheim am Genfer See, der ruhig im Licht der Tage glänzt und uferlos scheint. Sie freundet sich mit einem der Kinder an, Juliette heißt sie, die erst ins Wasser springt und dann schwimmen lernen möchte, ein ungestümer Flohzirkus voller Energie und Entdeckungsfreude. Die beiden lernen Joël kennen, der lange in Indonesien war und jetzt wieder als Fischer arbeitet. Für einen Sommer kreuzen sich die Wege der Suchenden in Jenna Hasses poetischem Debütfilm. „Der Sommer flirrt am Ufer des Genfer Sees, wo das Trio, jeder auf seine eigene Weise, nach einem Platz und einer Perspektive sucht. Die 1989 in Lissabon geborene Hasse siedelt ihren Film dort an, wo sie selbst groß wurde. Inspirieren ließ sie sich von Roman Charles-Ferdinand Ramuz‘ ebenfalls am Genfer See spielendem Roman L’amour du monde, dessen Titel sie entlehnt hat. Margaux gibt Juliette einen zwischenmenschlichen Halt, den sie selbst sucht. Das Verhältnis zum Papa ist angeknackst, und die Teenagerin sehnt sich mit jeder Faser an einen anderen Ort. Als ihre Freundinnen sich via Handy aus dem Italienurlaub melden, fotografiert Margaux eine Naturdokumentation im TV und schreibt: „Liebe Grüße aus dem Paradies“. In dem Hotelzimmer, in dem sie mit dem Vater lebt, hängt die Malerei eines Dschungels an der Wand. „Ich möchte mit dir nach Indonesien gehen“, sagt sie Joël, der für sie in vieldeutiger Hinsicht zu einem Fixpunkt wird.“ Jens Balkenborg | epd Film
Credits:
CH 2023, 76 Min., frz. OmU Regie: Jenna Hasse Kamera: Valentina Provini Schnitt: Noémie Fy mit: Clarisse Moussa, Esin Demircan, Marc Oosterhoff, Adèle Vandroth, Pierre Mifsud, Mélanie Doutey, Filipe Vargas, Théo Rossi, Hadrien Motta, Elias Alves, Maël Ney
Trailer:
L’AMOUR DUMONDE – Sehnsucht nach der Welt // Kinostart: 24. August
Nachdem wir vor nicht allzu langer Zeit seinen essayistischen Film, Moleküle der Erinnerung, gezeigt haben, indem seine Heimat im Corona Lockdown eine wunderbar passende Kulisse zu einer Aufarbeitung des Verhältnisses zu seinem Vater bildete, nun der neue Film von Andrea Segre. Welcome Venice behandelt die Auseinandersetzung zweier Brüder über den Erhalt einer Fischertradition und den grundlegenden Veränderungen ihrer Heimat: Die Brüder Pietro und Alvise gehören zu einer alten Fischerfamilie aus Giudecca, einer der Inseln, aus denen die Stadt Venedig besteht. Ihr Leben kollidiert vor dem Hintergrund des unaufhaltsamen Wandels, der die Realität und die Identität Venedigs und seiner Bewohner verändert: Der zunehmende Einfluss des globalen Tourismus verändert die Beziehungen zwischen der Stadt und ihren Bewohnern. Obwohl es anstrengend und einsam ist, möchte Pietro weiterhin „moeche“, die typischen Krebse der Lagune, fischen; Alvise hingegen sieht in seinem Elternhaus die Möglichkeit, neu anzufangen und sich den neuen Bedingungen anzupassen, wohl wissend nicht nur alte Traditionen, sondern auch sein Verhältnis zu seinem Bruder in Frage zu stellen. „Zehn Jahre nach meinem Film Io sono Li kehre ich mit Welcome Venice zu einem Film zurück, in dem die Stadt Venedig, die Orte und ihre Bewohner eine grundlegende Rolle spielen. Ein Film, der in die Gassen und Gewässer eines Venedigs eintaucht, das Angst hat, zu verschwinden und nicht weiß, wohin die Zukunft führt, aber dennoch die Kraft findet, zu existieren und zu sich selbst und zur Welt zu sprechen. Ein Venedig, das Gefahr läuft, von seiner eigenen Schönheit und seinem Ruhm verschlungen zu werden, eine Stadt, die die uns alle betreffenden globalen Veränderungen symbolisiert, eine Stadt, die Leben, Bürger und Räume braucht. In einer schwierigen Zeit wie dieser freue ich mich, dass mein Film einen Dialog zwischen dem Kino und der Stadt Venedig, zwischen dem Kino und der Welt da draußen anregen kann.“ Andrea Segre
Credits:
IT 2021, 100 Min., Regie: Andrea Segre Kamera: Matteo Calore Schnitt: Chiara Russo mit: Paolo Pierobon, Andrea Pennacchi, Ottavia Piccolo, Roberto Citran, Sara Lazzaro
In ihrer jüngsten Regiearbeit verarbeitet Valeria Bruni Tedeschi die eigene Zeit an der berühmten Pariser Schauspielschule Théâtre des Amandiers. FOREVERYOUNG folgt einer Gruppe Schauspielstudentinnen über ein knappes Jahr, vom Vorsprechen bis zur Premiere der ersten Studieninszenierung. Dabei ist die Kamera immer so nah bei ihnen, dass fast der Eindruck eines Dokumentarfilms entsteht. Innerhalb des Figurenensembles, dem der Film durch Partys, Liebschaften und Workshops folgt, erhält die Beziehung zwischen Stella (Nadia Tereszkiewicz) und Etienne (Sofiane Bennacer) die Hauptaufmerksamkeit: Sie, die Tochter aus rei- chem Hause (und offensichtliches alter ego der Regisseurin), ist dem schauspielerisch intensiven und privat selbstdestruktiven Junkie-Bad-Boy mit Mutterkomplex verfallen, egal, wie oft er sie warnt, sie schlecht behandelt und sie bestiehlt. Ähnlich wie in Joanna Hoggs Upper-Class-Gesellschaft in THESOUVERNIR ist in Les Amandiers kein Platz für emotional gesunde Beziehungen und die Verarbeitung von Stress. Stattdessen wird in den späten 1980ern, an die sich Bruni Tedeschi erinnert, konstant geraucht, die Schulleiter nutzen ihre absolute Macht, um die Lieblinge des Kollegen im Probenraum fertig zu machen oder sich den eige- nen Lieblingen anzunähern, und die Studentinnen lassen sich in ihren hedonistischen Experimenten von der ständig präsenten Bedrohung durch AIDS kaum aufhalten. Die Premiere naht, „The Show must go on!“, und geweint werden kann hinter der Bühne. Das brachiale Regime scheint zu funktionieren, hat es doch der Regisseurin und vielen ihrer Kommiliton*innen zu einer Karriere verholfen. FOREVERYOUNG erinnert aber auch an die, die auf dem Weg verloren gingen, und an die kindliche Naivität, die die ablegen mussten, die ihr Leben mit Spielen verbringen. Christian Klose | indiekino
Wenn es gut läuft, wie hier, ähneln die Filme von Valeria Bruno Tedeschi den Figuren, die sie vorzugsweise als Darstellerin spielt, z.B. in dem Film Oublie moi. Ist das noch Hysterie oder schon Borderline? Dabei will sie auch nur Anerkennung und scheint doch in ihrer Jugend stecken geblieben zu sein. Völlig überdreht, ein wenig neben der Spur, hartnäckig, grenzenlos, übergriffig, ist sie in ihrer Penetranz nicht gerade eine Symphatieträgerin, und trotzdem oder gerade deswegen eine Emphatie zu entwickeln, bedeutet eine lohnende Aufgabe für uns Zuschauer*innen.
Credits:
Les Amandiers FR 2022, 126 Min, frz. OmU Regie: Valeria Bruni Tedeschi Kamera: Julien Poupard Schnitt: Anne Weil mit: Louis Garrel, Sofiane Bennacer, Nadia Tereszkiewicz, Micha Lescot, Clara Bretheau
Trailer:
Kinotrailer „Forever Young” – Kinostart 17. August 2023
Viel Nacht, Musik, Drogen, Tanz: Chevalier Noir blickt auf einen im iranischen Kino selten zu sehende Welt Stoff, eine Generation junger Erwachsener mit etwas Geld in der Tasche, die sich scheinbar freier von Zwängen und Unterdrückung bewegt. „Gehst du schon? Ist die Party so schlecht?“ fragt Mayram Iman, den sie vor der Tür trifft.„Schon? Die Sonne geht auf.“ gibt der junge Mann zurück. Ein alltäglicher Dialog, vorstellbar in vielen Städten der Welt – aber in Teheran? Iman und sein jüngerer Bruder Payar sind sich sehr verbunden und leben bei ihrem Vater in einem der wohlhabenderen Viertels der Stadt. Die Mutter starb vor kurzem. Während sich Payar um den kranken und opiumabhängigen Vater kümmert und eine Karriere als Boxer anstrebt, versucht sich Iman in Drogenhandel, liebt sein Motorrad und nächtliche Parties mit Freunden. Das kann auf Dauer nicht gutgehen… „Eines Tages, als ich bereits in Paris lebte, rief mich meine Mutter an und erzählte mir eine wahre Geschichte, die sich gerade in meinem Viertel im Norden Teherans ereignet hatte und in die einige meiner Freunde verwickelt waren – eine Geschichte über eine gescheiterte Rache. Diese Geschichte erschütterte mich, ich war von ihrer abrupten Gewalt und ihrem tragischen Potenzial beeindruckt. Die Resonanz auf Geschichten, die in der iranischen Mythologie erzählt werden, sprang mir ins Auge: Es gibt dort viele Geschichten über Rache und Vererbung. …“ Emad Aleebrahim Dehkordi „… dieser doppelte Blick, von außen und von innen, tut dem Film gut. Denn es ist fraglich, ob die ständig im Iran lebenden Filmemacher eine solch ungeschönte Milieuschilderung überhaupt ohne übergroßes Risiko realisieren könnten. Regisseur Emad Aleebrahim Dehkordi, der am französischen „Fresnoy-Studio national d’arts contemporains“ Kunst studierte, unterlegt seine nächtliche Sozialstudie geschickt mit Thrill und Spannung, bevor sie am Ende doch zum Drama wird….“ Peter Gutting | kino-zeit
Credits:
A Tale of Shemroon FR/DE/IR/IT 2022, 102 Min. farsi OmU Regie: Emad Aleebrahim-Dehkordi Kamera: Amin Jafari Schnitt: Félix Rehm mit: Iman Sayad Borhani, Payar Allahyari, Masoumeh Beygi, Behzad Dorani, Nima Nouri Zadeh
Raus aus Amal trifft Romeo & Julia trifft Bandes de Filles Sommer in einem Pariser Vorort. Mit leichter Hand erzählt Besties von Nedjma, deren Welt sich auf den Kopf stellt, als sie Zina, der neuen Nachbarin, begegnet. Das große Problem: Zina gehört einer verfeindeten Clique an. Nedjmas Freundinnen, mit denen sie um die Häuser zieht, würden eine solche Verbindung nie tolerieren. Sie haben einen Ruf zu verteidigen und schädigen mit niederträchtiger Finesse den Ruf derer, die sich ihrer Meinung nach respektlos verhalten, sich also beispielsweise auf „ihre“ Bank setzen. Zinas Freundinnen wiederum lassen sich auch nichts gefallen. So steht Nedjma vor einem Dilemma, wartet sie sich doch immer sehnsüchtiger auf das nächste heimliche Treffen mit der geliebten Zina, möchte aber loyal zur Clique stehen. Zu den notwendigen Lügen kommt noch die Unsicherheit der ersten großen Liebe, zudem zu einer Frau. „Auf eine Wand in meiner Nachbarschaft wurde gesprüht: Der erste, der sich verliebt, hat verloren. Das ist wahr. Denn danach reden alle über dich und du bist ausgeliefert. Ich habe verloren. Ich bin in ein Mädchen verliebt, ich weiß nicht, was ich tun soll …“ Nedjma „Besties ist psychologisch stark, auch gefühlvoll, vor allem wirkt er aber authentisch und wahrhaftig. Eine kleine Perle des jungen queeren Kinos Frankreichs.“ programmkino.de
Credits:
Les meilleures FR 2021, 80 Min. frz. OmU Regie & Buch: Marion Desseigne Ravel Kamera: Lucile Mercier Schnitt: Julie Picouleau, Elif Uluengin mit: Lina El Arabi, Esther Rollande, Leila, Mahia Zrouki, Tasnim Jamlaoui
Eine Karte von Mecklenburg hing in Uwe Johnsons letztem Arbeitszimmer im englischen Sheerness. Die Region seiner Kindheit, in die er nach der Auswanderung in den Westen nicht mehr zurückgehen und die er danach nur noch literarisch rekonstruieren konnte. Volker Koepps Film ist als Geobiografie angelegt, er reist mit Johnsons Texten zu den Lebensorten des Autors, findet Menschen und Landschaften, die mal einen engen, mal einen freien Bezug zum Werk und zur Person haben. Koepps und Johnsons poetische Projekte verbinden sich: Ihre Landschaften und Biografien kennen keine linearen Entwicklungen, in ihnen bleibt die Geschichte gespeichert und legt sich selbst immer wieder frei. Für Johnson sind beim Bad in der Ostsee die Toten anwesend, die nach der Versenkung der Cap Arcona 1945 in der Lübecker Bucht trieben. Eine Gesprächspartnerin von Koepp denkt bei Italienurlauben an heutige Fluchten über das Mittelmeer. Johnsons Trauer über den Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts in Prag spiegelt sich im aktuellen Angriff Russlands auf die Ukraine, der die Dreharbeiten bestimmt. Wenn ein Fluss langsam fließt, kann er bei etwas Wind die Richtung ändern und kommt wieder zur Quelle.
Volker Koepp, „Seestück“, Ostseeküste in VorpommernVolker Koepp, „Seestück“, Sheerness-on-Sea
Credits:
DE 2023, 168 Min. deutsche OmeU Regie: Volker Koepp Schnitt: Christoph Krüger Kamera: Uwe Mann mit Stuart Roberts, Judith Zander, Erhard Siewert, Peter Kurth, Hans-Jürgen Syberberg, Helga Elisabeth Syberberg, Aukje Dijkstra, Undine Spillner, Fritz Rost, Heinz Lehmbäcker, Hanna Lehmbäcker, Dietrich Sagert, Kristian Wegscheider, Christian Höser, Thomas Irmer, Uta Löber, Erdmut Wizisla, Karin Bosinski, Hartmut Bosinski
Urlaub am Meer. Sara (Juliette Binoche) und ihr Lebensabschnittsgefährte Jean (Vincent Lindon) fühlen sich frei und glücklich, wie zwei Delphine schwimmen sie nebeneinander her. Nach ihrer Rückkehr ins Pariser Stadtleben kehrt die Alltagsroutine zurück, eine Zäsur ergibt sich, als Sara im Gewimmel einer Metrostation zufällig einen längere Zeit nicht gesehenen Freund entdeckt. Dieser Moment trifft sie wie ein Blitzschlag. Zufällig erzählt ihr Jean, dass just dieser Freund ihm die Partnerschaft in einer Agentur zur Vermittlung junger Rugby-Talente angeboten hat. Eine Begegnung von Sara mit François (Grégoire Colin), über den sie vor mehr als zehn Jahren Jean überhaupt erst kennengelernt hatte, bleibt nicht aus. Und dieses Wiedersehen sorgt in der Folge dafür, dass nicht nur für Sara eine Achterbahnfahrt der Emotionen beginnt und sie sich entscheiden muss, mit welchem der beiden Männer, denen sie sich auf doch recht unterschiedliche Weise in Liebe verbunden fühlt, sie zusammenleben möchte.
Die Geschichte, die Claire Denis in ihrem jüngsten, 2022 bei den Filmfestspielen in Berlin mit dem Silbernen Bären ausgezeichneten und im Herbst dann auch bei den Französischen Filmtagen in Tübingen/Stuttgart vorgestellten Werk verhandelt, ist im Grundsatz keine neue. Doch erzählt und vor allem gespielt ist sie mit einer Intensität, wie man sie auf der Leinwand nur selten zu sehen bekommt. Was Sara fühlt, das meint man als Zuschauender förmlich selber zu spüren. „C’est repartie“, sagt Sara über die Rückkehr schlafloser Nächte und über ihr inneres Aufgewühltsein, welches sie manchmal wie unter einer Trance erscheinen lässt. Auch Lindon ist in seinen Reaktionen und in seiner Haltung wahrhaftig, gestresst zudem durch im Nebenplot verhandelte Probleme mit seinem jugendlichen Sohn, um den zu kümmern sich dessen Großmutter (Bulle Ogier) jedoch überfordert fühlt. Denis legt dabei immer wieder auch die Mechanismen gesellschaftlicher Rollenbilder offen, die zum Beispiel die Frau als ohnmächtig und bevormundet charakterisieren, ohne dass es den Männern des Films in irgendeiner Art und Weise bewusst wäre und dazu führt, dass beide Männer auf jeweils ihre Art und Weise Druck auf die von ihnen begehrte Frau ausüben. Nach und nach einstreute Hinweise auf die Vorgeschichte der beiden Männer helfen dabei, die Figuren in ihrem Verhalten besser zu verstehen.
Claire Denis und ihre Co-Autorin Christine Angot haben schon 2017 beim Spielfilm „Meine schöne innere Sonne“, in dem es um Roland Barthes Buch „Fragmente einer Sprache der Liebe“ ging, zusammengearbeitet. Diesmal gab Angots Roman „Un tournant de la vie“ den Anstoß für dieses seinen Figuren immer wieder auch in Nahaufnahmen auf den Leib rückendes Liebesdrama. Ein Drama, dass sich bekannten Erzählmustern jedoch entzieht und mit der menschlichen Psyche zu spielen weiß.
Interessant auch zu beobachten, wie und wann pandemiebedingt Masken getragen werden, wie Küsschen links und rechts selbst bei Begegnungen mit sehr vertrauten Menschen unterbleiben und zu Distanz führen. Weitere gesellschaftliche Aktualität liefern Interviews von Sara als Radiojournalistin mit der libanesischen Verlegerin Hind Darwish zum Thema Flucht und Immigration oder Aussagen über die von Ex-Fußballstar Lilian Thuram in seinem 2021 erschienenen Buch „Das weiße Denken“ geäußerten Gedanken zu Rassismus und der Rolle der Hautfarbe als psychologischem Problem. Nicht unwesentlich ist auch die Rolle, die einmal mehr die britische Band Tindersticks – seit „Nénette et Boni“ sind sie bei Claire Denis gesetzt – spielt. Ihr hypnotischer Score mit oft düsteren Streichern, die in ihrer Schwere an die Auftragsarbeit „Ypres“ (2014) erinnern, verstärkt die bewegten Gefühle von glücklichen Zeiten am Meer bis hin zu aufbrausenden Streitigkeiten in Paris aufs Intensivste.
Thomas Volkmann | programmkino.de
Credits:
Avec amour et acharnement FR 2022, 116 Min., frz. OmU Regie: Claire Denis Kamera: Eric Gautier Musik: Tindersticks Schnitt: Emmanuelle Pencalet, Sandie Bompar, Guy Lecorne mit Juliette Binoche, Vincent Lindon, Grégoire Colin, Issa Perica, Bulle Ogier, Mati Diop
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