Kolyma

Ein Film von Sta­nis­law Mucha.

Man darf nichts zu ver­lie­ren haben, um heu­te hier leben zu wol­len.“ So lau­tet das Mot­to über die­sem Film, in dem Lachen und Ver­zweif­lung dicht bei­ein­an­der­lie­gen. Die „Stra­ße der Kno­chen“, so genannt nach den sibi­ri­schen Zwangs­ar­bei­tern, die hier ums Leben kamen oder ermor­det wur­den, ist auch im moder­nen Russ­land eine ver­ges­se­ne Regi­on. Der Som­mer ist kurz, der Win­ter lang – sehr lang – und die Men­schen, die sich der Kame­ra stel­len, sind manch­mal viel­leicht ein­fach froh, dass sich jemand mit ihnen unter­hält. Die Land­schaft ist karg, der Per­ma­frost-Boden taut manch­mal auf, hier und da liegt Schnee, in der Tun­dra reg­net es häu­fig, nur sel­ten ist mal die Son­ne zu sehen. Die Fahrt beginnt in der Hafen­stadt Maga­dan, einem gott­ver­las­se­nen Nest, inzwi­schen Haupt­stadt der Regi­on. Links und rechts der Stra­ße sind die Spu­ren der Sowjet­herr­schaft zu sehen: die Rui­nen der Arbeits­la­ger, ver­las­se­ne Minen, halb fer­ti­ge Wohn­häu­ser. Doch im Mit­tel­punkt ste­hen die Men­schen, die hier leben. Man­che sind hier gestran­det, eini­ge kamen als Flücht­lin­ge, ande­re waren Häft­lin­ge, nur weni­ge haben ihre Wur­zeln hier. „Ihr fahrt über einen Fried­hof, ver­gesst das nicht“, sagt der alte Mann, der viel­leicht ein Ex-Häft­ling ist. Frü­her war Koly­ma ein Syn­onym für den Gulag, für das unmensch­li­che Sys­tem der so genann­ten „Bes­se­rungs­la­ger“, die als sowje­ti­sche Tra­di­ti­on von den Zaren über­nom­men wur­den und bis Ende der 80er Jah­re in Betrieb waren. Hun­dert­tau­sen­de von Men­schen wur­den hier­her ver­bannt, vie­le aus poli­ti­schen oder reli­giö­sen Grün­den, aber auch Schwer­kri­mi­nel­le sowie straf­fäl­lig gewor­de­ne Men­schen, die je nach Auf­fas­sung des jewei­li­gen Regimes als „sozi­al schäd­lich“ gal­ten. Das konn­ten Adli­ge sein, aber auch Geschäfts­leu­te. Als Häft­lin­ge leis­te­ten sie Zwangs­ar­beit, arbei­te­ten unter elen­den Bedin­gun­gen in Gold­mi­nen oder im Uran­ab­bau, ohne Strah­len­schutz. So wird die Fahrt über 2000 Kilo­me­ter ent­lang dem Koly­ma zur Rei­se in die Ver­gan­gen­heit.

Ähn­lich wie in sei­ner Schwarz­meer-Rei­se „Tris­tia“ hat Sta­nis­law Mucha wie­der ein Road­mo­vie als Film­col­la­ge gedreht. Die Kame­ra bleibt meist sta­tisch, was ganz gut ist, denn das, was zu sehen ist, muss manch­mal erst­mal sacken. Die Gesprächs­part­ner, die Sta­nis­law Mucha gefun­den hat, sind eine Aus­wahl exqui­si­ter Ori­gi­na­le, lau­ter schrä­ge Typen. Da gibt es einen Hob­by­phy­si­ker, der sei­nen Vater mit­hil­fe von Strom ver­jün­gen möch­te – das soll­te man übri­gens kei­nes­falls ver­su­chen nach­zu­ma­chen. Eis­ang­ler sind zu sehen, Gold­grä­ber mit selbst­ge­bau­ten Werk­zeu­gen, ein Mann, der ein pri­va­tes Straf­la­ger­mu­se­um auf­ge­baut hat, Flücht­lin­ge aus der Ukrai­ne, ein ehe­ma­li­ger Schwer­ver­bre­cher und Zwangs­ar­bei­ter, ein zor­ni­ger Ex-Sol­dat lässt sich nur durch Akkor­de­on­klän­ge beru­hi­gen … Dazu lie­fert Sta­nis­law Mucha ori­gi­nel­le Bil­der aus dem sibi­ri­schen All­tag: tief­ge­kühl­te Pfer­de­köp­fe auf dem Markt, Kunst aus Eis, wovon es hier reich­lich gibt. Alles ohne Kom­men­tar und Erklä­run­gen, was manch­mal etwas ver­wir­rend wirkt, zumal die Chro­no­lo­gie ganz col­la­ge­ty­pisch im Hin­ter­grund bleibt. Unter­bro­chen wer­den die Inter­views von bei­na­he bizar­ren Hob­by-Kul­tur­prä­sen­ta­tio­nen. Häu­fig sind es Kin­der­tanz­grup­pen, die – ganz im Stil der Ex-Sowjet­uni­on – Tän­ze und Songs zei­gen. Die­se skur­ri­len Revue­num­mern, gleich­zei­tig rüh­rend und komisch, tra­gen ein biss­chen Leich­tig­keit in den Film, der im Grun­de vom Leben mit einer trau­ri­gen Ver­gan­gen­heit han­delt, vom Wis­sen dar­über, was Men­schen hier ande­ren Men­schen ange­tan haben. Am Ende gibt es dazu ein inter­es­san­tes State­ment, und viel­leicht war die gesam­te Rei­se von 2025 Kilo­me­tern bis Jakutsk nur die Vor­be­rei­tung für den Schluss. Wie stark strahlt das Leid über dem Land auf die fol­gen­den Genera­tio­nen ab?

Aber sogar in Sibi­ri­en ist die neue Zeit ein­ge­zo­gen: Die fröh­li­che jun­ge Frau am Hot Dog-Stand kann mit dem Begriff „Gulag“ gar nichts mehr anfan­gen. Sie ver­steht „Gulasch“.
Gaby Sikor­ski | programmkino.de

 
Credits:
Deutsch­land 2017, 85 Min., rus­sisch, deut­sche OmU
Buch, Regie: Sta­nis­law Mucha
Kame­ra: Enno End­li­cher
Schnitt: Sta­nis­law Mucha, Emil Rosen­ber­ger

 
Ter­mi­ne:

  • noch kei­ne oder kei­ne mehr