The Rider

Ein Film von Chloé Zhao. Ab 21.6. im fsk.

Bra­dy, ein jun­ger india­ni­scher Cow­boy, arbei­tet als Rodeo­rei­ter und Pfer­de­trai­ner in einem Reser­vat von South Dako­ta. Als ihn bei einem Wett­kampf ein wider­spens­ti­ges Pferd abwirft und mit dem Huf am Kopf trifft, erlei­det er einen Schä­del­ba­sis­bruch. Den eigent­li­chen Unfall sehen wir erst spä­ter auf einem You­Tube-Video, doch die Fol­gen sind gra­vie­rend: Eine rie­si­ge Nar­be ent­stellt den halb­ra­sier­ten Kopf des jun­gen Man­nes. Als er zum Duschen den Ver­band abneh­men will, ent­fernt er mit einem Mes­ser jede ein­zel­ne Heft­klam­mer, die den Ver­band fest­hält, dar­un­ter befin­det sich eine Metall­plat­te. Man ahnt es schon: Bra­dys erfolg­rei­che Kar­rie­re als Rodeo-Rei­ter ist vor­bei, auch als Pfer­de­trai­ner darf er nicht mehr arbei­ten. Doch Bra­dy liebt Pfer­de, im Umgang mit ihnen geht er förm­lich auf. Ein­mal bit­tet ihn ein rat­lo­ser Züch­ter wegen eines scheu­en Ponys um Hil­fe. In einer minu­ten­lan­gen Sze­ne zeigt uns nun Regis­seu­rin Chloé Zhao – sie stammt aus Peking, lebt aber in den USA – den Pro­zess des Zäh­mens: Bra­dy stellt sich dem Tier in den Weg, strei­chelt es sanft, spricht mit ihm, gewöhnt es an Berüh­run­gen und Geräu­sche, legt sich mit dem Ober­kör­per auf den Rücken des Ponys – bis er end­lich auf­steigt und mit ihm davon­rei­tet. Eine erstaun­li­che, fas­zi­nie­ren­de Sze­ne, in ihrer Genau­ig­keit rea­lis­tisch und anrüh­rend ein­ge­fan­gen: Da liebt einer sei­nen Beruf und darf ihn nicht mehr aus­üben. Wie Bra­dy sich damit abfin­det, wie er nach einer neu­en Zukunft und einer neu­en Iden­ti­tät sucht – davon erzählt die­ser Film auf eben­so zärt­li­che wie mensch­lich Wei­se.

Die Gefähr­lich­keit von Bra­dys Beruf wird noch ein­mal gespie­gelt durch Lane, Bra­dys bes­ten Freund und Men­tor. Nach einem Rodeo-Unfall sitzt er gelähmt im Roll­stuhl und kann nicht mehr spre­chen. Kom­mu­ni­ka­ti­on ist nur noch durch das Zeich­nen von Buch­sta­ben mit den Hän­den mög­lich. Wie Bra­dy sich um sein Freund küm­mert, ihn im Hos­pi­tal besucht und ihm auf einem Übungs­ge­rät noch ein­mal das Gefühl des Rei­tens ver­mit­telt, ist die zwei­te gro­ße Sze­ne die­ses Films, sie ist unge­mein berüh­rend und fein­füh­lig insze­niert. Chloé Zhao beob­ach­tet ihre Schau­spie­ler minu­ten­lang dabei, mit wel­cher Lie­be, Sen­si­bi­li­tät und tief emp­fun­de­nen Freund­schaft sie mit­ein­an­der umge­hen. Wei­te­re Bezugs­per­so­nen von Bra­dy sind sein Vater, ein stren­ger, unge­rech­ter Mann, der sein Geld für Alko­hol und Spiel­hal­len aus­gibt, und sei­ne autis­ti­sche Schwes­ter Lily, um die er sich lie­be­voll küm­mert. Und das ist der eigent­li­che Clou des Films: Die Fami­lie wird von Bra­dy, Tim und Lily Jand­reau gespielt, auch Lane spielt sich und sein Schick­sal selbst, Figu­ren und Dar­stel­ler sind eins. Fast alle Schau­spie­ler sind Lako­ta Sioux aus der Pine Ridge Reser­va­ti­on in South Dako­ta. Chloé Zhao ent­lockt ihnen nicht nur wun­der­vol­le dar­stel­le­ri­sche Leis­tun­gen, sie ver­mit­telt in atem­be­rau­ben­den Bil­dern auch ein Gefühl für den Ort, für die Land­schaft und die Kul­tur. Auf­merk­sam regis­triert sie das Män­ner­bild in der klei­nen Gemein­schaft und hin­ter­fragt ihre Mythen: Ein Cow­boy kennt kei­nen Schmerz. Er macht wei­ter. Doch ein „Wei­ter­so“ gibt es für Bra­dy nicht mehr.
Micha­el Ran­ze | programmkino.de


 
Credits:
USA 2017, 104 Min., engl. OmU
Regie: Chloé Zhao
Kame­ra: Joshua James Richards

Schnitt: Alex O’Flinn
Dar­stel­ler: Bra­dy Jand­reau, Tim Jand­reau, Lily Jand­reau, Lane Scott
 
Ter­mi­ne:
  • noch kei­ne oder kei­ne mehr