Am 27.5. um 18:00 im fsk. Einführung: Bartek Tesarz (Polnisches Institut Berlin)
[Tickets]
Rzeczy niezbędne / Unverzichtbare Dinge PL/D 2024 R: Kamila Tarabura 101 min, OmdU B: Kamila Tarabura & Katarzyna Warnke K: Tomasz Naumiuk S: Alan Zejer M: CEL D: Dagmara Domińczyk, Katarzyna Warnke, Małgorzata Hajewska-Krzysztofik, Andrzej Konopka u. a.
Eigentlich will sich die hochschwangere Kriegsjournalistin Ada eine Auszeit bei ihrem Partner in Hamburg gönnen. Doch dann bekommt sie aus Polen ein Buch zugeschickt, in dem eine Frau ihre Missbrauchserfahrungen als Kind schildert – versehen mit einer persönlichen Widmung und einer Telefonnummer.
Gegen jede Vernunft macht sich Ada auf den Weg in ihre alte Heimat. Dort trifft sie sich mit Roksana, der Autorin des Buchs. Diese bittet Ada, mit ihr in die polnische Provinz zu fahren, wo beide aufgewachsen sind. Vielleicht können sie nach dem Tod von Roksanas Vater ihre Mutter dazu bringen, das Schweigen über die Ereignisse von damals zu brechen. Das odd couple macht sich auf den Weg, um zu rekonstruieren, was geschehen ist – oder ob sich Roksana die Geschichte vielleicht nur ausgedacht hat.
Kamila Taraburas Langfilm-Debüt ist eine feinfühlige Mischung aus Roadmovie, Thriller, Krimi und Psychoporträt, das viele überraschende Wendungen nimmt, um parallel mehrere Geschichten zu erzählen. Dabei kann sich die Regisseurin vor allem auf ihre traumhaft interagierenden Hauptdarstellerinnen Dagmara Domińczyk (Ada) und Katarzyna Warnke (Roksana) verlassen, deren Schweigen oft beredter ist als ihre Worte. [Rainer Mende]
Simóns Verhältnis zu seiner Mutter ist schon länger schwierig. Wirklich zu Hause fühlt er sich nur bei Pehuén und den anderen an der Schule für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen. Dort hat er das Gefühl, er selbst sein zu dürfen, auch wenn er anders ist als alle anderen.
In lose verbundenen Vignetten tauchen wir in das Leben einer Gruppe verhaltensorigineller Jugendlicher ein. Unser Titelheld fühlt sich vor allem an der Seite von Pehuén und Colo wohl (wie die anderen kognitiv Eingeschränkten von Laien gespielt) – einmal, als die beiden Sex haben, steht er sogar für sie Schmiere. Doch irgendwann fragt sich, was Simón an dieser Schule eigentlich verloren hat und warum er sich hier zugehörig fühlt. Luis’ ungewöhnliches Drama stellt unsere Wahrnehmung von Menschen, die wir als „anders“ qualifizieren, auf die Probe. Sein Plädoyer lässt vieles offen, aber keinen Zweifel: Verbundenheit kann nur durch Offenheit entstehen. (Roman Scheiber)
The film is far from a straightforward portrayal of its subject. It doesn’t just focus on good and noble feelings, nor does it fall into the sort of simplistic binaries that set the “purity” of people with disabilities against the cynicism of society. Simón is deceitful, more than happy to lie and unafraid to get his friends into trouble, yet they never judge or punish him nor label him as problematic. At home, where his mother’s goodwill has been exhausted, a sense of apathy has set in that threatens to usurp the obvious love she feels for him. Luis’ film smartly refrains from judging her, as she seems unable to find a solution to her son’s unexplained antics; she only watches in surprise as Simón speaks less and less, imitates physical tics and retreats into his own personal version of disability. Engrossing, and narrated with great intelligence and subtlety, the film layers nuance upon nuance in its suitably ambivalent portrait of the titular character. With another enigmatic, yet empathetic performance by up-and-coming actor Lorenzo Ferro, SIMÓNDELAMONTAÑA is a remarkable debut feature that dares to explore the murky waters of human behaviour. (Diego Lerer)
Am stärksten im Fokus steht das freundliche Verwischen von Grenzen zwischen den Identitäten und Orientierungen im Film Sehnsucht / Sex. Es ist zugleich der lustigste Teil der Trilogie. Der Film startet mit Aufnahmen vom Osloer Umland: Auffahrtstraßen, Industriegebiet, im Gemeindeschwimmbad ziehen Menschen ihre Bahnen. Dann beginnt ein namenloser Mann , Schornsteinfeger, Familienvater, Mitte vierzig, von seinem verwirrenden Traum zu erzählen – einfach so, beim Mittagessen im Pausenraum. David Bowie und er, erzählt der Mann, seien sich in seinem Traum in einer Toilette begegnet, und Bowie hätte ihn gemustert, als wäre er, der Schornsteinfeger, eine Frau. Die Blicke seien nicht abwertend gewesen, einfach nur anders. Nein, eigentlich sogar angenehm. Sein bester Freund, ebenfalls Schornsteinfeger, Familienvater, Mitte vierzig, hört ihm aufmerksam und verständnisvoll zu. Dann erzählt er, wie ihm jüngst ein Klient nach getaner Arbeit Zeichen gegeben habe, an ihm interessiert zu sein. Erst habe er gezögert, dann hätten sie Sex gehabt. »Wie er mich angesehen hat, das habe ich noch nie erlebt«, sagt der Freund. »Als hätte er Lust auf mich. Regelrecht schamlos.« Später erzählt der Freund auch seiner Ehefrau von dem Sex. Sein Argument: Gerade weil es mit einem Mann gewesen sei und er ganz offen darüber spreche, habe er sie nicht betrogen. Doch das sieht die Ehefrau ganz anders….“ Hannah Pilarczyk | Der Spiegel Und natürlich besteht auch hier viel Gesprächsbedarf.
Credits:
OT: Sex DE 2023, 90 Min., norw. OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Jan Gunnar Røise, Thorbjørn Harr, Siri Forberg, Birgitte Larsen
Two chimney sweeps living in monogamous, heterosexual marriages both end up in situations that challenge their views on sexuality and gender roles. One has a sexual encounter with another man, without himself experiencing it either as an expression of homosexual longings or infidelity. The other suddenly experiences nocturnal dreams in which he is seen as a woman. This confuses and disturbs him. He begins to wonder to what extent the gaze of others shapes his personality and whether there are aspects of himself that he has suppressed, thereby limiting himself. In Dag Johan Haugerud’s Sex, the chimney is swept before we get down to business. Whether hetero or homo, witty wordplay challenges normative images of men and society in modern urban Norway.
Credits:
OT: Sex DE 2023, 90 Min., norw. OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Jan Gunnar Røise, Thorbjørn Harr, Siri Forberg, Birgitte Larsen
Nach Oslo-Stories: Liebe, diesem Filmjuwel, dass sich bisher viel zu viele haben entgehen lassen, kommt hier schon der nächste Teil von Dag Johan Haugeruds Oslo-Trilogie ins Kino, und er bringt wertvolles Gepäck mit – den Goldenen Bären der letzten Berlinale. Die Tradition des Festivals, explizit politisch zu lesende Filme auszuzeichnen, wurde diesmal unterbrochen. Träume ist deswegen nicht minder aufregend. Die 17-jährige Johanne verliebt sich Hals über Kopf in ihre neue Lehrerin. Im späteren Verlangen, diese wichtige Zeit für sich festzuhalten, verpackt sie die Erlebnisse in eine Erzählung. Als erst ihre Mutter, und später auch ihre Großmutter, eine bekannte Dichterin, den Text lesen, ist die Aufregung groß. Bewunderung und Stolz, Sorge und sogar Konkurrenzangst wechseln sich ab, und zwischen den Frauen dreier Generationen gibt es viel Gesprächsbedarf. „Träume ist einerseits ein sehr einfacher Film, der eine kleine Geschichte ohne dramatische Wendungen erzählt. Andererseits ist Träume ein sehr komplexer Film, der auf mehreren klug verschachtelten Ebenen darüber nachdenkt, wie Texte, die Realität, die sie beschreiben, und die Menschen, die sie verfassen oder rezipieren, miteinander verbunden sind, und wie ihre Bedeutungen einer permanenten Veränderung unterworfen sind – je nachdem wer was wann warum wo sagt oder hört, oder auch verschweigt. Und schließlich ist Träume ein sehr freundlicher, tröstlicher Film, der von Wandelbarkeit erzählt. Wo die meisten Filme versuchen, eine mehrdeutige und unordentliche Realität in eine sinnhafte Geschichte zu verwandeln, unternimmt Träume das Gegenteil. Jede Szene, jede Person, jede Form des Diskurses fügt der Welt, die Träume abbildet, eine neue Facette hinzu, macht sie größer, offener, vielfältiger. Für mich hätte Träume einfach immer weiter gehen können.“ Hendrike Bake | indiekino
Die drei „Oslo-Stories“ bilden eine einzigartige Filmtrilogie. Liebe (Venedig Wettbewerb 2024), Träume (Berlinale Goldener Bär 2025) und Sehnsucht / Sex (Berlinale Panorama 2024) sind drei jeweils eigenständige Filme mit neuen Figuren und einer unabhängigen Geschichte, und jeder ist ein Ereignis. Getrennt voneinander werfen sie jeweils einen neuen Blick auf die Dinge, die unser Leben bestimmen. Erzählen von Liebe, Sehnsucht und Träumen, hinterfragen Identität, Gender und Sexualität, entwerfen mit faszinierenden Charakteren und klugen Dialogen gewitzt und nahbar Utopien, wie wir auch zusammenleben könnten. Und Oslo sehen wir aus der Perspektive der Protagonisten: innerstädtisch bei Träume, hoch auf den Dächern bei Sehnsucht / Sex und in Liebe wird ständig der Oslofjord mit der Fähre überquert.
Goldener Bär – Berlinale 2025
Credits:
NO 2024, 110 Min., norwegische OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen
At 17, Johanne falls head over heels in love with her female teacher. In an attempt to capture this first crush, she pours her experiences onto paper with raw honesty. When her mother and grandmother discover her writings, their initial shock at the intimate descriptions gives way to admiration for their literary merit. The two older women begin to reflect on their own love lives, their pleasures and missed opportunities, and are reminded of the overwhelming sensation of first love; and of the longing for something more. Johanne’s grandmother, an established poet herself, feels both pride and unease at her granddaughter’s natural talent. But questions linger: What truly happened between Johanne and her teacher? Where does reality end and fiction begin? And should these deeply personal writings ever find their way to publication?
Golden Bear – Berlinale 2025
Credits:
NO 2024, 110 Min., norwegische OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen
Dag Johan Haugeruds Trilogie Oslo Stories besteht aus drei jeweils eigenständigen Filmen mit einer unabhängigen Geschichte. Der Teil Träume („Der mit der Lehrerin“, ab 8.5.) hat gerade den Goldenen Bären gewonnen, Sehnsucht heist im Original Sex („Der mit den Dachdeckern“, Panorama 2024, ab 22.5.) und zuerst nun der Teil Liebe („Der mit der Fähre“ Venedig 2024)
Oslo Stories: LIEBE ist ein romantischer Film, der Sexualität, Beziehungen und Liebe erforscht und sich um einen schwulen Krankenpfleger und eine heterosexuelle Ärztin dreht. In vielerlei Hinsicht ist dieser Film utopisch: Er handelt vom Streben nach sexueller und emotionaler Nähe zu anderen, ohne sich dabei unbedingt an die gesellschaftlichen Normen und Konventionen zu halten, die Beziehungen regeln. Die weibliche Sexualität, die in vielen Teilen der Gesellschaft sowohl von Männern als auch von Frauen ständig unter die Lupe genommen und in Frage gestellt wird, ist ein zentraler Schwerpunkt des Films. Wir haben noch nicht den Punkt erreicht, an dem Frauen Entscheidungen in Bezug auf ihre Sexualität und ihr Liebesleben treffen können, ohne sich verteidigen oder erklären zu müssen. Der Film deutet auch an, dass bestimmte Erfahrungen und Praktiken innerhalb der homosexuellen Gemeinschaft wertvolle Erkenntnisse für die Gesellschaft im Allgemeinen bieten könnten. Aber im Kern geht es in dem Film um die Frage, wie man Gutes tun kann. Ich glaube, dass Fiktion eine entscheidende Rolle dabei spielt, sich alternative Welten und Prspektiven vorzustellen. Sie ermöglicht es den Menschen, sich auszudrücken und auf ungewöhnliche Weise zu handeln. Für mich besteht eine wichtige Funktion der Fiktion darin, neue Denkweisen im wirklichen Leben zu inspirieren. Mit Oslo Stories: LIEBE – und der gesamten Trilogie – war es mein vorrangiges Ziel, zu vermitteln, dass neue Denk- und Verhaltensweisen möglich sind.
Dag Johan Haugerud
Credits:
Love NO 2024, 119 Min, Norwegische OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad, mit: Andrea Bræin Hovig, Tayo Cittadella Jacobsen, Marte Engebrigtsen, Lars Jacob Holm, Thomas Gullestad
A Utopian design for sexuality, relationships and love in the 21st century. Marianne is a doctor based in Oslo. She longs for closeness with other people, but she’s fed up with her sex life being constantly analysed and questioned by the expectations of others. One evening, she meets Tor, a nurse and colleague, on a ferry. He tells her of the ferry trips he takes when he can’t sleep and his chance meetings with other men. Curious, Marianne starts exploring other designs for relationships, off the beaten track.
Credits:
Love NO 2024, 119 Min, Norwegische OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad, mit: Andrea Bræin Hovig, Tayo Cittadella Jacobsen, Marte Engebrigtsen, Lars Jacob Holm, Thomas Gullestad
Der andere Planet, mit nichts in dieser Welt vergleichbar – das war für ihn Auschwitz. Hier erlebte Yehiel De-Nur die Schrecken der Shoah, die er nach dem Krieg unter dem Pseudonym Ka.tzetnik literarisch radikal verarbeitete. Über Gewalt, Folter und Kannibalismus schreibend wurde er immer wieder zum Häftling, während er gleichzeitig ein bürgerliches Leben führte.
Die radikale Aufspaltung in zwei Persönlichkeiten war Yehiel De-Nurs (geb. Feiner) Strategie, um mit seinem Trauma umzugehen. Wenn er als Ka.tzetnik abgekapselt und in Häftlingskleidung seine internationalen Bestseller verfasste, war er wieder auf dem „anderen Planeten“, den die Kunstfigur mit dem KZ im Namen nie verlassen hatte. Die Bücher von Ka.tzetnik haben Israel bewegt. Er reflektierte darin Gewaltexzesse, deren Nähe zu sexuell konnotierter Gewalt, die Abgründe des Menschlichen, und provoziert dabei – als Holocaust-Überlebender – mit Titeln wie „Ich bin der SS-Mann. Eine Vision“ (Ein anderer bekannter Titel des Buches ist: „Shvitti. Eine Vision“). Auch der Name der Indie-Band „Joy Division“ geht auf ein Buch von Ka.tzetnik zurück. De-Nur hingegen fasste als bescheidener Ehemann und liebvoller Vater in Israel wieder Fuß. Erst der Eichmann-Prozess, wo De-Nur und Ka-Tzetnik im Zeugenstand erstmals aufeinandertrafen, brachte dieses Konstrukt zum Einsturz. Der auch 30 Jahre nach dem Krieg noch von seinem Trauma Verfolgte hoffte, in den Niederlanden durch eine LSD-Therapie endlich Frieden zu finden. Die Dokumentar-Biografie übersetzt diese Persönlichkeitsspaltung in Bilder. Während wir in Berichten von Zeitzeuginnen und Forscherinnen der Person De-Nur begegnen, führen uns animierte Sequenzen in die Gedankenwelt des Autors und seiner literarischen Figur Ka.tzetnik. Dabei wird nicht nur die Frage nach Möglichkeiten der Traumabewältigung gestellt, sondern auch nach dem Wert subjektiver Wahrheit. Rainer Mende
Credits:
The Return from the Other Plaent DE/IL 2023, 81 Min., englisch, hebräisch, jiddisch, niederländischOmU Regie: Assaf Lapid Kamera: Talia Tulik Galon, Jörg Adams Schnitt: Nohar Avigail Haseen, Assaf Lapid
A few months after his release from Auschwitz and still in his striped jacket, Yechiel De-Nur sat down and started writing. After two weeks, he was reborn as Ka-Tzetnik, or “the man from the camps.” While the books that he wrote were translated into 32 languages and sold millions, the author himself hid behind the pseudonym. It wasn’t until the trial of Adolf Eichmann in 1961 that his true identity was revealed during his revelatory testimony where he described Auschwitz as “the other planet:” a place outside of human judgment. Years later, undergoing an experimental LSD treatment for trauma, he revisits his experience, imagining himself as an SS officer, and that changes everything. In this affecting documentary, the life of the mysterious and elusive author and his views on human behavior are examined in depth.
Credits:
The Return from the Other Plaent DE/IL 2023, 81 Min., englisch, hebräisch, jiddisch, niederländischOmU Regie: Assaf Lapid Kamera: Talia Tulik Galon, Jörg Adams Schnitt: Nohar Avigail Haseen, Assaf Lapid
Sizilien in den 1960-er Jahren. Den gesellschaftlichen, auch vom Gesetz gestützten Vorstellungen nach verliert eine unverheiratete Frau mit dem erstem Sex auch ihre Ehre, die nur durch eine Heirat wieder hergestellt werden kann, Vergewaltigungsopfer nicht ausgenommen (Matrimonio riparatore – reparierende Heirat). Das erlebte seinerzeit die 17-jährige Franca Viola, an deren Fall sich PRIMADONNA anlehnt. Im Film heißt sie Lia, ist zurückhaltend, aber eigenwillig und weiß, was sie will, Felder bestellen liegt ihr beispielsweise mehr als Hausarbeit. Nach einem kurzen Flirt mit Lorenzo, dem charmanten Sohn des mafiösen Großunternehmers im Dorf, erkennt sie schnell, das es gar nicht passt. Der junge Mann aber gibt nicht auf: er entführt und vergewaltigt sie. Um hernach ihre „Ehre wiederherzustellen“ soll sie ihn heiraten. Unterstützt von ihren Eltern weigert sich Lia, und da lässt seine Familie sie ihre Macht spüren. Es kommt es zu Drohungen, Beleidigungen, Ausgrenzung und Schlimmeren. Schließlich macht Lia den unerwartbaren Schritt: sie zeigt Lorenzo an. In ihrem Spielfilmdebüt, dem Cinema!Italia! 2024 Publikumspreisgewinner, folgt Marta Savina Lia in ihrem bäuerlichen Alltag, beobachtet ihr Schweigen über die Vergewaltigung und umgekehrt den medialen Rummel um den Prozess. Gegen alle Wahrscheinlichkeit bekommt Lia Recht, und ist damit ein Vorbild für andere. In der Realität dauerte es noch lange, bis der Artikel 544* aus dem italienischen Strafgesetzbuch gestrichen wurde. Für jedes Delikt des ersten Abschnitts (…) löscht die Ehe, die der Urheber einer Verletzung mit der verletzten Person eingeht, das Verbrechen aus, auch in Bezug auf diejenigen, die an der gleichen Straftat teilgenommen haben.
Credits:
IT 2023, 102 Min., Italienische OmU Regie: Marta Savina Kamera: Francesca Amitrano Schnitt: Paola Freddi mit: Claudia Gusmano, Fabrizio Ferracane, Manuela Ventura, Dario Aita
Ahead of her time: an Italian story, which resonates today, about a brave woman’s struggle against patriarchal values.
Defying the social norm in 1960s Sicily, Lia wants to take charge of her life. When she rejects Lorenzo, the son of a local businessman, he uses brutal means to kidnap her. To save her honor, Lia must consent to marrying the man who raped her. Instead, though, she embarks on an unprecedented legal battle for self-determination.
Credits:
IT 2023 – 102 Min. Italienische OmU Regie: Marta Savina Kamera: Francesca Amitrano Schnitt: Paola Freddi
Gerade einmal 16 Jahre jung ist Vera Brandes 1973, als sie in Köln beginnt, als Veranstalterin von Jazz-Konzerten zu arbeiten. Eher zufällig hat sie ihre Leidenschaft entdeckt, ihre große Klappe und Unverblümtheit sorgt dafür, dass auch Musiker, die ihre Väter sein könnten, sich von dem Teenager mitreißen lassen. Sie ist fasziniert von der Welt der Musik, besonders dem Jazz. Und so plant sie, am 24. Januar 1975 ein Konzert in der Kölner Oper zu organisieren, bei dem Keith Jarrett einmal mehr beweisen soll, warum er als ebenso revolutionärer Musiker wie John Coltrane oder Miles Davis gilt. Manchmal sind Entstehungsgeschichten fast noch besser als das eigentliche Ereignis, im Fall von Keith Jarretts legendärem „Köln Concert“ ist es eher so, dass die Umstände spektakulär, das Ergebnis dagegen eine Sensation waren. Die meistverkaufte Jazz-Platte eines Solo-Künstlers sind die Aufnahme der gut 60 Minuten, die Jarrett Ende Januar in Köln auf der Bühne verbrachte, allein improvisierend und das auf einem grenzwertigen Flügel. Ganz so heruntergekommen, wie das im Film gezeigte Modell war der Flügel zwar wohl nicht, ansonsten hat Autor und Regisseur Ido Fluk in seinem biographischen Musikfilm Köln 75 die Realität aber kaum mythologisieren müssen, um einen oft fesselnden Film zu drehen. Einen Wermutstropfen gibt es allerdings: Die Rechte an der Musik von Keith Jarrett und vor allem dem Köln Concert, standen nicht zur Verfügung, die besondere Qualität des musikalischen Ansatzes Jarrett wird dadurch nur aus zweiter Hand deutlich. Was allerdings zur besten Szenen des Films führt: In einer langen Einstellungen führt der zwischenzeitlich als Erzähler fungierende amerikanische Musik-Journalist Michael Watts (Michael Chernus) einmal quer durch die Geschichte des Jazz, vom Big Band-Sound über kontrollierte Improvisationen im Korsett von Standards, zum experimentellen Free Jazz eines Miles Davis, bis hin zum völlig los gelösten Ansatz Keith Jarretts, der versucht, völlig neue, noch nie gehörte Musik zu spielen und das jeden Abend. Auch John Magaro als Jarrett und Alexander Scheer als dessen Manager Manfred Eicher (der bald danach das Label ECM mitbegründen sollte, bei dem das „Köln Concert“ zum Millionen-Erfolg werden sollte) gelingt es mitreißend, die besondere Qualität Jarretts in Worte zu fassen.“ M. Meyns | programmkino.de
Credits:
DE/BE/PL 2024, 115 Min., Regie: Ido Fluk Kamera: Jens Harant Schnitt: Anja Siemens mit Mala Emde, John Magaro, Michael Chernus, Alexander Scheer, Ulrich Tukur
Köln 75 tells the true story behind one of the best-selling jazz records of all time, Keith Jarrett’s “Köln Concert” from 1975. The event almost failed to happen – before a formidable German teenager, the 18-year-old Vera Brandes, pulls out all the stops and arranges the conditions for the creation of a masterpiece. Vera, who is still at school when she starts producing and promoting concerts in Cologne, puts everything on the line to stage this show. It looks like all the odds are against her, but Vera believes in the power of music and has never seen anyone play in the way that Keith Jarrett plays.
Credits:
DE/BE/PL 2024, 115 Min., Regie: Ido Fluk Kamera: Jens Harant Schnitt: Anja Siemens mit Mala Emde, John Magaro, Michael Chernus, Alexander Scheer, Ulrich Tukur
Gdańsk in den Achtzigerjahren – graue Industriemetropole und Fenster zur Welt, Hort katholischer Familientraditionen und Hotspot einer alternativen Jugendkultur, die der New Wave aus Manchester viel näher steht als dem sozialistischen Mainstream aus Warschau. In dieser explosiven Mischung schlägt sich Ela durch ihr junges Erwachsenenleben. Doch irgendwie scheint ihr freier Geist nicht kompatibel mit dem traditionellen Erwartungen ihrer Familie zu sein. Elas Fluchtwege sind die Musik, die Kunst, die Drogen, der Sex. Wie im Rausch treibt sie aktiv und passiv durch die Subkultur der Dreistadt, scheinbar losgelöst von Raum und Zeit – die doch ihre Grenzen haben, denn der kommunistische Staat hat Erwartungen in seine Staatsbürgerinnen, vor allem in ihre Rolle als berufstätige Mütter und Ehefrauen. Die passt nicht zu einer Frau, die Kette raucht, als Sängerin einer Indie-Band nächtelang durch die Clubs tingelt, an Performances mitwirkt und deren Leben selbst eine Performance ist. In ihrem Zweitwerk taucht Olga Chajdas mit dezidiert weiblichem Fokus tief in das Lebensgefühl der Achtzigerjahre ein, das sie kongenial zitiert – u. a. durch den Retro-Soundtrack von Andrzej Smolik und die körnig-analogen Bildern von Tomasz Naumiok. Hauptdarstellerin und Co-Autorin Lena Góra schlüpft mit Bravour in ihre bisher vermutlich schwierigste Rolle – die ihrer Mutter, die als Sängerin die nordpolnische Kulturszene der Achtzigerjahre prägte und mit der sie sich durch diesen Rollentausch aussöhnt. „Imago“ lief im September 2024 im Wettbewerb des 19. polnischen Filmfestivals filmPOLSKA in Berlin und Potsdam.
Drama, R: Olga Chajdas, PL/NL/CZ 2023, 113 min, OmeU Einführung: Bartek Tesarz (Polnisches Institut Berlin) & Rainer Mende (Polnisches Institut Berlin – Filiale Leipzig)
B: Lena Góra & Olga Chajdas K: Tomasz Naumiuk S: Pavel Hrdlička M: Andrzej Smolik D: Lena Góra, Bogusława Schubert, Mateusz Więcławek, Wacław Warchoł, Michał Balicki, Wojciech Brzeziński u. a. Veranstalter: Polnisches Institut Berlin in Kooperation mit dem fsk Kino
Gdańsk in den Achtzigerjahren – graue Industriemetropole und Fenster zur Welt, Hort katholischer Familientraditionen und Hotspot einer alternativen Jugendkultur, die der New Wave aus Manchester viel näher steht als dem sozialistischen Mainstream aus Warschau. In dieser explosiven Mischung schlägt sich Ela durch ihr junges Erwachsenenleben. Doch irgendwie scheint ihr freier Geist nicht kompatibel mit dem traditionellen Erwartungen ihrer Familie zu sein. Elas Fluchtwege sind die Musik, die Kunst, die Drogen, der Sex. Wie im Rausch treibt sie aktiv und passiv durch die Subkultur der Dreistadt, scheinbar losgelöst von Raum und Zeit – die doch ihre Grenzen haben, denn der kommunistische Staat hat Erwartungen in seine Staatsbürgerinnen, vor allem in ihre Rolle als berufstätige Mütter und Ehefrauen. Die passt nicht zu einer Frau, die Kette raucht, als Sängerin einer Indie-Band nächtelang durch die Clubs tingelt, an Performances mitwirkt und deren Leben selbst eine Performance ist. In ihrem Zweitwerk taucht Olga Chajdas mit dezidiert weiblichem Fokus tief in das Lebensgefühl der Achtzigerjahre ein, das sie kongenial zitiert – u. a. durch den Retro-Soundtrack von Andrzej Smolik und die körnig-analogen Bildern von Tomasz Naumiok. Hauptdarstellerin und Co-Autorin Lena Góra schlüpft mit Bravour in ihre bisher vermutlich schwierigste Rolle – die ihrer Mutter, die als Sängerin die nordpolnische Kulturszene der Achtzigerjahre prägte und mit der sie sich durch diesen Rollentausch aussöhnt. „Imago“ lief im September 2024 im Wettbewerb des 19. polnischen Filmfestivals filmPOLSKA in Berlin und Potsdam.
B: Lena Góra & Olga Chajdas K: Tomasz Naumiuk S: Pavel Hrdlička M: Andrzej Smolik D: Lena Góra, Bogusława Schubert, Mateusz Więcławek, Wacław Warchoł, Michał Balicki, Wojciech Brzeziński u. a. Veranstalter: Polnisches Institut Berlin in Kooperation mit dem fsk Kino
Die Schwestern September (Pascale Kann) und July (Mia Tharia) erscheinen in Kleidern, die an die Zwillinge aus Stanley Kubricks „The Shining“ erinnern. Ihre Mutter Sheela (Rakhee Thakrar), eine etwas distanzierte Fotografin, hält diese Szene fest. Bereits hier spürt man die besondere Dynamik, die Regisseurin Ariane Labed in ihrem Debüt-Langfilm September Says erforscht. Die Schwestern sind eng verbunden, obwohl sie unterschiedlicher kaum sein könnten: September ist beschützend und vorsichtig, während July mit Neugier und Offenheit auf die Welt blickt. Diese unterschiedlichen Persönlichkeiten fordern ihre Mutter, die das Temperament der beiden oft nur schwer bändigen kann. Als September von der Schule suspendiert wird, beginnt July ihre Unabhängigkeit zu festigen – was Spannungen zwischen den beiden Schwestern auslöst. Die drei Frauen ziehen sich schließlich in ein altes Ferienhaus in Irland zurück, wo sie sich mit einer Reihe surrealer Erlebnisse konfrontiert sehen.
„September Says“ entfaltet sich durch Labeds kraftvolle Bildsprache, die mit einer psychologisch dichten Atmosphäre und einer Prise schwarzen Humors spielt. Themen wie weibliche Selbstbestimmung und die Weitergabe familiärer Prägungen ziehen sich durch die Handlung, ohne in eine klassische Befreiungsgeschichte zu münden. Ariane Labed, die als Schauspielerin durch die Greek New Wave bekannt wurde, beweist hier ihr Talent als Regisseurin, die das Groteske und das Ungewohnte im Alltäglichen aufspürt. September Says ist eine kraftvolle Erkundung weiblicher Welten und feierte seine Weltpremiere in Cannes in der Reihe Un Certain Regard.
Sisters July and September are very close, but very different: September is protective and distrustful; July, open and curious. An incident in school forces them to flee to an old holiday home with their mum, where a series of surreal events cause their bond to shift in ways July cannot comprehend.
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