Dok-Termin

Unsere Dokfilmwoche, die ins­ge­samt sechs­mal jeweils Ende August statt­fand, ist vor­erst Geschichte. Sie wur­de von uns über­ar­bei­tet, zer­stü­ckelt und neu zusammengesetzt.

Herausgekommen ist Dok-Termin- 12 beson­de­re Dokumentarfilme ver­tei­len sich aufs Jahr. Jedes Werk wird zwei­mal zu sehen sein, im fsk-Kino und in einem wei­te­ren Kino der Indiekino-Gruppe. Gespräche mit den Macher*innen, Diskussionen, Einführungen und was sich sonst zur Unterstützung oder Weiterführung anbie­tet, ergän­zen die Veranstaltungen.

Das Programm ist nicht auf bestimm­te Themen, Formen oder Inhalte ausgerichtet.

Die geplan­ten Filme las­sen Zusammenhänge in neu­em Licht erschei­nen. Die gesam­te Haltung, wie Empathie und Umgang mit Protagonist*innen, der gewähl­te Blickwinkel ent­schei­den über ihre Relevanz. Wir freu­en uns über Angebote zum Dialog, oder die Einladung, beim Zuschauen eige­ne Bilder zu for­men sowie über die essay­is­ti­sche Annäherung an ein Thema.

Besondere und indi­vi­du­el­le Geschichten, die unauf­dring­lich auf einen kom­ple­xen äuße­ren Kosmos

wei­sen, sind gefragt, aber in der Umkehrung auch eine freie und wei­te Erzählung, in der sich der/die Einzelne wie­der­fin­det. Die Filme gehen vom Großen, Weiten ins Detail und las­sen vom Persönlichen, engen Rahmen aufs Allgemeine schlie­ßen, regio­nal wie weltweit.

Hier die nächs­ten Termine:

23. & 24.10.:

#7 City Hall von Frederick Wiseman

Der inzwi­schen 91-jäh­ri­ge Frederick Wiseman ist mit sei­nen über 40 Dokumentarfilmen selbst eine Institution, gera­de wur­de er in Cannes für sein Lebenswerk geehrt. Passend dazu sind sei­ne Arbeiten oft genaue Innensichten bekann­ter Kultur-Institutionen, wie zuletzt der New Yorker Public Library und dem Nachtclub Crazy Horse, der National Gallery in London, der Pariser Oper. Zuvor hat­te Wiseman sich immer ger­ne auch die admi­nis­tra­ti­ve Bereiche vor­ge­nom­men, wie Justizsystem, Universitäten oder Militär. Bei CITY HALL gehen wir gleich mit in den gan­zen Komplex einer Stadtverwaltung, der sei­ner Geburtsstadt Boston.
Diskussionen über die Quartiersentwicklung, Armutsbekämpfung und Rassismus, die Städtische Telefon-Hotline, Einbeziehung der Bürger in kom­mu­na­le Aufgaben, Essenstafeln und Obdachlosenhilfe – die­se und weit mehr sozia­le Projekte und Betreuungsbereiche ste­hen auf dem Programm der Stadtverwaltung Bostons, und beson­ders auch des damals amtie­ren­den Bürgermeisters Marty Walsh. Polizeiarbeit und Feuerwehreinsätze, Veteranentreffen, Eheschließung, Stadt- und Wirtschaftsplanung, Sportereignissen, Empfänge, Eröffnungen, Pressekonferenzen und all­ge­mei­ner Verwaltungsaufwand, die gan­zen admi­nis­tra­ti­ven Aufgaben, die der Film in gut vier Stunden vor­führt, will ich gar nicht auf­zäh­len.
Über unzäh­li­ge per­sön­li­che Schicksale wird hier ent­schie­den, und wir sind mit­ten­drin. CITY HALL ist ein Portrait der gesam­ten Stadt Boston, das der Regisseur in bekannt span­nen­der und ein­dring­li­chen Art prä­sen­tiert, wo dann selbst Abwasser- und Abfallentsorgung zum Ereignis werden.

14. & 16.11:

#8 The two sights von Joshua Bonnetta

Laut Abspann wur­de das Material für The Two Sights zwi­schen 2017 und 2019 auf den Äußeren Hebriden „gesam­melt“. Aber um was für Material han­delt es sich? Zum einen sind da die atembe­raubenden 16-mm-Landschaftsaufnahmen: Felsklippen, Strände und Ebenen, Pflanzen und Tiere, Häuser und Schiffe, wech­sel­haf­te Lichtverhältnisse. Zum ande­ren – auf­ge­nom­men mit einem Mi­krofon, das in den ers­ten Einstellungen zu sehen ist – sind da die Geräusche: krei­schen­de Vögel, brau­sen­der Wind, tosen­des, gur­geln­des, tröp­feln­des Wasser – und aus dem Off erzählt eine Stimme, auf Englisch und Gälisch, von Hundeskeletten, ver­sun­ke­nen Dörfern, ster­ben­den Angehörigen; manch­mal erklin­gen auch Lieder, hört man den Seewetterbericht, oder es herrscht Stille. Wie in je­der guten Sammlung geht es nicht um die ein­zel­nen Bestandteile, es geht um Schnittpunkte, um die Krähe im Stacheldraht, die eine bis­her uner­zählt geblie­be­ne Geschichte evo­ziert, um den Gesang ei­ner Frau, der das Wasser leicht zu kräu­seln scheint, und es geht dar­um, dass jede Erzählung von der rau­schen­den Luft getra­gen wird. Sehen, mit Augen und Ohren – zwei Perspektiven, die ineinander­fließen. (Berlinale Forum d. Internationalen Jungen Films 2020)

→ Am Sonntag, den 14.11. wird die aus­tra­li­sche Klangkünstlerin, Komponistin und Pädagogin Felicity Mangan musi­ka­lisch auf den Film ein­stim­men. Mit Naturtönen aus ihrem Field Recording Archiv erforscht sie Klangfarben und bio­rhyth­mi­sche Muster, um qua­si-bio­akus­ti­sche elek­tro­ni­sche Musik zu bauen.

4. & 5.12.:

#9 Cousin Jules von Dominique Benicheti

»Ein wirk­lich außer­ge­wöhn­li­ches Kunstwerk.« Time Out NY

Ein Bauernhof im Burgund, ein klei­ner Alltag, der im 19. Jahrhundert nicht viel anders aus­ge­se­hen haben dürf­te: Ein Schmid – Verwandter des Regisseurs – und sei­ne Frau, bei­de um die 80, in den Rhythmen ihres Lebens. Es gibt im Tageslauf des Paares wenig zu sagen, aber im Film umso mehr zu sehen und zu hören: Arbeitsschritte und häus­li­che Besorgungen, der Klang von Feuer und Häm­mern, das Klappern der Holzschuhe. Handgriffe und Gewohnheiten, die mit der Dauer der Jahre und in der Verdichtung des Films etwas Rituelles bekom­men. Dominique Benicheti ein­zi­ger Lang­film formt in sei­ner Montage das Verstreichen eines Tages nach, tat­säch­lich ist er über fünf Jahre hin­weg gedreht wor­den, in schwel­ge­ri­schem Cinemascope und Stereoton, 2012 wur­de er restau­riert und unter ande­rem im Forum der Berlinale wie­der­auf­ge­führt. Kino im empha­ti­schen Sinne ist er ge­blieben, eine Eloge auf die lyri­sche Materialität und eige­ne Zeitlichkeit einer länd­li­chen Kultur.

Vorstellungen
4.12. City Wedding 19:00 [Tickets]
5.12. fsk-Kino 18:00 [Tickets]

DokTermin wird rea­li­siert mit Unterstützung aus Mitteln der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa