Dok-Termin

Unsere Dokfilmwoche, die ins­ge­samt sechs­mal jeweils Ende August statt­fand, ist vor­erst Geschichte. Sie wur­de von uns über­ar­bei­tet, zer­stü­ckelt und neu zusammengesetzt.

Herausgekommen ist Dok-Termin- 12 beson­de­re Dokumentarfilme ver­tei­len sich aufs Jahr. Jedes Werk wird zwei­mal zu sehen sein, im fsk-Kino und in einem wei­te­ren Kino der Indiekino-Gruppe. Gespräche mit den Macher*innen, Diskussionen, Einführungen und was sich sonst zur Unterstützung oder Weiterführung anbie­tet, ergän­zen die Veranstaltungen.

Das Programm ist nicht auf bestimm­te Themen, Formen oder Inhalte ausgerichtet.

Die geplan­ten Filme las­sen Zusammenhänge in neu­em Licht erschei­nen. Die gesam­te Haltung, wie Empathie und Umgang mit Protagonist*innen, der gewähl­te Blickwinkel ent­schei­den über ihre Relevanz. Wir freu­en uns über Angebote zum Dialog, oder die Einladung, beim Zuschauen eige­ne Bilder zu for­men sowie über die essay­is­ti­sche Annäherung an ein Thema.

Besondere und indi­vi­du­el­le Geschichten, die unauf­dring­lich auf einen kom­ple­xen äuße­ren Kosmos

wei­sen, sind gefragt, aber in der Umkehrung auch eine freie und wei­te Erzählung, in der sich der/die Einzelne wie­der­fin­det. Die Filme gehen vom Großen, Weiten ins Detail und las­sen vom Persönlichen, engen Rahmen aufs Allgemeine schlie­ßen, regio­nal wie weltweit.

Die ursprüng­li­che Planung, ab Januar 2021 einen Film pro Monat zu zei­gen, ist pas­sé, aber

Am 11. + 12. Juli geht es end­lich end­lich los, hier die ers­ten vier:

LE CHANT DU ROSSIGNOL von Jean-Pierre und Luc Dardenne

BE 1978 60 Min. OmU Berlinpremiere

1978 lie­ßen die bei­den Filmregisseure Zeitzeugen in ihrer Nachbarschaft in Lüttich zu Wort kom­men, die wäh­rend der Zeit der Besetzung durch Nazideutschland im bel­gi­schen Widerstand aktiv waren. Das Resultat ist ein Zeugnis der Schicksale die­ser Menschen, die sich gegen den deut­schen Faschismus und für ihre Freiheit ein­setz­ten und dafür ihr Leben ris­kier­ten: sie­ben Gesichter, sie­ben Geschichten vom Widerstand.

Einführung: Marcus Seibert

1. + 2. August

OUT OF PLACE von Friederike Güssefeld

DE 2019 teilw. OmU

Der Film beginnt dort, wo „Systemsprenger“ auf­hört. Die Regisseurin beglei­tet drei als schwie­rig gel­ten­de deut­sche Jugendliche, die sich im Rahmen von „aus­lands­päd­ago­gi­schen Maßnahmen“ für Arbeiten auf Feldern und Höfen ins rumä­ni­sche Hinterland geschickt wur­den und sich dort auf ein ange­pass­tes Leben in Deutschland vor­be­rei­ten sol­len. Die ruhi­gen Bilder des First-Steps-Gewinners ver­mit­teln auch die Einsamkeit der Jungen und ihrer Sehnsucht nach Halt und Nähe.

Zu Gast: Friederike Güssefeld

21. + 22. August

NICHTS NEUES von Lennart Hüper

DE 2020 OmU Berlinpremiere

Die Crew des zivi­len Seenotrettungsschiffes „Lifeline“ sitzt schon seit meh­re­ren Wochen im Hafen von Malta fest. Nach der Rettung von über 450 Geflüchteten aus Seenot muss Kapitän Claus-Peter Reisch sich aus zu hin­ter­fra­gen­den Gründen vor Gericht ver­ant­wor­ten. Das Schiff bleibt für die Dauer des Prozesses beschlag­nahmt. Die Hoffnung auf ein schnel­les Urteil scheint immer wei­ter zu schwin­den. Doch wie ist es, auf einem Rettungsschiff fest­zu­sit­zen, wäh­rend weni­ge Seemeilen ent­fernt Menschen auf ihrem Weg nach Europa ertrin­ken? Ein Einblick in die Absurdität der euro­päi­schen Migrationspolitik.

Zu Gast: Lennart Hüper

4. + 5.9.

MEIN VIETNAM von Tim Ellrich und Thi Hien Mai

>DE 2020 OmU Berlinpremiere

Zusammen mit ihrem Co-Regisseur Tim Ellrich gibt Thi Hien Mai einen ein­fühl­sa­men Einblick in das Leben ihrer viet­na­me­si­schen Eltern, die seit über 30 Jahren in Deutschland leben. Sie zeigt, wie eng die bei­den noch mit ihrem Heimatland ver­bun­den sind und dies täg­lich mit vir­tu­el­len Karaoke-Partys, viet­na­me­si­scher Küche und Video-Telefonaten mit Verwandten auf­recht­erhal­ten. Der Vater über­wacht so auch sei­nen Hausbau in Vietnam. Er möch­te zurück­keh­ren, wäh­rend die Mutter lie­ber bei den Kindern in Deutschland blie­be. Der Film fei­er­te auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis 2021 Premiere.
Zu Gast: Tim Ellrich und Thi Hien Mai

2. + 3.10.:

#6 GRENZLAND EINE REISE (1992) & GRENZLAND (2020) von Andreas Voigt

1991, 2019. Zwei Mal, im Abstand von fast drei Jahrzehnten, hat Andreas Voigt eine Reise ent­lang Oder und Neiße gemacht, dies­seits und jen­seits der Deutsch-Polnischen Grenze. Einige der Menschen die ihm in der Wendezeit begeg­nen trifft er auch beim zwei­ten Mal, aber auch jen­seits die­ser Wiederbegegnungen bil­det sich Geschichte ab, in der Veränderung der Landschaft, im Wandel der Städte und Dörfer, in den fort­wir­ken­den Spuren die der Krieg hin­ter­las­sen hat. Portraits von Menschen, und ihrem Umgang mit dem was trennt. Von Leuten, die als Soldaten gekom­men sind und ande­ren, die zum Überqueren der Grenze gezwun­gen wur­de. Die, die’s spä­ter aus frei­en Stücken tun konn­ten, in bei­de Richtungen. Jene, die die ver­schwim­men­den Grenzen fes­ter zie­hen wol­len. Und die, die jetzt noch über ande­re Grenzen gekom­men sind, aus Syrien, oder Australien.

Manchmal ist die Grenze zu sehen, oder das was man dafür hält: Zollbauten auf Autostraße, und der Fluss. Was Voigts Film so beson­ders macht, ist wie es ihm gelingt ein viel­di­men­sio­na­len Bild davon zu zeich­nen, was Grenzen – und die­se im spe­zi­el­len bedeu­ten – und wie sie sich wan­deln, in ihren sicht­ba­ren und unsicht­ba­ren Dimensionen.

23. & 24.10.:

#7 City Hall von Frederick Wiseman

Der inzwi­schen 91-jäh­ri­ge Frederick Wiseman ist mit sei­nen über 40 Dokumentarfilmen selbst eine Institution, gera­de wur­de er in Cannes für sein Lebenswerk geehrt. Passend dazu sind sei­ne Arbeiten oft genaue Innensichten bekann­ter Kultur-Institutionen, wie zuletzt der New Yorker Public Library und dem Nachtclub Crazy Horse, der National Gallery in London, der Pariser Oper. Zuvor hat­te Wiseman sich immer ger­ne auch die admi­nis­tra­ti­ve Bereiche vor­ge­nom­men, wie Justizsystem, Universitäten oder Militär. Bei CITY HALL gehen wir gleich mit in den gan­zen Komplex einer Stadtverwaltung, der sei­ner Geburtsstadt Boston.
Diskussionen über die Quartiersentwicklung, Armutsbekämpfung und Rassismus, die Städtische Telefon-Hotline, Einbeziehung der Bürger in kom­mu­na­le Aufgaben, Essenstafeln und Obdachlosenhilfe – die­se und weit mehr sozia­le Projekte und Betreuungsbereiche ste­hen auf dem Programm der Stadtverwaltung Bostons, und beson­ders auch des damals amtie­ren­den Bürgermeisters Marty Walsh. Polizeiarbeit und Feuerwehreinsätze, Veteranentreffen, Eheschließung, Stadt- und Wirtschaftsplanung, Sportereignissen, Empfänge, Eröffnungen, Pressekonferenzen und all­ge­mei­ner Verwaltungsaufwand, die gan­zen admi­nis­tra­ti­ven Aufgaben, die der Film in gut vier Stunden vor­führt, will ich gar nicht auf­zäh­len.
Über unzäh­li­ge per­sön­li­che Schicksale wird hier ent­schie­den, und wir sind mit­ten­drin. CITY HALL ist ein Portrait der gesam­ten Stadt Boston, das der Regisseur in bekannt span­nen­der und ein­dring­li­chen Art prä­sen­tiert, wo dann selbst Abwasser- und Abfallentsorgung zum Ereignis werden.

DokTermin wird rea­li­siert mit Unterstützung aus Mitteln der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa