Der erste Spielfilm des Dokumentarfilmers Jonathan Millet kommt als fiktiver Thriller daher, virtuos erzählt, genau recherchiert gründet er auf realen Begebenheiten. Er ist aber viel mehr: das Soziogramm eines höchst traumatisierten Mannes, in dem die Fragen Obsession und Wahrheit, Selbstjustiz oder Rechtsstaatlichkeit und die Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart verhandelt werden.
Hamid ist ein Überlebender des syrischen Militärgefängnisses Saidnaya, es gelang ihm zu entkommen und Europa zu erreichen. Während sein Asylverfahren läuft, schließt er sich der geheimen Yaqaza-Zelle an, einem Untergrundnetzwerk aus Zivilisten, das flüchtige Kriegsverbrecher des syrischen Regimes aufspürt und verfolgt. In einem Kommilitonen an der Uni in Straßbourg glaubt er seinen früheren Folterer zu erkennen. Von seinem Peiniger kennt er nur die Stimme und den Geruch, und muss sich daher allein auf seine Intuition verlassen. Die Mitglieder seiner geheimen Gruppe mahnen ihn zur Vorsicht, sie wähnen den Gesuchten an anderen Orten, und er folgte schon einmal einer falschen Fährte.
Es ist ein Schattendasein, das Hamid führt, ein fragiles Dasein in der Fremde. Er kann niemandem vertrauen, lebt unter falschem Namen, ohne Freunde, und folgt nur einem einzigen Ziel.
„Jonathan Millet schafft in seinem … ersten Spielfilm eine Atmosphäre der tiefen Trauer, erzählt das Allgemeine im Persönlichen, deutet den großen historischen und auch persönlichen Überbau nur an. Ihm gelingt ein emotionaler Blickwinkel, weil er stets ganz dicht an seinem Protagonisten dran ist. Adam Bessa spielt ihn mit berührender Intensität und stetiger innerer Anspannung.“Britta Schmeis | epd-Film
Credits:
Les Fantômes FR 2024, 106 Min., Arab., Frz. OmU Regie: Jonathan Millet Kamera: Olivier Boonjing Schnitt: Laurent Sénéchal mit: Adam Bessa, Tawfeek Barhom, Julia Franz Richter, Hala Rajab, Safiqa El Till
Trailer:
Die Schattenjäger (Ghost Trail) Trailer Original mit dt. UT
Der erste Spielfilm des Dokumentarfilmers Jonathan Millet kommt als fiktiver Thriller daher, virtuos erzählt, genau recherchiert gründet er auf realen Begebenheiten. Er ist aber viel mehr: das Soziogramm eines höchst traumatisierten Mannes, in dem die Fragen Obsession und Wahrheit, Selbstjustiz oder Rechtsstaatlichkeit und die Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart verhandelt werden.
Hamid ist ein Überlebender des syrischen Militärgefängnisses Saidnaya, es gelang ihm zu entkommen und Europa zu erreichen. Während sein Asylverfahren läuft, schließt er sich der geheimen Yaqaza-Zelle an, einem Untergrundnetzwerk aus Zivilisten, das flüchtige Kriegsverbrecher des syrischen Regimes aufspürt und verfolgt. In einem Kommilitonen an der Uni in Straßbourg glaubt er seinen früheren Folterer zu erkennen. Von seinem Peiniger kennt er nur die Stimme und den Geruch, und muss sich daher allein auf seine Intuition verlassen. Die Mitglieder seiner geheimen Gruppe mahnen ihn zur Vorsicht, sie wähnen den Gesuchten an anderen Orten, und er folgte schon einmal einer falschen Fährte.
Es ist ein Schattendasein, das Hamid führt, ein fragiles Dasein in der Fremde. Er kann niemandem vertrauen, lebt unter falschem Namen, ohne Freunde, und folgt nur einem einzigen Ziel.
„Jonathan Millet schafft in seinem … ersten Spielfilm eine Atmosphäre der tiefen Trauer, erzählt das Allgemeine im Persönlichen, deutet den großen historischen und auch persönlichen Überbau nur an. Ihm gelingt ein emotionaler Blickwinkel, weil er stets ganz dicht an seinem Protagonisten dran ist. Adam Bessa spielt ihn mit berührender Intensität und stetiger innerer Anspannung.“Britta Schmeis | epd-Film
Credits:
Les Fantômes FR 2024, 106 Min., Arab., Frz. OmU Regie: Jonathan Millet Kamera: Olivier Boonjing Schnitt: Laurent Sénéchal mit: Adam Bessa, Tawfeek Barhom, Julia Franz Richter, Hala Rajab, Safiqa El Till
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Die Schattenjäger (Ghost Trail) Trailer Original mit dt. UT
Wer die Filme von Andrea Arnold kennt, weiß, dass sie ihre Figuren liebt. Die trauernde CCTV-Sicherheitsbeamtin in Red Road ebenso wie die Jugendlichen der Drückerkolonne in American Honey, die Hip-Hop-Tänzerin Mia in Fish Tank, Catherine und Heathcliff in Wuthering Heights – gleich wie rau, ungehobelt oder problematisch sie sich verhalten, immer lässt sie ihnen ihr Leben, nie würde sie jemanden davon vorführen. Auch Luma, der realen Kuh aus Cow, bringt sie vollen Respekt entgegen. In Bird begleiten wir die 12-jährige Bailey, die zusammen mit dem Halbbruder bei ihrem durchgeknallten, viel zu jungen Vater Bug in einem heruntergekommenen Wohnblock lebt, und schwer genervt von ihrer Umgebung ist. Dem plötzlich auftauchenden Bird, einer merkwürdigen Erscheinung auf der Suche nach seiner Familienvergangenheit, begegnet sie zuerst auch misstrauisch und abweisend. Bald aber wird der melancholische Fremde eine Art Vertrauter für sie, und manchmal scheint Bailey dann eine andere Welt zu betreten. „Schon in früheren Filmen hat die Regisseurin Andrea Arnold junge Protagonist:innen in den Fokus genommen und dabei mit klarem, durchaus auch oft hartem Blick für bittere soziale Realitäten. Zum auf Authentizität setzenden Realismus der Britin gesellt sich dieses Mal durch den von Franz Rogowski irgendwo zwischen naiv und verloren angelegten Titelhelden ein erfreulicherweise nicht zu dick aufgetragener magischer Realismus. Das kennt man von Arnold sonst so gar nicht, geht hier aber bestens auf. Mit der Hauptdarstellerin Nykiya Adams gelingt der Regisseurin abermals eine echte Entdeckung, und nicht zuletzt eine Vielzahl von Tieren – von einer Halluzinogene absondernden Kröte über Pferde und einen Fuchs bis hin zu einem besonders bedeutungsvollen Raben – verleiht Bird einen ganz eigenen Touch. Vor allem aber ist der Film eine erfreulich sensible, einfallsreiche und wie immer bei Arnold auch musikalisch prägnante Variante des sonst hinlänglich abgegrasten Coming of Age-Genres.“ Patrick Heidmann | Cineman
Credits:
GB 2023, 119 Min., engl. OmU, Regie: Andrea Arnold Kamera: Robbie Ryan Schnitt: Joe Bini mit: Barry Keoghan, Franz Rogowski, Nykiya Adams, Jason Edward Buda, Jasmine Jobson, James Nelson-Joyce Kayleigh Frankie Box
Der Eröffnungsfilm des letzten Afrikamera-Filmfestivals hat viele überraschende Aspekte, ohne Wundertüte zu sein. Trotz Bürgerkrieg und prekärem Leben im Postkolonialismus geht es ruhig zu, die Sprache ist einfach und der Ton lakonisch. Die drei Mitglieder einer unfreiwilligen Patchworkfamilie im Dorf Paradise in Somalia haben ihre eigenen Sorgen. Mamargades Job als traditioneller Leichenbestatter wird bald von Maschinen übernommen, seine Schwester Araweelo lebt in Scheidung und muss sich neu orientieren, und Ziehsohn Cigaal wird wegen Lehrermangels aufs Internat geschickt, was er nicht will, und wofür auch eigentlich kein Geld da ist. Der somalisch-österreichische Drehbuchautor und Regisseur Mo Harawe liefert mit seinem Debütfilm einen seltenen Einblick in ein Land, das kaum je auf der großen Leinwand zu sehen ist. „Doch trotz der zahlreichen persönlichen Rückschläge, die Harawe fast nebenbei in einen größeren, politischen Kontext einbettet, ist The Village Next to Paradise keine Leidenspassion. Bild und Ton streben dem entgegen: Die Primärfarben leuchten vor dem sandigen Hintergrund, Musik wird in Form von Liedern aus der Region sehr gezielt eingesetzt. … Weltkino im besten Sinn. Harawe gibt Einblicke in das Leben in einer Gegend, das so bislang kaum zu sehen war. Das gelingt ihm ohne Ausstellen von Fremdheit, Elend oder Sentimentalität. Fast sind seine Charaktere zu resilient für das Leben in einer Wirklichkeit, in der eine Frau Worte sagen kann wie: ‚Es hat keinen Sinn, Kinder zu bekommen. Sie haben keine Zukunft und sterben jung.‘“ Valerie Dirk, Der Standard
THE VILLAGENEXTTOPARADISE ist der erste somalische Film, der jemals in der prestigeträchtigen Sektion „Un Certain Regard“ in Cannes gezeigt wurde.
Credits:
DE/FR/AU/SO 2024, 133 Min., Somali OmU Regie: Mo Harawe Kamera: Mostafa El Kashef Schnitt: Joana Scrinzi, aea mit Ahmed Ali Farah, Anab Ahmed Ibrahim, Ahmed Mohamud Saleban
Ein Fotofilm, montiert aus tausenden Aufnahmen der Fotografin Libuše Jarcovjáková, unterlegt mit Texten aus ihren Tagebüchern. Das Kaleidoskop eines erfüllten Lebens, hart und unerbittlich abgerungen und erkämpft, was möglich schien. Ohne sich zu schonen, um aus dem Vollen schöpfen zu können. All das ist in den schwarz/weißen Momentaufnahmen greifbar und spürbar. Dem Grau des real existierenden Sozialismus und der Depression nach der Niederschlagung des Prager Frühlings entflieht die Fotografin in die Ritzen, die es damals zumindest in Prag gab. Weil ihre Eltern als unzuverlässig galten, wurde Libuše Jarcovjáková lange das Studium an der Kunstschule versperrt, sie musste sich erst als Arbeiterin bewähren. Schichten in einer Druckerei, dort arbeiten/saufen/schlafen. In Kneipen leben, lange in der einzigen Schwulenbar am Ort. Sprachkurse für vietnamesische Vertragsarbeiter, nackig daheim mit Freunden und noch ein paar Gläser mehr. Die Kamera erlebt alles mit, sachlich, neutral und grobkörnig. Durch einen Zufall kommt sie nach Japan und wird Modefotografin, denn das Leben schreibt die schlechtesten Drehbücher. Dabei wird sichtbar, über welch vielseitiges Repertoire sie verfügt. Aber geleckte Modeaufnahmen liegen ihr eben nicht und sie fährt zurück. Zu Prag und Tokio gesellt sich schließlich West-Berlin, der surreale Ort, der von Oktober bis April ausschließlich in Grautönen existierte. Libuše Jarcovjáková arbeitet hier u.a. als Zimmermädchen, denn als Künstlerin entdeckt und anerkannt wird sie erst sehr spät. Noch bin ich nicht… ist ein wilder Bilderrausch aus der Untersicht, voller Empathie für die, die im Spiegelreflex strahlen. In welcher Welt lebe ich? Wer bin ich? Wie möchte ich leben? Aus Libuše Jarcovjákovás Werk von zehntausenden Negativen und dutzenden Tagebüchern hat die tschechische Regisseurin Klára Tasovská einen poetischen Filmessay montiert. Noch bin ich nicht, wer ich sein möchte erzählt von einem besonderen Künstlerinnenleben und einer bewegenden Reise in die Freiheit, die sich über sechs Jahrzehnte spannt und von der sowjetisch „normalisierten“ ČSSR der späten 1960er und frühen 70er über das Ost-Berlin der 80er bis ins Prag nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und von heute führt.
Credits:
Ještě nejsem, kým chci být CZ/SK/AU 2024, 90 Min., tschechische Originalfassung mit deutschen Untertiteln Regie: Klára Tasovská Schnitt: Alexander Kashcheev
Trailer:
NOCHBINICHNICHT, WERICHSEINMÖCHTE Trailer Deutsch | German [HD]
Allein sitzt Benji (Kieran Culkin) am Flughafen in New York, inmitten von hektischen Reisenden scheint er ein Pol der Ruhe zu sein. Er wartet auf seinen Cousin David (Jesse Eisenberg), der die Idee zu einer Reise in die gemeinsame Vergangenheit gehabt hat. Beider Großmutter ist vor kurzem gestorben, ihr Erbe ermöglicht den Cousins, die sich einst Nahe standen, aber inzwischen nur noch wenig Kontakt haben, eine Reise nach Polen, in das Land ihrer Vorfahren.
Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges konnte ihre jüdische Großmutter fliehen, zurück in ihre Heimat reiste sie nie wieder. In Warschau schließen sich die Cousins einer Reisegruppe an, als deren Leiter James (Will Sharpe) fungiert, ein britischer Akademiker, der dementsprechend akademisch über die Orte des Grauens berichtet, die die Gruppe besucht.
Neben den Cousins nimmt unter anderem ein amerikanisches Ehepaar an der Reise in die Vergangenheit teil, aber auch ein Mann aus Ruanda, der den dortigen Genozid überlebte und danach zum Judaismus konvertierte. Gemeinsam reist die Gruppe durch das gegenwärtige Polen, in dem die Spuren der einst großen jüdischen Bevölkerung nur noch schwer zu finden sind, besuchen Monumente und Mahnmale und am Ende auch das Konzentrationslager Majdanek.
Ein klassisches erzählerisches Muster verwendet Jesse Eisenberg für seinen zweiten Spielfilm, das deutschen Zuschauern bekannt vorkommen mag: Erst vor wenigen Monaten lief Julia von Heinz „Treasure – Familie ist ein fremdes Land“ im Kino, in dem ebenfalls zwei Personen, dort ein Vater-Tochter Gespann, nach Polen reisen und sich auf die Spuren der Vergangenheit zu begeben. Im Gegensatz zu von Heinz ist Eisenberg allerdings selbst jüdischer Herkunft, hat Verwandte, die dem Holocaust entkamen, eine Großmutter, die aus Polen emigrierte.
Und er hat sich in den letzten Jahren, in zum Beispiel im Magazin The New Yorker erschienenen Texten, als pointierter, ironischer Beobachter erwiesen, der mit unterschwelligem Humor über existenzielles und allzu menschliches Verhalten schreibt. In seinem zweiten Film benutzt er nun eine einfache Road Movie-Struktur, auf deren Weg man den beiden scheinbar unterschiedlichen Cousins nahe kommt.
Besonders Kieran Culkin, der in den letzten Jahren vor allem durch die erfolgreiche Fernsehserie „Succession“ bekannt geworden ist, glänzt dabei als anfangs mit sich im reinen wirkender Mann, dessen Sorgen sich erst nach und nach offenbaren. Anstrengend wirkt dieser Benji oft, wenn er die Reisegruppe und ihren Leiter konfrontiert, scheinbare Wahrheiten in Frage stellt und dadurch der emotionalen Wahrheit viel näher kommt, als ihr akademischer Reiseleiter. Ganz beiläufig inszeniert Eisenberg die Reise, lässt die Dialoge und Situationen für sich stehen und erweist sich gerade durch diese Zurückhaltung als genauer Beobachter einer Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit.
Michael Meyns | programmkino.de
Credits:
US/PL 2024, 90 Min., engl. OmU Regie: Jesse Eisenberg Kamera: Michael Dymak Schnitt: Robert Nassau mit Jesse Eisenberg, Kieran Culkin, Will Sharpe, Jennifer Grey, Kurt Egyiawan, Liza Sadovy, Daniel Oreskes
Von 1905 bis 1982 lebte Henry Fonda, spielte in rund 80 Filmen mit, darunter einigen der größten Klassiker des amerikanischen Kinos: „Früchte des Zorns“, „Faustrecht der Prärie“, „Die 12 Geschworenen.“ Kaum jemand verkörperte dabei den einfachen Mann, den durchschnittlichen, aber ehrbaren Bürger so gut wie Henry Fonda, der sicher nicht zufällig im Lauf seiner Karriere immer wieder Präsidenten spielte, echte und fiktive: In „Der junge Mr. Lincoln“ verkörperte er den legendären Honest Abe, der Präsident, der zumindest auf dem Papier die Sklaverei beendete und sein Land durch den Bürgerkrieg führte, in „Angriffsziel Moskau“ einen namenlosen Präsidenten, der sein Land vor einem Nuklearkrieg bewahren will.
Wenn man mit dem amerikanischen, also mit dem Hollywood-Kino aufgewachsen ist, gerade als in den 60er oder 70er Jahren geborener, dann kam man an Henry Fonda nicht vorbei. So ging es auch dem österreichischen Filmwissenschaftler, langjährigem Leiter der Viennale und Direktor des österreichischen Filmmuseums Alexander Horwarth, der 1980, als sechzehnjähriger in Paris, Henry Fonda entdeckte. So erzählt es Horwarth in seinem essayistischen Dokumentarfilm „Henry Fonda for President“, der in losen, angenehm mäandernden Linien, um Henry Fonda, Hollywood und die amerikanische Gesellschaft kreist.
Und dabei auch weit in die Vergangenheit greift, den Henry Fondas Vorfahren kamen einst aus dem alten Europa in die neue Welt, siedelten in nur scheinbar unberührter Natur, folgten dem Versprechen des amerikanischen Traums. In Nebraska, einem jener Flächenstaaten, die kaum ein Tourist jemals besucht, wurde Henry Fonda geboren, fand seinen Weg nach Hollywood und verkörperte lange jenen typischen amerikanischen Jedermann, ehrbar und kritisch – und auch ein Mythos.
Anhand zahlreicher Filmausschnitte skizziert Horwarth, wie Hollywood und damit Amerika sich durch Typen wie Henry Fonda ein idealisiertes Ebenbild schuf, wie die Selbstwahrnehmung der USA, die sich gerne als ideale Demokratie sah, als Verfechter von Recht und Anstand, als sprichwörtliche Stadt auf dem Hügel, sich in der scheinbar unpolitischen Form des Hollywood-Kinos spiegelte, die dadurch als Propaganda für die USA auf den Leinwänden der Welt zu sehen war.
Im Laufe seiner Karriere wurde jedoch auch Fonda kritischer mit sich und seinem Land, vielleicht auch durch seine bedien Kinder Peter und Jane, die gleichzeitig Hollywood Royalty waren und doch auch zu Symbolen der Gegenkultur der 60er Jahre wurden: Peter durch seine Hauptrolle in „Easy Rider“, Jane durch ihren politischen Aktivismus, der ihr den despektierlichen Spitznamen Hanoi Jane einbrachte.
So beschreibt „Henry Fonda for President“ auf sehr persönliche Weise auch den Weg einer Entfremdung im Blick auf Amerika. Die Mythen, die gerade der klassische Western der 40er Jahre verbreitete, wurden spätestens mit dem Vietnamkrieg entlarvt. Das kurz danach mit Ronald Reagen tatsächlich ein Schauspieler Präsident wurde war Zufall, passt aber irgendwie auch in das Bild eines Landes, das sich zu gern im Glanz von Hollywood und des Showbusiness sonnte. Als einer der exponiertesten Vertreter dieser Welt fungierte über viele Jahrzehnte Henry Fonda, der allerdings selbstreflexiv genug war, um schon Ende der 60er Jahre im legendären Italo-Western „Spiel mir das Lied vom Tod“, einen der übelsten Killer der Filmgeschichte zu spielen: Als Frank konterkariert Fonda sein eigenes Image und ein bisschen auch das Bild, das Amerika gerne von sich selbst hat und tötet gleich in seiner ersten Szene ein Kind. Auch eine Methode den Mythos vom amerikanischen Traum zu beerdigen, was damals Sergio Leone so bildgewaltig tat und nun Alexander Horwarth in einem klugen, vielschichtigen Essayfilm.
Michael Meyns | programmkino.de
Credits:
AT/DE 2024, 184 Min., engl./dt. Originalfassung mit deutschen und englischen Untertiteln Regie: Alexander Horwath Kamera & Schnitt: Michael Palm
Trailer:
Henry Fonda for President (2024) | Trailer | Regie: Alexander Horwath
„Während meiner Studienzeit sagte Mel Brooks einmal zu mir: „Eine gute Geschichte muss an einem kleben bleiben wie ein Topf Honig. Und wenn man sie nicht loswird, dann muss man sie erzählen. Und das wurde Poison für mich.“ so die eigentlich als Schauspielerin bekannte Regisseurin Desiree Nosbusch. Nachdem sie in dem international erfolgreichen Stück der niederländischen Dramaturgin Lot Vekemans am Theater die weibliche Rolle übernahm, blieb sie genau daran kleben. Jahre später ergab sich die Möglichkeit der Verfilmung dieser Geschichte, die alles hat, „was eine gute Geschichte braucht: Verlust, Trauer, Sucht, Einsamkeit, Liebe, Schuld, Rache, Engagement, Hoffnung und Erlösung – sie stellt all‘ die großen Fragen, die wir im Leben haben.“ Zwei Menschen, die, erst ein Kind verloren haben, dann sich selbst und dann einander‘ wie Lucas im Film sagt, treffen sich nach zehn Jahren erstmals wieder, auf dem Friedhof, wo der Sohn begraben liegt. Er, Lucas, hat inzwischen eine neue Beziehung, für sie, Edith, ist das Trauern auch nach so vielen Jahren noch essenziell. Es ist ein herausforderndes Zwei-Personen-Spiel, das alle Beteiligten vor und hinter der Kamera zu einem weniger spektakulären als intensivem Ereignis machen. Tim Roth als Lucas hält sich diesmal mit der bekannten ausgeprägten Mimik zurück, Trine Dyrholm zeigt mit Edith, dass sie auch andere als beherrschte und rational agierende Frauen geben kann. Zwischen Vorwürfen und Anklagen, Gefühlsausbrüchen und Entschuldigungen, Vorsicht, Distanz und Annäherung wird die einstige Verbindung zwischen beiden immer wieder sichtbar, aber auch die unüberwindbar scheinenden Hürden, die daran hindern, das schreckliche Ereignis gemeinsam zu verarbeiten. Ausgezeichnet auf dem 26. Film by the Sea Festival im niederländischen Vlissingen mit dem Film & Literature Award, gewann Poison außerem auf dem 36. Galway Film Fleadh den Peripheral Vision Award.
Dies ist kein Spoiler: ein smarter junger Mann, bei einem Mordprozess zum Geschworenen (genau, #2) ernannt, erkennt bei der Anklageverlesung, dass er für den Tod der Frau, der hier verhandelt wird, unwissentlich verantwortlich ist. Hat man diesen Zufall erst mal geschluckt, kann man sich an einem soliden, verzwicktem und packendem Gerichtsthriller erfreuen. Justin, dessen Frau Ally nach einer Risikoschwangerschaft kurz vor der Geburt steht, wird trotzdem nicht von der Juroren-Pflicht entbunden. Der Angeklagte im zu verhandelnden Fall der toten Kendall Carter ist ihr Freund, bekannt als gewalttätig, und in den Augen der meisten Geschworenen „White Trash“. Justin, der an dem regnerischen Abend mit dem Auto unterwegs war und, wie er damals glaubte, ein Reh angefahren hatte, erkennt sofort den tragischen Zusammenhang. Aus erst später nachvollziehbaren Gründen kann er aber nicht mehr die Wahrheit sagen. So bleibt ihm nur, die von der Schuld des Angeklagten überzeugten Mitgeschworenen, die alle das Ganze schnell hinter sich bringen und nach Hause wollen, umzustimmen. Das erinnert natürlich an Sidney Lumets Die zwölf Geschworenen, vor allem auch an den, heutigen Gegebenheiten angepassten, gruppendynamischem Prozess, wird aber u.a. durch den Umstand getoppt, dass Justin sich auf einen schmalen Grad begibt – er darf schließlich nicht ins Visier geraten. In den hervorragend besetzten Hauptrollen sehen wir Nicholas Hoult als seinen inneren Zwiespalt bekämpfenden Justin Kemp und Toni Colette als ehrgeizige Staatsanwältin mit dem bemerkenswerten Namen Faith Killebrew. Es ist der erste Film, in dem beide seit der Nick-Hornby-Verfilmung About a Boy (2001, mit dem gerade neu auferstandenen Hugh Grant) zusammen agieren. Die Nebenrolle der toten Kendell Carter besetze Eastwood übrigens mit seiner Tochter Francesca. „Dieser Film ist bei weitem stärker als die beiden letzten, und wenn sich herausstellt, dass es sein letzter Film als Regisseur ist, wie gemunkelt wird, dann tritt er mit einem Knall ab“ Manohla Dargis | New York Times
Credits:
US 2024, 114 Min., engl. OmU Regie: Clint Eastwood Kamera: Yves Bélanger Schnitt: Joel Cox, David Cox mit: Nicholas Hoult, Toni Collette, J.K. Simmons, Zoey Deutch, Kiefer Sutherland, Francesca Eastwood, Chris Messina
Im Grunde ist dieser Film eine Zumutung: Er ist lang, schnell und wütend, und er enthält eine Überfülle an Informationen. Mit einer unglaublich umfangreichen Materialsammlung aus Film- und Fernsehbildern, Reportagen, mit geschichtlichem und geopolitischem Hintergrundwissen gelingt hier eine Verdichtung der sechs Monate von der Unabhängigkeit Kongos von Belgien bis zur Ermordung des ersten Ministerpräsidenten der Demokratischen Republik Kongo, Patrice Lumumba. Im Zuge der Dekolonisierung wuchs die Zahl der Mitgliedsstaaten der UN Anfang der 1960er Jahre schnell aufs dreifache an, wodurch ein Machtverlust der bisherigen Mitglieder drohte. Viele der neuen Staaten wurden von sozialistischen Regimen unterstützt, was die westliche Seite nicht hinnehmen konnte, zumal wertvolle Bodenschätze zur Disposition standen. Anhand rasanter Bild- und Tonmontagen führt Johan Grimonprez eine hochinteressante strategische Antwort der USA vor. Ein beeindruckendes und spannendes Werk, aufwühlend und leider immer noch aktuell.
„Dieser detailreiche und faszinierende Film springt zwischen Zeitebenen und Kontinenten hin und her. Er zeigt, wie die CIA unwissende Jazzmusiker (z. B. Louis Armstrong) als Ablenkungsmanöver einsetzt, um ihre politischen Einmischungen in verschiedenen Ländern zu verschleiern. Es geht um die unglaubliche Andrée Blouin – Frauenrechtsaktivistin, Lumumbas Beraterin und Redenschreiberin … .Es gibt Werbeeinblendungen für iPhones und Teslas, die zeigen, wie die Bodenschätze der Demokratischen Republik Kongo das Land zu einem begehrten Ziel für die Kolonialmächte machten, und die die Vergangenheit mit der aktuellen Geschichte verknüpfen. Informativ, gründlich recherchiert, aber nie trocken oder didaktisch, ist dies eine phänomenale Leistung von Grimonprez, der auch sein eigenes Land für seine beschämende Rolle in dieser traurigen Geschichte zur Rechenschaft zieht.“ Wendy Ide | The Guardian
Credits:
BE/FR/NL 2024, 150 Min., engl., frz. OmU,
Regie: Johan Grimonprez Schnitt: Rik Chaubet
mit: Patrice Lumumba, Louis Armstrong, Andrée Blouin, Nina Simone, Nikita Krutschev, Eisenhower, Fidel Castro, Duke Elligton
Im Jahr 1968 verwandelt sich ein Klassenzimmer eines Münchner Mädchengymnasiums unter Leitung des jungen Edgar Reitz in ein Filmstudio. Die Filmstunde beginnt: der erste in der Filmgeschichte dokumentierte Versuch, Filmästhetik als eigenständiges Fach zu unterrichten. 2023 wird Edgar Reitz, mittlerweile weltberühmter Regisseur des Filmepos Heimat, von einer älteren Dame angesprochen, die sich als eine der damaligen Schülerinnen zu erkennen gibt. Sie verabreden ein Klassentreffen. Montiert aus einem Dokumentarfilm über das damalige Projekt, den Super-8-Filmen der Schülerinnen und dem gefilmten Wiedersehen im Jahr 2023, entsteht eine Art Langzeitbelichtung der letzten 55 Jahre Filmgeschichte. Zeigt sich die Persönlichkeit der Schülerinnen bereits in den Übungsfilmen? Und was sagen die Damen zur Filmkultur der Gegenwart? Filmstunde_23 ist eine Liebeserklärung an das Filmemachen.
Credits:
DE 2024, 89 Min., Regie: Jörg Adolph, Edgar Reitz Kamera: Matthias Reitz-Zausinger, Markus Schindler, Daniel Schönauer, Thomas Mauch (1968), Dedo Weigert (1968) Schnitt: Jörg Adolph, Anja Pohl
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