2005 sah der Regisseur eine Quizmaster-Talkshowrunde, in der Joachim Fuchsberger erzählt, dass die Vorbilder der Spiele seiner 1960 erstmals im westdeutschen Fernsehen ausgestrahlten Show „Nur nicht nervös werden“ in der amerikanischen Psychiatrie entwickelt wurden. Auf die belustigte Frage von Rudi Carell, „und wieviele Patienten haben Dir da zugeschaut?“ antwortet er: „Eine verrückte, eine psychisch gestörte Nation“. Waren die Deutschen, hier genauer: die Westdeutschen, eine psychisch gestörte Nation? Lutz Dammbeck macht sich auf die Suche.
Zwischen 1939 und 1944 analysierte eine Gruppe Wissenschaftler um die Anthropologin Magarete Mead und dem Psychiater Richard M. Brickner die Deutschen und ihrer Kultur. Der Befund lautet „Paranoia“. Die Frage: Kann der Patient „Deutschland“ nach der Niederlage geheilt werden, um zukünftiges Unheil zu verhindern? Können Spiele dabei helfen? Und: stimmt die These über den Ursprung der frühen Gameshows? Overgames wagt eine assoziative Collage über heitere und ernste Spiele, Therapien und Experimente zur Um- und Selbstumerziehung, sowie zur Ideengeschichte einer permanenten medialen Revolution. Es treten auf: Regisseure und Produzenten von Gameshows, Psychiater, Anthropologen und Paranoiker verschiedenster Couleur.
„Der Zuschauer muss sich konzentrieren. Ja: Man muss sich anstrengen – wird aber auch mit vielen Ein- und Ansichten belohnt.
Ernsthafte Darlegungen – die Dammbeck aber immer im Modus des Spielens belässt.“ Harald Mühlbeyer | kino-zeit.de
D 2015, 163 Min.
Regie & Buch: Lutz Dammbeck
Kamera: Eberhard Geick, Volker Tittel, Börres Weiffenbach, Istvan Imreh
Musik: J. U. Lensing
Filme von Lutz Dammbeck: Das Netz, Zeit der Götter u.a.
Mario Schneider porträtiert in Akt vier verschiedene Personen, die zumindest eines verbindet: Sie sind Aktmodelle und stellen ihre Körper in den Dienst der Kunst. Von dieser gemeinsamen Tätigkeit ausgehend, taucht der sehr vielschichtige Film in die Leben der Protagonisten ein. Der Zuschauer lernt sie immer besser kennen, bis auch hier und da Gemeinsamkeiten erkennbar werden.
Mario Schneider ist ein großartiger Gesprächspartner für seine Protagonisten. Schon in seinen vorhergehenden Filmen ist die große Nähe zu den Personen vor der Kamera, ihre Offenheit und Ehrlichkeit immer ein wertvoller Teil seiner dokumentarischen Arbeit gewesen. In Akt wird das „Sich-Zeigen und Sich-Öffnen“ nun auf doppelte Weise zum Thema: In der Arbeit als Modell und in ihrer Bereitschaft von ihren Gedanken, Gefühlen und ihren Biographien zu erzählen.
Es ist ein intensiver Film über den fragilen menschlichen Körper und die fragile Seele in ihm. Oder anders ausgedrückt:
„Schneiders Film handelt auf eine große und zugleich konkrete Weise von Geborgenheit und dem Kampf darum. Ein sehr berührender Blick in unsere scheinbar so klar geschichtete Gesellschaft.“ (Matthias Dell)
D 2015, 105 Min.
Buch & Regie: Mario Schneider
Kamera: Friede Clausz
Schnitt: Gudrun Steinbrück / Mario Schneider
Ania ist IT-Spezialistin. Sie wohnt zusammen mit ihrer Schwester in einer Hochhaussiedlung. Auf dem Weg zur Arbeit nimmt sie stets eine Abkürzung durch einen Vorstadtparkwald.
Anias Leben erscheint trostlos, eine Art leblose Vorhölle der ausweglosen Angepasstheit.
Dann hat sie eines morgens eine seltsame Begegnung: sie steht einem Wolf gegenüber. Sie sehen sich direkt in die Augen – und es kommt ihr so vor, als wäre ihr bisheriges Leben ein Witz. Das Mäuschen wird zur Jägerin, legt Fährten und schafft es das wilde Tier zu fangen. Sie sperrt es in ihrer Hochhauswohnung ein – und sprengt sämtliche Fesseln ihres bisherigen Lebens.
Nicolette Krebitz‘ dritte Regiearbeit hatte Premiere in SUNDANCE, und die Kritiker waren sich einig, ein besonderes Werk vor sich zu haben:
»Es gab noch keinen Film wie diesen, dies kann man mit Sicherheit behaupten.« (The Hollywood Reporter)
»Anias Emanzipation und der bizarre Weg dorthin, machen WILD zu einem verstörenden und kompromisslosen Werk.« (Screen International),
aber auch hierzulande ist man entzückt:
»In seiner Eigenwilligkeit und Konsequenz ist Wild beglückend. Eine traumwandlerisch sicher inszenierte Emanzipations- und Initiationsgeschichte, ein tröstendes Leinwandgeschenk.« (critic.de)
»WILD ist eines der wohlgemerkt vielen Meisterwerke, die wir in den letzten 20 Jahren im Programmkino unserer Wahl erleben durften.« (intro)
D 2016, 97 Min.
Regie & Buch: Nicolette Krebitz Kamera: Reinhold Vorschneider Schnitt: Bettina Böhler mit : Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Silke Bodenbender
weitere Filme von Nicolette Krebitz: Jeans, Das Herz ist ein dunkler Wald
Fünf eritreische Flüchtlinge werden in einem alten Backsteingebäude außerhalb des Dorfes Strackholt in Ostfriesland untergebracht, wo sie auf den Ausgang ihres Asylverfahrens warten. Abseits einer Stadt – selbst die Metropole Aurich ist weit entfernt – scheinen durch das Nichtstun, Langeweile und Depression, Konflikte vorprogrammiert zu sein. Ein pensionierter Schuldirektor und eine Journalistin kümmern sich um die Männer und versuchen, ihnen über Sprache und Kontakte zur lokalen Bevölkerung einen Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Auch die Flüchtlinge selbst wollen nicht nur in der Warteschleife festhängen, sondern sehnen sich nach Arbeit und Beschäftigung. Die Gemeinde stellt sie daraufhin beim Bauhof als Ein-Euro-Jobber ein. Doch die gutgemeinte Starthilfe hat auch ihre Tücken – und über allem schwebt die Frage: Dürfen die Neuankömmlinge überhaupt bleiben oder müssen sie zurück in ihre Heimat? „Gestrandet ist daher ein sehr puristischer und beobachtender Film. Und ich wollte auch das Aufeinandertreffen der Neuankömmlinge und der Ehrenamtlichen beleuchten. Ich wollte ihr Engagement zeigen, aber auch die vielen Probleme und Missverständnisse, die sich in so einem Prozess auftun und dass die Gruppe trotz aller Schwierigkeiten nicht auseinandergebrochen ist.“ (Lisei Caspers)
D 2016, 80 Min.
Regie & Buch: Lisei Caspers
Kamera: Fabian Klein
Schnitt: Jamin Benazzouz
ALFILM präsentiert in seiner 7. Ausgabe aktuelle Spiel‑, Dokumentar- und Kurzfilme sowie Videokunst aus den arabischen Ländern und von arabischen Künstlern – viele davon internationlal ausgezeichnete Deutschland- oder Europapremieren. Daneben widmet sich das Festival in der Nebenreihe SPOTLIGHT gesellschaftlich relevanter Themen, so 2016 zum Thema „Cousins/Cousinen. Jüdisch-arabische Identitäten“.
Im breitgefächerten Themenspektrum des diesjährigen Hauptprogramms befinden sich viele Langfilmdebüts. Die Palette bei den Dokumentarfilmen reicht u.a. von Szenen im Mikrokosmos eines algerischen Schlachthauses (A ROUNDABOUTINMYHEAD) über persönliche und prägnante Bilder dreier Frauen in einer Wohnung im belagerten Damascus (COMA) bis zum Roadmovie, dass sich zu einem amüsant-intimen Vater-Tochter-Portrait entwickelt (A PRESENTFROMTHEPAST). Der absurd-komische Roadtrip eines Überlebenskünstlers und Gelegenheits-diebs durch die Westbank (LOVE, THEFTANDOTHERENTANGLEMENTS), die ambivalente Haltung eines Regisseurs zu seiner Heimatstadt Kairo (INTHELASTDAYSOFTHECITY) oder der klassische Mystery-Thriller, der auf mehreren Ebenen Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Fremdheit aufwirft (BLINDSUN) – auch die Spielfilme zeigen sich vielfältig in Form und Inhalt. In der Reihe SPOTLIGHT nimmt SALATABALADI Ägyptens komplexe Geschichte zwischen Königreich und britischer Besatzung, Unabhängigkeit und Republik auf, während der Spielfilm WHEREAREYOUGOING, MOSHÉ? sich mit den Emigrationserfahrungen und ‑gründen der marokkanischen jüdischen Gemeinde auseinandersetzt. Die fünfzigjährige Trennung des aus muslimischen und jüdischen Chaabi-Musikern bestehenden Ensembles von Algiers ist Thema von ELGUST, und Avi Mogravi begibt sich in ONCE I ENTERED A GARDEN in kritischer Perspektive auf die historische Spurensuche seiner eigenen jüdisch-arabischen Identität. Viele Filmgespräche und zwei Kurzfilmprogramme runden das Programm ab. Weitere Informationen gibt es auf www.alfilm.de, sowie im ausliegenden Programmheft.
Mitten im Ägäischen Meer, beschliessen sechs Männer, die auf einer Luxusjacht ein Fischerausflug machen, ein Spiel zu spielen: „Der beste in allem”. Bei diesem Spiel wird verglichen. Dinge werden gemessen und gegenübergestellt. Es werden Lieder zerfetzt, Blut getestet. Freunde werden zu Gegnern. Aber zum Schluss der Reise, als das Spiel zu Ende ist, wird der Gewinner zum besten Mann gekürt. Er wird am kleinen Finger den Ring des Sieges tragen: den Chevalier.Der Film ist eigentlich keine ausgewiesene Komödie, aber ich mußte die ganze Zeit vormichhinglucksen.
„Die Männlichkeitsrituale des Fischens, Spielens und Härtezeigens stehen dabei in einem aberwitzigen Kontrast zum eigentlichen Setting von Athina Rachel Tsangaris Chevalier: Das Schiff ist eine veritable comfort zone, inklusive Koch und Diener. Wir sehen die arrivierten Männer brav beim Saugen und Wischen. Doch als beim Dinner unter freiem Himmel die abendliche Frische einsetzt, frieren die Freunde lieber kollektiv, als dass einer von ihnen zugeben würde, dass es zu kalt ist. Keine Schwäche zu zeigen, dieses scheinbare Urgesetz der männlichen Sozialisation verhindert alle Empathie und macht ein soziales Leben, das diesen Namen verdienen würde, unmöglich. ” Johannes Bluth bei critic.de
„Athina Rachel Tsangari studiert diese Männer wie eine Verhaltensforscherin. In Attenberg (2010) baute sie eine Hommage an den Tierfilmer Sir Richard Attenborough ein, nun macht sie einen weiteren Schritt in die Richtung einer Komik, die Ethologie als Parawissenschaft für einen recht merkwürdigen Tonfall produktiv macht. Denn Chevalier gibt bereits mit seinem Titel zu erkennen, dass es hier darum geht, eine ernste Situation auf ein Spiel zu setzen. Die Situation, das sind die ausgesparten Verhältnisse in der Wirklichkeit, das Spiel sind die teils absurden Formen, in denen die Männer, alle im sogenannten besten Alter, miteinander konkurrieren.” Bert Rebhandl in derstandard.at
Ein Film von Athina Tsangari.
Mitten im Ägäischen Meer, beschliessen sechs Männer, die auf einer Luxusjacht ein Fischerausflug machen, ein Spiel zu spielen: „Der beste in allem”. Bei diesem Spiel wird verglichen. Dinge werden gemessen und gegenübergestellt. Es werden Lieder zerfetzt, Blut getestet. Freunde werden zu Gegnern. Aber zum Schluss der Reise, als das Spiel zu Ende ist, wird der Gewinner zum besten Mann gekürt. Er wird am kleinen Finger den Ring des Sieges tragen: den Chevalier.Der Film ist eigentlich keine ausgewiesene Komödie, aber ich mußte die ganze Zeit vormichhinglucksen.
„Die Männlichkeitsrituale des Fischens, Spielens und Härtezeigens stehen dabei in einem aberwitzigen Kontrast zum eigentlichen Setting von Athina Rachel Tsangaris Chevalier: Das Schiff ist eine veritable comfort zone, inklusive Koch und Diener. Wir sehen die arrivierten Männer brav beim Saugen und Wischen. Doch als beim Dinner unter freiem Himmel die abendliche Frische einsetzt, frieren die Freunde lieber kollektiv, als dass einer von ihnen zugeben würde, dass es zu kalt ist. Keine Schwäche zu zeigen, dieses scheinbare Urgesetz der männlichen Sozialisation verhindert alle Empathie und macht ein soziales Leben, das diesen Namen verdienen würde, unmöglich. ” Johannes Bluth bei critic.de
„Athina Rachel Tsangari studiert diese Männer wie eine Verhaltensforscherin. In Attenberg (2010) baute sie eine Hommage an den Tierfilmer Sir Richard Attenborough ein, nun macht sie einen weiteren Schritt in die Richtung einer Komik, die Ethologie als Parawissenschaft für einen recht merkwürdigen Tonfall produktiv macht. Denn Chevalier gibt bereits mit seinem Titel zu erkennen, dass es hier darum geht, eine ernste Situation auf ein Spiel zu setzen. Die Situation, das sind die ausgesparten Verhältnisse in der Wirklichkeit, das Spiel sind die teils absurden Formen, in denen die Männer, alle im sogenannten besten Alter, miteinander konkurrieren.” Bert Rebhandl in derstandard.at
William Wolff ist Ende 80 und Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern. Weil er in der Nähe von London wohnt, pendelt er jede Woche von dort nach Schwerin und Rostock und wieder zurück nach England. Die Ausbildung zum Rabbiner begann er erst mit 53, davor war er als Journalist für verschiedene englische Tageszeitungen tätig und als englischer Korrespondent mehrmals Gast beim „Internationalen Frühschoppen“ im deutschen Fernsehen. In Deutschland wurde er geboren, seine Familie floh 1933 vor den Nationalsozialisten zuerst nach Amsterdam und dann nach England.
Rabbi Wolff ist ein unkonventioneller Rabbiner, er ist dem Pferderennsport zugeneigt, fastet vorzugsweise in Bad Pyrmont und lebt nach dem Motto, dass das Leben Spaß machen sollte – und den sieht man ihm auch an. In Britta Wauers vorherigem Dokumentarfilm „Im Himmel, unter der Erde“ über den Friedhof Berlin-Weißensee kam Rabbi Wolff bereits vor, der neue Film widmet sich jetzt ganz diesem ungewöhnlichen Menschen.
D 2016, 90 Min. dt. O.m.engl.U. Regie: Britta Wauer Kamera: Kaspar Köpke Schnitt: Berthold Baule
RABBIWOLFF | Trailer [HD]
Ein Film von Britta Wauer. Ab 14.4. im fsk. Am 16.4. mit anschließendem Filmgespräch mit Britta Wauer.
William Wolff ist Ende 80 und Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern. Weil er in der Nähe von London wohnt, pendelt er jede Woche von dort nach Schwerin und Rostock und wieder zurück nach England. Die Ausbildung zum Rabbiner begann er erst mit 53, davor war er als Journalist für verschiedene englische Tageszeitungen tätig und als englischer Korrespondent mehrmals Gast beim „Internationalen Frühschoppen“ im deutschen Fernsehen. In Deutschland wurde er geboren, seine Familie floh 1933 vor den Nationalsozialisten zuerst nach Amsterdam und dann nach England.
Rabbi Wolff ist ein unkonventioneller Rabbiner, er ist dem Pferderennsport zugeneigt, fastet vorzugsweise in Bad Pyrmont und lebt nach dem Motto, dass das Leben Spaß machen sollte – und den sieht man ihm auch an. In Britta Wauers vorherigem Dokumentarfilm „Im Himmel, unter der Erde“ über den Friedhof Berlin-Weißensee kam Rabbi Wolff bereits vor, der neue Film widmet sich jetzt ganz diesem ungewöhnlichen Menschen.
D 2016, 90 Min. dt. O.m.engl.U.Regie: Britta WauerKamera: Kaspar KöpkeSchnitt: Berthold Baule
RABBIWOLFF – Ein Gentleman vor dem Herrn | Trailer [HD]
María, eine 17-jährige Maya-Frau, lebt mit ihren Eltern auf einer Kaffeeplantage am Fuße des aktiven Vulkans Ixcanul. Um die Zukunft der kleinen Familienfarm zu sichern, soll sie an den anständig erscheinenden Farmaufseher Ignacio verheiratet werden. Das Verlobungsfest hat schon stattgefunden, als Maria sich in den Pflücker Pepe verliebt. Der hat nämlich größeres vor: er will in die USA abhauen. Die junge Frau will immer schon wissen, was genau sich jenseits des Vulkans befindet und Pepe sagt, er würde María womöglich mitnehmen, wenn sie mit ihm schlafe. Aber dann ist Pepe plötzlich weg, und Marias Leben nimmt eine neue, dramatische Wendung.
Im ersten guatemaltekische Film im Berlinale-Wettbewerb (ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären für den Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet) wird fast nur Kaqchikel gesprochen, die verbreitetste Sprache der indigenen Maya-Bevölkerung. Dass die Menschen keine andere Sprache verstehen oder sprechen, nutzen offizielle Institutionen zu ihrem Vorteil aus, auch das zeigt der Film.
„Ein leises Drama in einer mächtigen Natur voller Armut und Abhängigkeiten. Bustamente hat mit seinen Laiendarstellern ein intensives und menschenfreundliches Gesellschaftsporträt entwickelt. Die Frauen bewirken hier mehr, als man ihnen anfangs zutraut.“ Christoph Schmitz, Deutschlandfunk
„Sie rebelliert (…) mit ihren eigenen Träumen, ihrer eigenen Bestimmtheit, ihrer eigenen Lust – aber in einer kleinen Gemeinschaft voller Abhängigkeiten und quasi-feudaler Verhältnisse setzt sie damit gleich die Existenz der ganzen Familie aufs Spiel. Das wird so zwingend erzählt, wie die prekärsten Verhältnisse nun einmal sind, im ewigen Kreislauf von Geburt und Tod, Saat und Ernte unter dem Vulkan, der dem Film seinen Titel gibt. Und es fühlt sich wirklich so an, als sei hier einmal kein Konzept von außen exekutiert worden, als seien die Maya hier selbst Erzähler ihres Volksglaubens, ihrer Traditionen, ihrer Geschichte.“
Tobias Kniebe, SZ
Verleihtitel: Ixcanul – Träume am Fuß des Vulkans
Guatemala/F 2015, 90 Min.
Kaqchikel OmU
Regie & Buch: Jayro Bustamante
Kamera: Luis Armando Arteaga
Schnitt: César Díaz
mit:
María Mercedes Coroy, María Telón,
Manuel Antún,
Justo Lorenzo
Adelbert von Chamisso nahm 1815 an einer russischen Entdeckungsexpedition teil. Er untersuchte die Flora Alaskas, um dann die Nordwest-Passage zu erforschen, wie es auch der Seefahrer Bering, begleitet vom Arzt und Naturforscher Steller und Cook getan haben.
Ottingers Reise von Alaska über Tschukotka nach Kamtschatka beginnt, begleitet von den Logbüchern ihrer Vorgänger. Während sie die Texte Stellers „dramatisch“ nennt, beschreibt sie Chamissos Tagebücher als lebendig und mitfühlend. Auch sie führt ein Logbuch, geprägt von ihrem vertrauten ethnografischen und künstlerischen Interesse, das sich auch in Bildern zeigt: Wasser, Fische, Seeotter, Steine, Vulkane, Tundra, Häuser, Dörfer, Fotografien, Objekte, Landkarten.
Menschen, die sie trifft, sprechen über ihr Leben, über Vergangenheit und Gegenwart. Sie zeigt sie bei der Arbeit, beim Singen, und immer wieder beim Fischen.
Zeit meint hier nicht die Länge des Films, sondern die Gleichzeitigkeit der Jahrhunderte, die Zeit, die man im Kino dazugewinnt.
D 2016 709 Min.
Regie, Buch, Kamera: Ulrike Ottinger
Schnitt: Bettina Blickwede
Kapitel 1 – Alaska & die aleutischen Inseln (190 Min.) (27.3. 14:30)
Kapitel 2 – Teil 1: Tschukotka & die Wrangelinsel (192 Min.)
Kapitel 2 – Teil 2: Tschukotka & die Wrangelinsel (153 Min.)
Kapitel 3 – Kamtschatka & die Beringinsel (174 Min.)
Ein riesiger Appartmentblock in der Stadthölle von Caracas. Hier lebt Junior, ein Lockenkopf, mit seiner arbeitslosen, verwitweten Mutter Marta und seinem kleinen Bruder auf engstem Raum. Juniors Sehnsucht, ein Anderer zu sein, drückt sich in seinem fantastischen Wunsch nach glatten Haaren aus. Der daraus resultierende Dauerkonflikt mit seiner Mutter, die ihren Sohn auf Distanz hält, ihn durchaus auch körperlich schroff zurückweist und dabei ihre eigenen Probleme auf ihren Sohn überträgt, führt Junior immer mehr in eine aussichtslose Lage hinein.
„Pelo Malo ist eine genaue Beobachtung der schwierigen Beziehung zwischen Mutter und Sohn. Hier kocht im Inneren über, was der Druck von außen überhaupt erst geschaffen hat.“ (kino.zeit.de)
Durchaus auch ein Film über Zusammenhänge von Klasse, Geschlecht und Ethnie.
Pelo Malo
Venezuela, Peru, Arg., D 2015, span. OmU, 93 Min.
Regie & Buch: Mariana Rondón
Kamera: Micaela Cajahuaringa
Schnitt: Marité Ugás
mit: Samuel Lange, Samantha Castillo
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