Mein Praktikum in Kanada

Ein Film von  Philippe Falardeau. Ab 26.5. im fsk.

Kanada ist groß. Sehr, sehr groß. Das ist eines der ersten Dinge, die Souverain Pascal als Assistent des Abgeordneten Steve Guibord erfährt. Nur mit einem Koffer in der Hand, aber mit einem schier unendlichem Vorrat an Jean-Jacques-Rousseau-Zitaten im Kopf, ist er aus Haiti gekommen, um in Kanada aus nächster Nähe zu beobachten, wie Demokratie gemacht wird. Unglücklich ist nur, dass Guibord selber gerade nicht weiß, was er machen soll. Sein Büro ist im Obergeschoss eines Lingerieladens und sein Wahlkreis ist das abgelegene Prescott-Makadewà-Rapides-aux-Outardes. Und da Guibord unter Flugangst leidet, muss er ständig mit dem Auto Strecken fahren, die sich so lang hinziehen wie der Name der Region. Am liebsten würde der parteilose Abgeordnete es eigentlich allen Recht machen: Der Forst- und Minenindustrie der Region ebenso wie den Ureinwohnern, die gegen die Ausbeutung ihrer Wälder protestieren und dabei auch mal den Verkehr auf der Hauptverkehrsstraße blockieren, seiner Frau ebenso wie seiner Tochter, die vor ihrem Vater zunehmend in Rauschmittel und am liebsten auf ein  Auslandssemester nach Dänemark fliehen würde.  Man könnte auch sagen, dass Guibord eigentlich versucht, gar keine Entscheidung zu treffen. Er ist ein volksnaher Politiker und obwohl sein Wahlkreis so riesig ist, kennt er die Wortführer aller Gruppen und die örtliche Journalistin beim Vornamen, kommt gut mit ihnen aus und möchte es sich mit niemandem verscherzen.
Dass das nicht geht, sagt schon der übersetzte Originaltitel „Guibord zieht in den Krieg“. Eine Abstimmung über einen kanadischen Militäreinsatz in Fernost steht an und Guibords Stimme ist plötzlich die entscheidende. Was also tun, wenn man sich vor Entscheidungen drückt und die verschiedenen Gruppen in Region und Familie den Abgeordneten von allen Seiten unter Beschuss nehmen, um ihn in ihre Richtung zu beeinflussen?
Der Zuschauer blickt mit den Augen des idealistischen Souverain auf das absurde Geschehen, z.B. wenn er seiner Familie per Skype daheim die kanadische Politik erklärt und dabei seine Zuhörerschar mit jedem Anruf wächst, bis Haiti sich als politische Entscheidungsstätte sieht. (Programmkino.de)

Guibord s’en va-t-en guerre
D/Kanada 2015, 108 Min., engl./frz. OmU  
Buch & Regie: Philippe Falardeau
Kamera: Ronald Plante 
Schnitt: Richard Comeau 
Musik: Martin Léon
mit: Suzanne Clément, Patrick Huard,  Irdens Exantus,  Ellen David

auch von Philippe Falardeau: Monsieur Lazhar

im Kino mit deutschen Untertiteln.