Ein Film von Visar Morina. Ab 24.9. im fsk.
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Eine schallende Ohrfeige besiegelt den Streit unter Brüdern am Familientisch. „Lauf ihm hinterher und entschuldige dich!“, mahnt die besorgte Mutter. Doch vergeblich, das Tuch ist zerschnitten. Aus Rache verkauft der gedemütigte Liridon heimlich alle Kühe des Familienbetriebs und setzt sich nach Deutschland ab. Shaban (Astrit Kabashi) und seine Frau Hatixhe (Flonja Kodheli) müssen mit ihren drei Töchtern sowie der Oma den Bauernhof verlassen und in die Hauptstadt Pristina ziehen.
In einer winzigen Wohnung muss die Familie fortan zurechtkommen. Während der wohlhabende Schwager seine Solidarität auf gönnerhafte Almosen und kluge Ratschläge beschränkt, versucht Shaban verzweifelt, einen Job zu finden. Am Ende steht er mit anderen Tagelöhnern am Straßenrand und wartet auf vorbeifahrende Auftraggeber, die harte Arbeit für wenig Lohn anbieten. Seine Gattin hilft derweil ihrer Schwester, den behinderten Opa zu versorgen. „Scham ist Luxus!“, sagt sie einmal und gibt damit das Thema des Dramas vor.
Immer wieder findet sich der wackere Held als Opfer von himmelschreienden Ungerechtigkeiten wieder. Kaum hat er einen großen Stapel Holz gehackt, bemängelt der Auftraggeber die Größe der Scheite und verweigert die Bezahlung. Der Vermieter, der ein wertvolles Schmuckstück der Oma als Pfand entgegengenommen hat, verhökert den Schatz kurzerhand und denkt nicht im Geringsten an die versprochene Rückgabe. Wie Don Quichotte kämpft Shaban gegen die Windmühlen der Widrigkeiten. Wenn er sonst schon alles verloren hat, will er wenigstens seine Würde bewahren. Da gibt er seinem Schwager-Schnösel lieber den 20-Euro-Schein zurück, als sich auf diese Art demütigen zu lassen. Doch wie viel Schmach vermag ein Mensch zu ertragen? Wann ist seine Frustrationstoleranz erschöpft? „Dinge kreisen in meinem Kopf. Dinge, an die ich nicht denken sollte!“, gesteht der Held in einer ruhigen Minute seiner Frau. Viel Gutes kann das kaum bedeuten…
Geradlinig und schnörkellos erzählt Visar Morina sein rigoroses Lehrstück über das Fressen und die Moral. Die Kamera bleibt dicht an den Figuren, die sich durch enorme Glaubwürdigkeit und großes Empathiepotenzial auszeichnen. Statt auf moralinsaure Belehrung setzt der Regisseur auf eine spannungsreiche, fast thrillerhafte Dramaturgie, bei der sogar Raum für Komik bleibt. „Ich beschütze das Viertel vor Leuten wie uns“, erklärt er seiner Frau den neuen Job als Security-Wache im Bonzenviertel. Wie zum Hohn kreist die Kamera später um ein übergroßes Bill-Clinton-Denkmal in der Stadt, das als neoliberaler Heilsbringer des Kapitalismus offenkundig den vollmundigen Versprechungen nicht gerecht wurde.
Als ganz großer Pluspunkt erweist sich Hauptdarsteller Astrit Kabashi in seiner Rolle als unerschütterliches Stehaufmännchen, dem Selbstachtung über alles geht. Mit maximalem Minimalismus gelingt ihm die Balance zwischen Würde und Verzweiflung. Angenehm unaufdringlich und ohne Sentimentalität lädt er das Publikum zur Empathie – und zur eigenen Stellungnahme ein. Kino mit Mehrwert, das noch lange nachklingt. Dieter Oßwald | programmkino.de




Credits:
DE, XK, SI, AL, MK, BE 2026 , 129 Min., Albanisch mit deutschen Untertiteln
Regie: Visar Morina
Kamera: Janis Mazuch
Schnitt: Joëlle Alexis
mit: Astrit Kabashi, Flonja Kodheli, Kumrije Hoxha, Fiona Gllavica, Alban Uka
Trailer:
im Kino mit deutschen Untertiteln.
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