Zwischen den Zeilen

Ein Film von Oli­vi­er Assay­as. Ab 6.6. im fsk.

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Unse­re Welt ver­än­dert sich fort­wäh­rend“, erklärt Oli­vi­er Assay­as. „So ist es schon immer gewe­sen. Die Her­aus­for­de­rung dabei besteht in unse­rer Fähig­keit, die­sen bestän­di­gen Wan­del mit all sei­nen Strö­mun­gen im Auge zu behal­ten und zu ver­ste­hen, was wirk­lich auf dem Spiel steht, wenn wir uns anpas­sen – oder das eben nicht tun.“

Mit die­ser Erkennt­nis müs­sen sich auch die Prot­ago­nis­ten in „Zwi­schen den Zei­len“ aus­ein­an­der­set­zen. Leo­nard (Vin­cent Macai­gne) ist ein Autor, des­sen Roma­ne man als Auto-Fik­ti­on beschrei­ben könn­te, weil er immer sein Leben und sei­ne Lieb­schaf­ten nimmt, die er in den Mit­tel­punkt rückt, aber auch reich­lich zynisch damit abrech­net. Sei­nem Ver­le­ger Alain (Guil­lau­me Canet) gefällt das mitt­ler­wei­le nicht mehr, wes­we­gen er Leo­nards neu­es Buch ablehnt. Alains Frau, die Schau­spie­le­rin Sele­na (Juli­et­te Bino­che), ist hin­ge­gen aus per­sön­li­chen Gründ­ne von dem Buch ange­tan, wäh­rend Leo­nards Frau Vale­rie (Nora Ham­za­wi) sich poli­tisch enga­giert, aber immer ande­rer Mei­nung als ihr Ehe­mann ist. Wäh­rend die per­sön­li­chen Ver­stri­ckun­gen immer mehr über­hand­neh­men, wird flei­ßig über den kul­tu­rel­len und digi­ta­len Wan­del dis­ku­tiert.

Assay­as fühl­te sich auch von Eric Roh­mers „Der Baum, der Bür­ger­meis­ter und die Media­thek“ aus dem Jahr 1993 inspi­riert, der im Kern eine Debat­te über die dama­li­ge fran­zö­si­sche Gesell­schaft dar­stellt. Dem folgt der Autor und Regis­seur nun mit sei­ner ganz eige­nen Debat­te, die zuerst sach­lich um die Fra­ge kreist, wie der digi­ta­le Wan­del jeden ein­zel­nen trifft, dann aber zuse­hends per­sön­li­cher wird. Es ist ein schlei­chen­der Pro­zess in einem klar struk­tu­rier­ten Film, der einem Thea­ter­stück gleich eine dia­log­las­ti­ge Sze­ne an die ande­re reiht und sau­ber von­ein­an­der abgrenzt. Rein fil­misch gibt es hier nicht viel zu ent­de­cken, in ers­ter Linie ist „Zwi­schen den Zei­len“ gro­ßes Schau­spiel­ki­no, das mit sei­nen ele­gan­ten Dia­lo­gen, aber auch der teils sehr tro­cke­nen Dar­bie­tung der­sel­ben punk­tet.

Vin­cent Macai­gne, der welt­fremd mit treu­doo­fem Dackel­blick allen Ent­wick­lun­gen begeg­net, ist gran­di­os, das übri­ge Ensem­ble aber nicht min­der hoch­wer­tig. Sie alle gehen in Dia­lo­gen auf, die den digi­ta­len Wan­del weder ver­teu­feln noch ver­herr­li­chen, son­dern viel­mehr ver­su­chen, zu erör­tern, wie die­ser sich ganz pri­vat auf jeden Ein­zel­nen aus­wirkt. Weil man irgend­wann das Alter erreicht, in dem das Ver­gan­ge­ne hei­me­lig erscheint, jede Ver­än­de­rung aber Angst macht. Denn Ver­än­de­run­gen muss man sich anpas­sen, oder man wird auf dem Weg in die Zukunft zurück­ge­las­sen.

Der Film kon­zen­triert sich auf die Digi­ta­li­sie­rung als Sinn­bild, das The­ma geht aber weit dar­über hin­aus und gilt in prak­tisch allen Bran­chen, aber auch für das Leben selbst, und somit auch für Oli­vi­er Assay­as. Aber solan­ge er noch immer klei­ne, intel­li­gen­te Fil­me wie die­sen machen kann, muss zumin­dest er sich vor der Zukunft nicht fürch­ten.

Peter Oste­ried | programmkino.de

 
Credits:

Dou­bles vies
Frank­reich 2018, 107 Min., frz. OmU
Regie +Buch: Oli­vi­er Assay­as
Kame­ra: Yorick le Saux
Schnitt. Simon Jac­quet
mit: Juli­et­te Bino­che, Guil­lau­me Canet, Vin­cent Macai­gne, Nora Ham­za­wi

Ter­mi­ne:

  • noch kei­ne oder kei­ne mehr

 
Trai­ler: