Kokon

Ein Film von Leo­nie Krip­pen­dorff. Ab 13.8. im  fsk. Am 14.8. mit anschlie­ßen­dem Film­ge­spräch.

[Credits] [Ter­mi­ne] [Trai­ler]

Wir sind wie Fische im Aqua­ri­um. Wir schwim­men immer im Kreis.“ lässt Leo­nie Krip­pen­dorff ihre Hel­din Nora ganz am Anfang sagen. Mit der Han­dy­ka­me­ra gefilm­te Bil­der von Blu­men, Schmet­ter­lin­gen, dem Kott­bus­ser Tor sind da zu sehen, die in ihrem Hoch­kant-For­mat nur einen klei­nen Teil der Lein­wand aus­fül­len. 14 Jah­re ist Nora (Lena Urzen­dow­sky) alt, bzw. jung, ein ver­schlos­se­nes, etwas schüch­ter­nes Mäd­chen, das im Kreis der Freun­de ihrer etwas älte­ren Schwes­ter Jule (Lena Klen­ke) eher Mit­läu­fe­rin ist als wirk­lich dabei. Im Lau­fe des Films wird sich das ändern, wird Nora Erfah­run­gen sam­meln, wird das Bild­for­mat immer brei­ter wer­den, als woll­te es Platz machen, für all die neu­en Erfah­run­gen und Sin­nes­ein­drü­cke, die nicht mehr in das klei­ne Han­dy­for­mat pas­sen.

Nora und Jule wach­sen am und um den Kott­bus­ser Tor auf, das Zen­trum von Kreuz­berg, eine Gegend, die oft als gefähr­lichs­ter Ort der Haupt­stadt beschrie­ben wird, an dem der Anteil von Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund hoch ist, an dem Her­an­wach­sen­de aber auch ein beson­ders gro­ßes Maß an Frei­heit haben. Gera­de wenn die allein­er­zie­hen­de Mut­ter ihre Zeit lie­ber in einer Knei­pe ver­bringt, als sich um ihre Töch­ter zu küm­mern, die so schon viel zu früh gezwun­gen sind, auf sich selbst auf­zu­pas­sen.

Ger­ne son­nen sie sich auf den Dächern der Wohn­blocks, fan­gen an zu rau­chen, nicht nur Ziga­ret­ten, hän­gen in Cafés ab, wo sie um die Auf­merk­sam­keit der Jungs buh­len oder gehen ins nahe gele­ge­ne Frei­bad. Dort sieht Nora auch zum ers­ten Mal Romy (Jel­la Haa­se), ein etwas älte­res Mäd­chen, das auch auf ihre Schu­le geht und schon allein äußer­lich anders ist: Wil­de Haa­re, bun­te Kla­mot­ten, ganz offen­sicht­lich kei­nen Wert dar­auf­le­gend, von allen gemocht zu wer­den.

Und da auch Nora anders ist, nach­denk­li­cher, in Glä­sern in ihrem Zim­mer Rau­pen her­an­zieht, die sich ver­pup­pen und zu Fal­tern ver­wan­deln und auch beim Refe­rat mit nur wenig Scheu von ihren Ängs­ten und Träu­men berich­tet, fin­den sie und Romy zusam­men. Unbe­schwer­te Momen­te ver­brin­gen die bei­den, doch was für Romy eine inten­si­ve ers­te Erfah­rung ist, ist für Romy nur ein Spiel.

Ja, die Meta­pher von der Rau­pe, die sich zum Schmet­ter­ling ver­wan­delt, ist nicht sub­til, doch das ist der ein­zi­ge Aspekt von Leo­nie Krip­pen­dorffs „Kokon“, der ein wenig bemüht wirkt. Abge­se­hen davon gelingt der Ber­li­ner Regis­seu­rin in ihrem zwei­ten Film eine Com­ing-of-Age-Geschich­te, die durch ihre genau beob­ach­te­ten Lebens­um­stän­de über­zeugt. Um die pro­fes­sio­nel­len, schon erfah­re­nen Haupt­dar­stel­ler hat Krip­pen­dorff ein Ensem­ble aus jun­gen Gesich­tern geschart, die weni­ger Rol­len spie­len als sie selbst zu sein. Egal ob in der Schu­le, wo sich auf­ge­plus­tert und ange­ge­ben wird, in der Frei­zeit, wo um die Gunst der Mäd­chen gebuhlt wird oder ein­fach auf den Stra­ßen um das Kott­bus­ser Tor: Wie eine Doku­men­ta­ti­on wirkt „Kokon“ oft, ohne in einen pro­blem­be­haf­te­ten Sozi­al­rea­lis­mus zu ver­fal­len. Was teil­wei­se wie ober­fläch­li­ches Ver­hal­ten wirkt, wie ein in den Tag hin­ein­le­ben, erscheint hier wie pure Authen­ti­zi­tät. Das Krip­pen­dorff gera­de auch die kaum ver­hoh­le­ne Homo­pho­bie die­ser Welt nur andeu­tet und nicht mit erho­be­nem Zei­ge­fin­ger anpran­gert, zeich­net ihren Blick aus. Kei­ne mora­li­sche Lek­ti­on wird hier erteilt, son­dern das Leben jun­ger Men­schen in Kreuz­berg Anno 2020 gezeigt; unver­blümt, direkt und authen­tisch.

Micha­el Meyns | programmkino.de

 
Credits:

DE 2020, 95 Min., dt. OmeU
Regie & Buch: Leo­nie Krip­pen­dorff
Schnitt: Emma Ali­ce Gräf
Kame­ra: Mar­tin Neu­mey­er
mit: Lena Urzen­dow­sky, Jel­la Haa­se, Lena Elen­ke, Eli­na Vild­ano­va, Anja Schnei­der, Deni­se Ankel


 
Trai­ler: