France

Ein Film von Bruno Dumont. Ab 2.6. im fsk. 

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Keinen gerin­ge­ren als den fran­zö­si­schen Staatspräsidenten will sie auf einer Pressekonferenz im Elysée-Palast bloß­stel­len. Als kamp­fes­lus­tig wird die bekann­te Fernsehjournalistin France de Meurs (Léa Seydoux) zusam­men mit ihrer Produzentin Lou (Blanche Gardin) ein­ge­führt, eine geschick­te Montage sug­ge­riert, die Pressekonferenz mit Emmanuel Macron habe tat­säch­lich so statt­ge­fun­den. Klar sind bei einem sol­chen Termin die Augen der Medienwelt auf den Politiker gerich­tet (Armin Laschet wird sich an sein Hochwasser-Lachen erin­nern). Verwunderlich trotz­dem, dass die fri­vo­len Gesten und sie­ges­si­che­ren Blicke, die de Meurs, nach­dem sie den Präsidenten mit einer Frage öffent­lich­keits­wirk­sam pro­vo­ziert hat, mit ihrer Kollegin tauscht, in die­sem Rahmen über­haupt denk­bar sind.

Kurz dar­auf berich­tet France de Meurs live aus einem Krisengebiet in der Sahel-Zone vom Kampf gegen den IS. Man sieht, wie das Interview auf­ge­zeich­net wird, und man sieht spä­ter, was die Regie dar­aus gemacht haben wird. De Meurs weiß dabei stets genau, was sie will, vor allem, wie sie sich selbst am bes­ten in Szene set­zen kann – nicht zuletzt mit rot geschmink­ten Lippen und Stahlhelm auf dem Kopf. Für die Menschen und ihr Leid inter­es­siert sie sich nicht. Ihr Blick ist stets berech­nend und kühl, ihr Auftreten das einer Narzisstin.

Zurück in Paris gerät nun sie selbst in die Schlagzeilen, als sie einen unter­be­zahl­ten Lieferanten auf sei­nem Motorroller anfährt, und ihre Schuldgefühle gegen­über sei­nen migran­ti­schen und arbeits­lo­sen Eltern mit finan­zi­el­ler Entschädigung abzu­glei­chen gedenkt. Zudem kri­selt es daheim in der Familie. Sie fährt auf Kur in die Schweiz, lernt einen Lateinlehrer ken­nen – der sich zu ihrem Entsetzen als ein doch ganz ande­rer ent­puppt und ihre roman­tisch begin­nen­de Schicksalsgeschichte in der Boulevardpresse sen­sa­ti­ons­hei­schend publik macht. France de Meurs ist da alles ande­re als amü­siert. Und doch ist für sie das Ende der Leidenszeit noch nicht erreicht.

Ein Mitleiden mit die­ser France de Meurs bleibt den­noch aus, auch wenn Léa Seydoux – zuletzt im Bond-Abenteuer „Keine Zeit zu ster­ben“, in Wes Andersons „The French Dispatch“ und Ildiko Enyedis Romanverfilmung „Die Geschichte mei­ner Frau“ in inter­na­tio­na­len Produktionen im Einsatz – die Überzeugtheit, Verzweiflung und Leere ihrer zwi­schen Quoten-Heiliger, Rabenmutter und Reporter-Dämon wech­seln­den Figur rou­ti­niert, aber eben gefühls­kalt, spielt. Dass man selbst emo­tio­nal nicht gefan­gen genom­men wird, hat sicher auch damit zu tun, dass der gan­ze Film von Beginn an etwas kal­ku­liert Berechnendes hat. Hinzu kommt die in jeder Sekunde spür­ba­re Künstlichkeit der Geschichte durch über­zeich­ne­te Farben, über­sti­li­sier­te Räume (ins­be­son­de­re de Meurs Wohnung) und Landschaften, ego­zen­trisch geführ­te Talkshows („die Journaille ist auf Quote aus, die Politiker auf Wählerstimmen“) und Phasen expe­ri­men­tel­ler Gesangseinlagen auf der Soundspur mit einer Art sur­re­al-deli­rie­ren­dem Klagegewinsel.

Trotz die­ser Distanz spürt man aber die Anstrengung und die Verzweiflung nicht nur der Hauptperson, son­dern meta­pho­risch auch, wie die Nation namens France (schon in der ers­ten Einstellung weht die Trikolore im Wind) sich in einem Ohnmachts-Ist-Zustand befin­det. Politisch rechts oder links zu sein, wie wäh­rend eines Sponsorendiners, von dem de Meurs eines Abends flüch­tet, spielt in die­ser von Bruno Dumont gezeich­ne­ten Reflektion kei­ne Rolle, dafür umso mehr die Suche nach der eige­nen Identität. Gerne darf man sich auch fra­gen, was Dumont damit sagen woll­te, als er auch Angela Merkel (bzw. eines ihrer Doubles) zur Erholung ins als Drehort die­nen­de Schloss Elmau im Karwendelgebirge schick­te. Seinem oft zyni­schen Film beschert der Ausflug in die win­ter­lich ver­schnei­te Bergwelt zudem eine komö­di­an­ti­sche Szene mit Juliane Köhler, der par­tout der Name der Kanzlerin nicht ein­fal­len will. Es ist die nicht immer in ihrem Tonfall sofort ein­zu­schät­zen­de Dialektik die­ses Films und das Spiel mit insze­nier­ter Wirklichkeit und absur­der Realität, vor allem die kri­ti­sche, sicher ernst­ge­mein­te, hier aber nicht unbe­dingt ernst zu neh­men­de Beschäftigung des Rummels um einen Medienstar, die ihn sehens­wert machen.

Thomas Volkmann | programmkino.de

Credits:

FR 2021, 133 Min., frz. OmU
Regie: Bruno Dumont
Kamera: David Chambille
Schnitt: Nicolas Bier
Mit: Léa Seydoux, Blanche Garin, Benjamin Biolay, Emanuele Arioli, Gaëtan Amiel, Juliane Köhler, Jawad Zemar

Trailer:
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