Der seidene Faden

Ein Film von Paul Tho­mas Ander­son. Ab 22.2. im fsk.

Der Mode­de­si­gner Reynolds Wood­cock (Dani­el Day-Lewis) ist ein Gesamt­kunst­werk. Mit dem glei­chen Per­fek­tio­nis­mus, mit dem er sei­ne Krea­tio­nen ent­wirft, macht Reynolds auch sei­ne Mor­gen­toi­let­te und nimmt sein Früh­stück ein. Reynolds Wood­cock beim Früh­stück zuzu­se­hen bedeu­tet Zeu­gin einer in jah­re­lan­ger Arbeit fein jus­tier­ten Rou­ti­ne zu wer­den, die voll­kom­men auf die Bedürf­nis­se des sen­si­blen Genies aus­ge­rich­tet ist. Jeder Miss­ton, jede Belang­lo­sig­keit könn­te den krea­ti­ven Fluss unter­bre­chen.

DER SEIDENE FADEN spielt im Eng­land der 50er Jah­re, die bei Paul Tho­mas Ander­son vor allem eine ästhe­ti­sche Idee sind. In opu­len­ten Bil­dern ent­fal­tet der Regis­seur von PUNCH-DRUNK LOVE und THE MASTER das König­reich der Hau­te Cou­ture, dem Reynolds vor­steht. Alles hier ist exqui­sit: die Far­ben, die Tex­tu­ren, die Stof­fe, die Tape­ten, die Flü­gel­tü­ren, der Lap­sang Souchong, der zum Früh­stück gereicht wird. Die Schnei­de­rin­nen, die jeden Mor­gen über den Dienst­bo­tenein­gang das feu­da­le Hou­se-of-Wood­cock betre­ten, sind die treu­en Vasal­lin­nen, und das Ober­kom­man­do hat Reynolds Schwes­ter Cyril (Les­lie Man­vil­le) inne. Die gera­de aktu­el­le Gelieb­te des Meis­ters spielt in die­sem Sze­na­rio eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le und wird aus­ge­tauscht, sobald sie zu stö­ren beginnt. Das ändert sich, als Reynolds Alma (Vicky Krieps) begeg­net, einer jun­gen Immi­gran­tin aus Ost­eu­ro­pa. Sie wird sein Model und sei­ne Gelieb­te, und anders als ihre Vor­gän­ge­rin­nen, schafft sie es, sich einen unver­zicht­ba­ren Platz in den Obses­sio­nen des Meis­ters zu erar­bei­ten.

Ander­son erzählt in DER SEIDENE FADEN eine kom­ple­xe, feti­schis­ti­sche Lie­bes­ge­schich­te, in die gehei­me Obses­sio­nen wie ver­steck­te Bot­schaf­ten in den Saum eines Klei­des ein­ge­ar­bei­tet sind. Von Anfang an leben Alma und Reynolds eine Drei­ecks­be­zie­hung – mit Reynolds Krea­tio­nen als drit­ter Per­son. Anstel­le einer ers­ten Sex­sze­ne steht eine Anpro­be, ein ritua­li­sier­tes Ver­mes­sen, von dem bei­de wis­sen, was es bedeu­tet. Beklei­den und Beklei­det wer­den sind ero­ti­sche Hand­lun­gen. „Ich kann stun­den­lang ste­hen“ und „In sei­nen Klei­dern bin ich schön“ sagt Alma, und Reynolds ver­folgt ihren Gang auf dem Cat­walk mit dem Blick eines Lie­ben­den. Die Idyl­le bekommt jedoch Ris­se, als sich her­aus­stellt, dass Alma ein eige­nes Wesen ist und die eiser­nen Regeln des Hou­se-of-Wood­cock durch­ein­an­der bringt. Statt die hei­li­ge Ruhe des Früh­stücks­ri­tu­als zu respek­tie­ren, rum­pelt sie gut­ge­launt her­um, und gießt den Tee von zu weit oben ein, was ein stö­ren­des Geräusch ver­ur­sacht. Als Reynolds belei­digt abrauscht, sagt sie zu Cyril die blas­phe­mi­schen Wor­te „Ich fin­de, er ist zu emp­find­lich!“

DER SEIDENE FADEN ist eine viel­fäl­tig schil­lern­de Ange­le­gen­heit. Eine hym­nisch-hedo­nis­ti­sche Fei­er von Far­be, Form und Stil. Ein iro­nisch-amü­sier­tes Por­trät selbst­ver­lieb­ter Männ­lich­keit. Kon­struk­ti­on und Dekon­struk­ti­on eines Genies. Vor allem aber ist DER SEIDENE FADEN eine gothic romance, eine über­bor­den­de Luxus-Lie­bes­ge­schich­te mit mor­bi­den Aspek­ten und vol­ler psy­cho­lo­gi­scher Abgrün­de. Bei Ander­son sind es gera­de die­se Abgrün­de, die das unglei­che Paar eine Art von Gleich­ge­wicht fin­den las­sen. Der Fan­ta­sie von durch­the­ra­pier­ten Mus­ter­part­nern, das immer respekt­voll in Ich-Bot­schaf­ten kom­mu­ni­zie­ren, setzt er ein Lie­bes­paar ent­ge­gen, das nach sei­nen eige­nen, mög­li­cher­wei­se per­vers erschei­nen­den Regeln funk­tio­niert, zusam­men­ge­hal­ten von einem für alle ande­ren unsicht­ba­ren Faden, dem PHANTOM THREAD.
Hen­dri­ke Bake | indie­ki­no
 


 
Credits:
Phan­tom Thread
USA 2017, 130 Min., engl. OmU
Regie, Buch & Kame­ra: Paul Tho­mas Ander­son
Schnitt: Dylan Tiche­nor
mit: Dani­el Day-Lewis, Camil­la Rut­her­ford, Les­ley Man­vil­le, Vicky Krieps
 
Ter­mi­ne:
Do., 22. Feb.:Fr., 23. Feb.:Sa., 24. Feb.:So., 25. Feb.:Mo., 26. Feb.:Di., 27. Feb.:Mi., 28. Feb.:Do., 1. Mrz.:Fr., 2. Mrz.:Sa., 3. Mrz.:So., 4. Mrz.:Mo., 5. Mrz.:Di., 6. Mrz.:Mi., 7. Mrz.: