Das unbekannte Mädchen

Ein Film von Jean-Pierre und Luc Dardenne.

Jenny, eine jun­ge Ärztin, führt eine Praxis ver­tre­tungs­wei­se in einer bel­gi­schen Vorstadt. Als eines Abends nach Sprechstundenschluss es noch ein­mal klin­gelt, macht sie nicht auf, im Glauben, dass es sich nicht um einen Notfall han­delt. Am nächs­ten Tag erfährt sie von der Polizei, dass eine nicht iden­ti­fi­zier­te Person tot auf­ge­fun­den wur­de, offen­bar die jun­ge Frau, die am Vorabend in ihre Praxis wollte.

Sich (mit)schuldig füh­lend, fängt die Ärztin an, Nachforschungen anzu­stel­len, um zumin­dest den Namen der Toten zu ermit­teln. Bald schon gerät sie dabei immer tie­fer in ver­schie­de­ne Milieus. Anfangs läuft sie Gefahr, sich in ihrer Recherche zu ver­lie­ren, spä­ter jedoch beginnt ihre Umwelt auf ihre Hartnäckigkeit zu reagieren.

Der Film spielt wie immer an einem Durchgangsort, der eine gro­ße Unbehaustheit aus­strahlt, dort, wo eigent­lich nie­mand woh­nen will und wenn doch, gezwun­gen ist, sich ein­zu­rich­ten. Wie so häu­fig dreht es sich bei den Dardennes um Schuld, Trost, Zuwendung, den unab­läs­si­gen Kampf gegen Windmühlen und hier beson­ders auch um die Selbstfindung der Personen. Schön, wie es ihnen immer wie­der gelingt, nicht ‑wie in vie­len Sozialdramen- pla­ka­tiv zu typi­sie­ren, son­dern eine Vielschichtigkeit zu bewah­ren und dabei einen zärt­li­chen Blick auf ihre Protagonisten und ihre Welt zu wer­fen, nicht aber auf die Verhältnisse, in denen sie leben müssen.

Es ist immer wie­der beein­dru­ckend, mit wel­cher Souveränität und schnör­kel­lo­sen Klarheit es den Brüdern Jean-Pierre und Luc Dardenne gelingt, das jewei­li­ge Milieu ihrer Filme und die mora­li­schen Konflikte ihrer Figuren in der Exposition zu kon­tu­rie­ren.“ (Filmdienst)

 

La fil­le inconnu
Belgien / Frankreich 2016, 106 Min., frz. OmU

Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
Kamera: Alain Marcoen
Schnitt: Marie-Hélène Dozo
Darsteller: Adèle Haenel, Fabrizio Rongione, Thomas Doret, Morgan Marinne, Christelle Cornil