Becoming Animal

Ein Film von Emma Davie & Peter Mett­ler. Ab 29.8. im fsk.

[Credits] [Ter­mi­ne] [Trai­ler]

David Abrams Buch „The Spell of the Sen­suous. Per­cep­ti­on and Lan­guage in a More-Than-Human World“, 1996 im ame­ri­ka­ni­schen Ori­gi­nal, erst 2012 auf Deutsch unter dem Titel „Im Bann der sinn­li­chen Natur. Die Kunst der Wahr­neh­mung und die mehr-als-mensch­li­che Welt“ gilt als Schlüs­sel­werk für die moder­ne Öko­lo­gie­be­we­gung. Stark beein­flusst von der so genann­ten Gaia-Hypo­the­se, die pos­tu­liert, dass die Erde, die Men­schen, die Natur, die gesam­te Bio­sphä­re als ein ver­bun­de­nes Lebe­we­sen betrach­tet wer­den müs­se, um die Kom­ple­xi­tät unse­rer Welt begrei­fen zu kön­nen, befasst sich Abram mit dem Ver­hält­nis von Mensch und Natur.

Allein das hier zwei Begrif­fe neben­ein­an­der, viel­leicht auch gegen­ein­an­der ste­hen sieht Abram als Teil des Pro­blems, als Zei­chen für die zuneh­men­de Los­lö­sung des Men­schen von der Natur, einem Pro­zess, der in der Ent­wick­lung der Mensch­heit, vor allem durch die Ent­wick­lung der Spra­che, immer stär­ker wur­de. Und das bis vor weni­gen Jah­ren dazu führ­te, dass der Mensch und sei­ne Hand­lun­gen nicht als inte­gra­ler Teil der Bio­sphä­re betrach­tet wur­de, son­dern qua­si als blo­ßer Bewoh­ner und Nut­zer unse­res Pla­ne­ten, den er sich – ganz der Bibel fol­gend – über Jahr­hun­der­te unter­tan mach­te.

Dass die­se Aus­beu­tung der Res­sour­cen längst kata­stro­pha­le Aus­ma­ße ange­nom­men hat wird immer deut­li­cher, dem­entspre­chend wur­de vor eini­gen Jah­ren der Begriff des Anthro­po­zän geprägt, der das gegen­wär­ti­ge Erd­zeit­al­ter beschreibt, eine Ära, in der der Mensch mehr Ein­fluss auf die Erde ein­nimmt als die Natur selbst.

Kann die­se Ent­wick­lung gestoppt oder gar rück­gän­gig gemacht wer­den? Das ist eine der vie­len Fra­gen, die lose durch den Essay­film der Schot­tin Emma Davie und des Schweiz-Kana­di­ers Peter Mett­ler schwe­ben, wäh­rend sie mit Abram durch die Natur strei­fen. Gedreht wur­de aus­schließ­lich im Grand Teton Natio­nal Park im ame­ri­ka­ni­schen Bun­des­staat Wyo­ming, einem der kom­ple­xes­ten und best­erhal­tends­ten Öko­sys­te­me der Erde. Hier sucht Abram die Nähe zur Natur, lauscht den Lau­ten der Tie­re eben­so wie dem Rau­schen der Flüs­se oder dem Rascheln der Blät­ter.

Ein wenig eso­te­risch mag das auf den ers­ten Blick wir­ken, doch Abrams Gedan­ken sind weit­aus kom­ple­xer. Von der distan­zie­ren­den Wir­kung der Spra­che spricht er etwa oft, davon, wie Begrif­fe Dif­fe­ren­zen erzeu­gen, die im Lau­fe der Zeit dazu füh­ren, dass sich etwa der Mensch von der Natur zuneh­mend ent­frem­de­te. Par­al­lel dazu ging im Zuge der zuneh­men­den Indus­tria­li­sie­rung und Tech­no­lo­gi­sie­rung der Welt auch ein Gespür für die Natur ver­lo­ren, ein Wis­sen um die Kreis­läu­fe der Natur, die wech­sel­sei­ti­ge Beein­flus­sung von Mensch, Tie­ren und Natur.

Die­ses Gespür wie­der­zu­fin­den ist ein eben­so heh­res wie not­wen­di­ges Ziel, will die Mensch­heit noch auf abseh­ba­re Zeit auf der Erde leben. Alar­mis­tisch ist „Beco­m­ing Ani­mal“ den­noch in kei­ner Wei­se, statt des­sen eine medi­ta­ti­ve, betont zurück­hal­ten­de, mäan­dern­de Annä­he­rung an ein weit­rei­chen­des The­ma. Ein klu­ger Film, der nicht so tut als gäbe es auf die drän­gen­den The­men unse­rer Zeit kla­re, ein­fa­che Ant­wor­ten, son­dern es schafft, kom­ple­xe Gedan­ken greif­bar zu machen.

Micha­el Meyns | programmkino.de

 
Credits:

CH/CA/GB 2018, 78 Min., engl. OmU
Regie: Emma Davie & Peter Mett­ler
Kame­ra: Peter Mett­ler

Ter­mi­ne:

Sa., 31. Aug.:So., 1. Sep.: