Der Eröffnungsfilm des letzten Afrikamera-Filmfestivals hat viele überraschende Aspekte, ohne Wundertüte zu sein. Trotz Bürgerkrieg und prekärem Leben im Postkolonialismus geht es ruhig zu, die Sprache ist einfach und der Ton lakonisch. Die drei Mitglieder einer unfreiwilligen Patchworkfamilie im Dorf Paradise in Somalia haben ihre eigenen Sorgen. Mamargades Job als traditioneller Leichenbestatter wird bald von Maschinen übernommen, seine Schwester Araweelo lebt in Scheidung und muss sich neu orientieren, und Ziehsohn Cigaal wird wegen Lehrermangels aufs Internat geschickt, was er nicht will, und wofür auch eigentlich kein Geld da ist. Der somalisch-österreichische Drehbuchautor und Regisseur Mo Harawe liefert mit seinem Debütfilm einen seltenen Einblick in ein Land, das kaum je auf der großen Leinwand zu sehen ist. „Doch trotz der zahlreichen persönlichen Rückschläge, die Harawe fast nebenbei in einen größeren, politischen Kontext einbettet, ist The Village Next to Paradise keine Leidenspassion. Bild und Ton streben dem entgegen: Die Primärfarben leuchten vor dem sandigen Hintergrund, Musik wird in Form von Liedern aus der Region sehr gezielt eingesetzt. … Weltkino im besten Sinn. Harawe gibt Einblicke in das Leben in einer Gegend, das so bislang kaum zu sehen war. Das gelingt ihm ohne Ausstellen von Fremdheit, Elend oder Sentimentalität. Fast sind seine Charaktere zu resilient für das Leben in einer Wirklichkeit, in der eine Frau Worte sagen kann wie: ‚Es hat keinen Sinn, Kinder zu bekommen. Sie haben keine Zukunft und sterben jung.‘“ Valerie Dirk, Der Standard
THE VILLAGENEXTTOPARADISE ist der erste somalische Film, der jemals in der prestigeträchtigen Sektion „Un Certain Regard“ in Cannes gezeigt wurde.
Credits:
DE/FR/AU/SO 2024, 133 Min., Somali OmU Regie: Mo Harawe Kamera: Mostafa El Kashef Schnitt: Joana Scrinzi, aea mit Ahmed Ali Farah, Anab Ahmed Ibrahim, Ahmed Mohamud Saleban
Ein Fotofilm, montiert aus tausenden Aufnahmen der Fotografin Libuše Jarcovjáková, unterlegt mit Texten aus ihren Tagebüchern. Das Kaleidoskop eines erfüllten Lebens, hart und unerbittlich abgerungen und erkämpft, was möglich schien. Ohne sich zu schonen, um aus dem Vollen schöpfen zu können. All das ist in den schwarz/weißen Momentaufnahmen greifbar und spürbar. Dem Grau des real existierenden Sozialismus und der Depression nach der Niederschlagung des Prager Frühlings entflieht die Fotografin in die Ritzen, die es damals zumindest in Prag gab. Weil ihre Eltern als unzuverlässig galten, wurde Libuše Jarcovjáková lange das Studium an der Kunstschule versperrt, sie musste sich erst als Arbeiterin bewähren. Schichten in einer Druckerei, dort arbeiten/saufen/schlafen. In Kneipen leben, lange in der einzigen Schwulenbar am Ort. Sprachkurse für vietnamesische Vertragsarbeiter, nackig daheim mit Freunden und noch ein paar Gläser mehr. Die Kamera erlebt alles mit, sachlich, neutral und grobkörnig. Durch einen Zufall kommt sie nach Japan und wird Modefotografin, denn das Leben schreibt die schlechtesten Drehbücher. Dabei wird sichtbar, über welch vielseitiges Repertoire sie verfügt. Aber geleckte Modeaufnahmen liegen ihr eben nicht und sie fährt zurück. Zu Prag und Tokio gesellt sich schließlich West-Berlin, der surreale Ort, der von Oktober bis April ausschließlich in Grautönen existierte. Libuše Jarcovjáková arbeitet hier u.a. als Zimmermädchen, denn als Künstlerin entdeckt und anerkannt wird sie erst sehr spät. Noch bin ich nicht… ist ein wilder Bilderrausch aus der Untersicht, voller Empathie für die, die im Spiegelreflex strahlen. In welcher Welt lebe ich? Wer bin ich? Wie möchte ich leben? Aus Libuše Jarcovjákovás Werk von zehntausenden Negativen und dutzenden Tagebüchern hat die tschechische Regisseurin Klára Tasovská einen poetischen Filmessay montiert. Noch bin ich nicht, wer ich sein möchte erzählt von einem besonderen Künstlerinnenleben und einer bewegenden Reise in die Freiheit, die sich über sechs Jahrzehnte spannt und von der sowjetisch „normalisierten“ ČSSR der späten 1960er und frühen 70er über das Ost-Berlin der 80er bis ins Prag nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und von heute führt.
Credits:
Ještě nejsem, kým chci být CZ/SK/AU 2024, 90 Min., tschechische Originalfassung mit deutschen Untertiteln Regie: Klára Tasovská Schnitt: Alexander Kashcheev
Trailer:
NOCHBINICHNICHT, WERICHSEINMÖCHTE Trailer Deutsch | German [HD]
Libuše Jarcovjáková documents her life with analogue photos and diary entries. Her Czechoslovakian homeland is in the repressive phase of “normalisation” after the suppression of the Prague Spring in 1968. The young photographer searches for islands of freedom in Prague as well as her sexual identity; her camera is her constant companion. One of these islands is the T‑Club, a meeting place for the queer scene. When a murder is committed and the police become interested in Libuše’s photos from the club, her personal journey of emancipation is abruptly cut short. She enters into a marriage of convenience and moves to West Berlin. But this new world is also filled with obstacles. Using the last of her money, she flies to Tokyo and, for a short time, becomes a sought-after fashion photographer there. Continuing to search for the life she wants to live, Libuše’s path leads her back to Prague via Berlin after the fall of the Iron Curtain. Using only photographs and the diary entries she reads out herself, the artist – together with the filmmaker – intimately relates her search for identity, everyday struggles, physicality, relationships and emotions
Credits:
Ještě nejsem, kým chci být CZ/SK/AU 2024, 90 Min., tschechische Originalfassung mit deutschen Untertiteln Regie: Klára Tasovská Schnitt: Alexander Kashcheev
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NOCHBINICHNICHT, WERICHSEINMÖCHTE Trailer Deutsch | German [HD]
Allein sitzt Benji (Kieran Culkin) am Flughafen in New York, inmitten von hektischen Reisenden scheint er ein Pol der Ruhe zu sein. Er wartet auf seinen Cousin David (Jesse Eisenberg), der die Idee zu einer Reise in die gemeinsame Vergangenheit gehabt hat. Beider Großmutter ist vor kurzem gestorben, ihr Erbe ermöglicht den Cousins, die sich einst Nahe standen, aber inzwischen nur noch wenig Kontakt haben, eine Reise nach Polen, in das Land ihrer Vorfahren.
Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges konnte ihre jüdische Großmutter fliehen, zurück in ihre Heimat reiste sie nie wieder. In Warschau schließen sich die Cousins einer Reisegruppe an, als deren Leiter James (Will Sharpe) fungiert, ein britischer Akademiker, der dementsprechend akademisch über die Orte des Grauens berichtet, die die Gruppe besucht.
Neben den Cousins nimmt unter anderem ein amerikanisches Ehepaar an der Reise in die Vergangenheit teil, aber auch ein Mann aus Ruanda, der den dortigen Genozid überlebte und danach zum Judaismus konvertierte. Gemeinsam reist die Gruppe durch das gegenwärtige Polen, in dem die Spuren der einst großen jüdischen Bevölkerung nur noch schwer zu finden sind, besuchen Monumente und Mahnmale und am Ende auch das Konzentrationslager Majdanek.
Ein klassisches erzählerisches Muster verwendet Jesse Eisenberg für seinen zweiten Spielfilm, das deutschen Zuschauern bekannt vorkommen mag: Erst vor wenigen Monaten lief Julia von Heinz „Treasure – Familie ist ein fremdes Land“ im Kino, in dem ebenfalls zwei Personen, dort ein Vater-Tochter Gespann, nach Polen reisen und sich auf die Spuren der Vergangenheit zu begeben. Im Gegensatz zu von Heinz ist Eisenberg allerdings selbst jüdischer Herkunft, hat Verwandte, die dem Holocaust entkamen, eine Großmutter, die aus Polen emigrierte.
Und er hat sich in den letzten Jahren, in zum Beispiel im Magazin The New Yorker erschienenen Texten, als pointierter, ironischer Beobachter erwiesen, der mit unterschwelligem Humor über existenzielles und allzu menschliches Verhalten schreibt. In seinem zweiten Film benutzt er nun eine einfache Road Movie-Struktur, auf deren Weg man den beiden scheinbar unterschiedlichen Cousins nahe kommt.
Besonders Kieran Culkin, der in den letzten Jahren vor allem durch die erfolgreiche Fernsehserie „Succession“ bekannt geworden ist, glänzt dabei als anfangs mit sich im reinen wirkender Mann, dessen Sorgen sich erst nach und nach offenbaren. Anstrengend wirkt dieser Benji oft, wenn er die Reisegruppe und ihren Leiter konfrontiert, scheinbare Wahrheiten in Frage stellt und dadurch der emotionalen Wahrheit viel näher kommt, als ihr akademischer Reiseleiter. Ganz beiläufig inszeniert Eisenberg die Reise, lässt die Dialoge und Situationen für sich stehen und erweist sich gerade durch diese Zurückhaltung als genauer Beobachter einer Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit.
Michael Meyns | programmkino.de
Credits:
US/PL 2024, 90 Min., engl. OmU Regie: Jesse Eisenberg Kamera: Michael Dymak Schnitt: Robert Nassau mit Jesse Eisenberg, Kieran Culkin, Will Sharpe, Jennifer Grey, Kurt Egyiawan, Liza Sadovy, Daniel Oreskes
A Real Pain follows mismatched cousins David and Benji who reunite for a tour through Poland to honor their beloved grandmother. The adventure takes a turn when the odd couple’s old tensions resurface against the backdrop of their family history.
Credits:
US/PL 2024, 90 Min., engl. OmU Regie: Jesse Eisenberg Kamera: Michael Dymak Schnitt: Robert Nassau mit Jesse Eisenberg, Kieran Culkin, Will Sharpe, Jennifer Grey, Kurt Egyiawan, Liza Sadovy, Daniel Oreskes
Trailer:
A REALPAIN | Official Teaser | Searchlight Pictures
Von 1905 bis 1982 lebte Henry Fonda, spielte in rund 80 Filmen mit, darunter einigen der größten Klassiker des amerikanischen Kinos: „Früchte des Zorns“, „Faustrecht der Prärie“, „Die 12 Geschworenen.“ Kaum jemand verkörperte dabei den einfachen Mann, den durchschnittlichen, aber ehrbaren Bürger so gut wie Henry Fonda, der sicher nicht zufällig im Lauf seiner Karriere immer wieder Präsidenten spielte, echte und fiktive: In „Der junge Mr. Lincoln“ verkörperte er den legendären Honest Abe, der Präsident, der zumindest auf dem Papier die Sklaverei beendete und sein Land durch den Bürgerkrieg führte, in „Angriffsziel Moskau“ einen namenlosen Präsidenten, der sein Land vor einem Nuklearkrieg bewahren will.
Wenn man mit dem amerikanischen, also mit dem Hollywood-Kino aufgewachsen ist, gerade als in den 60er oder 70er Jahren geborener, dann kam man an Henry Fonda nicht vorbei. So ging es auch dem österreichischen Filmwissenschaftler, langjährigem Leiter der Viennale und Direktor des österreichischen Filmmuseums Alexander Horwarth, der 1980, als sechzehnjähriger in Paris, Henry Fonda entdeckte. So erzählt es Horwarth in seinem essayistischen Dokumentarfilm „Henry Fonda for President“, der in losen, angenehm mäandernden Linien, um Henry Fonda, Hollywood und die amerikanische Gesellschaft kreist.
Und dabei auch weit in die Vergangenheit greift, den Henry Fondas Vorfahren kamen einst aus dem alten Europa in die neue Welt, siedelten in nur scheinbar unberührter Natur, folgten dem Versprechen des amerikanischen Traums. In Nebraska, einem jener Flächenstaaten, die kaum ein Tourist jemals besucht, wurde Henry Fonda geboren, fand seinen Weg nach Hollywood und verkörperte lange jenen typischen amerikanischen Jedermann, ehrbar und kritisch – und auch ein Mythos.
Anhand zahlreicher Filmausschnitte skizziert Horwarth, wie Hollywood und damit Amerika sich durch Typen wie Henry Fonda ein idealisiertes Ebenbild schuf, wie die Selbstwahrnehmung der USA, die sich gerne als ideale Demokratie sah, als Verfechter von Recht und Anstand, als sprichwörtliche Stadt auf dem Hügel, sich in der scheinbar unpolitischen Form des Hollywood-Kinos spiegelte, die dadurch als Propaganda für die USA auf den Leinwänden der Welt zu sehen war.
Im Laufe seiner Karriere wurde jedoch auch Fonda kritischer mit sich und seinem Land, vielleicht auch durch seine bedien Kinder Peter und Jane, die gleichzeitig Hollywood Royalty waren und doch auch zu Symbolen der Gegenkultur der 60er Jahre wurden: Peter durch seine Hauptrolle in „Easy Rider“, Jane durch ihren politischen Aktivismus, der ihr den despektierlichen Spitznamen Hanoi Jane einbrachte.
So beschreibt „Henry Fonda for President“ auf sehr persönliche Weise auch den Weg einer Entfremdung im Blick auf Amerika. Die Mythen, die gerade der klassische Western der 40er Jahre verbreitete, wurden spätestens mit dem Vietnamkrieg entlarvt. Das kurz danach mit Ronald Reagen tatsächlich ein Schauspieler Präsident wurde war Zufall, passt aber irgendwie auch in das Bild eines Landes, das sich zu gern im Glanz von Hollywood und des Showbusiness sonnte. Als einer der exponiertesten Vertreter dieser Welt fungierte über viele Jahrzehnte Henry Fonda, der allerdings selbstreflexiv genug war, um schon Ende der 60er Jahre im legendären Italo-Western „Spiel mir das Lied vom Tod“, einen der übelsten Killer der Filmgeschichte zu spielen: Als Frank konterkariert Fonda sein eigenes Image und ein bisschen auch das Bild, das Amerika gerne von sich selbst hat und tötet gleich in seiner ersten Szene ein Kind. Auch eine Methode den Mythos vom amerikanischen Traum zu beerdigen, was damals Sergio Leone so bildgewaltig tat und nun Alexander Horwarth in einem klugen, vielschichtigen Essayfilm.
Michael Meyns | programmkino.de
Credits:
AT/DE 2024, 184 Min., engl./dt. Originalfassung mit deutschen und englischen Untertiteln Regie: Alexander Horwath Kamera & Schnitt: Michael Palm
Trailer:
Henry Fonda for President (2024) | Trailer | Regie: Alexander Horwath
In 1980, two biographies cross paths in a Paris cinema: those of young cinema-goer Alexander Horwath and the actor Henry Fonda. Horwath recognised early on that the popular view of Fonda as a “typical American” and the “conscience of the USA” in his acting roles doesn’t paint the full picture. It is the more convoluted paths of Fonda’s biography and how he played roles and embodied attitudes extending beyond individual characters that truly interest Horwath. Thrillingly edited with Michael Palm, his essay film follows them across the history of film into an imaginary republic of places, times, characters: “The United States of Fonda”. Fonda becomes the link between an old and a new America, the thoughtful face of the alleged transition from the law of the jungle to civilisation as well as a critic of an American self-image that only serves itself. Paradoxically, it’s the magic of cinema invoked in the film that contributes to this (self-)disenchantment of America via its own specific techniques and the help of one of its greatest magicians. And in doing so creates a wonderfully complex cinematic memorial to both the USA and storyteller and actor Fonda – the president that never was.
Credits:
AT/DE 2024, 184 Min., engl./dt. Originalfassung mit deutschen und englischen Untertiteln Regie: Alexander Horwath Kamera & Schnitt: Michael Palm
Trailer:
Henry Fonda for President (2024) | Trailer | Regie: Alexander Horwath
„Während meiner Studienzeit sagte Mel Brooks einmal zu mir: „Eine gute Geschichte muss an einem kleben bleiben wie ein Topf Honig. Und wenn man sie nicht loswird, dann muss man sie erzählen. Und das wurde Poison für mich.“ so die eigentlich als Schauspielerin bekannte Regisseurin Desiree Nosbusch. Nachdem sie in dem international erfolgreichen Stück der niederländischen Dramaturgin Lot Vekemans am Theater die weibliche Rolle übernahm, blieb sie genau daran kleben. Jahre später ergab sich die Möglichkeit der Verfilmung dieser Geschichte, die alles hat, „was eine gute Geschichte braucht: Verlust, Trauer, Sucht, Einsamkeit, Liebe, Schuld, Rache, Engagement, Hoffnung und Erlösung – sie stellt all‘ die großen Fragen, die wir im Leben haben.“ Zwei Menschen, die, erst ein Kind verloren haben, dann sich selbst und dann einander‘ wie Lucas im Film sagt, treffen sich nach zehn Jahren erstmals wieder, auf dem Friedhof, wo der Sohn begraben liegt. Er, Lucas, hat inzwischen eine neue Beziehung, für sie, Edith, ist das Trauern auch nach so vielen Jahren noch essenziell. Es ist ein herausforderndes Zwei-Personen-Spiel, das alle Beteiligten vor und hinter der Kamera zu einem weniger spektakulären als intensivem Ereignis machen. Tim Roth als Lucas hält sich diesmal mit der bekannten ausgeprägten Mimik zurück, Trine Dyrholm zeigt mit Edith, dass sie auch andere als beherrschte und rational agierende Frauen geben kann. Zwischen Vorwürfen und Anklagen, Gefühlsausbrüchen und Entschuldigungen, Vorsicht, Distanz und Annäherung wird die einstige Verbindung zwischen beiden immer wieder sichtbar, aber auch die unüberwindbar scheinenden Hürden, die daran hindern, das schreckliche Ereignis gemeinsam zu verarbeiten. Ausgezeichnet auf dem 26. Film by the Sea Festival im niederländischen Vlissingen mit dem Film & Literature Award, gewann Poison außerem auf dem 36. Galway Film Fleadh den Peripheral Vision Award.
Once married to each other, Lucas and Edith have been estranged for ten years, ever since Lucas left. At Edith’s request, they meet at the cemetery where their only child is buried. During a long wait, their conversation progresses, revisiting their shared past and raising new prospects for their future. .
Dies ist kein Spoiler: ein smarter junger Mann, bei einem Mordprozess zum Geschworenen (genau, #2) ernannt, erkennt bei der Anklageverlesung, dass er für den Tod der Frau, der hier verhandelt wird, unwissentlich verantwortlich ist. Hat man diesen Zufall erst mal geschluckt, kann man sich an einem soliden, verzwicktem und packendem Gerichtsthriller erfreuen. Justin, dessen Frau Ally nach einer Risikoschwangerschaft kurz vor der Geburt steht, wird trotzdem nicht von der Juroren-Pflicht entbunden. Der Angeklagte im zu verhandelnden Fall der toten Kendall Carter ist ihr Freund, bekannt als gewalttätig, und in den Augen der meisten Geschworenen „White Trash“. Justin, der an dem regnerischen Abend mit dem Auto unterwegs war und, wie er damals glaubte, ein Reh angefahren hatte, erkennt sofort den tragischen Zusammenhang. Aus erst später nachvollziehbaren Gründen kann er aber nicht mehr die Wahrheit sagen. So bleibt ihm nur, die von der Schuld des Angeklagten überzeugten Mitgeschworenen, die alle das Ganze schnell hinter sich bringen und nach Hause wollen, umzustimmen. Das erinnert natürlich an Sidney Lumets Die zwölf Geschworenen, vor allem auch an den, heutigen Gegebenheiten angepassten, gruppendynamischem Prozess, wird aber u.a. durch den Umstand getoppt, dass Justin sich auf einen schmalen Grad begibt – er darf schließlich nicht ins Visier geraten. In den hervorragend besetzten Hauptrollen sehen wir Nicholas Hoult als seinen inneren Zwiespalt bekämpfenden Justin Kemp und Toni Colette als ehrgeizige Staatsanwältin mit dem bemerkenswerten Namen Faith Killebrew. Es ist der erste Film, in dem beide seit der Nick-Hornby-Verfilmung About a Boy (2001, mit dem gerade neu auferstandenen Hugh Grant) zusammen agieren. Die Nebenrolle der toten Kendell Carter besetze Eastwood übrigens mit seiner Tochter Francesca. „Dieser Film ist bei weitem stärker als die beiden letzten, und wenn sich herausstellt, dass es sein letzter Film als Regisseur ist, wie gemunkelt wird, dann tritt er mit einem Knall ab“ Manohla Dargis | New York Times
Credits:
US 2024, 114 Min., engl. OmU Regie: Clint Eastwood Kamera: Yves Bélanger Schnitt: Joel Cox, David Cox mit: Nicholas Hoult, Toni Collette, J.K. Simmons, Zoey Deutch, Kiefer Sutherland, Francesca Eastwood, Chris Messina
Family man Justin Kemp who, while serving as a juror in a high profile murder trial, finds himself struggling with a serious moral dilemma…one he could use to sway the jury verdict and potentially convict-or free-the wrong killer.
Credits:
US 2024, 114 Min., engl. OmU Regie: Clint Eastwood Kamera: Yves Bélanger Schnitt: Joel Cox, David Cox mit: Nicholas Hoult, Toni Collette, J.K. Simmons, Zoey Deutch, Kiefer Sutherland, Francesca Eastwood, Chris Messina
Im Grunde ist dieser Film eine Zumutung: Er ist lang, schnell und wütend, und er enthält eine Überfülle an Informationen. Mit einer unglaublich umfangreichen Materialsammlung aus Film- und Fernsehbildern, Reportagen, mit geschichtlichem und geopolitischem Hintergrundwissen gelingt hier eine Verdichtung der sechs Monate von der Unabhängigkeit Kongos von Belgien bis zur Ermordung des ersten Ministerpräsidenten der Demokratischen Republik Kongo, Patrice Lumumba. Im Zuge der Dekolonisierung wuchs die Zahl der Mitgliedsstaaten der UN Anfang der 1960er Jahre schnell aufs dreifache an, wodurch ein Machtverlust der bisherigen Mitglieder drohte. Viele der neuen Staaten wurden von sozialistischen Regimen unterstützt, was die westliche Seite nicht hinnehmen konnte, zumal wertvolle Bodenschätze zur Disposition standen. Anhand rasanter Bild- und Tonmontagen führt Johan Grimonprez eine hochinteressante strategische Antwort der USA vor. Ein beeindruckendes und spannendes Werk, aufwühlend und leider immer noch aktuell.
„Dieser detailreiche und faszinierende Film springt zwischen Zeitebenen und Kontinenten hin und her. Er zeigt, wie die CIA unwissende Jazzmusiker (z. B. Louis Armstrong) als Ablenkungsmanöver einsetzt, um ihre politischen Einmischungen in verschiedenen Ländern zu verschleiern. Es geht um die unglaubliche Andrée Blouin – Frauenrechtsaktivistin, Lumumbas Beraterin und Redenschreiberin … .Es gibt Werbeeinblendungen für iPhones und Teslas, die zeigen, wie die Bodenschätze der Demokratischen Republik Kongo das Land zu einem begehrten Ziel für die Kolonialmächte machten, und die die Vergangenheit mit der aktuellen Geschichte verknüpfen. Informativ, gründlich recherchiert, aber nie trocken oder didaktisch, ist dies eine phänomenale Leistung von Grimonprez, der auch sein eigenes Land für seine beschämende Rolle in dieser traurigen Geschichte zur Rechenschaft zieht.“ Wendy Ide | The Guardian
Credits:
BE/FR/NL 2024, 150 Min., engl., frz. OmU,
Regie: Johan Grimonprez Schnitt: Rik Chaubet
mit: Patrice Lumumba, Louis Armstrong, Andrée Blouin, Nina Simone, Nikita Krutschev, Eisenhower, Fidel Castro, Duke Elligton
Artist Johan Grimonprez’s new film essay stems from detailed research about some of the machinations the Western colonial powers, such as his native Belgium or the US, came up with to undermine the African decolonization movement. It specifically reexamines the Democratic Republic of the Congo (then Zaire) and its struggle for independence in the context of the CIA’s history of arts patronage, telling how the US Foreign Intelligence agency sent Louis Armstrong as a jazz ambassador to distract from their involvement in the assassination of newly elected Prime Minister Patrice Lumumba. Nina Simone was sent on a similar tour of Nigeria by a CIA front organization, yet other jazz greats got involved less unwittingly. Dizzy Gillespie briefly ran for president in 1964 and promised that the White House would be renamed the Blues House, while Abbey Lincoln and Max Roach crashed the UN Security Council to protest Lumumba’s assassination. Both a historical pamphlet and a swinging musical composition, SOUNDTRACKTO A COUP D’ETAT unfolds like a record’s extensive sleeve notes, as the jazz sounds propel and carry along facts, figures and footnotes of major and minor histories with them at dizzying speed. (Antoine Thirion)
Credits:
BE/FR/NL 2024, 150 Min., engl., frz. OmU,
Regie: Johan Grimonprez,
mit: Patrice Lumumba, Louis Armstrong, Andrée Blouin, Nina Simone, Nikita Krutschev, Eisenhower, Fidel Castro, Duke Elligton
Im Jahr 1968 verwandelt sich ein Klassenzimmer eines Münchner Mädchengymnasiums unter Leitung des jungen Edgar Reitz in ein Filmstudio. Die Filmstunde beginnt: der erste in der Filmgeschichte dokumentierte Versuch, Filmästhetik als eigenständiges Fach zu unterrichten. 2023 wird Edgar Reitz, mittlerweile weltberühmter Regisseur des Filmepos Heimat, von einer älteren Dame angesprochen, die sich als eine der damaligen Schülerinnen zu erkennen gibt. Sie verabreden ein Klassentreffen. Montiert aus einem Dokumentarfilm über das damalige Projekt, den Super-8-Filmen der Schülerinnen und dem gefilmten Wiedersehen im Jahr 2023, entsteht eine Art Langzeitbelichtung der letzten 55 Jahre Filmgeschichte. Zeigt sich die Persönlichkeit der Schülerinnen bereits in den Übungsfilmen? Und was sagen die Damen zur Filmkultur der Gegenwart? Filmstunde_23 ist eine Liebeserklärung an das Filmemachen.
Credits:
DE 2024, 89 Min., Regie: Jörg Adolph, Edgar Reitz Kamera: Matthias Reitz-Zausinger, Markus Schindler, Daniel Schönauer, Thomas Mauch (1968), Dedo Weigert (1968) Schnitt: Jörg Adolph, Anja Pohl
In 1968, a classroom in a girls’ high school in Munich is transformed into a film studio under the direction of the young Edgar Reitz. The film lesson begins: the first documented attempt in cinema history to teach film aesthetics as a stand-alone subject. In 2023, Edgar Reitz, now world-famous as the director of the film epic Heimat, is approached by an elderly woman who identifies herself as one of his pupils from 1968. The two arrange a class reunion. Compiled from a documentary made about the project at the time, the Super 8 films shot by the pupils and the filmed reunion in 2023, a kind of long exposure of the last 55 years of film history is created. Are the personalities of the pupils already evident in the exercise films? And what do the women have to say now about contemporary film culture? Filmstunde_23 is a declaration of love for filmmaking.
Credits:
DE 2024, 89 Min., Regie: Jörg Adolph, Edgar Reitz Kamera: Matthias Reitz-Zausinger, Markus Schindler, Daniel Schönauer, Thomas Mauch (1968), Dedo Weigert (1968) Schnitt: Jörg Adolph, Anja Pohl
Anlässlich der Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie bieten wir allen kurz vorm Höhepunkt der Feierlichkeiten eine Erholungspause vom Weihnachtstrubel an: Nan Goldin ist keine gewöhnliche Künstlerin. Für die renommierte Fotografin verschmelzen Privatleben und Beruf vollständig – auf ihrem Lebensweg porträtiert sie die Menschen, die sie auf diesem begleiten. Goldin trifft in diesem Dokumentarfilm unter Anderem alte Freunde, und erzählt von ihren wilden Jahren in Berlin, ihrer Familie und ihrer Sammel-Leidenschaft religiös konnotierter Kunst. Der Film von Sabine Lidl entstand bereits 2013, vor Goldins Oxycodon-Abhängigkeit, die im Film All the Beauty and the Bloodshed thematisiert wird, und ist nun erstmals regulär im Kino zu entdecken.
Credits:
DE 2023, 62 Min., engl. OmU Regie & Kamera: Sabine Lidl Schnitt: Barbara Gies mit: Nan Goldin, Clemens Schick, Käthe Kruse, Joachim Sartorius, Piotr Nathan, Christine Fenzl, Guido Costa, Jack Ritchey, Thomas Dupal
“There is no separation between me and what I photograph.” Nan Goldin views her personal and professional lives as one inextricable whole.This world-famous photographer portrays people she comes across and those who accompany her through life to create intimate and candid visual testimonies of life.
Credits:
DE 2023, 62 Min., engl. OmU Regie & Kamera: Sabine Lidl Schnitt: Barbara Gies mit: Nan Goldin, Clemens Schick, Käthe Kruse, Joachim Sartorius, Piotr Nathan, Christine Fenzl, Guido Costa, Jack Ritchey, Thomas Dupal
„Jeder glaubt zu wissen, was Licht ist“, sagt der Quantenphysiker Daniele Faccio. „Aber dann gräbt man ein bisschen tiefer und merkt, dass man keine Ahnung hat.“ Tracing Light – Die Magie des Lichts erkundet in faszinierenden Bildern und Begegnungen das wohl bedeutendste aller Naturphänomene. Thomas Riedelsheimer, dessen Filme Rivers and Tidesund Touch The Soundwir lieben, blickt diesmal mehr als dort auch auf eine künstlerische Herangehensweise an das Wesen des Lichts, die mit der Forschung zusammengeht. So bringt er herausragende Wissen- schaftler:innen mit Künstler:innen zusammen, die mit Licht arbeiten, und sich fragen: Was ist Licht als Material? Wie verhält es sich in seiner rätselhaften Doppelgestalt als Welle und Teilchen? Verändert sich Licht, wenn wir es sehen? In welchem Verhältnis stehen Licht, Raum und Zeit? Wie prägt unsere Wahrnehmung des Lichts unser Verständnis der Welt? Im Zusammenspiel mit seinen charismatischen Protagonist:innen und der kongenialen Filmmusik von Fred Frith (nb – ab 6.3. als WA im Kino: Step across the Border) und Gabby Fluke-Mogul machen Thomas Riedelsheimers faszinierende Bilder das Licht in seinen unzähligen Facetten, Erscheinungen und Formen, in all seiner Komplexität erfahrbar. „Zwischen den Forscherinnen des Max-Planck-Instituts in Erlangen und der ’Extreme Light Group‚ der Universität Glasgow sowie international renommierten Künstlerinnen wie Ruth Jarman, Joe Gerhardt, Julie Brook, Johannes Brunner und Raimund Ritz entwickelt sich ein intellektuell-poetisches Pingpong-Spiel. In dessen Verlauf führen die verschiedenen Perspektiven auf das Thema Licht auf allen Seiten zu Erkenntnissen, die ohne dieses methodische Cross-over kaum entstanden wären: von Laserkraft und Farbpigmenten, von schwarzen Löchern und schwebenden Skulpturen. In kurzen Momenten mögen Unkundige sogar eine Vorstellung von den gemeinhin als nicht-darstellbar geltenden Regeln der Quantenphysik bekommen.“ Luc-Carolin Ziemann | Dok-Leipzig (Eröffnungsfilm 2024)
Credits:
DE/GB 2024, 99 Min., engl./dt. Originalfassung mit deutschen und englischen Untertiteln Regie, Kamera, Schnitt: Thomas Riedelsheimer Musik: Fred Frith, gabby fluke-mogul
Light is a fascinating phenomenon. Without light, there would be no cinema, no film – and no life. So light is at the origin of everything, and yet it remains invisible to the eye until it hits matter. This moment is – quite literally – the starting point of Thomas Riedelsheimer’s latest work, for the springtime spectacle of rainbow shreds in the cinematographer and documentary filmmaker’s flat became the starting point of a search for the origin of the images we form of this world. For this quest he dived deep into two spheres that seem to follow different laws but always strive to fathom the magical: physics and art. An intellectual and poetic ping pong game evolves between researchers from the Max Planck Institute in Erlangen and the “Extreme Light Group” of the University of Glasgow as well as internationally renowned artists such as Ruth Jarman, Joe Gerhardt, Julie Brook, Johannes Brunner and Raimund Ritz. In its course, the various perspectives on light lead to new insights on all sides that would hardly have been achieved without this methodical cross-over: about laser power and colour pigments, about black holes and floating sculptures. In brief moments, the uninitiated may even get some idea of the laws of quantum physics, generally considered impossible to visualise.
Luc-Carolin Ziemann
Credits:
DE/GB 2024, 99 Min., engl./dt. Originalfassung mit deutschen und englischen Untertiteln Regie, Kamera, Schnitt: Thomas Riedelsheimer Musik: Fred Frith, gabby fluke-mogul
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