PL 2022 R/B: Bartłomiej Żmuda 77 min, OmeU K: Michał Opala S: Rafał Stós & Agnieszka Kowalczyk M: Mikołaj Majkusiak
Es knirscht gewaltig zwischen dem Schriftsteller und Berufs-Provokateur Andrzej Rodan und seinem Sohn Paweł. Kein Wunder, schließlich verdient der überzeugte Atheist Andrzej seinen Lebensunterhalt mit Büchern, in denen er Kirche und Christentum angreift, während sein Sohn tief gläubig ist und seine berufliche Zukunft in der katholischen Kirche sieht. Dabei war es doch früher so idyllisch: Gemeinsam machten sie eine Tour durch die Vergnügungsparks Europas und kein Blatt Papier passte zwischen Vater und Sohn, wie eingeflochtene Videoband-Schnipsel bezeugen.
Einen letzten Versuch will Paweł noch wagen, um das zerrüttete Verhältnis wieder zu kitten. Dreißig Jahre später wollen sie sich noch einmal auf den Weg machen, zu zweit mit dem Auto quer durch Polen, und Orte besuchen, die für Paweł eine besondere spirituelle Bedeutung haben. Vielleicht gelingt es ja jemandem, im Kopf des Kirchenkritikers ein Körnchen Zweifel an seiner fundamentalen Ablehnung alles Spirituellen zu säen?
Schmerzhaft nah an den Helden dieses tragikomischen Dokumentar-Roadmovies schauen wir tief in die verwundeten Seelen zweier Menschen, die in ihren Ansichten gefestigt und doch unendlich unglücklich sind. Der Film erzählt von zerrissenen Familienbanden, der isolierenden Wirkung von Fanatismus und der verzweifelten Suche nach einer Basis für einen Dialog auf Augenhöhe. [Rainer Mende]
Bartłomiej Żmuda (geb. 1981 in Nysa) studierte Regie in Łódź. Nach Kurzfilmen, die international Beachtung fanden, arbeitet er momentan an seinem Langspielfilm-Debüt mit dem Arbeitstitel „Więcej“ (Mehr).
PL 2022 R: Grzegorz Mołda 81 min, OmeU B: Grzegorz Mołda & Monika Powalisz K: Constanze Schmitt S: Piasek & Wójcik D: Agnieszka Kryst, Michał Zieliński u.a.
Etwas verloren wirkt Karol so allein in der ziemlich leeren Wohnung. Aber er ist auch nicht freiwillig hier – er trägt eine elektronische Fußfessel und absolviert hier eine Art Training, um zu beweisen, dass er in der Lage ist, selbstständig und ohne Gesetzesübertretungen seinen Alltag zu bewältigen. Damit ihm das gelingt, steht ihm Marta als Betreuerin zur Seite. Sie kontrolliert die Abläufe, gibt Ratschläge und ordnet neue Übungen an. Beispielsweise soll Karol mit einer Babypuppe beweisen, dass er sich zuverlässig um ein Kind kümmern kann.
Aber im Gegensatz zu der Puppe ist Marta ein Mensch mit Gefühlen, der nicht immer berechenbar ist. Zwischen Kontrolleurin und Kontrolliertem entspinnt sich ein feines Netz aus Zwang, Abhängigkeit, Manipulation, Widerstand, Zu- und Abneigung. Damit spielt das formal enorm reduzierte und originell fotografierte, durch das herausragende Schauspieler*innen-Duo getragene Kammerspiel in bedächtigem Tempo im Kleinen das komplexe Verhältnis von Macht und Missbrauch durch. [Rainer Mende]
Grzegorz Mołda (geb. 1993 in Włoszczowa) studierte Regie an der Filmschule Gdynia. Nach seinem Abschlussfilm „Koniec widzenia / Time To Go“ (2017) und einigen Filmen der TV-Serie „Na sygnale“ war er 2022 beim Filmfestival in Gdynia nicht nur mit „Matecznik“ im Wettbewerb für Low-Budget-Filme, sondern auch mit dem Drama „Zadra“ im Spielfilm-Hauptwettbewerb vertreten.
PL/ITA/CZ 2021 R: Aga Woszczyńska 113 min, OmdU B: Aga Woszczyńska & Piotr Litwin K: Bartosz Świniarski S: Jarosław Kamiński M: Piotr Kurek D: Dobromir Dymecki, Agnieszka Żulewska, Jean-Marc Barr, Alma Jodorowsky, Marcello Romolo u. a.
Hell scheint die mediterrane Sonne vor wolkenlosem Himmel auf das gepflegte Ferienhaus, gleich nebenan glitzert azurblau das Meer – das perfekte Setting für einen entspannten Urlaub. Gut, der ausgetrocknete Pool müsste noch repariert werden. Aber das werde sofort gemacht, beteuert der Vermieter dem eigenartig unterkühlt wirkenden polnischen Paar, das sich an der Küste Sardiniens eingemietet hat.
Aber Kino wäre nicht Kino, wenn sich hinter dieser Traumkulisse nicht dunkle Geheimnisse verbergen würden. Denn die sardische Küste ist nicht nur Sehnsuchtsort vieler Urlauber*innen, sondern auch von Geflüchteten, die versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen und dort Fuß zu fassen. Die polnischen Urlauber*innen Anna und Adam – und nicht nur sie – verschließen davor die Augen, aber durch die Hintertür dringen die globalen Probleme in ihren Alltag und in ihr Unterbewusstsein ein.
In langen statischen Einstelllungen mit sehr dezentem Musikeinsatz, in denen viel geschwiegen bzw. verschwiegen wird, arbeitet sich die Regisseurin sehr behutsam in die Psyche der Hauptfiguren (Dobromir Dymecki und Agnieszka Żulewska mit gekonntem Underacting) vor. Woszczyńska verknüpft geschickt ein Psycho-Kammerspiel mit zeitpolitischen Fragen, ohne dass eines der Themen in die zweite Reihe gedrängt wird. [Rainer Mende]
Aga Woszczyńska (geb. 1984 in Lódź) studierte Regie an der Filmhochschule ihrer Geburtsstadt. Während ihres Studium drehte sie sieben kurze Spielfilme, u. a. das preisgekrönte Drama „Fragmenty“ (2014), bevor sie mit „Cicha ziemia“ ihren ersten Langfilm in die Kinos brachte und auf Festivals mehrere Preise errang.
PL/FRA/CH 2022 R/B: Anna Jadowska 97 min, OmeU K: Ita Zbroniec-Zajt S: Piotr Kmiecik & Julia Gregory M: Katharina Nuttall D: Dorota Pomykała, Bogdan Koca, Adam Bobik u. a.
Zwei Jahre Arbeit in der Geburtsstation hat die Ärztin Mira noch vor sich, dann ist die ersehnte Rente erreicht. Ihr Gehalt ist zwar nicht üppig, reicht aber für die kleine Block-Wohnung in der Provinzstadt und die dreiköpfige Familie – theoretisch, denn heimlich hat sie ihrer Schwester viel Geld geborgt, Kredite aufgenommen und kommt nun mit der Tilgung nicht mehr hinterher. Als die Lage aussichtslos wird, reagiert sie so verzweifelt wie ungeschickt: Sie versucht eine Bank zu überfallen, was gründlich schief geht. Aber anstatt sich ihren Verwandten anzuvertrauen, frisst sie den Kummer in sich hinein, bis sie auf dem titelgebenden Dach steht und vor sich nur noch den Abgrund sieht.
Wie schon in ihrem Drama „Dzikie róże / Wild Roses“ (2017) gelingt es Jadowska virtuos, weit ab von marktschreierischen Effekten mit kleinen Schritten ein Psycho-Porträt zu entwerfen, in dem das Verschwiegene schwerer wiegt als das Gesagte. Ihr größter Trumpf ist dabei Dorota Pomykała, die als verzweifelte Anti-Heldin sowohl das Kinopublikum als auch Festival-Jurys überzeugen konnte. In einem sehr breiten Bildformat mit hell und kühl ausgeleuchteten Szenen beherrscht sie ohne musikalische Unterstützung souverän die Leinwand. [Rainer Mende]
Anna Jadowska (geb. 1973 in Oleśnica) studierte Polonistik in Wrocław und Regie in Łódź. Als Regisseurin arbeitete sie für populäre TV-Serien wie „M jak miłość“ oder „Na dobre i na złe“. Als Autorenfilmerin drehte sie Dokumentar- und Spielfilme, wobei sie das mit zahlreichen Preisen (u. a. beim FilmFestival Cottbus) ausgezeichnete Drama „Dzikie róże / Wild Roses“ (2017) international bekannt machte.
PL 2021 R/B: Tomasz Habowski 90 min, OmdU K: Weronika Bilska S: Patrycja Piróg M: Kamil Kryszak D: Tomasz Włosok, Justyna Święs, Andrzej Grabowski, Patrycja Volny u. a.
GAST: Tomasz Habowski
Der junge Komponist Robert leidet etwas unter seinem dominanten Vater, der als Theater-Star erwartet, dass auch sein Sohn irgendwann mit seiner Kunst groß rauskommt. Aber im Grunde führt Robert ein behütetes Leben ohne den Druck, etwas veröffentlichen zu müssen, damit die Miete bezahlt werden kann. Ganz anders geht es Alicja, die als Kellnerin schuften muss, um über die Runden zu kommen. Dabei kann sie – das hört Robert sofort – fantastisch singen, und zwar ihre eigenen Lieder.
Alicja lässt sich nach einigem Zögern davon überzeugen, Probe-Aufnahmen zu machen und ihre Kompositionen arrangieren zu lassen. Aber auf keinen Fall will sie sich von Robert oder irgendeinem Produzenten zu einem Pop-Sternchen zurechtstutzen lassen – sie weigert sich stur, ihre Lieder zu veröffentlichen oder live zu spielen. Robert findet heimlich eine Plattenfirma, die an dem Material interessiert ist und es groß herausbringen will – aber ohne Alicja.
In reduzierten Schwarz-Weiß-Bildern mit bunten Einsprengseln aus dem Smartphone-Display, perfekt in Szene gesetzt von Kamerafrau Weronika Bilska, entwickelt sich ein Kammerspiel um Ambitionen, Ängste, Loyalität, Prinzipientreue und die Kraft der Musik. Getragen wird es vor allem von der Darstellerin der Alicja – Justyna Święs ist nicht nur Schauspielerin, sondern vor allem Sängerin des erfolgreichen Pop-Duos The Dumplings und als zurückhaltender musikalischer Rohdiamant eine Traumbesetzung. [Rainer Mende]
Tomasz Habowski (geb. 1988) ist seit 2019 Drehbuchautor für die Daily Soap „Na Wspólnej“ – dem polnischen Pendant von „Unter uns“ – und war an der zweiten Staffel der Netflix-Serie „Sexify“ beteiligt. „Piosenki o miłości“ ist sein Regie-Debüt.
PL 2022 R/B: Łukasz Kowalski 81 min, OmdU K: Stanisław Cuske S: Adriana Fernández Castellanos, Filip Kowalski, Jakub Darewski & Kosma Kowalczyk M: Krzysztof Aleksander Janczak
Das Zweckgebäude, das etwas abseits in der polnischen Industriestadt Bytom steht, könnte man leicht übersehen. Beide hatten schon bessere Zeiten. Doch aus diesem eckigen Kasten mit ergrautem Putz scheint ein Licht, denn hinter den Mauern befindet sich nicht nur ein Gebrauchtwarenladen, sondern eine Art soziokulturelles Zentrum.
Die Betreiber bekommen deutlich zu spüren, dass um sie herum vieles den Bach runtergeht. Obwohl ihre Waren nicht teuer sind, drehen viele Kund*innen vor dem Kauf jeden Złoty um, wollen lieber etwas verkaufen oder kommen eigentlich nur, um einen Schwatz zu halten und sich etwas aufzuwärmen. Selbst für die Beschäftigten ist die Arbeit im A & V mehr als nur ein Job. Aber die schillernden Betreiber Jola und Wiesiek sind nicht nur Seelsorger, sondern auch Geschäftsleute und müssen dafür sorgen, dass ihr Laden rentabel bleibt. Doch wie soll das funktionieren, wenn die Pläne groß, die Portemonnaies aber leer sind?
Kowalski ist mit seinem Debüt eine feinfühlige Sozialstudie gelungen, die abwechselnd zu Tränen des Mitleids und der Freude rührt und dabei ihre schillernden Hauptfiguren zu keiner Sekunde der Lächerlichkeit preisgibt. [Rainer Mende]
Łukasz Kowalski debütierte mit „Lombard“ als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. Der Film gewann zahlreiche Preise auf Festivals, bevor er regulär in die polnischen Kinos kam.
PL/USA/GB 2022 R: Agnieszka Smoczyńska 113 min, engl. OV B: Andrea Seigel K: Jakub Kijowski S: Agnieszka Glińska M: Marcin Macuk & Zuzanna Wrońska D: Letitia Wright, Tamara Lawrance, Leah Mondesir-Simmonds, Eva-Arianna Baxter, Nadine Marshall, Treva Etienne u. a.
Die unzertrennlichen Zwillinge June und Jennifer Gibbons leben in den Siebzigerjahren mit ihren Eltern und Geschwistern in der walisischen Provinz. Die Familie kommt aus Barbados und die dunkelhäutigen Schülerinnen erleben den üblichen Alltagsrassismus, wachsen aber im Grunde behütet auf. Trotzdem passiert eines Tages das Unvorstellbare: Sie verstummen. Lehrer*innen, Ärzt*innen und Psycholog*innen mühen sich an ihnen ab, aber kein Wort kommt mehr über ihre Lippen. Einzelgespräche, Schulverweis, Hausunterricht – keine Maßnahme vermag es, sie wieder zum Sprechen zu bringen.
Doch hinter der Mauer des Schweigens verbirgt sich eine überbordende Fantasie. In den schützenden vier Wänden ihres kunterbunten Kinderzimmers entwerfen die Schwestern ihre eigene Welt aus Puppentheater, Radiosendungen, Liedern und Geschichten. Dort ist Sprache auch kein Hindernis, sie plaudern ununterbrochen miteinander – mehr noch, sie entwickeln literarische Ambitionen und beginnen, ihre Geschichten niederzuschreiben. Aus den Kindern werden Teenies, die sich von Abenteuern für ihre Texte inspirieren lassen – nicht immer in den Grenzen des Legalen und nach wie vor schweigend. Aus der Sicht der Gesellschaft sind solche Regelbrecherinnen nicht länger tragbar.
Agnieszka Smoczyńska versucht sich nicht an einer realistischen, historisch exakten Rekonstruktion der authentischen Geschichte, sondern lädt ein zu einer Achterbahnfahrt durch die Fantasie der Mädchen, die aus dem gesellschaftlichen Normkorsett ausbrechen. Mit übersprudelnden visuellen Einfällen, im Sound der Epoche und versetzt mit virtuosen Animationen von Barbara Rupik lernen wir das Paar vielleicht nicht zu verstehen, aber zumindest teilweise zu erfühlen. [Rainer Mende]
Agnieszka Smoczyńska (geb. 1978 in Wrocław) studierte Regie in Katowice und Warschau sowie Kulturwissenschaften in Wrocław. Neben Kurzfilmen, Arbeiten fürs Fernsehen und ihrem umjubelten Debüt „Córki dancingu“ (2015) drehte sie das Amnesie-Drama „Fuga / Fugue“ (2018). „The Silent Twins“ (2022) ist ihre erste fremdsprachige Produktion.
PL 2022 R/B: Damian Kocur 99 min, OmdU K: Tomasz Woźniczka S: Alan Zejer D: Tymoteusz Bies, Jacek Bies u. a.
Der Student Tymoteusz hat mit seinem Klavierspiel schon Preise gewonnen und es ins Fernsehen geschafft. Über den Sommer kehrt er in seine trostlose Heimatstadt zurück, wo seit seinem Weggang die Welt stehen geblieben zu sein scheint. Die alten Kumpels aus dem Block hängen immer noch in der Gegend herum, kiffen, trinken Dosenbier, labern viel, träumen von Abenteuern in der großen weiten Welt und kommen aus ihrem Viereck aus Badesee, Skatepark, Spielplatz und Dönerimbiss doch nicht heraus.
Auch Tymoteusz‘ Bruder Jacek gehört zur Clique – ebenfalls ein begabter Pianist, der aber seit einer missglückten Bewerbung das Klavier verstimmt einstauben lässt. Statt sich Hoffnungen und Träumen hinzugeben, versinkt er resigniert im provinziellen Sumpf aus Langeweile, Perspektivlosigkeit, Homophobie und plumpem Rassismus. Denn die Wut über das so früh gescheiterte Leben der Jugendlichen muss sich irgendwo entladen – warum nicht bei diesen fremden Typen, die so verdächtig verschlossenen einen Döner nach dem anderen zubereiten?
Wie eine Granate schlug der formal eigenständige, lose an zeithistorische Ereignisse anknüpfende Debüt-Langfilm in der polnischen Szene ein. Mit Fingerspitzengefühl, Präzision und stilistischem Selbstbewusstsein, die für einen Newcomer ungewöhnlich ausgereift sind, erzählt er scheinbar beiläufig eine semidokumentarische Geschichte in der Ästhetik eines frühen Andreas Dresden, die – ganz ohne Musik und virtuos im beengenden Seitenverhältnis 4:3 geschnitten – durch schmerzhafte Authentizität besticht. Denn die Laien-Darsteller*innen spielen sich selbst und ihre eigenen Geschichten. [Rainer Mende]
Damian Kocur (geb. 1983 in Katowice) studierte an der Schlesischen Universität Katowice. Als Regisseur veröffentlichte er acht teilweise preisgekrönte kurze Spiel- und Dokumentarfilme, bevor er mit „Chleb i sól“ einen Jurypreis beim Filmfestival von Venedig und zahlreiche weitere Preise gewann.
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Chleb i sól / Brot und Salz
PL 2022 R/B: Damian Kocur 99 min, OmdU K: Tomasz Woźniczka S: Alan Zejer D: Tymoteusz Bies, Jacek Bies u. a.
Der Student Tymoteusz hat mit seinem Klavierspiel schon Preise gewonnen und es ins Fernsehen geschafft. Über den Sommer kehrt er in seine trostlose Heimatstadt zurück, wo seit seinem Weggang die Welt stehen geblieben zu sein scheint. Die alten Kumpels aus dem Block hängen immer noch in der Gegend herum, kiffen, trinken Dosenbier, labern viel, träumen von Abenteuern in der großen weiten Welt und kommen aus ihrem Viereck aus Badesee, Skatepark, Spielplatz und Dönerimbiss doch nicht heraus.
Auch Tymoteusz‘ Bruder Jacek gehört zur Clique – ebenfalls ein begabter Pianist, der aber seit einer missglückten Bewerbung das Klavier verstimmt einstauben lässt. Statt sich Hoffnungen und Träumen hinzugeben, versinkt er resigniert im provinziellen Sumpf aus Langeweile, Perspektivlosigkeit, Homophobie und plumpem Rassismus. Denn die Wut über das so früh gescheiterte Leben der Jugendlichen muss sich irgendwo entladen – warum nicht bei diesen fremden Typen, die so verdächtig verschlossenen einen Döner nach dem anderen zubereiten?
Wie eine Granate schlug der formal eigenständige, lose an zeithistorische Ereignisse anknüpfende Debüt-Langfilm in der polnischen Szene ein. Mit Fingerspitzengefühl, Präzision und stilistischem Selbstbewusstsein, die für einen Newcomer ungewöhnlich ausgereift sind, erzählt er scheinbar beiläufig eine semidokumentarische Geschichte in der Ästhetik eines frühen Andreas Dresden, die – ganz ohne Musik und virtuos im beengenden Seitenverhältnis 4:3 geschnitten – durch schmerzhafte Authentizität besticht. Denn die Laien-Darsteller*innen spielen sich selbst und ihre eigenen Geschichten. [Rainer Mende]
Damian Kocur (geb. 1983 in Katowice) studierte an der Schlesischen Universität Katowice. Als Regisseur veröffentlichte er acht teilweise preisgekrönte kurze Spiel- und Dokumentarfilme, bevor er mit „Chleb i sól“ einen Jurypreis beim Filmfestival von Venedig und zahlreiche weitere Preise gewann.
PL/ITA/CZ 2021 R: Aga Woszczyńska 113 min, OmdU B: Aga Woszczyńska & Piotr Litwin K: Bartosz Świniarski S: Jarosław Kamiński M: Piotr Kurek D: Dobromir Dymecki, Agnieszka Żulewska, Jean-Marc Barr, Alma Jodorowsky, Marcello Romolo u. a.
Hell scheint die mediterrane Sonne vor wolkenlosem Himmel auf das gepflegte Ferienhaus, gleich nebenan glitzert azurblau das Meer – das perfekte Setting für einen entspannten Urlaub. Gut, der ausgetrocknete Pool müsste noch repariert werden. Aber das werde sofort gemacht, beteuert der Vermieter dem eigenartig unterkühlt wirkenden polnischen Paar, das sich an der Küste Sardiniens eingemietet hat.
Aber Kino wäre nicht Kino, wenn sich hinter dieser Traumkulisse nicht dunkle Geheimnisse verbergen würden. Denn die sardische Küste ist nicht nur Sehnsuchtsort vieler Urlauber*innen, sondern auch von Geflüchteten, die versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen und dort Fuß zu fassen. Die polnischen Urlauber*innen Anna und Adam – und nicht nur sie – verschließen davor die Augen, aber durch die Hintertür dringen die globalen Probleme in ihren Alltag und in ihr Unterbewusstsein ein.
In langen statischen Einstelllungen mit sehr dezentem Musikeinsatz, in denen viel geschwiegen bzw. verschwiegen wird, arbeitet sich die Regisseurin sehr behutsam in die Psyche der Hauptfiguren (Dobromir Dymecki und Agnieszka Żulewska mit gekonntem Underacting) vor. Woszczyńska verknüpft geschickt ein Psycho-Kammerspiel mit zeitpolitischen Fragen, ohne dass eines der Themen in die zweite Reihe gedrängt wird. [Rainer Mende]
Aga Woszczyńska (geb. 1984 in Lódź) studierte Regie an der Filmhochschule ihrer Geburtsstadt. Während ihres Studium drehte sie sieben kurze Spielfilme, u. a. das preisgekrönte Drama „Fragmenty“ (2014), bevor sie mit „Cicha ziemia“ ihren ersten Langfilm in die Kinos brachte und auf Festivals mehrere Preise errang.
PL 2021 R/B: Dorota Lamparska 102 min, OmeU K: Jolanta Dylewska S: Maciej Pawliński & Piotr Krygiel M: Ireneusz Wojtczak D: Wiktoria Gorodeckaja, Agnieszka Mandat, Jacek Braciak, Jowita Budnik, Monika Kwiatkowska, Jan Peszek u. a.
Es dauert eine Weile, bis Maria verstanden hat, was los ist. Warum muss auch unbedingt in dem Moment, in dem sie stirbt, die Brücke ins Jenseits bei einem Gewitter kaputtgehen und jetzt repariert werden?
Nun irrt sie erst einmal untot durch ihre einstige Welt und betrachtet eher trotzig-irritiert als neugierig, welche Lücken sie hinterlassen hat – und ob überhaupt. Denn Maria scheint – wie auch jetzt – eine eher kühle Person gewesen zu sein, die wenigen Menschen richtig nahestand. Jetzt muss sie feststellen, dass das Leben einfach ohne sie weitergeht, ohne große Aufregung.
Die Hauptdarstellerin Wiktoria Gorodeckaja erträgt mit bewundernswerter Souveränität und dezentem Underacting den permanenten Kamerablick (meisterhaft inszeniert von Jolanta Dylewska) auf ihr Gesicht, während um sie herum in überraschenden, gelegentlich ins Absurde kippenden Szenen eine Reihe schräger Figuren die Verstorbene zu dem Punkt geleitet, an dem sie sich ihrer Vergänglichkeit fügt. [Rainer Mende]
Dorota Lamparska studierte an der Wajda Film School in Warschau, der Schlesischen Universität Katowice der Filmhochschule Łódź und der Universität Gdańsk. Nach drei Kurzfilmen und mehreren Folgen der TV-Serie „Złotopolscy“ erschien ihr erster Langspielfilm „Przejście“.
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