Une jeunesse Allemande – Eine deutsche Jugend

Andreas Baader während der Stürmung des Abgeordnetenhauses Berlin (Quelle: RBB „Berliner Abendschau“, 15.9.1967)

ein Film von Jean-Gabriel Périot

Ende der Sech­zi­ger­jah­re lehn­te sich die Nach­kriegs­ge­ne­ra­ti­on in der Bun­des­re­pu­blik gegen ihre Eltern auf. Sie war des­il­lu­sio­niert von den anti­kom­mu­nis­ti­schen, kapi­ta­lis­ti­schen Staats­struk­tu­ren, in denen die Eli­te des tau­send­jäh­ri­gen Reichs, ume­ti­ket­tiert zu Demo­kra­ten, ihre Ver­bre­chen unter den Tep­pich gekehrt hat­te.

Zu die­ser Gene­ra­ti­on gehör­ten auch die Jour­na­lis­tin Ulri­ke Mein­hof, der Rechts­an­walt Hor­st Mah­ler, der Fil­me­ma­cher Hol­ger Meins, sowie die Stu­den­ten Gud­run Ens­s­lin und Andre­as Baa­der.
Der Pro­test gegen den Staat führ­te zur Grün­dung der Roten Armee Frak­ti­on (RAF). Hier wird von ihrem lang­sa­men Weg über die zuneh­men­de Poli­ti­sie­rung in den bewaff­ne­ten Wider­stand und die Reak­tio­nen der Bun­des­re­pu­blik dar­auf erzählt – ohne Kom­men­tar, aus­schließ­li­ch mit umfang­rei­chem Film- und Ton­ar­chiv­ma­te­ri­al. Jean-Gabriel Périot, der in sei­nen preis­ge­krön­ten Kurz­fil­men Archiv­bil­der auf­wen­dig zu poin­tier­ten Kom­men­ta­ren über Gewalt und Geschich­te kom­po­niert, prä­sen­tiert mit „
Une jeu­nesse alle­man­de“ sein Lang­film­de­büt.

Er doku­men­tiert die Ereig­nis­se, als eine gan­ze Gene­ra­ti­on von jun­gen Leu­ten gegen den Staat zu pro­tes­tie­ren begann und sich dar­aus eines der blu­tigs­ten Kapi­tel der deut­schen Nachkriegs- geschich­te ent­wi­ckel­te, weil die Reak­tio­nen des Staa­tes bzw. sei­ner aus dem Faschis­mus stam­men­den und auto­ri­tä­re Struk­tu­ren gewohn­ten Ver­tre­ter gewalt­tä­tig waren und Gegen­ge­walt pro­vo­zier­ten.

Gudrun Ensslin bei Filmaufnahmen zu „Das Abonnement“ von Ali Limonadi (Quelle: SWR „Der politische Film im Filmfestival“, 12.1.1968)

Gud­run Ens­s­lin bei Film­auf­nah­men zu „Das Abon­ne­ment“ von Ali Limo­na­di (Quel­le: SWR „Der poli­ti­sche Film im Film­fes­ti­val“, 12.1.1968)

Zudem eska­lier­te ein Krieg der Bil­der, mit Wider­hall im zeit­ge­nös­si­schen Film. Des­we­gen ent­hält Péri­ots Doku auch Spiel­film­sze­nen, etwa aus Michel­an­ge­lo Anto­nio­nis „Zab­ris­kie Point”, aber auch Tei­le des Gesprächs von Rainer-Werner Fass­bin­der mit sei­ner Mut­ter aus „Deutsch­land im Herbst“. Außer­dem wur­den Film­zi­ta­te aus Fil­men der ers­ten DFFB Gene­ra­ti­on ver­wen­det, zu der u.a. Hol­ger Meins und Harun Faro­cki gehör­ten.

Obwohl es ange­sichts der Mate­ri­al­fül­le gele­gent­li­ch etwas hol­pert, ist „Une Jeu­nesse Alle­man­de – Eine deut­sche Jugend“ sehens­wert, weil er die Not­wen­dig­keit der 68er doku­men­tiert, eine Aus­ein­an­der­set­zung mit der Kriegs­ge­ne­ra­ti­on zu for­cie­ren um demo­kra­ti­sche­re Ver­hält­nis­se in der BRD zu erkämp­fen.
„Mit mei­nem Film hole ich die Bil­der der Ver­gan­gen­heit in unse­re Gegen­wart und orga­ni­sie­re sie neu zu einer sub­jek­ti­ven Mon­ta­ge. Dabei inter­es­siert mich das, was über die offen­sicht­li­che Bot­schaft der Bil­der und Töne hin­aus­geht. Die Wider­sprü­che und die beson­de­re Prä­senz des Mate­ri­als – wie es mich bewegt und ver­stört.“
Jean-Gabriel Périot

Schweiz/Deutschland/Frankreich 2015, 93 Minu­ten, dt./frz. OmU
Regie, Buch, Schnitt: Jean-Gabriel Périot

Ver­leih­sei­te
Ber­li­na­le