Nachbarn

Ein Film von Mano Khalil. Ab 13.10. im fsk. 

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Auf der Basis eige­ner Kindheitserinnerungen hat Mano Khalil einen Film über das Aufwachsen in der Assad-Diktatur der 1980er-Jahre gedreht. Nach „Der Imker“ und „Die Schwalbe“ the­ma­ti­siert der syrisch-kur­di­sche Autor und Regisseur mit „Nachbarn“ aber­mals sei­ne kul­tu­rel­le Herkunft – und beweist erneut Gespür für eine leben­di­ge Mileudarstellung.

Anfang der 1980er-Jahre lebt der sechs­jäh­ri­ge Sero in einem Dorf an der syrisch-tür­ki­schen Grenze, wo Kurden, Araber und Juden nah bei­ein­an­der sie­deln. Vor dem ers­ten Schultag des kur­di­schen Jungen weht ein neu­er Wind im Grenzort. Ein regime­treu­er Lehrer aus Damaskus will die Dorfkinder „von der Dunkelheit der Unterentwicklung befrei­en“, sprich: sie auf die Diktatur unter Hafiz al-Assad ein­schwö­ren. Der unver­hoh­le­ne Nationalismus führt zu Konflikten, die Seros Kindheit zuneh­mend überschatten.

Der Filmemacher Mano Khalil lebt als Exil-Syrer in der Schweiz. Sein Drama „Nachbarn“ ist von eige­nen Kindheitserlebnissen inspi­riert. Dementsprechend ist der Film aus Seros Perspektive erzählt, der die Staatspropaganda als Kind mit­er­lebt. Plötzlich ist die lang­jäh­ri­ge Freundschaft zwi­schen Seros Verwandten und der jüdi­schen Nachbarsfamilie ein Tabu – und Israel nur noch „die Entität, die unser Palästina gestoh­len hat“. Wo zuvor kind­li­che Streiche und die Vorfreude auf einen Fernseher den Alltag des Jungen präg­ten, herrscht nun Willkür.

Mano Khalil insze­niert den Stoff recht zurück­ge­nom­men als Erzählkino. Dialogreiche Episoden aus der Dorfgemeinschaft rei­ßen vie­le Aspekte an, wobei der zen­tra­le Protagonist Sero als emo­tio­na­ler Anker und Alter Ego des Regisseurs fun­giert. Im Grunde ist er ein gewöhn­li­cher Junge, dem ein Teil der Kindheit genom­men wird. Die Titelschrift ver­weist mit ihrem Stacheldraht-Layout auf den nahe gele­ge­nen Grenzzaun, der das Dorfleben ent­schei­dend prägt. Rund um die Einweihung der Stromleitungen, eine ver­bo­te­ne Liebe oder Konfrontationen mit den Grenzsoldaten ent­steht eine ein­gän­gi­ge Milieuschilderung.

Mit iro­ni­schen Zuspitzungen und dem trotz allem lebens­be­ja­hen­den Ton ähnelt „Nachbarn“ dem 2015 oscar­no­mi­nier­ten Drama „Timbuktu“. Nicht nur in der Baracke, die als Klassenraum dient, geht es oft absurd zu. Der Lehrer schürt fort­wäh­rend anti­jü­di­sche Ressentiments und gestat­tet im Unterricht aus­nahms­los Arabisch, obwohl eini­ge der Kinder nur Kurdisch spre­chen. Auch Sero ver­steht weder den Erzieher noch die Formeln aus dem neu ein­ge­führ­ten Fahnenappell. Kein Wunder, dass sei­ne Augen im Unterricht auf Halbmast hängen.

Die Stimmung kippt mit­un­ter schlag­ar­tig. So ist es amü­sant, wenn der Regierungsbeamte vol­ler Stolz eine Palme als Symbol der ara­bi­schen Nation ankar­ren lässt, obgleich der Boden dafür unge­eig­net ist. In einer Parallelszene spie­len die Kinder unter­des­sen mit einer Landmine – und schon regiert wie­der der Schrecken.

Christian Horn

Credits:

CH/FR 2021, 124 Min., kur­disch, hebrä­isch, ara­bische OmU
Regie & Buch: Mano Khalil
Kamera: Stéphane Kuthy
Schnitt: Thomas Bachmann
mit: Serhed Khalil, Jalal Altawil, Jay Abdo, Zîrek, Heval Naif, Tuna Dwek, Mazen Al Natour

Trailer:
NACHBARN – Trailer OV/df
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