Censored Voices

Ein Film von Mor Loushy. Ab 21. Juli im fsk.

1967 hat­te Israel im Sechstagekrieg die über­mäch­tig erschei­nen­de geg­ne­ri­sche Koalition besiegt und sein Territorium auf die drei­fa­che Größe aus­ge­dehnt. Das Land befand sich im Siegestaumel. Am Rand der all­ge­mei­nen Euphorie inter­view­te der Schriftsteller Amos Oz jun­ge Kibbuzniks, die gera­de vom Dienst an der Front zurück­ge­kehrt waren. Die Männer rede­ten offen über die Zerstörung, die Gräuel des Krieges und über ihre Ängste. Sie spra­chen über das Verhalten der israe­li­schen Truppen und waren dabei wesent­lich kri­ti­scher, als Oz erwar­tet hat­te.  Der Schriftsteller plan­te damals die Veröffentlichung der Interviews, doch es kam nicht dazu, weil der Großteil der Tonbänder von der israe­li­schen Armee zen­siert wur­de – bis heu­te.  Den noch exis­tie­ren­den Fragmenten der Originalaufnahmen wer­den Stimmen aus Nachrichtenarchiven und Bilder des Konfliktes gegen­über­ge­stellt, die das Gesagte in sei­ner Zeit ver­or­ten. Die ehe­ma­li­gen Soldaten sind heu­te Männer über 70, die ihre dama­li­gen Zweifel über die Opfer, die in die­sem Krieg für den Sieg erbracht wur­den, bewegt auf sich wir­ken las­sen. Ihre Stimmen konn­ten bis­lang nicht gehört wer­den – betref­fen sie doch den Staat Israel, wie wir ihn heu­te kennen.

In der Schule hör­ten wir sie häu­fig, die heroi­schen Legenden des 6‑Tage- Krieges. David gegen Goliath. Wir sind die Gerechten und haben die ara­bi­sche Welt, die uns im Meer ver­sen­ken woll­te, besiegt. Diese Erinnerung immer vor Augen mach­te unse­re Gesellschaft zu der, die sie heu­te ist. Aber damals, nur einen Monat nach dem gro­ßen Sieg, waren die Gefühle eigent­lich ande­re. Nur wur­den sie nie gehört. Sie wur­den zen­siert, demen­tiert und schließ­lich über die Jahre hin­weg ver­ges­sen. Jetzt, wo die Aufnahmen von damals wie­der zu hören sind, ent­steht ein kom­plett neu­es Bild. Ein „unge­schön­tes“, ein „ech­tes“, von einem Krieg, der so anders ver­lief als uns als Kindern bei­gebracht wur­de. Es ist ein trau­ri­ges Bild, ein tra­gi­sches. Und wäh­rend ich die­sen Stimmen lau­sche, stellt sich mir nur eine Frage: Wie wären wir als Gesellschaft gewor­den, wenn wir die­sen Stimmen Raum gege­ben hät­ten?“  Mor Loushy

Israel/ D  2015, 84 Min. · hebr. OmU 
Regie: Mor Loushy 
Buch: Mor Loushy, Daniel Sivan 
Kamera: Itai Raziel,  Avner Shahaf 
Schnitt: Daniel Sivan

Kategorie: archiv

  • Censored Voices

    Censored Voices

    Ein Film von Mor Loushy. Ab 21. Juli im fsk.

    1967 hat­te Israel im Sechstagekrieg die über­mäch­tig erschei­nen­de geg­ne­ri­sche Koalition besiegt und sein Territorium auf die drei­fa­che Größe aus­ge­dehnt. Das Land befand sich im Siegestaumel. Am Rand der all­ge­mei­nen Euphorie inter­view­te der Schriftsteller Amos Oz jun­ge Kibbuzniks, die gera­de vom Dienst an der Front zurück­ge­kehrt waren. Die Männer rede­ten offen über die Zerstörung, die Gräuel des Krieges und über ihre Ängste. Sie spra­chen über das Verhalten der israe­li­schen Truppen und waren dabei wesent­lich kri­ti­scher, als Oz erwar­tet hat­te.  Der Schriftsteller plan­te damals die Veröffentlichung der Interviews, doch es kam nicht dazu, weil der Großteil der Tonbänder von der israe­li­schen Armee zen­siert wur­de – bis heu­te.  Den noch exis­tie­ren­den Fragmenten der Originalaufnahmen wer­den Stimmen aus Nachrichtenarchiven und Bilder des Konfliktes gegen­über­ge­stellt, die das Gesagte in sei­ner Zeit ver­or­ten. Die ehe­ma­li­gen Soldaten sind heu­te Männer über 70, die ihre dama­li­gen Zweifel über die Opfer, die in die­sem Krieg für den Sieg erbracht wur­den, bewegt auf sich wir­ken las­sen. Ihre Stimmen konn­ten bis­lang nicht gehört wer­den – betref­fen sie doch den Staat Israel, wie wir ihn heu­te kennen.

    In der Schule hör­ten wir sie häu­fig, die heroi­schen Legenden des 6‑Tage- Krieges. David gegen Goliath. Wir sind die Gerechten und haben die ara­bi­sche Welt, die uns im Meer ver­sen­ken woll­te, besiegt. Diese Erinnerung immer vor Augen mach­te unse­re Gesellschaft zu der, die sie heu­te ist. Aber damals, nur einen Monat nach dem gro­ßen Sieg, waren die Gefühle eigent­lich ande­re. Nur wur­den sie nie gehört. Sie wur­den zen­siert, demen­tiert und schließ­lich über die Jahre hin­weg ver­ges­sen. Jetzt, wo die Aufnahmen von damals wie­der zu hören sind, ent­steht ein kom­plett neu­es Bild. Ein „unge­schön­tes“, ein „ech­tes“, von einem Krieg, der so anders ver­lief als uns als Kindern bei­gebracht wur­de. Es ist ein trau­ri­ges Bild, ein tra­gi­sches. Und wäh­rend ich die­sen Stimmen lau­sche, stellt sich mir nur eine Frage: Wie wären wir als Gesellschaft gewor­den, wenn wir die­sen Stimmen Raum gege­ben hät­ten?“  Mor Loushy

    Israel/ D  2015, 84 Min. · hebr. OmU 
    Regie: Mor Loushy 
    Buch: Mor Loushy, Daniel Sivan 
    Kamera: Itai Raziel,  Avner Shahaf 
    Schnitt: Daniel Sivan

  • The Assassin

    The Assassin

    Nach acht Jahren Kinopause legt er Hou Hsiao-Hsien einen hyp­no­ti­schen Film von unwirk­li­cher Schönheit vor, in dem es trotz einer extrem kom­pli­zier­ten, von ver­gleichs­wei­se boden­stän­di­gen, aber den­noch bril­lan­ten Actionszenen punk­tier­ten Geschichte vor allem um die Melancholie einer ver­geb­li­chen Liebe geht.”     Michael Meyns – filmstarts.de

    China, im 8. Jahrhundert. Die Tang-Dynastie zer­brö­ckelt, ter­ri­to­ria­le Gouverneure erhe­ben sich gegen den Kaiser. Nie Yin-Niang ist in einem tao­is­ti­schen Kloster zur pro­fes­sio­nel­len Killerin aus­ge­bil­det wor­den. Von der kai­ser­treu­en „Nonne“ erhält sie den Auftrag, ihren Cousin Liu Lang, Sohn aus einer Verbindung des Ehemanns der Schwester des Kaisers und einer Konkubine, zu ermor­den, der als Gouverneur von Weibo inzwi­schen auf die Seite der Abtrünnigen gewech­selt ist. Einstmals waren Liu Lang und Nie Yin-Niang ein­an­der ver­spro­chen gewe­sen, bevor Liu aus tak­ti­schen Gründen anders ver­hei­ra­tet wurde…

    Die Verwandtschaftsbeziehungen in THE ASSASSIN sind so ver­schach­telt und undurch­dring­lich wie die opu­lent aus­ge­stat­te­ten Räume des Films, die Regisseur Hou Hsiao-Hsien mit Schichten über Schichten von Vorhängen, Türen und Raumteilern ver­stellt. Schichten über his­to­risch gewach­se­nen Schichten von Loyalität, Verrat, Liebe und Verwandtschaft schei­nen auf den Figuren zu las­ten, sie zu ver­bin­den und zu erdrü­cken. In die­sem Dickicht, das ein­mal mehr an die Beziehung Taiwans zu China erin­nert, muss Nie Yin-Niang ihren Weg finden.

    Der schwe­ben­de Wuxia-Film (Schwertkämpfer-Film) THE ASSASSIN von Arthouse-Altmeister Hou Hsiao-Hsien (DIE STADT DER TRAURIGKEIT) ent­führt in hyp­no­tisch schö­ne Bilderwelten: fili­gran arran­gier­te Innenräume, die wie ein Blick in eine über­quel­len­de Schmuckschatulle wir­ken, wert­vol­le, farb­ge­sät­tig­te Stoffe, mono­chro­me Landschaften, die an chi­ne­si­sche Tuschezeichnungen erin­nern, in Grauschattierungen gestaf­fel­te Bergpanoramen und end­lo­se Birkenwälder. Die sanft dahin­glei­ten­de Kamera ver­bin­det die dis­pa­ra­ten Orte und Bildwelten des Films zu einem Bilderfluss, der immer wie­der von den kur­zen, stak­ka­to­ar­ti­gen Martial-Arts-Sequenzen unter­bro­chen und beschleu­nigt wird, bevor er, wie ein Strom nach einem Hindernis, wie­der ins ruhi­ge Fahrwasser zurück fin­det.”  Hendrike Bake

    OT: Nie Yinniang 
    Taiwan 2015, 105 Min.
    Regie: Hou Hsiao-Hsien
    Buch: Chu T’ienwen, Hou Hsiao-Hsien
    Kamera: Ping Bin Lee
    Schnitt: Liao Ching-Sung
    Musik: Lim Giong 
    mit: Shu Qi, Chang Chen, Yun Zhou

    THE ASSASSINTRAILER DEUTSCH (HD)
  • 22. Jüdisches Filmfestival Berlin & Brandenburg 2016

    22. Jüdisches Filmfestival Berlin & Brandenburg 2016

    Das jüdi­sche Filmfestival fin­det die­ses Jahr zum zwei­ten Mal auch im fsk Kino statt, mit grö­ße­rer Programmauswahl und einer (Film)diskussionsveranstaltung:
    The last words bezieht sich auf das Verschwinden des ‚Ladino‘, der Sprache der sephar­di­schen Juden in der Türkei. In Zusammenarbeit mit der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, in Anwesenheit der Regisseurin Rita Ender. Im Vorprogramm: Women in sink. (5.6. 20:15)
    Dokumentarfilme:
    My bel­oved uncles: Die Spurensuche nach einem schon als Kind ver­schol­le­nen Onkel des Regisseurs. Ein Familienpanorama. (6.6. 20:15)
    Vorprogramm: The litt­le dic­ta­tor (Regisseurin & Drehbuchautor Nurith und Emanuel Cohn sind anwe­send) Kurzspielfilm über den 90ten Geburtstag und das unheil­vol­le Oberlippenbärtchen, das die Feierstimmung trübt.
    Orphans of the revo­lu­ti­on (in Anwesenheit des Regisseurs Igal Bursztyn) Eine wei­te­re Familiengeschichte als Spiegel der poli­ti­schen Umbrüche des 20ten Jahrhunderts. (7.6. 20:15)
    I don’t belong any­whe­re: The cine­ma of Chantal Akerman Portrait der im letz­ten Oktober ver­stor­be­nen Filmemacherin. (10.6. 20:00)
    Nina’s child­ren Das Schicksal einer Gruppe aus Östereich geflüch­te­ter jüdi­scher Kinder in Norwegen und Schweden. (11.6. 20:00)
    My home (mit einer Einführung von Dr. Sylke Tempel) Religiöse und ande­re Minderheiten in Israels Gesellschaft, zwi­schen Anerkennung und Ausgrenzung. (15.6. 20:15)

    Kurzfilmprogramm:
    Home Movie (in Anwesenheit der Regisseurin Caroline Pick) Kurzdokumentarfilm über die Familie der Regisseurin, über Flucht und die, die nicht flüch­ten konnten.
    Salomea’s nose Kurzspielfilm über…Genau!
    Women in sink Die Regisseurin spricht beim Haarewaschen mit ara­bi­schen Frauen über das jüdisch/arabische Verhältnis. (19.6. 16:00)

    Spielfilme:
    Natasha Eine gefähr­li­che Jugendsommerliebe in Kanada. (12.6. 20:00)
    Afterthought Zwei Männer begeg­nen sich auf der Treppe in Haifa. (19.6. 18:00)

    Das gan­ze Festival: Jfbb.de

  • Wie die anderen

    Wie die anderen

    Ein Film von Constantin Wulff.

    Der Dokumentarfilm Wie die ande­ren por­trä­tiert die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie im nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Landesklinikum in Tulln. Eineinhalb Jahre lang hat Regisseur Constantin Wulff das Krankenhauspersonal und die jun­gen Patienten beglei­tet. Der Film zeigt den Alltag dort als per­ma­nen­ten Balanceakt: zwi­schen Behutsamkeit und Druck, Routine und emo­tio­na­ler Involviertheit, Regelwerk und Improvisation. Wulffs Beobachtungen ver­dich­ten sich zur Befragung einer Institution und ihrer gesell­schaft­li­chen Funktion: Wieviel Hilfe kann die Klinik leis­ten, und wie­viel Anpassungsdruck, wie die ande­ren zu wer­den, ist bereits in die­ser Hilfe ent­hal­ten? Wie sehr ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie fähig, Leben zum Besseren zu beein­flus­sen, und wie weit kann und muss sie über den ein­zel­nen Menschen hin­aus reichen?

    Es war ein Sammeln, aber kein will­kür­li­ches Sammeln, son­dern nach gewis­sen Themen, Leitlinien und Protagonisten, die man sich vor­her schon über­legt hat. Zum Beispiel beglei­ten wir eine jun­ge Frau, die ers­te Szene mit ihr und die letz­te lie­gen fast ein­ein­halb Jahre aus­ein­an­der. Man sieht eine gewis­se Entwicklung. Da war es mir wich­tig, dass man auch den Faktor Zeit sieht, der eine essen­zi­el­le Rolle spielt. Wie haben über 100 Stunden Material gehabt – aber für mich ist es der ein­zi­ge Film, den ich dar­aus machen konn­te. Es ist natür­lich auch ein per­sön­li­cher Film. Ich gebe auch Rechenschaft über das, was ich dort erle­be. Dieses inten­si­ve, direk­te Erlebnis war mir wich­tig, und das muss­ten die Szenen auch einlösen.“
    Aus einem Interview mit Constantin Wulff in der Tiroler Tageszeitung

    A 2015, 95 Min.
    Buch und Regie: Constantin Wulff
    Kamera: Johannes Hammel
    Schnitt: Dieter Pichler

  • Die Frau mit der Kamera – Porträt der Fotografin Abisag Tüllmann

    Die Frau mit der Kamera – Porträt der Fotografin Abisag Tüllmann

    Ein Film von Claudia von Alemann. Ab 23.6. im fsk.

    Ein doku­men­ta­ri­scher Filmessay über die Frankfurter Fotografin Abisag Tüllmann (1935 – 1996) und zugleich die bewe­gen­de Geschichte einer lebens­lan­gen Freundschaft zwi­schen der Fotografin und der Regisseurin.
    Abisag Tüllmann gehört zu den bedeu­tends­ten deut­schen Fotografinnen der zwei­ten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihr Blick galt den zen­tra­len poli­ti­schen Ereignissen der Zeit und den Bedingungen des Alltags.
    Zahlreiche ihrer Porträts zei­gen uns die Akteure neu­er und expe­ri­men­tel­ler Kunstrichtungen: Joseph Beuys und Nam June Paik, auch der Avantgarde der bun­des­deut­schen Literatur, der Musik- und beson­ders der Theaterwelt.
    Ihre Fotografien von den Akteuren der 68er Bewegung, wie Daniel Cohn-Bendit, Rudi Dutschke und Joschka Fischer, den Philosophen der Frankfurter Schule, von Frauenzentren und neu­en Formen der Erziehung auf der einen Seite und den Trägern der poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Macht auf der ande­ren, machen sie zu einer Dokumentaristin und durch­aus auch zu einer Beteiligten der Zeitgeschichte.
    Unverwechselbar und viel­leicht am bedeu­tungs­volls­ten ist der Blick der Fotografin auf die Bedingungen mensch­li­chen Zusammenlebens. Tüllmann ver­mit­telt Einblicke in den Alltag unter­schied­lichs­ter sozia­ler Gruppen wie Immigranten, Hausbesetzer, Bankiers, Hausfrauen und Obdachlose. Sie unter­sucht die viel­fäl­ti­gen Formen der Ausgrenzung und der Unbehaustheit. Die Verletzbarkeit der mensch­li­chen Existenz steht dabei im Zentrum ihrer Arbeit. Ihre Bilder leben von der Spannung des bei­läu­fi­gen doku­men­ta­ri­schen oder ana­ly­sie­ren­den Zeigens und ihrer Haltung als ein­füh­len­de Beobachterin.
    Der Film schafft es einen sen­si­blen und poe­ti­schen Blick auf die Porträtierte zu wer­fen und gleich­zei­tig neue oder ver­ges­se­ne Sichtweisen auf das Zeitgeschehen zu ermöglichen.

    Deutschland 2015, 92 Min.
    Regie: Claudia von Alemann
    mit: Mit Ellen Bailly, Josef Bar-Pereg, Sigrid Baumann Senn, Mathis Bromberger, Helma Schleif, Barbara Klemm
    Und Filmausschnitte aus Filmen von Carola Benninghoven, Helke Sander, Alexander Kluge, Günther Hörmann und Ulrich Schamoni

    Die Frau mit der Kamera – Abisag Tüllmann – Trailer 1 – Deutsch
  • Treppe aufwärts

    Treppe aufwärts

    Ein Film von Mia Maariel Meyer. Ab 23.6. im fsk.

    Oberflächlich gese­hen, the­ma­ti­siert der Film Auswirkungen einer Spielsucht auf eine gan­ze Familie. Es scheint aber so, dass er die­se Krankheit als Aufhänger und Motiv benutzt, um Verstrickungen und unauf­lös­ba­re Konflikte inner­halb von fami­liä­ren Beziehungen zu beschreiben.

    Der inzwi­schen dement gewor­de­ne Großvater hat durch sei­ne Sucht alles ver­lo­ren. Der Sohn, Adam, und der Enkel, Ben, schei­nen in sei­ne Fußstapfen zu tre­ten und alles drif­tet gefähr­lich aus­ein­an­der. Adam und Ben sind stän­dig zwi­schen Nähe und Distanz hin- und her­ge­ris­sen, was meist dazu führt, dass bei­de sich immer mehr miss­trau­en. Nur noch sel­ten und eher auf eine rup­pi­ge Art, gibt es zwi­schen ihnen Momente der Nähe.

    Der Film ver­steht es wun­der­bar zu beob­ach­ten, wie der­je­ni­ge von den drei Protagonisten, der am müdes­ten vom Leben zu sein scheint, die größ­te mora­li­sche Verantwortung in sei­nem Handeln aufweist.

    Mia Maariel Meyer erzählt ihre Geschichte unspek­ta­ku­lär und unsen­ti­men­tal, sie schaut der Entwicklung ihrer Figuren ein­fach zu und lässt den Zuschauer sei­ne eige­nen Schlüsse zie­hen. Statt ihre Problematik zu Tode zu erklä­ren, zeigt sie ein­fach, was pas­siert, wenn Menschen in eine sozia­le und per­sön­li­che Abwärtsspirale gera­ten – das ist unbe­quem und unheim­lich span­nend anzu­schau­en.“ (Michael Wopperer)

     

    D 2015, 92 Min.

    Regie & Buch: Mia Maariel Meyer
    Kamera: Marco Braun
    Schnitt: Anne Kristina Kliem
    mit: Hanno Koffler, Christian Wolff, Matti Schmidt-Schaller, Karolina Lodyga, Patrick Wolff, Ken Duken, Antonio Wannek

    TREPPE AUFWÄRTS | Deutscher Trailer | missingFILMs | Kinostart 23.06.2016
  • Sworn Virgin

    Sworn Virgin

    Ein Film von Laura Bispuri. Ab 23.6. im fsk.

    Hanas  Heimat ist eine ein­sa­me Bergregion in Albanien. Dort gibt es nur eine Möglichkeit, tra­dier­ten Geschlechterrollen zu ent­kom­men. Um glei­che Rechte wie ein Mann zu haben und nicht nach der Heirat als Eigentum des Ehemanns zu enden, kön­nen Frauen nach den Regeln des tra­dier­ten Gewohnheitsrechts, auch Kanun genannt, den Schwur ewi­ger Jungfräulichkeit able­gen. Da Hana ihre Freiheit wich­ti­ger ist als ihre Weiblichkeit, ent­schei­det sie sich für die­sen Weg und heißt fort­an Mark. Zehn Jahre lang behält sie die­sen Status. Doch als ihr Vater stirbt, ergreift sie die Gelegenheit und bricht aus. Sie reist zu ihrer Schwester Lila, die sich schon vor Jahren mit ihrem Liebhaber nach Italien abge­setzt hat und nun in Mailand wohnt.  Lila ist von dem über­ra­schen­den Besuch nicht gera­de erbaut, hilft ihrer Schwester aber dann doch.
    Ein Film vol­ler Gegensätze: Mann und Frau, Land und Stadt, Albanien und Italien, Reich und Arm, ste­hen sich in die­ser gleich­wohl sprö­den wie ein­fühl­sa­men Genderstudie gegen­über. Laura Bispuri kommt mit weni­gen Dialogen aus, setzt dafür mehr auf Blicke, Gesten und Bilder. Von der Gegenwart springt die Handlung immer wie­der zurück in die Vergangenheit, was einen ste­ti­gen Geschlechtertausch und inter­es­san­te Perspektivwechsel zur Folge hat.
    (Programmkino.de)

    Diese Tradition ist leben­dig und real, aber nur in den Bergen, in ent­le­ge­nen Gegenden.
    Diese Entscheidung zu einem Leben als Mann und als ewi­ge Jungfrau wird aus den unter­schied­lichs­ten Gründen getrof­fen: weil sie so mehr Freiheit genie­ßen, weil sie nicht hei­ra­ten wol­len oder weil sie viel­leicht das Gefühl haben, dass sie im Innersten eher ein Mann sind. Gesellschaftlich wird als wich­tigs­ter Grund für die Entscheidung ange­se­hen: wenn in einer Familie kei­ne Söhne gebo­ren wer­den, wird eine der Töchter als Sohn auf­ge­zo­gen. Jedoch gilt für alle: die Entscheidung wird mit 11 oder 12 Jahren getrof­fen, wenn die Mädchen noch nicht sehr reif sind”   Laura Bispuri

    OT: Vergine giurata

    Italien / Schweiz / Deutschland / Albanien 2015, 90 Min., 
    alba­nisch, ita­lie­nische OmU

    Regie: Laura Bispuri
    Buch: Francesca Manieri, Laura Bispuri, 
    nach einem Buch von Elvira Dones
    Kamera: Vladan Radovic
    Schnitt: Carlotta Cristiani, Jacopo Quadr

    mit
    Alba Rohrwacher
    Flonja Kodheli
    Lars Eidinger
    Luan Jaha
    Bruno Shllaku

    Sworn Virgin – Trailer HD
  • Pause

    Pause

    Ein Film von Mathieu Urfer. Ab 9.6. im fsk.

    Manchmal ist es ein­fach gut, kei­ne all­zu gro­ßen Ambitionen zu hegen. Musiker Sami ist zufrie­den damit, mit sei­nem alten Alkoholikerfreund Férnand durch die Lokale zu zie­hen und sei­ne Country-Musik zu spie­len. Er kom­po­niert und tüf­telt an Songs. Und er lebt eben gera­de wie­der in sei­nem Auto, weil ihn sei­ne Freundin nach vier Jahren raus geschmis­sen hat.
    Das erklärt er Julia, die er an einer Tankstelle trifft. Und vier Jahre spä­ter ist er mit Julia am glei­chen Punkt. Manchmal ist es ein­fach gut, kei­ne all­zu gro­ßen Ambitionen zu hegen, hat sich glück­li­cher­wei­se wohl auch Drehbuchautor, Regisseur und Musiker Mathieu Urfer gesagt, als er sich auf sei­nen ers­ten Spielfilm vor­be­rei­tet hat.
    Das ist dar­um ein Glück, weil er aus der Verquickung der roman­ti­schen Komödie und dem Musikerfilm ein erstaun­li­ches Maximum her­aus­holt. Was der Geschichte an Exotik abgeht, ersetzt er durch sze­ni­sche Einfälle, ori­gi­nel­le Erzählweise, char­man­te Szenen, star­ke Schauspieler und sei­ne eige­ne, mit­rei­ßen­de Musik.
    Der Titel ist auch fast schon der Plot. Wenn die Frau davon läuft, oder einen ande­ren hat, erklärt der Alte dem Jungen, dann ist das nicht so schlimm. Dramatisch wird es erst, wenn sie dich scho­nen will und nach einer Beziehungspause ver­langt. Und das tut Julia dann natür­lich und Sami geht in Overdrive, bzw. ver­sinkt in Selbstmitleid, abwechslungsweise.
    Irgendwo in Pause steckt der Geist eines Berliner oder New Yorker Szene-Films, der sich nach Lausanne ver­irrt hat. Und dem es da gefällt. Zwischen dem gross­ar­ti­gen Veteranen André Wilms und Aki Kaurismäkis Kameramann Timo Salminen ent­fal­ten eine gan­ze Reihe von Jungschauspielern ihre Talente, ver­sprü­hen bors­ti­gen Charme und einen Unterton von Wahrhaftigkeit und Wehmut. (aus: Sennhausers Filmblog)

    CH 2014, 82 Min., frz. OmU
    Buch & Regie: Mathieu Urfer
    Kamera: Timo Salminen 
    Schnitt: Yannick Leroy
    mit: Baptiste Gilliéron, Julia Faure, André Wilms, Nils Althaus, Roland Vouilloz, Nicole Letuppe 

    PAUSE (ein Film von Mathieu Urfer) | im kult.kino Basel
  • Until I lose my breath

    Until I lose my breath

    Ein Film von Emine Emel Balcı, Ab 16.6. im fsk.

    Mit ihrem Vater, dem stän­dig abwe­sen­den Fernfahrer, gemein­sam in einer Wohnung leben; nicht mehr län­ger vom Schwager, bei dem sie unter­ge­kom­men ist, als Schmarotzerin geschol­ten wer­den. Seraps fami­liä­re Verhältnisse sind pre­kär, auch an Geld man­gelt es. Mit eiser­nem Willen aber hält die jun­ge Frau, star­ke Protagonistin die­ses star­ken Debüts, an ihrem Wunsch nach Geborgenheit fest. Sie schuf­tet in der Textilfabrik, sie hetzt sich ab, sie gönnt sich nichts. Dabei wirkt ihr ein­sa­mer Kampf um ihren Platz in der Welt nicht trost­los, er zeugt nur von der Wirklichkeit und davon, wie wirt­schaft­li­che Zwänge Menschen korrumpieren.

    Die Themen, mit denen ich ver­traut bin und über die zu spre­chen mir am wich­tigs­ten ist, betref­fen Frauen. In einer Gesellschaft wie der tür­ki­schen, in der das Patriarchat vie­le Lebensbereiche prägt, ist es unver­meid­lich, dass Frauen über­se­hen, igno­riert und vom System unter­drückt wer­den. Dieser Eindruck bestä­tigt sich, wenn man nur die Beziehungen zwi­schen den Einzelnen betrach­tet. Ich emp­fin­de die­se Situation als sehr hoff­nungs­los und ver­su­che des­halb, Geschichten über Themen zu ent­wi­ckeln, die mit dem Leben von Frauen zu tun haben. (…)

    Ich habe ver­sucht her­aus­zu­fin­den, woher Seraps Einsamkeit kommt. Ich bin dabei auf eine Gesellschaft gesto­ßen, in der Frauen wie Serap sich jeden Morgen in dem dunk­len und sti­cki­gen Laderaum eines Transporters wie­der­fin­den. Anhand von Seraps Geschichte
    möch­te ich zei­gen, wie sehr uns die Konzepte von Geschlecht und Familie, die bis­her als hei­lig gal­ten, fremd gewor­den sind.” (Emine Emel Balcı)

    OT: Nefesim kesi­le­ne kadar
    Tr/D 2015, 94 Min., tür­ki­sche OmU
    Regie  & Buch: Emine Emel Balcı. 
    Kamera: Murat Tunçel
    Schnitt: Dora Vajda. 
    Darsteller:
    Esme Madra (Serap), Rıza Akın (Vater), Sema 
    Keçik (Sultan), Gizem Denizci (Dilber), Ece Yüksel (Funda),
    Uğur Uzunel (Yusuf), Yavuz Pekman (Schwager), Pinar Gök 
    (Schwester), Yavuz Özata (Ibrahim)

    Premiere: Berlinale 2015 – Int. Forum (Forumsblatt mit Interview)

     

     

  • Zen for Nothing

    Zen for Nothing

    Ein Film von Werner Penzel. Ab 2.6. im Kino.

    Werner Penzel und Fred Frith – wir erin­nern uns, da gab es „Step across the Border“ -
    in impro­vi­sier­ten Bildern und musi­ka­li­scher Improvisation ver­ei­nen sich Rhythmus, Bilderlust und Lebensfreude zu einem Film über den Augenblick, und auch beim fol­gen­den Filmgedicht übers Nomadentum “Middle of the Moment“ taten sie sich zusam­men. Jetzt also Zen in einem japa­ni­schen Kloster, in das es die Schauspielerin Sabine Timoteo für ein Jahr zieht. Das Kloster Antai-ji ist – anders als vie­le Zen-Klöster – für Männer und Frauen offen. Die Selbstversorgung ist wich­tig und die täg­li­che Arbeit dafür, sowie die Zazen-Sitzmeditation. Der Zen-Meister Kodo Sawaki (1880–1965) war prä­gend für das Leben dort. Er war es auch, der das Buch „Zen ist die größ­te Lüge aller Zeiten“ (2005) schrieb, wozu der Regisseur sagt: „Warum Zen die größ­te Lüge aller Zeiten ist? Woher soll ich das wis­sen. Vielleicht mein­te Sawaki damit, dass wir uns nicht an Worten fest­klam­mern sol­len. Das Wort Zen ist mit so vie­len Bedeutungen auf­ge­la­den. Aber das sind alles Zuschreibungen. Zen wird zur Lüge, wenn wir eine Menge illu­so­ri­scher Bedeutungen hin­ein­pro­ji­zie­ren. Zen ist ledig­lich die Praxis, vor einer Wand zu sit­zen und den Mund zu halten.”

    Also, Sabine Timoteo (In den Tag hin­ein, Gespenster) geht dort­hin, und wir erfah­ren nicht, war­um. Aber Penzel beob­ach­tet sie und alle drum­her­um eine län­ge­re Zeit. Ein wun­der­schö­ner, beru­hi­gen­der Film, in dem wir aller­dings kei­ne Einführung in eine spe­zi­el­le Art des Zen-Buddhismus bekom­men, son­dern nur beob­ach­ten und ein wenig ein­bli­cken dürfen.

    D/CH 2015, 100 Min.
    Deutsch + Engl., Jap., mit dt. Untertiteln
    Regie undKamera: Werner Penzel
    Buch: Werner Penzel in Zusammenarbeit mit Ayako Mogi u. Sabine Timoteo
    Musik: Fred Frith
    mit Sabine Timoteo, Muho Nölke und der Sangha Gemeinschaft des Anataiji Zen-Kloster