Simóns Verhältnis zu seiner Mutter ist schon länger schwierig. Wirklich zu Hause fühlt er sich nur bei Pehuén und den anderen an der Schule für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen. Dort hat er das Gefühl, er selbst sein zu dürfen, auch wenn er anders ist als alle anderen.
In lose verbundenen Vignetten tauchen wir in das Leben einer Gruppe verhaltensorigineller Jugendlicher ein. Unser Titelheld fühlt sich vor allem an der Seite von Pehuén und Colo wohl (wie die anderen kognitiv Eingeschränkten von Laien gespielt) – einmal, als die beiden Sex haben, steht er sogar für sie Schmiere. Doch irgendwann fragt sich, was Simón an dieser Schule eigentlich verloren hat und warum er sich hier zugehörig fühlt. Luis’ ungewöhnliches Drama stellt unsere Wahrnehmung von Menschen, die wir als „anders“ qualifizieren, auf die Probe. Sein Plädoyer lässt vieles offen, aber keinen Zweifel: Verbundenheit kann nur durch Offenheit entstehen. (Roman Scheiber)
Am stärksten im Fokus steht das freundliche Verwischen von Grenzen zwischen den Identitäten und Orientierungen im Film Sehnsucht / Sex. Es ist zugleich der lustigste Teil der Trilogie. Der Film startet mit Aufnahmen vom Osloer Umland: Auffahrtstraßen, Industriegebiet, im Gemeindeschwimmbad ziehen Menschen ihre Bahnen. Dann beginnt ein namenloser Mann , Schornsteinfeger, Familienvater, Mitte vierzig, von seinem verwirrenden Traum zu erzählen – einfach so, beim Mittagessen im Pausenraum. David Bowie und er, erzählt der Mann, seien sich in seinem Traum in einer Toilette begegnet, und Bowie hätte ihn gemustert, als wäre er, der Schornsteinfeger, eine Frau. Die Blicke seien nicht abwertend gewesen, einfach nur anders. Nein, eigentlich sogar angenehm. Sein bester Freund, ebenfalls Schornsteinfeger, Familienvater, Mitte vierzig, hört ihm aufmerksam und verständnisvoll zu. Dann erzählt er, wie ihm jüngst ein Klient nach getaner Arbeit Zeichen gegeben habe, an ihm interessiert zu sein. Erst habe er gezögert, dann hätten sie Sex gehabt. »Wie er mich angesehen hat, das habe ich noch nie erlebt«, sagt der Freund. »Als hätte er Lust auf mich. Regelrecht schamlos.« Später erzählt der Freund auch seiner Ehefrau von dem Sex. Sein Argument: Gerade weil es mit einem Mann gewesen sei und er ganz offen darüber spreche, habe er sie nicht betrogen. Doch das sieht die Ehefrau ganz anders….“ Hannah Pilarczyk | Der Spiegel Und natürlich besteht auch hier viel Gesprächsbedarf.
Credits:
OT: Sex DE 2023, 90 Min., norw. OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Jan Gunnar Røise, Thorbjørn Harr, Siri Forberg, Birgitte Larsen
Nach Oslo-Stories: Liebe, diesem Filmjuwel, dass sich bisher viel zu viele haben entgehen lassen, kommt hier schon der nächste Teil von Dag Johan Haugeruds Oslo-Trilogie ins Kino, und er bringt wertvolles Gepäck mit – den Goldenen Bären der letzten Berlinale. Die Tradition des Festivals, explizit politisch zu lesende Filme auszuzeichnen, wurde diesmal unterbrochen. Träume ist deswegen nicht minder aufregend. Die 17-jährige Johanne verliebt sich Hals über Kopf in ihre neue Lehrerin. Im späteren Verlangen, diese wichtige Zeit für sich festzuhalten, verpackt sie die Erlebnisse in eine Erzählung. Als erst ihre Mutter, und später auch ihre Großmutter, eine bekannte Dichterin, den Text lesen, ist die Aufregung groß. Bewunderung und Stolz, Sorge und sogar Konkurrenzangst wechseln sich ab, und zwischen den Frauen dreier Generationen gibt es viel Gesprächsbedarf. „Träume ist einerseits ein sehr einfacher Film, der eine kleine Geschichte ohne dramatische Wendungen erzählt. Andererseits ist Träume ein sehr komplexer Film, der auf mehreren klug verschachtelten Ebenen darüber nachdenkt, wie Texte, die Realität, die sie beschreiben, und die Menschen, die sie verfassen oder rezipieren, miteinander verbunden sind, und wie ihre Bedeutungen einer permanenten Veränderung unterworfen sind – je nachdem wer was wann warum wo sagt oder hört, oder auch verschweigt. Und schließlich ist Träume ein sehr freundlicher, tröstlicher Film, der von Wandelbarkeit erzählt. Wo die meisten Filme versuchen, eine mehrdeutige und unordentliche Realität in eine sinnhafte Geschichte zu verwandeln, unternimmt Träume das Gegenteil. Jede Szene, jede Person, jede Form des Diskurses fügt der Welt, die Träume abbildet, eine neue Facette hinzu, macht sie größer, offener, vielfältiger. Für mich hätte Träume einfach immer weiter gehen können.“ Hendrike Bake | indiekino
Die drei „Oslo-Stories“ bilden eine einzigartige Filmtrilogie. Liebe (Venedig Wettbewerb 2024), Träume (Berlinale Goldener Bär 2025) und Sehnsucht / Sex (Berlinale Panorama 2024) sind drei jeweils eigenständige Filme mit neuen Figuren und einer unabhängigen Geschichte, und jeder ist ein Ereignis. Getrennt voneinander werfen sie jeweils einen neuen Blick auf die Dinge, die unser Leben bestimmen. Erzählen von Liebe, Sehnsucht und Träumen, hinterfragen Identität, Gender und Sexualität, entwerfen mit faszinierenden Charakteren und klugen Dialogen gewitzt und nahbar Utopien, wie wir auch zusammenleben könnten. Und Oslo sehen wir aus der Perspektive der Protagonisten: innerstädtisch bei Träume, hoch auf den Dächern bei Sehnsucht / Sex und in Liebe wird ständig der Oslofjord mit der Fähre überquert.
Goldener Bär – Berlinale 2025
Credits:
NO 2024, 110 Min., norwegische OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen
Dag Johan Haugeruds Trilogie Oslo Stories besteht aus drei jeweils eigenständigen Filmen mit einer unabhängigen Geschichte. Der Teil Träume („Der mit der Lehrerin“, ab 8.5.) hat gerade den Goldenen Bären gewonnen, Sehnsucht heist im Original Sex („Der mit den Dachdeckern“, Panorama 2024, ab 22.5.) und zuerst nun der Teil Liebe („Der mit der Fähre“ Venedig 2024)
Oslo Stories: LIEBE ist ein romantischer Film, der Sexualität, Beziehungen und Liebe erforscht und sich um einen schwulen Krankenpfleger und eine heterosexuelle Ärztin dreht. In vielerlei Hinsicht ist dieser Film utopisch: Er handelt vom Streben nach sexueller und emotionaler Nähe zu anderen, ohne sich dabei unbedingt an die gesellschaftlichen Normen und Konventionen zu halten, die Beziehungen regeln. Die weibliche Sexualität, die in vielen Teilen der Gesellschaft sowohl von Männern als auch von Frauen ständig unter die Lupe genommen und in Frage gestellt wird, ist ein zentraler Schwerpunkt des Films. Wir haben noch nicht den Punkt erreicht, an dem Frauen Entscheidungen in Bezug auf ihre Sexualität und ihr Liebesleben treffen können, ohne sich verteidigen oder erklären zu müssen. Der Film deutet auch an, dass bestimmte Erfahrungen und Praktiken innerhalb der homosexuellen Gemeinschaft wertvolle Erkenntnisse für die Gesellschaft im Allgemeinen bieten könnten. Aber im Kern geht es in dem Film um die Frage, wie man Gutes tun kann. Ich glaube, dass Fiktion eine entscheidende Rolle dabei spielt, sich alternative Welten und Prspektiven vorzustellen. Sie ermöglicht es den Menschen, sich auszudrücken und auf ungewöhnliche Weise zu handeln. Für mich besteht eine wichtige Funktion der Fiktion darin, neue Denkweisen im wirklichen Leben zu inspirieren. Mit Oslo Stories: LIEBE – und der gesamten Trilogie – war es mein vorrangiges Ziel, zu vermitteln, dass neue Denk- und Verhaltensweisen möglich sind.
Dag Johan Haugerud
Credits:
Love NO 2024, 119 Min, Norwegische OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad, mit: Andrea Bræin Hovig, Tayo Cittadella Jacobsen, Marte Engebrigtsen, Lars Jacob Holm, Thomas Gullestad
Der andere Planet, mit nichts in dieser Welt vergleichbar – das war für ihn Auschwitz. Hier erlebte Yehiel De-Nur die Schrecken der Shoah, die er nach dem Krieg unter dem Pseudonym Ka.tzetnik literarisch radikal verarbeitete. Über Gewalt, Folter und Kannibalismus schreibend wurde er immer wieder zum Häftling, während er gleichzeitig ein bürgerliches Leben führte.
Die radikale Aufspaltung in zwei Persönlichkeiten war Yehiel De-Nurs (geb. Feiner) Strategie, um mit seinem Trauma umzugehen. Wenn er als Ka.tzetnik abgekapselt und in Häftlingskleidung seine internationalen Bestseller verfasste, war er wieder auf dem „anderen Planeten“, den die Kunstfigur mit dem KZ im Namen nie verlassen hatte. Die Bücher von Ka.tzetnik haben Israel bewegt. Er reflektierte darin Gewaltexzesse, deren Nähe zu sexuell konnotierter Gewalt, die Abgründe des Menschlichen, und provoziert dabei – als Holocaust-Überlebender – mit Titeln wie „Ich bin der SS-Mann. Eine Vision“ (Ein anderer bekannter Titel des Buches ist: „Shvitti. Eine Vision“). Auch der Name der Indie-Band „Joy Division“ geht auf ein Buch von Ka.tzetnik zurück. De-Nur hingegen fasste als bescheidener Ehemann und liebvoller Vater in Israel wieder Fuß. Erst der Eichmann-Prozess, wo De-Nur und Ka-Tzetnik im Zeugenstand erstmals aufeinandertrafen, brachte dieses Konstrukt zum Einsturz. Der auch 30 Jahre nach dem Krieg noch von seinem Trauma Verfolgte hoffte, in den Niederlanden durch eine LSD-Therapie endlich Frieden zu finden. Die Dokumentar-Biografie übersetzt diese Persönlichkeitsspaltung in Bilder. Während wir in Berichten von Zeitzeuginnen und Forscherinnen der Person De-Nur begegnen, führen uns animierte Sequenzen in die Gedankenwelt des Autors und seiner literarischen Figur Ka.tzetnik. Dabei wird nicht nur die Frage nach Möglichkeiten der Traumabewältigung gestellt, sondern auch nach dem Wert subjektiver Wahrheit. Rainer Mende
Credits:
The Return from the Other Plaent DE/IL 2023, 81 Min., englisch, hebräisch, jiddisch, niederländischOmU Regie: Assaf Lapid Kamera: Talia Tulik Galon, Jörg Adams Schnitt: Nohar Avigail Haseen, Assaf Lapid
Sizilien in den 1960-er Jahren. Den gesellschaftlichen, auch vom Gesetz gestützten Vorstellungen nach verliert eine unverheiratete Frau mit dem erstem Sex auch ihre Ehre, die nur durch eine Heirat wieder hergestellt werden kann, Vergewaltigungsopfer nicht ausgenommen (Matrimonio riparatore – reparierende Heirat). Das erlebte seinerzeit die 17-jährige Franca Viola, an deren Fall sich PRIMADONNA anlehnt. Im Film heißt sie Lia, ist zurückhaltend, aber eigenwillig und weiß, was sie will, Felder bestellen liegt ihr beispielsweise mehr als Hausarbeit. Nach einem kurzen Flirt mit Lorenzo, dem charmanten Sohn des mafiösen Großunternehmers im Dorf, erkennt sie schnell, das es gar nicht passt. Der junge Mann aber gibt nicht auf: er entführt und vergewaltigt sie. Um hernach ihre „Ehre wiederherzustellen“ soll sie ihn heiraten. Unterstützt von ihren Eltern weigert sich Lia, und da lässt seine Familie sie ihre Macht spüren. Es kommt es zu Drohungen, Beleidigungen, Ausgrenzung und Schlimmeren. Schließlich macht Lia den unerwartbaren Schritt: sie zeigt Lorenzo an. In ihrem Spielfilmdebüt, dem Cinema!Italia! 2024 Publikumspreisgewinner, folgt Marta Savina Lia in ihrem bäuerlichen Alltag, beobachtet ihr Schweigen über die Vergewaltigung und umgekehrt den medialen Rummel um den Prozess. Gegen alle Wahrscheinlichkeit bekommt Lia Recht, und ist damit ein Vorbild für andere. In der Realität dauerte es noch lange, bis der Artikel 544* aus dem italienischen Strafgesetzbuch gestrichen wurde. Für jedes Delikt des ersten Abschnitts (…) löscht die Ehe, die der Urheber einer Verletzung mit der verletzten Person eingeht, das Verbrechen aus, auch in Bezug auf diejenigen, die an der gleichen Straftat teilgenommen haben.
Credits:
IT 2023, 102 Min., Italienische OmU Regie: Marta Savina Kamera: Francesca Amitrano Schnitt: Paola Freddi mit: Claudia Gusmano, Fabrizio Ferracane, Manuela Ventura, Dario Aita
Gerade einmal 16 Jahre jung ist Vera Brandes 1973, als sie in Köln beginnt, als Veranstalterin von Jazz-Konzerten zu arbeiten. Eher zufällig hat sie ihre Leidenschaft entdeckt, ihre große Klappe und Unverblümtheit sorgt dafür, dass auch Musiker, die ihre Väter sein könnten, sich von dem Teenager mitreißen lassen. Sie ist fasziniert von der Welt der Musik, besonders dem Jazz. Und so plant sie, am 24. Januar 1975 ein Konzert in der Kölner Oper zu organisieren, bei dem Keith Jarrett einmal mehr beweisen soll, warum er als ebenso revolutionärer Musiker wie John Coltrane oder Miles Davis gilt. Manchmal sind Entstehungsgeschichten fast noch besser als das eigentliche Ereignis, im Fall von Keith Jarretts legendärem „Köln Concert“ ist es eher so, dass die Umstände spektakulär, das Ergebnis dagegen eine Sensation waren. Die meistverkaufte Jazz-Platte eines Solo-Künstlers sind die Aufnahme der gut 60 Minuten, die Jarrett Ende Januar in Köln auf der Bühne verbrachte, allein improvisierend und das auf einem grenzwertigen Flügel. Ganz so heruntergekommen, wie das im Film gezeigte Modell war der Flügel zwar wohl nicht, ansonsten hat Autor und Regisseur Ido Fluk in seinem biographischen Musikfilm Köln 75 die Realität aber kaum mythologisieren müssen, um einen oft fesselnden Film zu drehen. Einen Wermutstropfen gibt es allerdings: Die Rechte an der Musik von Keith Jarrett und vor allem dem Köln Concert, standen nicht zur Verfügung, die besondere Qualität des musikalischen Ansatzes Jarrett wird dadurch nur aus zweiter Hand deutlich. Was allerdings zur besten Szenen des Films führt: In einer langen Einstellungen führt der zwischenzeitlich als Erzähler fungierende amerikanische Musik-Journalist Michael Watts (Michael Chernus) einmal quer durch die Geschichte des Jazz, vom Big Band-Sound über kontrollierte Improvisationen im Korsett von Standards, zum experimentellen Free Jazz eines Miles Davis, bis hin zum völlig los gelösten Ansatz Keith Jarretts, der versucht, völlig neue, noch nie gehörte Musik zu spielen und das jeden Abend. Auch John Magaro als Jarrett und Alexander Scheer als dessen Manager Manfred Eicher (der bald danach das Label ECM mitbegründen sollte, bei dem das „Köln Concert“ zum Millionen-Erfolg werden sollte) gelingt es mitreißend, die besondere Qualität Jarretts in Worte zu fassen.“ M. Meyns | programmkino.de
Credits:
DE/BE/PL 2024, 115 Min., Regie: Ido Fluk Kamera: Jens Harant Schnitt: Anja Siemens mit Mala Emde, John Magaro, Michael Chernus, Alexander Scheer, Ulrich Tukur
Die Schwestern September (Pascale Kann) und July (Mia Tharia) erscheinen in Kleidern, die an die Zwillinge aus Stanley Kubricks „The Shining“ erinnern. Ihre Mutter Sheela (Rakhee Thakrar), eine etwas distanzierte Fotografin, hält diese Szene fest. Bereits hier spürt man die besondere Dynamik, die Regisseurin Ariane Labed in ihrem Debüt-Langfilm September Says erforscht. Die Schwestern sind eng verbunden, obwohl sie unterschiedlicher kaum sein könnten: September ist beschützend und vorsichtig, während July mit Neugier und Offenheit auf die Welt blickt. Diese unterschiedlichen Persönlichkeiten fordern ihre Mutter, die das Temperament der beiden oft nur schwer bändigen kann. Als September von der Schule suspendiert wird, beginnt July ihre Unabhängigkeit zu festigen – was Spannungen zwischen den beiden Schwestern auslöst. Die drei Frauen ziehen sich schließlich in ein altes Ferienhaus in Irland zurück, wo sie sich mit einer Reihe surrealer Erlebnisse konfrontiert sehen.
„September Says“ entfaltet sich durch Labeds kraftvolle Bildsprache, die mit einer psychologisch dichten Atmosphäre und einer Prise schwarzen Humors spielt. Themen wie weibliche Selbstbestimmung und die Weitergabe familiärer Prägungen ziehen sich durch die Handlung, ohne in eine klassische Befreiungsgeschichte zu münden. Ariane Labed, die als Schauspielerin durch die Greek New Wave bekannt wurde, beweist hier ihr Talent als Regisseurin, die das Groteske und das Ungewohnte im Alltäglichen aufspürt. September Says ist eine kraftvolle Erkundung weiblicher Welten und feierte seine Weltpremiere in Cannes in der Reihe Un Certain Regard.
Sarahs Karriere als Mixed-Martial-Arts-Kämpferin geht zu Ende, statt in den Ring zu steigen, wird sie zukünftig Kinder trainieren. Ein plötzliches Angebot aus Jordanien, die Töchter einer reichen Familie zu unterrichten – MMA sei dort gerade der letzte Schrei – hört sich da sehr exotisch und verführerisch an. Sarah sagt ja und packt ihre Sachen. Dort angekommen, muss sie bald erkennen, dass die Familie viel reicher ist als gedacht, und soviel Einfluss besitzt, dass man ihr im Hotel, wo sie untergebracht ist, nichts darüber erzählen mag. Außerdem ist unschwer zu erkennen, dass die drei jungen Frauen kein wirkliches Interesse am Sport haben. Viel lieber sitzen sie im Wohnzimmer, lackieren sich die Nägel und schauen Soaps. Dabei stehen sie immer unter Aufsicht, auch bei gelegentlichen Shopping-Ausflügen begleitet sie ein Bodyguard. Als aufgeklärte Frau aus dem Westen denkt sich Sarah ihren Teil, und als sie gefragt wird, glaubt sie, Nour, Shaima und Fatima helfen zu können und zu müssen.
„Mir war wichtig, dass das Publikum Sarah folgt und sich dieselben Fragen stellt wie sie. Auch Sarah sieht nie das ganze Bild. Trotzdem bleibt die Frage, ob sie solidarisch agieren soll. Dieser Zweifel sollte bis zum Ende bestehen. Mich hat dabei die Geschichte von Prinzessin Latifah, der Tochter des Königs von Dubai, inspiriert. Sie ist mit ihrer finnischen Capoeira-Lehrerin geflüchtet. Tatsächlich kam aber nicht die Prinzessin heil davon, sondern die Europäerin. Das fand ich interessant und wollte dieses Gefühl in Mond wiedergeben: Wem glaubt man? Was ist wirklich passiert? Sind meine eigenen Vorurteile im Weg?” Kurdwin Ayub im ray-Magazin
Nach Sonne ist dies der zweite Teil einer geplanten Trilogie der kurdisch-österreichischen Regisseurin Kurdwin Ayub, die dafür beim Filmfestival von Locarno mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde.
Credits:
AT 2024, 93 Min, deutsch/arabisch/englische OmU Regie: Kurdwin Ayub Kamera: Klemens Hufnagl, Schnitt: Roland Stöttinger, mit: Florentina Holzinger, Andria Tayeh, Celina Antwan, Nagham Abu Baker, u.a.
Nick Cave ist eine feste Größe in der Musik, aber die Band, mit der alles angefangen hat, kennen nur wenige. Schade eigentlich, vielleicht ändert dieser Film das ein bisschen, der sich nicht als Vehikel für bekannte Musiker versteht, die darüber sprechen, wie am tollsten dieser oder jener völlig unbekannt gebliebene Musiker mal war, sondern als spannender Reisebericht. Fünf Knilche reißen aus Australien aus, um es in London zu etwas zu bringen. Ihre Band The boys next door wird dort zur Birthday Party. Das Überleben in der Stadt, wo sie auf engstem Raum zusammenhocken, während das wenige Geld für Drogen verpufft, formen den brachialen, nackten Kreissägensound der Musiker mit, der kaum von den notorisch monotonen Beats gebändigt werden kann. Dazu erlebt Cave als Sänger die widersprüchlichen Gefühle einer Achterbahnfahrt durch fremder Leute Hinterhöfe und beyond (Deep in the woods a funeral is swinging). Schließlich schafft es die Band nach West-Berlin und ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit den richtigen Leuten, freundet sich hier mit Mitgliedern von Die Haut und den Einstürzenden Neubauten an. Am Sound ändert der Heimathafen in der Fremde nichts, er bleibt schroff, psychotisch und flext sich kreischend durchs Gehirn. Deshalb kein Durchbruch oder kommerzieller Erfolg, die Birthday Party zehrt von der Substanz. Schließlich ist sie aus und der Saal leergefegt. Aber vor der Tür stehen schon die Bad Seeds, Crime and the City Solution und These immortal Souls und es geht weiter durch Nächte, die mal schöner waren als anderer Leute Tage.
Mutiny In Heaven, ausschließlich von Originalmitgliedern der Post-Punk-Band The Birthday Party erzählt, beschreibt, wie Nick Cave und seine Schulfreunde ihr Publikum mit konfrontativen Auftritten, gesetzlosem Gothic-Horror und einem anarchischen Lebensstil aufschreckten. Mit nie zuvor gezeigten persönlichen Archivaufnahmen, unveröffentlichten Tracks und Konzertmitschnitten sowie Graphic Novel-Sequenzen des deutschen Comiczeichners Reinhard Kleist bietet Mutiny in Heaven einen mitreißenden Sitzplatz in der nicht ganz ungefährlichen ersten Reihe eines der vielleicht legendärsten Live-Acts der Musikgeschichte.
Nick Cave and the Birthday Party in a pub in Kilburn, London, UK on 22 October 1981. (Photo by David Corio/Redferns)
Credits:
AU 2023, 99 Min, engl. OmU Regie: Ian White Kamera: Craig Johnston Schnitt: Aaron J. March mit: Phil Calvert, Nick Cave, Mick Harvey, Rowland S. Howard, Tracy Pew
Wir verwenden Cookies, um unsere Website und unseren Service zu optimieren.
Funktionale Cookies
Immer aktiv
Die technische Speicherung oder der Zugang ist unbedingt erforderlich für den rechtmäßigen Zweck, die Nutzung eines bestimmten Dienstes zu ermöglichen, der vom Teilnehmer oder Nutzer ausdrücklich gewünscht wird, oder für den alleinigen Zweck, die Übertragung einer Nachricht über ein elektronisches Kommunikationsnetz durchzuführen.
Vorlieben
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist für den rechtmäßigen Zweck der Speicherung von Präferenzen erforderlich, die nicht vom Abonnenten oder Benutzer angefordert wurden.
Statistiken
Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu statistischen Zwecken erfolgt.Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu anonymen statistischen Zwecken verwendet wird. Ohne eine Vorladung, die freiwillige Zustimmung deines Internetdienstanbieters oder zusätzliche Aufzeichnungen von Dritten können die zu diesem Zweck gespeicherten oder abgerufenen Informationen allein in der Regel nicht dazu verwendet werden, dich zu identifizieren.
Marketing
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist erforderlich, um Nutzerprofile zu erstellen, um Werbung zu versenden oder um den Nutzer auf einer Website oder über mehrere Websites hinweg zu ähnlichen Marketingzwecken zu verfolgen.