Genau wie andere Regiekollegen, Jim Jarmusch, Hong Sang-Soo oder Wes Anderson beispielsweise, liebt auch Christian Petzold die Kontinuität bei der Zusammenarbeit beim Filmen. Sie schafft eine Vertrautheit, auf die man aufbauen kann, und trotzdem immer wieder Neues hervorbringt. Aber nicht nur Team und Cast, auch bestimmte Motive erfreuen sich einer gewissen Beliebtheit. Mit einem provozierten Autounfall endet Die innere Sicherheit, den Freitod per Auto sucht Ali in Jericho und in Wolfsburg und Yella wird die Geschichte, wie auch diesmal, durch einen (tödlichen) Crash erst in Bewegung gebracht. Laura, eine junge Pianistin aus Berlin, scheint verloren und nicht mehr in ihre Jetzt-Welt zu gehören. Sie merkt, dass sie an dem Ausflug aufs dem Land mit dem oberflächlichen Trio aus ihrem Musiker-Freund, dessen Produzenten samt Freundin nicht teilnehmen will, und als vermeintliche Spaßbremse wiederum wird sie nur allzu gerne ziehen gelassen. Auf der Fahrt zurück zum Bahnhof kommt das rote Cabrio von der Straße ab – ihr Freund stirbt bei dem Unfall, Laura überlebt. Die verwirrt herumirrende wird von der im nahe gelegenen Haus wohnenden Betty aufgenommen und gepflegt. „Laura … fängt in der trügerischen ländlichen Idylle gewissermaßen ein neues Leben an, in einem Phantasma, das sie gemeinsam mit Betty und dann auch der Mitwirkung ihrer Familie erschafft und in der jeder sein eigenes Spiel zu spielen scheint. Es ist ein zärtlich gezeichneter Kokon aus familiärer Geborgenheit, gemeinsamen Essen, Besuchen in der Autowerkstatt. Doch die ganze Zeit ist klar, dass er nicht von Dauer sein kann. [Es ist] … ein Spiel mit reizvollen Motiven, die aber teils skizzenhaft bleiben. Im Kontext mit seinen anderen Werken betrachtet ist er ein weiterer sehenswerter Mosaikstein in seiner an faszinierenden Geschichten und Metaphern so wunderbar reichen erzählerischen Welt.“ Patrick Seybold | epd Film
Credits:
DE 2025, 86 Min., deutsche OmeU Regie: Christian Petzold Schnitt: Bettina Böhler Kamera: Hans Fromm mit: Paula Beer, Barbara Auer, Matthias Brandt, Enno Trebs
On a weekend trip to the countryside, Laura miraculously survives a car crash. Physically unhurt but deeply shaken, she is taken in by a local woman who witnessed the accident and now cares for Laura with motherly devotion. When her husband and adult son also give up their initial resistance to Laura’s presence, the four of them slowly build up some family-like routine. But soon they can no longer ignore their past…
Credits:
DE 2025, 86 Min., deutsche OmeU Regie: Christian Petzold Schnitt: Bettina Böhler Kamera: Hans Fromm mit: Paula Beer, Barbara Auer, Matthias Brandt, Enno Trebs
1992 verübten Nazis Brandanschläge auf zwei Wohnhäuser im schleswig-holsteinischen Mölln, drei Menschen kamen ums Leben. Die Stadtverwaltung erhielt hunderte Briefe, die an die Angehörigen der Opfer gerichtet waren, aber mangels einer genauen Adresse dort landeten, Beileids- und Solidaritätsbekundungen an die Überlebenden, Zeichnungen, Gedichte, kleine Trostgeschenke. Einige wurden beantwortet, alle geöffnet und anschließend archiviert – kein einziger wurde weitergeleitet, bis sie 27 Jahre später sie zufällig entdeckt wurden. Der Film nimmt die Briefe zum Anlass, die Unfähigkeit der Behörden, mit solch‘ einer monströsen Tat umzugehen, einmal mehr aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht vor allem aber der Kampf der Überlebenden mit den Folgen der Tat, auch heute noch. Der damals 7‑jährige Ibrahim ist aktiv dabei, die Erinnerung an den Anschlag wach zu halten und über Rassismus in Deutschland zu informieren. Mit ihm besucht der Film drei Verfasserinnen, die Martina Priessner ausfindig gemacht hat. Hätten die Briefe, wären sie damals angekommen, überhaupt geholfen? Die Antwort ist ja, sie hätten zumindest das Gefühl, vollkommen allein zu sein mit der eigenen Trauer, mildern können.
„Struktureller Rassismus hat nach der eigentlichen Tat bei den Überlebenden zu weiteren Verletzungen geführt. Regisseurin Martina Priessner gibt den Zuschauer*innen einen Einblick in ein hoch komplexes Geflecht aus Trauer, Angst, Wut und Liebe, in dem die Kinder der Familie Arslan aufwuchsen. Sie zeigt auch, wie das neu gegründete Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland in Köln sich der Briefe annimmt. Sorgsam, respektvoll und in enger Absprache mit den Betroffenen kümmern sich dessen Mitarbeitende um die Zeitzeugnisse, die tief in die deutsche Seele blicken lassen. Mit einem ganz ähnlichen Ethos befasst sich Die Möllner Briefe mit den Folgen der rechtsextremen Gewalttat.“ Eva Szulkowski | indiekino
Credits:
DE 2025, 96 Min., deutsch, türkische Originalfassung mit deutschen und türkischen Untertiteln Regie: Martina Priessner Schnitt: Maja Tennstedt Kamera: Ayşe Alacakaptan, Julia Geiß
In November 1992, a racist arson attack in Mölln shattered the lives of İbrahim Arslan and his family. At just seven years old, İbrahim survived, but he lost his sister, his cousin and his grandmother. In the aftermath of the attacks, the city received hundreds of letters of solidarity which were ignored for nearly three decades. Woven into İbrahim’s poignant journey of discovery and his encounters with three letter writers, these rediscovered letters form a visual and emotional bridge between past and present. The film follows İbrahim and his siblings, painting a complex portrait of the lasting trauma that continues to affect them to this day. While İbrahim has found a way to cope by fighting against racism and advocating for a remembrance culture centred on the victims’ perspectives, his brother Namik is still at the beginning of his journey to come to terms with the traumatic experiences. The film not only amplifies the perspectives of the victims and survivors but also uncovers the vibrant solidarity that once existed – a solidarity of which the victims and survivors were previously unaware. It offers a new perspective on remembrance – one that takes the voices of survivors and their experiences seriously and provides them with the space and recognition that they deserve.
Credits:
DE 2025, 96 Min., deutsch, türkische Originalfassung mit deutschen und türkischen Untertiteln Regie: Martina Priessner Schnitt: Maja Tennstedt Kamera: Ayşe Alacakaptan, Julia Geiß
Inmitten der endlosen Weite der Atacama-Wüste träumt die junge Carola von einem Leben am Meer. Doch der Alltag mit ihrem Vater Pacifico ist erbarmungslos: Gemeinsam betreiben sie eine illegale Mine und hüten ein gefährliches Geheimnis – eine Goldader, die sie heimlich in nächtlicher Arbeit abbauen. einer der anderen Bergmänner die verborgene Fundstelle entdeckt, eskaliert die Situation in Gewalt. Pacifico wird schwer verletzt, und Carola muss seinen Platz übernehmen. Aber kann sie sich gegen die Feindseligkeit der Männerwelt und ihre eigenen Ängste behaupten?
Ein fesselnder Neo-Western, der in die unglaubliche Weite der Wüste und tief ins Innere der Erde führt, und die Frage stellt: Wie weit würdest du gehen, um deine Träume zu retten?
Credits:
CL/MX/UY/DE 2024, 83 Min., span. OmU Regie: Juan Francisco Olea Kamera: Sergio Armstrong mit: Katalina Sánchez, Francisco Melo, Michael Silva
Set in the extinct world of artisan mining in North Chile, this neo western centers the struggles and empowerment of a young woman, fighting to keep the family business against patriarchal structures and the law of the jungle.
Credits:
CL/MX/UY/DE 2024, 83 Min., span. OmU Regie: Juan Francisco Olea Kamera: Sergio Armstrong mit: Katalina Sánchez, Francisco Melo, Michael Silva
Eine wunderbar unmoralische Story: Eingehüllt in sanfte, herbstliche Farben und mit steigender Spannung präsentiert François Ozon, inzwischen nicht nur als besonders fleißiger Regisseur, sondern auch als raffinierter Geschichtenerzähler bekannt, eine Komödie, die sich peu à peu zum intelligenten Kriminalfall steigert. Michelle ist eine liebenswerte, rüstige Kleinstadtrentnerin mit einem hübschen Häuschen, in dessen Garten sie Gemüse anbaut. Gleich um die Ecke wohnt Marie Claude, ihre beste Freundin. Die beiden alten Damen verstehen sich blendend, sie gehen gemeinsam spazieren und Pilze sammeln, und sie unterstützen sich, wo es geht. Michelle chauffiert die Freundin auch zum naheliegenden Gefängnis, wo Marie Claudes Sohn Vincent inhaftiert ist. Michelle ist gerade in Vorfreude auf die kommenden Herbstferien, denn dann wird ihr 12-jähriger Enkel Lucas, den sie über alles liebt, für ein paar Tage zu ihr kommen. Als Michelles Tochter Valérie mit Lucas eintrifft, hat sie schon alles aufs Beste vorbereitet. Aber dann: ein schrecklicher Unfall – eine Pilzvergiftung, für die Michelle verantwortlich ist – Valérie ist stocksauer und reist mit Lucas ab, und ihr Entschluss steht fest: Ihre Mutter darf keinen Kontakt mehr mit Lucas haben. Mehr soll über die Handlung nicht verraten werden. Nur so viel: Es geht unter allerstrengster Nichtbeachtung irgendwelcher Klischees um Schuld, um Wahrheit, um Moral und Doppelmoral. Und am Rande auch um Freundschaft und Familie. …“ Gaby Sikorski | programmkino.de „… In bemerkenswerter Ambivalenz schildert Ozon, wie kompliziert Familienbande und Entfremdung sein können. Und wie enorm belastend es sich anfühlt, eventuell eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Auch Michelles Hintergrundgeschichte entbirgt sich erst allmählich. … Wenn der Herbst naht ist lustig und clever, melancholisch und tiefgründig, lebensnah und zugleich magisch. Sogar Geister haben darin Platz – und haben ebenfalls gar keine Lust auf eine stereotype Darstellung.“ Andreas Köhnemann | kino-zeit
Michelle, a model grandmother, is enjoying peaceful retirement in a Burgundy village, close to her best friend Marie-Claude. On All Saints‘ Day, her daughter Valérie arrives to drop off her grandson Lucas for the school holiday week. But nothing will go to plan.
IDas Grundstück eines verlassenen Bauernhofes in der Nähe von Le Havre soll zum Parkplatz für ein Mega-Einkaufszentrum werden, aber rechtlich muss die Angelegenheit noch mit den ermittelten Nachfahren der letzten Besitzerin geklärt werden. Diese 30 vom Erbe überraschten Erben schicken zunächst vier von ihnen los, sich die Sache näher anzuschauen. Also fahren ein junger Fotograf, eine in Trennung lebende Ingenieurin, ein kurz vor der Pensionierung stehender Lehrer und ein gern redender Imker (Vincent Macaigne, derzeit in Zikaden als Nina Hoss‚ Ehemann zu sehen) zum Anwesen. Bei ihrem ersten Besuch finden sie im Haus viele Fotos, Gemälde, Bilder und Briefe, die ihre Fantasie anregen, und Adele, ihrer gemeinsamen Ahnin und letzter Bewohnerin des Hofs, eine Geschichte imaginieren. Die führt führt Ende des 19ten Jahrhunderts die damals 21-jährige nach Paris, auf der Suche nach der ihr unbekannten Mutter, die auch ihre ganz eigene Geschichte hat. Große Namen der Kunstszene spielen eine Rolle, und kommen dann letztendlich wieder mit den Er’binnen zusammen. Mit Die Farben der Zeit hat Klapisch einen großen Ensemblefilm geschaffen, der virtuos mit den Zeitebenen spielt und Humor, mal sanft, mal bissig, manchmal albern, mit Melancholie verbindet. Vor dem Hintergrund technischer Neuerungen wie Fotografie oder Elektrizität und künstlerischer Aufbrüche einst und Fortschrittsglauben heute führt er die Menschen zusammen, erzählt eine Geschichte vom Impressionismus, von Paris und dem Klischee von Paris, dem Garten von Claude Monet, und erzählt zum Glück am Ende doch nicht alles aus. „Die Farben der Zeit bietet neben seiner bewegenden Familiengeschichte eine spielerische und unterhaltsame Reflexion über den Begriff der Moderne, eine selbstbewusste Unterhaltung, die sich sich an der Kitschästhetik von Postkarten ebenso erfreut wie an impressionistischen Meisterwerken und gleichzeitig die Bewunderung des Filmemachers für Künstler und Pioniere zum Ausdruck bringt.“ Cineuropa
Credits:
La venue de l’avenir FR 2024, 124 Min., französische OmU Regie: Cédric Klapisch Kamera: Alexis Kavyrchine Schnitt: Anne-Sophie Bion mit: Suzanne Lindon, Vincent Macaigne, Cécile de France, Paul Kircher, Julia Piaton, Vassili Schneider, Vincent Perez
United by the unexpected inheritance of a house in Normandy, four estranged cousins discover their family history. While exploring the house, left untouched since the 1940s, they excavate the life of their ancestor, Adèle Vermillard, a 20 year old woman who lived there in 1895. The end of the 19th century saw the birth of both photography and the Impressionist movement, which profoundly changed painting. Through back-and-forth journeys between 1895 and 2025, they find in the relics of the past what will help them better envision their own future.
Credits:
La venue de l’avenir FR 2024, 124 Min., französische OmU Regie: Cédric Klapisch Kamera: Alexis Kavyrchine Schnitt: Anne-Sophie Bion mit: Suzanne Lindon, Vincent Macaigne, Cécile de France, Paul Kircher, Julia Piaton, Vassili Schneider, Vincent Perez
Ende der 1990er Jahre. Wilma hat ihr Leben im Lausitzer Braunkohlerevier verbracht. Es war geprägt von Arbeit und Wandel zweier politischer Systeme. Als ihr persönliches und berufliches Leben zerbricht, verlässt sie Ende der 1990er Jahre ihr Heimatdorf und zieht nach Wien. Dort beginnt sie neu, findet frische Perspektiven und entdeckt alte Utopien wieder, die sie einst inspirierten. Mit ihren alten Überzeugungen und neu gewonnener Kraft setzt sie sich nicht nur für sich selbst, sondern auch für eine bessere Zukunft und die Umwelt ein. Ein Film über Verlust, Neuanfang und den unermüdlichen Glauben an Veränderung.
„Dass es Wilma nach Österreich verschlägt und nicht in die alten Bundesländer, erweist sich als geschickter Schachzug von Regisseurin und Drehbuchautorin Maren-Kea Freese. Im Westen wäre Wilma sofort auf ihre Herkunft reduziert worden. Womöglich hätten Vorurteile einen Neuanfang erschwert oder vereitelt. Zumindest wäre „Wilma will mehr“ ein gänzlich anderer Film geworden. Wien dagegen, als eigenständige, ausländische, aber deutschsprachige Metropole, ist ein anderes Pflaster. Dort kennt man sich mit deutsch-deutschen Befindlichkeiten und Streitigkeiten weniger aus. Zwar finden auch die Ösis, dass die Ossis mitunter naiv sind. Doch wenn Wilma etwas leistet – und sie leistet viel –, wird das anerkannt.
Eigentlich schert man sich in Wien nicht um Herkunft. Doch wenn Wilma über ihr vergangenes Leben und die Mentalität ihrer Landsleute spricht, stößt sie doch auf Interesse. Bei einem feucht-fröhlichen Abend mit einem Dia-Vortrag von Wilma über die Lausitz und ihr ehemaliges Kraftwerk wird sie von ihren neuen Freunden gefeiert. Man stößt ganz im internationalistischen Sinne auf Karl Marx an und intoniert gemeinsam das DDR-Agitationslied „Sag mir, wo du stehst“.
Dennoch hat sich der Film weder Ostalgie noch eine Analyse der Umbruchszeit auf die Fahnen geschrieben. Es geht in erster Linie um eine Frau, die aus der Enge ihrer Heimat herausfindet und sich nach langer Zeit wieder entfalten kann. Als die Arbeits- und Lebensgrundlagen um sie herum zusammenbrechen, wagt Wilma den Ausbruch und stellt fest, dass sie auch in der Fremde gut zurechtkommt. Das liegt an ihrer beruflichen Vielseitigkeit, aber auch an ihrem Pragmatismus, mit dem sie sich auf neue Menschen und Mentalitäten einlassen kann. Sie greift Gelegenheiten beim Schopfe – aus Notwendigkeit, aber auch, weil sie die Abenteurerin in sich entdeckt. Fritzi Haberlandt trägt den Film mit Bravour und wirkt durch und durch glaubhaft. Selbst in Momenten der Verzweiflung rafft sich ihre Figur mit Brandenburger Dialekt wieder auf. Von dem, was sie in ihrem bisherigen Leben gelernt hat, kann sie in Wien jede Menge anwenden.“ Kira Tazman | filmdienst
Credits:
DE 2025, 112 Min., Regie: Maren-Kea Freese Kamera: Michael Kotschi Schnitt: Andrea Muñoz Darsteller*innen: Fritzi Haberlandt, Thomas Gerber, Stephan Grossmann, Xenia Snagowski, Katrin Schwingel, Isabel Schosnig
Trailer:
Kinotrailer „Wilma will mehr” – Kinostart 31. Juli 2025
Former power plant worker Wilma, who survived two political systems, faces a fresh start. After living her entire life in the rural lignite mining area (Ex-GDR), she left her village in the late 1990s when her world crumbled. Escaping to Vienna, she wants to rebuild her life. Old dreams of a better society resurface, and she embraces them with renewed energy, determined to create new paths for herself.
Credits:
DE 2025, 112 Min., Regie: Maren-Kea Freese Kamera: Michael Kotschi Schnitt: Andrea Muñoz Darsteller*innen: Fritzi Haberlandt, Thomas Gerber, Stephan Grossmann, Xenia Snagowski, Katrin Schwingel, Isabel Schosnig
Trailer:
Kinotrailer „Wilma will mehr” – Kinostart 31. Juli 2025
Eine Geste aus diesem Film wird man so schnell nicht vergessen. Es ist die wie eine Pistole mit ausgestreckten Fingern in Anschlag gebrachte Hand von Vinz, die immer wieder an die Möglichkeit des Ausbruchs explosiver Gewalt erinnert. Wie viele andere Aktionen in dem Film ist diese Geste sowohl Imponiergehabe, Pose und Spiel als auch tatsächliche Bedrohung. Immer ist die Gefahr gegenwärtig, daß das Spiel plötzlich und unumkehrbar furchtbare Zerstörungskräfte auslöst. Es geht um 24 Stunden des Lebens von drei jungen Männern aus der ‚cite‘ ( einer Trabantenstadt an der Peripherie von Paris ). Einer von ihnen wird am Ende tot sein.” Weniger ein brutaler Film, als vielmehr ein neuer ‚film noir‘. – Wer ’71 Fragmente…‘ nicht mochte (und das, so befürchte ich, wird die Mehrheit sein), wird diesen Film sehr mögen, die anderen werden ihn vielleicht als ein wenig zu didaktisch empfinden. Aber wahrscheinlich ist dieser Vergleich auch ziemlich blöd. (fsk Programmhefttext von 1995)
„Die Wucht, mit der Kassovitz den Zuschauer in die Auseinandersetzungen der drei Freunde zieht, resultiert aus der filmischen Gestaltung, aber auch aus dem hervorragenden Spiel der drei Hauptdarsteller, die der Geschichte hohe Authentizität verleihen. Schwarzweiße Bilder, harte Schnitte und die ausschließliche Verwendung von Originaltönen erzeugen einen bedrängenden Alltagsrealismus, der nicht nur den „sozialen Riß” durch die französische Gesellschaft spürbar macht, sondern auch ein Gefühl für die Ausweglosigkeit seiner Helden vermittelt. Wie sehr es dem 27jährigen Kassovitz trotz seiner ungeteilten Sympathie für die Bewohner der Banlieue doch gelingt, die Balance zwischen Parteilichkeit und Stilisierung zu halten, wird immer wieder in einzelnen Einstellungen deutlich, in denen sich seine Intentionen zur Metapher verdichten. Als Vinz den beiden Gefährten zum erstenmal die Pistole zeigt, schrecken diese zurück und weisen ihn ab, indem sie davonlaufen; dabei isoliert die Kamera den kahlköpfigen Vinz, der selbstvergessen über die Waffe streicht und plötzlich hochschreckt, als er merkt, daß er allein ist. Das schönste Bild, das Kasssovitz für die überlebensnotwendige Solidarität untereinander findet, ist dezent an den Rand gesetzt: nachdem Saïd und Hubert verhaftet, gequält und erniedrigt, dann aber wieder freigelassen wurden und im mondänen Stadtzentrum auch Vinz wiedergefunden haben, wandelt Saïd im Vorbeigehen mit der Sprühdose einen Werbeslogan ab: Die Welt ist nicht mehr „dein”, sondern „unser”: Miteinander, nicht getrennt können sie dem Morgen entgegensehen. Doch da flimmert über eine riesige Videowand die Nachricht vom Tod Abdels.” Josef Lederle | filmdienst
Credits:
FR 1995, 98 Min., franz. OmU Regie und Buch: Mathieu Kassovitz Kamera: Pierre Aïm Schnitt: Mathieu Kassovitz, Scott Stevenson mit: Vincent Cassel, Hubert Kounde, Said Taghmaoui
La Haine opens with a montage of news footage depicting urban riots in a banlieue in the commune of Chanteloup-les-Vignes near Paris. In the aftermath of the riots, a local man named Abdel Ichaha is gravely injured in police custody and is in intensive care. The riots escalate, leading to a siege of the local police station and the loss of a police officer’s revolver. The film follows the lives of three friends of Abdel, who are all young men from immigrant families, over approximately twenty consecutive hours.
Vinz, a young Jewish man with an aggressive temperament, seeks revenge for Abdel’s condition. He harbors a deep hatred for all police officers and secretly emulates Travis Bickle from Taxi Driver in front of his bathroom mirror. Hubert, an Afro-French boxer and small-time drug dealer, aspires to escape the banlieue and create a better life for himself. However, his boxing gymnasium was destroyed in the riots. Saïd, a young North African Muslim, acts as a mediator between Vinz and Hubert who constantly argue.
The three friends lead a directionless daily routine and frequently find themselves under police surveillance. At a rooftop party which is broken up by the police, Vinz insults a plainclothes police officer. After the trio leaves, Vinz reveals that he has discovered the .44 Magnum revolver lost during the riot. He plans to use it to kill a police officer if Abdel dies. While Hubert disapproves, Vinz secretly takes the gun with him. They try to visit Abdel in the hospital but are stopped by the police. Saïd is arrested after they aggressively refuse to leave, but he is later released with the assistance of a police officer who knows his brother.
A disagreement arises between Vinz and Hubert regarding their perspectives on policing and violence, leading them to part ways temporarily. Saïd accompanies Vinz, while Hubert briefly returns home. They reunite at another gathering in the banlieue, which quickly descends into chaos when Abdel’s brother attempts to murder a police officer as an act of revenge. This triggers a confrontation with the police, and the group narrowly escapes after Vinz almost shoots a riot officer. They board a train to Paris, where their interactions with both friendly and hostile Parisians escalate several situations into dangerous confrontations.
In a public restroom, they encounter a Polish survivor of the gulag who tells them a story about a man who froze to death after he refused to relieve himself in public near the train and then failed to re-board in time. The trio is perplexed by the meaning of the story.
Later, they visit Astérix, a frequent cocaine user who owes money to Saïd. This visit leads to a violent confrontation, as Astérix appears to force Vinz to play Russian roulette, although the gun is secretly unloaded. They encounter sadistic plainclothes police officers who arrest Saïd and Hubert while Vinz manages to escape. The police officers verbally and physically abuse the duo before imprisoning them until late at night, causing the three friends to miss the last train from Saint-Lazare station and spend the night on the streets.
After being kicked out of an art gallery and failing to hotwire a car, the trio takes shelter in a shopping mall. They hear from a news broadcast that Abdel has died. They make their way to a rooftop, where they insult skinheads. However, they encounter the same group of skinheads who mercilessly attack Saïd and Hubert. Vinz intervenes, holding one of the skinheads at gunpoint. Despite Hubert pushing Vinz to execute him, Vinz hesitates and ultimately lets the skinhead go.
In the early morning, the trio returns home, and Vinz hands the gun over to Hubert. Vinz and Saïd encounter the officer whom Vinz had insulted at the rooftop party. The officer seizes Vinz, threatening him with a loaded gun against his head. Hubert rushes to their aid, but the officer accidentally discharges his gun, killing Vinz. A tense standoff ensues between Hubert and the officer, as Saïd closes his eyes. A single gunshot is heard, leaving it unclear who fired the shot or who may have been struck.
This climactic standoff is accompanied by a voice-over of Hubert’s slightly modified opening lines („It’s about a society in free fall…”) and the recurring phrase jusqu’ici tout va bien („so far so good”). The film portrays a microcosm of French society’s descent from hostility into senseless violence, emphasizing that despite appearances, all is not well and the future remains uncertain. Wikipedia
Credits:
FR 1995, 98 Min., franz. OmU Regie und Buch: Mathieu Kassovitz Kamera: Pierre Aïm Schnitt: Mathieu Kassovitz, Scott Stevenson mit: Vincent Cassel, Hubert Kounde, Said Taghmaoui
„Egozentrische Erkundung ihrer Psyche“ – bösartige Kritiken begleiteten ihre ersten Arbeiten. Die NYT sah gar „Eine Schande für das Ansehen des Tanzes“, um allerdings schon bei ihrem Stück JUICE, das sie in der Rotunde des Guggenheim ausführen durfte, zu urteilen: „Miss Monk, die oft das Alltägliche in Bewegungen isoliert hat, entpuppt sich nun mit etwas Hilfe von Frank Lloyd Wright als Meisterin des Spektakulären. Ihre Nutzung der architektonischen Möglichkeiten des Guggenheim für eine 85-köpfige Performancegruppe war einfach brillant.“ Ihre Erforschung und Nutzung der Stimme als eigenes Instrument, sowie die Arbeiten an der Schnittstelle von Musik und Bewegung, Bild und Objekt, Licht und Klang waren Neuland. Als Frau war sie in der von Männern dominierten New Yorker Avantgarde-Musikszene der 1960er- und 1970er-Jahre jedoch ein Solitär und musste um Anerkennung und Ressourcen kämpfen.“ Regisseur Billy Shebar hatte Glück. Seine Frau Katie spielte in vielen Stücken von Monk mit. Er entdeckte seine Liebe zu ihrer Musik und bekam Zugang zu einem wunderbaren Archiv aus Filmen, Fotos und Musik. „Man bekommt viel Lust, ihre Alben hinterher in Ruhe anzuhören.“ TC Böhme | taz „Die Gegenkultur der 60er Jahre, in der Monk ihre Stimme fand, wandte sich gegen rassistische und geschlechtsspezifische Diskriminierung, Konsumdenken und den Vietnamkrieg. Ihr Werk ist zwar nicht offenkundig politisch, verkörpert aber all diese Werte und wirkt heute noch genauso bewusstseinserweiternd wie zu Beginn.“ Billy Shebar
Credits:
US/DE/FR 2025, 93 Min., engl. OmU Regie: Billy Shebar, David Roberts Kamera: Jeff Hutchens, Ben Stechschulte Schnitt: Sabine Krayenbühl
The profound cultural influence of the composer, performer and interdisciplinary artist Meredith Monk is often overlooked. As a female artist, she had to fight for recognition and resources in the male-dominated art scene of downtown New York of the 1960s and 1970s. Early reviews in “The New York Times” were vicious and sexist, with Clive Barnes calling her “a disgrace to the name of dancing” and John Rockwell opining that she was “so earnestly strange in a talented little-girl way”. And yet, as her celebrated contemporary Philip Glass says: “She, among all of us, was – and still is – the uniquely gifted one.” Monk in Pieces is a mosaic that mirrors the structure of her own work and illuminates her wildly original vocabulary of sound and imagery. In the film’s final chapters, Monk confronts mortality. We see her warily entrust her masterpiece “Atlas” to the director Yuval Sharon and singer Joanna Lynn-Jacobs for a new production with the Los Angeles Philharmonic. For 60 years, Monk has directed and performed in all her works; now she must learn to let go. What will happen to such singular creations after she is gone?
Credits:
US/DE/FR 2025, 93 Min., engl. OmU Regie: Billy Shebar, David Roberts Kamera: Jeff Hutchens, Ben Stechschulte Schnitt: Sabine Krayenbühl
Der Argentinier Gustavo betreibt im melancholisch-humorvollen Spielfilm La Practica zusammen mit seiner Frau Vanesa in Santago de Chile ein Yoga-Center. Die Ehe ist am Ende, bei der Scheidung wird der Besitz aufgeteilt. Gustavo bleibt alleine mit der Yoga-Schule zurück und kann und will sich nicht mit der Situation abfinden.
„Lakonischer, unterspannter und schöner lässt sich von einem aus den Fugen geratenen Leben kaum erzählen. Gustavo ist nach der Trennung von seiner Frau Vanessa, die ebenfalls Yoga unterrichtet, zu seinem ketterauchenden Schwager gezogen, der beim Kochen nicht am Knoblauch spart, was für echte Yogamenschen eine Unmöglichkeit ist. Das gemeinsame Studio – die erste staubtrockene Einstellung gilt dem Schild mit dem Schriftzug „Yoga“ – hat sie ihm überlassen. Doch eben hier, an dem einzig stabilen Ort, der vermeintlichen Oase innerer Ruhe und Ausgeglichenheit, ereignen sich beunruhigende Dinge. Bei einer Erderschütterung stürzt mitten im Training ein Paravent auf den Kopf der deutschen Schülerin Steffi. Sie kann sich fortan an nichts mehr erinnern – weder an ihre Passwörter oder den Besuch eines Yoga-Kurses, noch daran, dass ihr Gustavo kurz vor dem Zwischenfall nahegelegt hat, ein anderes Studio zu besuchen – wegen „Fehlinterpretation von Gesten“. Zudem kommen bei einem Diebstahl in der Garderobe Handys und andere Wertsachen abhanden. Eine unachtsame Bewegung, und Gustavo verstaucht sich auch noch den Meniskus.
Kein Ausweg, nirgends
Ein Refugium in den Bergen wird zum Fixpunkt – und später auch von Vanessa, Steffi und anderen Personen aufgesucht. Durch merkwürdige Bewegungen in Büschen und eine erneute Zerrung bringt der Aufenthalt für Gustavo jedoch nicht die gewünschte Erholung. Also sieht er sich gezwungen, vorerst auf die Gymnastikübungen eines russischen Influencers und stumpfe Kraftübungen in einem gewöhnlichen Fitnessstudio umzusatteln. Auch kommt er, vom Gestank von Zigaretten und Knoblauch geplagt und inzwischen schwer humpelnd, vorübergehend in einem Studentenzimmer ohne Warmwasser unter, bevor ein geplatztes Rohr die gesamte Wohnung flutet.
Was nach einer Ansammlung von Katastrophen in wachsenden Eskalationsstufen klingt, vollzieht sich unter der Regie von Martin Rejtman in aller Seelenruhe und an der Grenze zur Trägheit. Nur gesprochen wird ausgesprochen schnell und viel; nach der Paartherapie mit der Ex-Frau, bei den Telefonaten mit Gustavos gluckenhafter Mutter, die ihn drängt, nach Buenos Aires zurückzukehren. Von den Stürzen und Schlägen hingegen ist nichts zu sehen; die Montage folgt der verknappenden Logik einer Bildergeschichte; gezeigt werden nur die Folgen – Gustavo ist aus dem Bild verschwunden und steckt weniger später im Gully, der Paravent liegt auf Steffi und so weiter.” Esther Buss | filmdienst
Credits:
US/AR/CL/PT 2023, 93 Min. spanische OmU, Regie: Martín Rejtman Kamera: Hugo Azevedo Schnitt: Frederico Rotstein mit: Esteban Bigliardi, Manuela Oyarzún, Amparo Noguera, Camila Hirane, Gabriel Cañas
Gustavo loses the harmony in his life when his wife leaves him, he loses his home and an injury prevents him from continuing his work: teaching yoga. Between tremors, robberies, hospitals, motorcycles, couple’s therapy, yoga retreats, anti-inflammatories and antidepressants, Gustavo will try to avoid the fall. THEPRACTICE is a naturalistic and delirious comedy about the drama of approaching 50.
Credits:
US/AR/CL/PT 2023, 93 Min. spanische OmU, Regie: Martín Rejtman Kamera: Hugo Azevedo Schnitt: Frederico Rotstein mit: Esteban Bigliardi, Manuela Oyarzún, Amparo Noguera, Camila Hirane, Gabriel Cañas
„Papa, fahr los, lass uns ihnen folgen.“ – „Sie folgen uns. – Wirklich?“ – „Das ist keine gute Idee, du wirst dein Auto zerschroten, die Straßen sind sehr gefährlich.“ – „Wir haben keine Wahl.“ Als die riesige Rave-Party in der marokkanischen Wüste wegen Kriegsbeginns von der örtlichen Militärpolizei aufgelöst und das Publikum nach Europa zurückgeschickt wird, brechen Jade, Stef, Josh, Tonin und Bigui aus den Konvoi aus und machen sich mit ihren umgebauten Trucks aus dem Staub, zur nächsten Party im Süden. Spontan und mitgerissen von der Begeisterung seines kleinen Sohnes Estaban folgt Luis ihnen in seinem Kleinbus. Er ist verzweifelt auf der Suche nach seiner Teenager-Tochter Mar, die sich seit über fünf Monaten nicht gemeldet hat, und vielleicht ist sie bei einem der Raves. Selten hat mich ein Film so sehr von der ersten Einstellung an hineingezogen und bis zum Schluss dabeigehalten. Sirāt (so heißt die Brücke zwischen Himmel und Hölle in der islamischen Eschatologie – dünner als ein Haar und schärfer als ein Messer) ist spannend, hypnotisch und verstörend – ein herausforderndes Werk, dabei keinem Genre zuzuordnen. Der eigentliche Endpunkt der Reise verschwindet mit der Zeit, die Geschichte vom Weg, der das Ziel ist, stimmt hier trotzdem nicht. Olivier Laxe führt die kleine Gruppe auf ihrer Fahrt durch die marokkanische Wüste an einen existentiellen Rand, von dem niemand vorher ahnte, dass es ihn gibt. Was die Protagonist‚innen zuletzt antreibt, ist nur noch, dass es einfach immer weitergehen muss – was den Gewinner des Großen Preis der Jury (ex-aequo mit In die Sonne schauen) in Cannes 2025 auch so jetztzeitig macht. … und ja, genau für diesen Film haben wir uns letztes Jahr die neue Tonanlage mit dem irren Subwoofer angeschafft … „Seine herausragende künstlerische Qualität wird durch seine politischen und gesellschaftskritischen Aussagen ergänzt, was zu einem Film führt, der vielleicht nicht leicht zu verdauen – aber dafür umso gehaltvoller ist.“ Selina Sondermann | the upcoming
Credits:
ES/FR 2025, 120 Min., span., frz. OmU Regie: Oliver Laxe Kamera: Mauro Herce Schnitt: Cristóbal Fernández Musik: Kangding Ray mit: Sergi López, Bruno Núñez, Stefania Gadda, Joshua Liam Henderson
Trailer:
Sirāt | Trailer | Oliver Laxe | Sergi López | Bruno Nuñez
A father (Sergi López) and his son arrive at a rave deep in the mountains of southern Morocco. They’re searching for Mar — daughter and sister — who vanished months ago at one of these endless, sleepless parties. Surrounded by electronic music and a raw, unfamiliar sense of freedom, they hand out her photo again and again. Hope is fading but they push through and follow a group of ravers heading to one last party in the desert. As they venture deeper into the burning wilderness, the journey forces them to confront their own limits.
Credits:
ES/FR 2025, 120 Min., span., frz. OmU Regie: Oliver Laxe Kamera: Mauro Herce Schnitt: Cristóbal Fernández Musik: Kangding Ray mit: Sergi López, Bruno Núñez, Stefania Gadda, Joshua Liam Henderson
Trailer:
Sirāt | Trailer | Oliver Laxe | Sergi López | Bruno Nuñez
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