Heimat ist ein Raum aus Zeit

Ein Film von Tho­mas Hei­se.

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Vie­le Ichs kom­men in Tho­mas Hei­ses essay­is­ti­schem Doku­men­tar­film „Hei­mat ist ein Raum aus Zeit“ zu Wort und den­noch ist in kei­nem Moment jene Ich-Bezo­gen­heit zu spü­ren, an der all­zu vie­le zeit­ge­nös­si­sche Doku­men­ta­tio­nen (und Spiel­fil­me) kran­ken. Denn der 1955 in Ost-Ber­lin gebo­re­ne Tho­mas Hei­se erzählt hier zwar durch und durch sub­jek­tiv, tut jedoch in kei­nem Moment so, als wäre die­se per­sön­li­che Per­spek­ti­ve ein Spie­gel des gro­ßen Gan­zen.

Enor­me Men­gen an Mate­ri­al hat Hei­se zusam­men­ge­tra­gen, vor allem Brie­fe, die sich sei­ne Ver­wand­ten im Lauf der Zeit schrie­ben. Ange­fan­gen mit sei­nem Groß­va­ter Wil­helm, der durch die Erfah­run­gen des Ers­ten Welt­krie­ges zum Kom­mu­nis­ten wur­de und spä­ter eine Wie­ner Jüdin hei­ra­te­te, die im Holo­caust einen Groß­teil ihrer Fami­lie ver­lor. Sein Vater Wolf­gang wie­der­um war in der DDR Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie, kor­re­spon­dier­te mit Chris­ta Wolf und Hei­ner Mül­ler, setz­te sich für Regime­kri­ti­ker ein und wur­de dadurch selbst von Regime geta­delt. Sei­ne Frau Rose­ma­rie war Über­set­ze­rin, Redak­teu­rin, Ver­le­ge­rin, schließ­lich Tho­mas selbst, der nach der Wen­de durch Fil­me wie „Stau – Jetzt geht’s los“ „Vater­land“ oder „Mate­ri­al“ zu einem nach­denk­li­chen Chro­nis­ten Deutsch­lands und sei­ner Geschich­te wur­de.

Über drei­ein­halb Stun­den liest Hei­se selbst mit sono­rer Stim­me aus Brie­fen sei­ner Ver­wand­ten vor, oft unspek­ta­ku­lä­re Brie­fe, in denen sich die his­to­ri­schen Ver­wer­fun­gen ihrer Zeit nur andeu­ten, mal weni­ger stark, mal deut­li­cher. Unter­legt sind die­se Bild nur sel­ten mit his­to­ri­schen Auf­nah­men oder Fotos, statt­des­sen mit auf den ers­ten Blick banal wir­ken­den schwarz-weiß Auf­nah­men von All­täg­li­chem: Wald und Fel­der sind da zu sehen, eine ver­las­se­ne Bank, Bahn­glei­se ins Nir­gend­wo, Holz­hau­fen, meist Lee­re, kei­ne Men­schen, nur Geschich­te, nur Erin­ner­ung­en.

Fast ein Hör­spiel ist „Hei­mat ist ein Raum aus Zeit“ oft, doch gera­de dass die Bil­der das Gehör­te nicht bebil­dern, nicht das Gesag­te dop­peln und über­deut­lich kom­men­tie­ren, öff­net Asso­zia­ti­ons­räu­me, zwingt dazu, die eige­nen Gedan­ken flie­ßen zu las­sen, Bezü­ge her­zu­stel­len, den Lauf der deut­schen Geschich­te in der glei­cher­ma­ßen unspek­ta­ku­lä­ren, aber doch bezeich­nen­den, per­sön­li­chen Geschich­te der Fami­lie Hei­se zu fin­den.

In einer der beein­dru­ckends­ten, beklem­mends­ten Sze­nen des Films rollt 20 Minu­ten eine Lis­te mit Namen ab. 19. Okto­ber 1941 ist auf ihr ver­merkt und man muss nicht spe­zi­ell wis­sen, dass an die­sem Tag die Depor­ta­ti­on der Wie­ner Juden begann, um ange­sichts die­ser schier end­los lan­gen Auf­lis­tung die unvor­stell­ba­ren Aus­ma­ße der Ver­nich­tung vor Augen zu haben.

Was Hei­mat ist, was die­ser nach dem Drit­ten Reich dis­kre­di­tier­te Begriff heu­te bedeu­ten kann, ist eine Fra­ge, die kei­ne leich­te Ant­wort kennt. Im Wis­sen um die Unmög­lich­keit einer ein­deu­ti­gen Ant­wort geht Tho­mas Hei­se einen ande­ren Weg, reiht Gedan­ken, Ide­en, Asso­zia­tio­nen anein­an­der, die – lässt man sich dar­auf ein – „Hei­mat ist ein Raum aus Zeit“ zu einem rei­chen und berei­chern­den Erleb­nis machen.

Micha­el Meyns | programmkino.de

 
Credits:

DE/AU 2019, 218 Min.,
Regie & Buch: Tho­mas Hei­se
Kame­ra: Ste­fan Neu­ber­ger, Peter Badel, Bör­res Weif­fen­bach
Schnitt: Chris Wright

Ter­mi­ne:

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Trai­ler: