Der unverhoffte Charme des Geldes

Ein Film von Denys Arcand. Ab 1.8. im fsk.

[Credits] [Ter­mi­ne] [Trai­ler]

Der Kurier­fah­rer Pierre Paul ist gebil­det, sen­si­bel und arm. Tat­säch­lich ist er davon über­zeugt, er sei zu intel­li­gent, um erfolg­reich zu sein, wofür der exami­nier­te Phi­lo­soph ziem­lich gute Argu­men­te parat hat. Eines Tages wird Pierre-Paul bei der Arbeit Zeu­ge eines Über­falls, kor­rekt gesagt: der Schie­ße­rei nach einem Über­fall. Noch ehe er über­haupt reagie­ren kann, lie­gen zwei Gangs­ter tot am Boden, ein drit­ter ent­kommt schwer ver­letzt. Zurück blei­ben zwei ziem­lich gro­ße Sport­ta­schen, voll­ge­stopft mit Bank­no­ten. Kurz ent­schlos­sen greift Pierre-Paul zu und nimmt die Taschen an sich.

Was macht ein guter Mensch mit so viel Geld? Und was macht das Geld aus einem guten Men­schen? Auch Pierre-Paul erliegt diver­sen Ver­su­chun­gen, unter ande­rem enga­giert er das teu­ers­te Escort-Girl der Stadt: Aspa­sie, benannt nach einer der ers­ten Phi­lo­so­phin­nen der Welt­ge­schich­te. Doch dabei bleibt es nicht: Er weiht sie ein und macht sie zu sei­ner Gefähr­tin, im Bett und im Busi­ness. Außer­dem enga­giert er den Ex-Häft­ling Syl­va­in, der im Knast Betriebs­wirt­schaft stu­diert hat. Was die Drei nicht ahnen: Mitt­ler­wei­le sind ihnen die Gangs­ter, der flüch­ti­ge Räu­ber und der Bestoh­le­ne, ein berüch­tig­ter Gang­ster­boss, eben­so auf der Spur wie die Poli­zei. Alle wis­sen eigent­lich, dass Pierre-Paul das Geld geklaut hat. Doch die gro­ße Fra­ge ist: Wo ist die gan­ze Koh­le? Und in wel­chem Zusam­men­hang dazu steht Pierre-Pauls gestei­ger­tes Enga­ge­ment für Obdach­lo­se?

Die sati­ri­sche Komö­die lebt natür­lich zu gro­ßen Tei­len von der Span­nung, die aus der Fra­ge resul­tiert: Wird Pierre-Paul davon­kom­men? Und wird es ihm gelin­gen, sei­ne Mit­strei­ter zu über­lis­ten, die ihm an kri­mi­nel­ler Ener­gie deut­lich über­le­gen sind? Denys Arcand ope­riert dabei durch­weg sehr geschickt, mit einem Dreh­buch, das immer nur so viel ver­rät, wie das Publi­kum wis­sen muss, damit es rich­tig span­nend bleibt. Nur am Ende greift Denys Arcand kurz­zei­tig mal zum Brü­cken­pfei­ler, um die Ernst­haf­tig­keit sei­ner Bot­schaft durch ver­schärf­tes Win­ken zu ver­stär­ken. Doch das tut dem Ver­gnü­gen kei­nen Abbruch. Die Robin-Hood-Geschich­te um Pierre-Paul ver­knüpft eine intel­li­gen­te Sto­ry mit Action­mo­men­ten und guten schau­spie­le­ri­schen Leis­tun­gen. Pierre-Paul, die­ser harm­lo­se Jun­ge, der optisch an Ryan O’Neal in „Is‘ was, Doc?“ erin­nert und sogar noch ein biss­chen nai­ver und welt­frem­der rüber­kommt, ist dabei alles ande­re als ein gewief­ter Gano­ve, son­dern viel­mehr der Inbe­griff eines Welt­ver­bes­se­rers.

Alex­and­re Landry spielt die­sen Robin Hood der Neu­zeit, der den Armen geben möch­te, was den Rei­chen gehört. Dabei gelingt es Alex­and­re Landry, die Ent­wick­lung eines unbe­darf­ten Idea­lis­ten vom Sof­tie und Loser zum Ver­bre­cher wider Wil­len über­zeu­gend dar­zu­stel­len. Die­ser Jun­ge mit dem Charme eines jun­gen Bern­har­di­ners ist anfangs tat­säch­lich ein­fach zu gut für die­se Welt. Und natür­lich macht er alles falsch, was man laut Film­ge­schich­te in so einem Fall falsch machen kann: Er ver­traut einem Schwer­ver­bre­cher und einer Hure, die bei­de offen­kun­dig hin­ter sei­nem Geld her sind, und er glaubt, klü­ger zu sein als die Poli­zei, die sich an sei­ne Fer­sen gehef­tet hat – ganz abge­se­hen von den Gangs­tern, die abso­lut kei­nen Spaß ver­ste­hen, wenn es um die Koh­le geht. Aber Pierre-Paul ist lern­fä­hig. Er will das Sys­tem für sei­ne eige­nen Zwe­cke nut­zen. Dafür sucht und fin­det er Ver­bün­de­te, die schlaue Aspa­sie mit ihren guten Bezie­hun­gen zu alten Män­nern aus bes­ten Krei­sen und den Anar­cho-Rocker „The Brain“ Syl­va­in.

Aspa­sie wird gespielt von Marie­pier Morin, die dem selbst­be­wuss­ten Call­girl eine deut­lich spür­ba­re Klug­heit und eine ordent­li­che Por­ti­on knis­tern­de Ero­tik gibt. Sehr gut in sei­ner Iro­nie, die er gele­gent­lich mit einem fei­nen Zynis­mus würzt, ist auch Rémy Girard als Syl­va­in. Zusam­men könn­ten sich die Drei per­fekt ergän­zen, vor­aus­ge­setzt, es gelingt ihnen, den Gangs­tern und der Poli­zei zu ent­kom­men und gemein­sam der Ver­füh­rung des Gel­des zu wider­ste­hen. Als Aspa­sie einen ihrer ehe­ma­li­gen Kli­en­ten ins Spiel bringt, den skru­pel­lo­sen Off­shore-Ban­ker Tasche­reau, nimmt die Geschich­te eine neue Wen­dung. Pierre Curzi spielt ihn mit der sou­ve­rä­nen Geschäfts­mä­ßig­keit eines welt­män­ni­schen Gen­tle­man­ver­bre­chers.

Jaja, das lie­be Geld. Es macht die Men­schen gie­rig, zer­stört Lie­be und Freund­schaft. Vor allem ist es sehr unge­recht ver­teilt. Wer Geld hat, wird immer rei­cher, und wer kei­nes hat, hat kei­ne Chan­ce, jemals wel­ches zu bekom­men. Es sei denn …?

Gaby Sikor­ski | programmkino.de

 
Credits:

La chu­te de l’empire amé­ri­cain
CA 2018, 128 Min., frz. OmU
Buch und Regie: Denys Arcand
Kame­ra: Van Roy­ko
Schnitt: Arthur Tar­now­ski
mit: Alex­and­re Landry, Mari­pier Morin, Rémy Girard, Pierre Curzi, Lou­is Moris­set­te

Ter­mi­ne:

  • noch kei­ne oder kei­ne mehr

 
Trai­ler: