Das letzte Geschenk

Ein Film von Pablo Solarz.

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Eigenwillige Senioren erobern längst recht erfolg­reich die Leinwand, von „Ein Mann namens Ove“ über „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und ver­schwand“ bis „Toni Erdmann“. In der süd­ame­ri­ka­ni­schen Variation gibt der Schneider Abraham Bursztein (Miguel Ángel Solá) nun den betag­ten Helden mit lädier­tem Bein und leid­vol­ler Kindheit. Als sei­ne Töchter ihn ins Altenheim abschie­ben wol­len, fasst der 88-Jährige einen küh­nen Plan. Heimlich will er von Buenos Aires nach Polen rei­sen, um sei­nem Jugendfreund Piotrek des­sen Anzug zurück­zu­brin­gen, so wie er es ihm einst ver­spro­chen hat. Über 70 Jahre ist das her, seit­dem hat­ten die bei­den kei­nen Kontakt mehr. Davon lässt Abraham sich nicht beir­ren, stur will er die­ses titel­ge­ben­de, letz­te Geschenk in Lodz abliefern.

Weil kurz­fris­tig kei­ne pas­sen­den Flüge ver­füg­bar sind, bucht der Schneider ein Ticket nach Madrid und will die Reise mit dem Zug fort­set­zen. Mit einem ver­blüf­fen­den Trick (den man sich für sei­ne nächs­ten Flug mer­ken soll­te!) ver­schafft sich der Reisende eine gan­ze Sitzreihe im Flieger. Abraham hat nicht nur Platz für sein schmer­zen­des Bein, er macht zudem die Bekanntschaft mit einem jun­gen Musiker, der ihm bald noch nütz­lich wer­den soll. Nette Mitmenschen wer­den dem eigen­sin­ni­gen Alten auf sei­ner Odyssee durch Europa immer wie­der zur Seite ste­hen. Wie im Märchen tau­chen die­se guten Geister auf: Jene kratz­bürs­ti­ge Hotelbesitzerin Maria in Madrid, die dem bestoh­le­nen Gast als­bald ihr gol­de­nes Herz zeigt. Die gesel­li­ge Anthropologin Ingrid, die sein unver­söhn­li­ches Feindbild von Deutschen gehö­rig ins Schwanken bringt. Schließlich eine her­zens­gu­te Krankenschwester Gosia, die den geschwäch­ten Helden per­sön­lich bis ans Ziel bringt.

Je wei­ter die Reise geht, des­to mehr wird die tra­gi­sche Geschichte des Schneiders beleuch­tet. In Rückblenden erin­nert sich Abraham an die Gräuel der Nazi-Diktatur, die er als jüdi­sches Kind erlit­ten hat. Bis heu­te will er das Wort „Polen“ nicht aus­spre­chen, son­dern schreibt es stets auf einen Zettel. Mit Schrecken stellt der Holocaust-Überlebende am Pariser Bahnhof fest, dass sein Zug durch Deutschland fährt, ein Land, wel­ches er nie wie­der betre­ten woll­te. Und dann erweist sich just jene deut­sche Ingrid als ret­ten­der Engel in der Fremde.

So leid­voll die­se Biografie des Senioren sich abzeich­net, gelingt dem Drama sou­ve­rän die Balance zwi­schen Tragik und Heiterkeit. Von der poli­ti­schen Dimension abge­se­hen, bewegt sich die per­sön­li­che Ebene auf dem klas­si­schen grum­py old man-Terrain mit dem har­te Schale-guter Kern-Prinzip. Als chro­ni­scher Rechthaber tut sich der Dickkopf nicht sel­ten schwer damit, eige­ne Fehler zuzu­ge­ben. Aus sol­cher Sturheit erge­ben sich frei­lich regel­mä­ßig komi­sche Moment, schließ­lich kann die Nervensäge durch­aus char­mant sein.

Mit Miguel Ángel Solá ist der Hauptdarsteller exzel­lent besetzt. Mit gro­ßem Empathie-Potenzial fin­det er für den anrüh­ren­den Helden stets den rich­ti­gen Ton und die not­wen­di­ge Leichtigkeit: Von den Erzählungen sei­ner trau­ma­ti­schen Kindheitserlebnisse über rigo­ro­se Lektionen in Höflichkeit für Mitreisende bis zum galan­ten Flirt als Gentleman. Den weib­li­chen Part über­nimmt dabei Spaniens Schauspiel-Star Ángela Molina, die einst bei „Dieses obsku­re Objekt der Begierde“ von Luis Buñuel ihr Debüt gab. Das rühr­te auch die Zuschauer bei den Festivals von Atlanta, Miami und Philadelphia, die dem Film den Publikumspreis verliehen.

Dieter Oßwald | programmkino.de

 
Credits:

El últi­mo traje
AR/ES 2017, 93 Min., span. OmU

Regie und Buch: Pablo Solarz
Kamera: Juan Carlos Gómez
Schnitt: Antonio Frutos
mit: Miguel Ángel Solá, Ángela Molina, Julia Beerhold, Natalia Verbeke, Olga Boladz, Martín Piroyansky, Jan Mayzel

 
Trailer: