Ana, mon Amour

Ein Film von Călin Peter Netzer. Ab 24.8. im fsk.

Das sie beim ersten Treffen über Nietzsche sprechen ist nicht das einzige Ungewöhnliche an der Begegnung zwischen Toma und Ana, beide Studenten, beide jung und doch belastet durch die Geschichte, durch ihre Eltern, durch die Erbschaft eines Landes, das erst vor kurzem der Diktatur entkommen ist. Während aus einem Nebenzimmer Sexgeräusche zu hören sind, hat Ana einen Anfall, unbestimmte Magenschmerzen plagen sie, und werden sie noch jahrelang verfolgen, während sich ihre Beziehung entwickelt und schließlich zugrunde geht. Was wir hier sehen ist möglicherweise eine Rückblende, vielleicht auch nur eine Erinnerung von Toma, der auf der Coach seines Psychiaters liegt, die Beziehung zu Ana ist vorbei, seine Haare sind inzwischen deutlich lichter als der ungestüme Lockenschopf, den er in den zeitlich früheren Szenen der Geschichte trug. Jahrelang war es Ana, die bei einer Psychotherapeutin nach Antworten auf ihre Störungen suchte, die von einer mal inzestuösen, mal missbräuchlichen Beziehung zu ihrem Vater berichtete, die kaum problematischer war, als das Verhältnis von Toma zu seinen Eltern. Fließend wird zwischen der Gegenwart und unterschiedlich weit zurückliegenden Vergangenheiten hin- und hergeschnitten (Cutterin Dana Bunescu bekam 2017 den Silbernen Bären), Bezüge zwischen heute und gestern angedeutet, vor allem die Frage aufgeworfen, inwiefern die Vergangenheit die Gegenwart beeinflusst. Und genau dies ist das Thema des zeitgenössischen rumänischen Kinos, das immer wieder davon erzählt, wie die Ceausescu-Diktatur und die mit ihr einhergehende Korruption die Menschen prägte und auch heute, inzwischen ein Viertel Jahrhundert nach dem Tod des Diktators noch beeinflusst. (...) Fließend sind dabei die Übergänge zwischen breiteren gesellschaftlichen Entwicklungen und der persönlichen Ebene, die bei Netzer im Zentrum steht. Gleich beide Elternpaare von Ana und Toma sind gelinde gesagt zerrüttet und übertragen – zwar unbewusst aber unausweichlich – ihre Verhaltensweisen auf die nächste Generation. Fast schon fatalistisch wäre das zu nennen, wenn es nicht so faszinierend, so genau und klug und wahrhaftig beobachtet wäre, wie es Netzer in seinem herausragenden Film tut. Michael Meyns | programmkino.de

Rumänien 2017, 127 Min. , rum. OmU
Regie: Calin Peter Netzer
Kamera: Andrei Butică
Schnitt: Dana Bunescu
mit: Mircea Postelnicu, Diana Cavallioti, Carmen Tanase, Vasile Muraru