Zama

Ein Film von Lucrecia Mar­tel. Ab 12. Juli im fsk.

Morast“, „Die Kopf­lo­se Frau“ und „Das hei­li­ge Mäd­chen“ hei­ßen die drei Fil­me, die die argen­ti­ni­sche Regis­seu­rin Lucrecia Mar­tel zwi­schen 2001 und 2008 gedreht hat, drei außer­or­dent­li­che, unge­wöhn­li­che Fil­me, geprägt von einer sub­jek­ti­ven Erzähl­wei­se, die stets mehr Wert auf Atmo­sphä­re, auf Stim­mun­gen leg­te, als auf klas­si­sche Nar­ra­ti­on. Fast zehn Jah­re dau­er­te es nun aus unter­schied­li­chen Grün­den (die schwe­re Finan­zie­rung lässt sich an den acht Ko-Pro­duk­ti­ons­län­dern able­sen, in denen 16 Fir­men Tei­le des Bud­gets zur Ver­fü­gung stell­ten) bis Mar­tel einen neu­en Film been­den konn­te, in dem sie sich vor­der­grün­dig auf neu­es Ter­rain begibt, sich aber vor allem kon­se­quent wei­ter­ent­wi­ckelt.

Zum ers­ten Mal hat Mar­tel mit „Zama“ einen Film gedreht, der nicht in der Gegen­wart spielt. Schau­platz ist eine spa­ni­sche Kolo­nie in Latein­ame­ri­ka, Ende des 18. Jahr­hun­derts, ein Kaff, kaum mehr als ein paar Hüt­ten und Gebäu­de, irgend­wo am Meer. Hier lebt Don Die­go de Zama (Dani­el Gimé­nez Cacho), ein nie­de­rer Beam­ter der Kolo­ni­al­re­gie­rung, seit Jah­ren fern der Hei­mat, getrennt von Frau und Kin­dern, der sich nichts sehn­li­cher wünscht, als end­lich ver­setzt zu wer­den. Doch sein Anlie­gen stößt auf tau­be Ohren, immer wie­der wird er über­gan­gen, selbst Straf­ge­fan­ge­ne haben es leich­ter, den Pos­ten zu ver­las­sen, wäh­rend Zama zum War­ten ver­dammt ist.

All das ist schon viel zu viel Erklä­rung, die­se Beschrei­bung sug­ge­riert eine Hand­lung, die nicht wirk­lich vor­han­den ist, die im Gegen­teil auch bewusst irrele­vant erscheint. Lose Epi­so­den reiht Mar­tel anein­an­der, Dis­kus­sio­nen mit Vor­ge­setz­ten Zamas, ein Gespräch mit einer ver­füh­re­ri­schen Dame, der Zama den Hof macht, nur um von ihr eben­so abge­wie­sen zu wer­den, wie von allen ande­ren. Nichts pas­siert, die Zeit steht still, nichts scheint von Bedeu­tung, erst recht nicht die Tat­sa­che, dass hier eigent­lich Kolo­ni­al­her­ren gezeigt wer­den, die sich eines Lan­des bemäch­tigt haben, die Ein­ge­bo­re­nen unter­drü­cken.

1956 schrieb Anto­nio di Bene­det­to den Roman, auf dem Mar­tels Film basiert, die Deut­sche Über­set­zung heißt kurz „Zama war­tet“ was ziem­lich genau den Zustand beschreibt, den Mar­tel lan­ge evo­ziert. Ein Gedulds­spiel mag das sein, ein bewuss­ten Gegen­stück zu all den Fil­men, die viel zu viel erzäh­len wol­len, hek­tisch von einem Hand­lungs­mo­ment zum nächs­ten het­zen. Mar­tel dage­gen erzählt von Zustän­den, die sie vor allem mit einem aus­ge­feil­ten Sound­de­sign evo­ziert. Geräu­sche von Tie­ren oder dem Wind ver­mi­schen sich zuneh­mend mit einem omi­nö­sen Brum­men und Rau­schen, Dia­log­fet­zen wie­der­ho­len sich, so als wür­de sich Zamas Bewusst­seins­zu­stand zuneh­mend aus der Rea­li­tät ent­fer­nen. Und lang­sam, ganz lang­sam kommt schließ­lich auch doch noch äuße­re Bewe­gung in den Film, insze­niert Mar­tel eine Rei­se ins Herz der Fins­ter­nis, die Zama zwar äußer­lich mit der Natur, mit den Urein­woh­nern kon­fron­tiert, vor allem aber mit sei­ner Mensch­lich­keit.

Ein­fach macht es Lucrecia Mar­tel dem Zuschau­er zwar nicht, „Zama“ ist ein extrem lang­sa­mer Film, der fast nur über Atmo­sphä­re, über Stim­mun­gen funk­tio­niert. Man muss sich also dar­auf ein­las­sen, nicht schon nach zehn Minu­ten ohne erkenn­ba­re Hand­lung unge­dul­dig wer­den, son­dern sich dem Sog einer ein­zig­ar­ti­gen Stim­mung über­las­sen, die „Zama“ zu so einem beson­de­ren, bemer­kens­wer­ten Film macht.

Micha­el Meyns | programmkino.de

 
Credits:

Argentinien/ Brasilien/ Spanien/ Frankreich/ Niederlande/ Mexiko/ Portugal/ USA 2017, 114 Min.,
span. OmU
Regie: Lucrecia Mar­tel
Buch: Lucrecia Mar­tel, nach dem Roman von Anto­nio di Bene­det­to
Kame­ra: Rui Poças
Schnitt: M. Schver­dfin­ger, K. Har­ley
Dar­stel­ler: Dani­el Gimé­nez Cacho, Lola Due­ñas, Matheus Nach­ter­gae­le, Juan Min­u­jín, Rafa­el Spre­gel­burd, Nahu­el Cano, Maria­na Nunes
 
Ter­mi­ne:

  • noch kei­ne / oder kei­ne mehr

 

Zama from tri­gon-film on Vimeo.