Ira Sachs (zuletzt mit Little menbei uns) hat Franz Rogowski eine perfekte Rolle auf den Leib geschneidert: Tomas ist Regisseur in Paris, hat einen Film beendet und gönnt sich nach der Phase intensiver Arbeit und Verantwortung die verdiente Freizeit, wechselt die Garderobe und läßt seine kindliche Seite glänzen. Unbedarft und mit viel Sinn für Grenzüberschreitungen nimmt er Fahrt auf und verlangt immer mehr Freiheiten. Auf die Ehe mit Martin, der Tomas viel Geduld schenkt, fällt langsam ein Schatten, der immer länger wird, denn Tomas fängt ein Verhältnis mit Agathe an, fasziniert von sich selbst, gelingt ihm doch mühelos, sich auch in eine Frau zu verlieben. Die Ménage-à-trois nimmt also Fahrt auf, der Aufstieg zum Scherbenhaufen beginnt und Tomas wechselt wieder mal die Garderobe. „‘Ich hatte letzte Nacht Sex mit einer Frau’, sagt Tomas seinem Ehemann. Von einem Geständnis zu sprechen, würde der Sache nicht gerecht. Reue, gar Scham, empfindet Tomas gegenüber Martin nicht. Im Gegenteil, schon im nächsten Augenblick bittet er seinen Mann darum, ihm davon erzählen zu dürfen. Ohne eine Antwort abzuwarten, berichtet er von den berauschenden Gefühlen, die er schon so lange nicht mehr empfunden habe. Nüchtern betrachtet, offenbart das Drama seinen zentralen Protagonisten jäh als empathielosen Narzissten. Doch Ira Sachs, der ein besonderes Talent für das genaue Beobachten abseits professoraler Wertungen besitzt, neigt auch in dieser intimen Charakterstudie nicht zur Pathologisierung. Stattdessen versteht es Passages, den besonderen Bann, in den Tomas erst Martin und später auch Agathe – die augenscheinlich alles verändernde Frau – zieht, auf das Publikum auszuweiten.“ Arabella Wintermayr | taz
Credits:
FR 2023, 91 Min., Englisch, Französisch OmU Regie: Ira Sachs Kamera: Josée Deshaies Schnitt: Sophie Reine mit Franz Rogowski, Ben Whishaw, Adèle Exarchopoulos
On the final day of his shoot in Paris, German filmmaker Tomas is visibly tense. He is all stern exactitude as he explains to his extras just precisely how to position their hands or what their motivation is as they walk down a flight of stairs – right up until the final slate. At the wrap party, Tomas falls first into the arms of his British husband Martin, but then he meets a young primary school teacher, Agathe. A dance develops into a flirtation and then into a passionate night together. The next morning, Tomas proudly tells Martin that he has slept with a woman. As this one-night stand grows into something more, the relationship between the two men begins to change. A tale of relationships that is marked by passion, jealousy and narcissism unfolds in which each shows scant sensitivity for the needs of the others. Ira Sachs’ latest work, his sixth outing in Panorama, once again proves his talent for carefully observed relationship dramas. There is a hint of French cinema and a tang of Fassbinder wafting around the three protagonists as their personal wounds constantly redefine the power relations between them.
Credits:
FR 2023, 91 Min., Englisch, Französisch OmU Regie: Ira Sachs Kamera: Josée Deshaies Schnitt: Sophie Reine mit Franz Rogowski, Ben Whishaw, Adèle Exarchopoulos
30 Meter über der Erde ist eine neue Gemeinschaft entstanden. In den Baumkronen des Hambacher Forsts, der 2018 zum Mittelpunkt der klimapolitischen Auseinandersetzungen in Deutschland wird, leben Menschen in selbstgebauten Baumhäusern und versuchen, die drohende Rodung zu verhindern, indem sie sich selbst als Gewicht in die Waagschale werfen. Der Filmstudent Steffen Meyn dokumentiert den teilweise friedlichen, teilweise rigorosen, teilweise aggressiven Kampf der Aktivistinnen gegen die Zerstörung der Natur zwei Jahre lang mit einer 360°-Helmkamera. Dann stürzt er während einer polizeilichen Räumung vom Baum und stirbt. Der Dokumentarfilm von Meyns Freundinnen und Kommilitoninnen Fabiana Fragale, Kilian Kuhlendahl und Jens Mühlhoff basiert auf diesem Filmmaterial. Die Zweifel des Protagonisten werden darin genauso deutlich wie seine freundliche Beharrlichkeit und sein Bemühen, eine Haltung zur Radikalität der Szene zu finden. Zusätzlich haben die Regisseurinnen Interviews mit Aktivist*innen geführt, bei denen die Erfahrungen im „Hambi“ tiefe Spuren hinterlassen haben. Es geht um die Frage, wie weit Aktivismus gehen muss. Und wie weit er gehen darf.
A new community has emerged, thirty metres above the ground in the treetops of the Hambach Forest. In 2018, this site becomes the focus of climate policy disputes in Germany on account of a group of people who have got involved by living in self-built tree houses in a bid to prevent the threatened clearance of the forest. Film student Steffen Meyn documented these activists’ partly peaceful, partly radical, partly aggressive struggle against the destruction of nature over a period of two years with a 360-degree helmet camera. But then he fell from a tree during a police eviction and died. This documentary by Meyn’s friends and fellow students Fabiana Fragale, Kilian Kuhlendahl and Jens Mühlhoff is based on his footage. In their film, the protagonist’s doubts come across just as clearly as does his friendly perseverance and his efforts to cope with the more militant aspects of the movement. In addition, the directors conducted interviews with activists on whom the experiences in “Hambi” have left their mark. How far, they ask, does activism need to go? And how far should it go?
Mit Music for Black Pigeons zeichnen die Filmemacher Jorgen Leth und Andreas Koefoed das Porträt des dänischen Gitarristen Jakob Bro. 14 Jahre lang haben sie zugehört und zugesehen, wie dessen Kompositionen zu Musik werden, in Ensembles mit den ganz großen Jazzmusikern, mit Bill Frisell, Andrew Cyrille, Lee Konitz, Thomas Morgan, Mark Turner, Paul Motian, Joe Lovano, Joey Baron, Palle Mikkelberg und und und … Ja, auch Midori Takada ist dabei, diese außergewöhnliche Schlagzeugerin, die so meditativ leise die Klangschalen streicht und dann gewaltig donnernd die Paukenkessel traktiert. Es wird keiner der Titel ganz gespielt, kein Set aus dem Konzertsaal fertig übernommen. Das Konzert findet im Studio statt, bei den konzentrierten Proben, der gemeinsamen Einstimmung auf etwas, von dem keiner der Mitwirkenden weiß, ob es wahr werden wird. Und das dann doch geschieht, weil alle teil haben an dem Riesenkosmos des Jazz, weil sie alle die Musik ihrer berühmten Vorväter in der Seele tragen. Und wenn es passiert, wenn den Musikern ein Take glückt, so wie er nur glücken kann, dann geht ein Lächeln auf in ihren Gesichtern. Als Music for Black Pigeons 2022 bei den Filmfestspielen in Venedig lief, wurde er von Jazz-Affinados gefeiert als der ultimative Musikfilm überhaupt. Vielleicht ist das übertrieben, aber einer der zweitschönsten nach Jazz on a Summer’s Day (Newport 1958) ist er allemal. Elizabeth Bauschmid | indiekino
Credits:
DK 2022, 92 Min., Englisch, Dänisch, Japanisch OmU Regie: Jørgen Leth und Andreas Koefoedmäki Kamera: Adam Jandrup, Dan Holmberg, Andreas Koefoed Schnitt: Adam Nielsen mit: Jakob Bro, Lee Konitz, Thomas Morgan, Paul Motian, Bill Frisell, Mark Turner, Joe Lovano, Andrew Cyrille, Palle Mikkelborg, Jon Christensen, Manfred Eicher, Midori Takada
Music for Black Pigeons is the first collaboration between Jørgen Leth and Andreas Koefoed. The film poses existential questions to influential jazz players such as Bill Frisell, Lee Konitz, Midori Takada and many others: How does it feel to play, and what does it mean to listen? What is it like to be a human being and spending your whole life trying to express something through sounds? The characters wake up, rehearse, record, perform and talk about music. In some moments they are on the edge, the edge of existence, constantly challenging themselves. They listen. They devote themselves to finding a space to create a connection to something bigger than themselves. Something that will outlast all of us. For the past 14 years, the filmmakers followed Danish composer Jakob Bro, witnessing his musical encounters with acclaimed and eccentric musicians from across generations and nationalities. Through Bro’s compositions, the film’s characters explore the space of music—and in doing so answer some of the questions the film poses, in a poetic, life-affirming and entertaining way.
Credits:
DK 2022, 92 Min., Englisch, Dänisch, Japanisch OmU Regie: Jørgen Leth und Andreas Koefoedmäki Kamera: Adam Jandrup, Dan Holmberg, Andreas Koefoed Schnitt: Adam Nielsen mit: Jakob Bro, Lee Konitz, Thomas Morgan, Paul Motian, Bill Frisell, Mark Turner, Joe Lovano, Andrew Cyrille, Palle Mikkelborg, Jon Christensen, Manfred Eicher, Midori Takada
Als Regisseurin Sonje Strom den drei Wissenschaftlern aus Hamburg den Nachlass ihres Urgroßvaters Jürgen Mahrt im Elsdorfer Gehege in Schleswig-Holstein öffnet, können die kaum fassen, welcher Schatz ihnen da zugeführt wird: 350 ausgestopfte Vögel, 3000 Schmetterlinge, Raupen, Pilze und Käfer, geordnet in Kästen, unzählige sorgfältig handkolorierte Fotografien von Tieren, Pflanzen und Landschaften. Dazu noch ein Tagebuch, in dem der Landwirt u.a. das Verschwinden bestimmter Tier- oder Pflanzenarten festhielt. Es liefert bis heute Daten zum Artensterben und zeugt von Landschaften und Tieren, die durch den Eingriff des Menschen fast verschwunden sind. Mahrt arrangierte die von ihm ausgestopften Tiere in Feld und Flur, die Fotos verkaufte er für die in den 1920er-Jahren populären Sammelbildalben. Was war das für ein Mensch, der schon damals Beruf und Auskommen für seine Leidenschaft vernachlässigte? Der mit dem Fahrrad vom Norden Deutschlands in die Schweiz fuhr, nur um einem Freund einen seltenen Schmetterling zu zeigen und dabei die Ernte vergaß? Der sich nichts daraus machte, als Exzentriker angesehen zu werden? Der Film ist die Annäherung der Filmemacherin an den unbekannten und in mancher Hinsicht rätselhaften Urgroßvater und sein beeindruckendes Archiv. Und dann es ist es noch ein schöner Zufall, dass die Goldene Taube und die Doppelschnepfe vom Plakat zusammengefunden haben: Die toten Vögel sind oben gewann u.a. 2022 verdient den Hauptpreis bei DOK Leipzig.
Credits:
DE 2022, 85 Min., deutsch, plattdeutsche OmeU Regie: Sönje Storm Kamera: Alexander Gheorghiu Schnitt: Halina Daugird
In a northern German attic: boxes of pinned butterflies, carefully hand-coloured photographs of the local flora and fauna, hundreds of stuffed and dusty birds – Jürgen Friedrich Mahrt (1882–1940) did a great job. His collections echo a present that doesn’t exist anymore. And yet all signs of an ecological crisis can be found buried in them. Dead or alive? There is an uncanny element in Jürgen Friedrich Mahrt’s photos: One can’t always be sure whether the animal captured in the frame is the result of hours of waiting or just a specimen staged to look lifelike. The ripples around the duck on the pond are missing, the bird of prey looks suspiciously calm directly into the lens. Mahrt crossed borders. He sacrificed his duties as a farmer to the urge to document natural environments we hardly find in nature today. Ancient forests, enchanted moors, macro views of fat, colourful caterpillars – almost magical images that make one sad in view of a variety irretrievably lost. His great-granddaughter Sönje Storm has the quiet eccentric’s estate analysed by experts, shows peat cutters, extinct species and a changing countryside. An exceedingly stimulating excursion, congenially accompanied by the scurrilous electronica sounds of Dominik Eulberg and Bertram Denzel. (Carolin Weidner, DOK Leipzig 2022)
Credits:
DE 2022, 85 Min., deutsch, plattdeutsche OmeU Regie: Sönje Storm Kamera: Alexander Gheorghiu Schnitt: Halina Daugird
Typischer als „Asteroid City“ kann ein Wes Anderson-Film kaum sein: Vom bis ins kleinste Detail ausgestatteten Sets, über eine verspielte, verschachtelt erzählte Handlung, bis hin zu einer Besetzung, die auch in den kleinsten, kaum wahrnehmbaren Nebenrollen bekannte Schauspieler versammelt. Worum es geht: Um alles und nichts, das große Ganze, die menschliche Existenz, den Sinn des Leben.
Irgendwo im Südwesten der Vereinigten Staaten versammelt sich im Jahre 1955 eine bunt gemischte Gruppe Menschen. Anlass ist ein Sternforscherkongress im lokalen Wissenschaftszentrum, denn im Hintergrund der kleinen Gemeinde mit genau 87 Einwohnern, ragt der Krater auf, in den einst der Asteroid einschlug, der Asteroid City seinen Namen gab.
Nachwuchs-Sterngucker sind vor Ort, um ins All zu Blicken, junge Forscher, die ihre Entwicklungen vorstellen und bald kommt auch noch ein Alien zu Besuch. Was dazu führt, dass der Ort unter Quarantäne gestellt wird und das lokale Motel zum Anlaufort für die Gestrandeten wird: Den Kriegsfotografen Augie (Jason Schwartzmann), der gerade seine Frau verloren hat und mit seinem grantigen Schwiegervater (Tom Hanks) streitet. Der Filmstar Midge Campbell (Scarlett Johansson), eine Diva irgendwo zwischen Elizabeth Taylor und Marilyn Monroe, dazu die Wissenschaftlerin Dr. Hickenlooper (Tilda Swinton), der General Grif Gribson (Jeffrey Wright) und viele Andere. Sie alle hadern auf die ein oder andere Weise mit dem Leben, trauern geliebten Menschen mach, fragen sich, was das denn alles soll, suchen nach Antworten auf die großen Fragen der Menschheit oder schlicht und ergreifend dem Sinn der Existenz.
Sinn mag auch der Zuschauer in diesem besonders enigmatischen Film eines Regisseurs suchen, der einmal mehr einen Film vorgelegt hat, wie ihn nur er drehen kann. Vom ersten Moment an lässt „Asteroid City“ keinen Zweifel daran, dass es sich um einen Wes Anderson-Film handelt: Frontale Kameraperspektiven, liebevoll bis ins kleinste Detail ausgestattete Sets, seltsame Charaktere und nicht zuletzt: Eine verschachtelte Narration. Andersons voriger Film „The French Dispatch“ funktionierte in gewisser Weise wie die Bebilderung des Magazins The New Yorker, in „Grand Budapest Hotel“ zeigten wechselnde Bildformate die unterschiedlichen Zeitebenen an, ein Stilmittel, das sich auch in „Asteroid City“ wiederfindet. Ist der Hauptfilm in farbigem Scope inszeniert, so sind die Bilder der Rahmenhandlung in schwarz-weiß und dem altmodischen 4:3‑Format gefilmt. Hier sieht man eine TV-Inszenierung des Films, den man gerade sieht, aber auch Szenen mit dem Autor des Stücks selbst (Edward Norton), der bisweilen Besuch von den Schauspielern bekommt, die nach der Bedeutung der Dialoge fragen, die sie in der Haupthandlung sprechen.
Hübsch selbstreferenziell ist das, auch die geradezu absurde Ansammlung bekannter Schauspieler, die teilweise in winzigen Rollen auftreten, deutet darauf hin, dass Anderson hier auch einen Film über sich, seine Arbeitsmethode, seinen Blick auf die Welt gedreht hat. Eine wachsende Filmfamilie hat Anderson im Lauf der Jahre um sich gescharrt, Schauspieler wie Jason Schwartzman oder Willem Dafoe sind zum x‑ten Mal bei ihm dabei, andere, wie Tom Hanks oder Scarlett Johansson, sind Newcomer.
All diese Stars, die sonst meist Hauptrollen spielen, lassen sich mit augenscheinlicher Lust auf ihre oft winzig kleinen Rollen in einem Wes-Anderson-Film ein, fügen sich ein ins große Ganze. Man darf vermuten, dass die Arbeit an einem Anderson-Film ein großes Vergnügen ist, von einer Neugier geprägt, die sich auch auf der Leinwand zeigt. Von großen Fragen mag die Rede sein, von Verlust und Tod die Rede sein, doch Andersons Filme und seine Figuren sind stets von einem unerschütterlichen Optimismus geprägt, auch wenn es keine klaren Antworten gibt. Doch wenn das Leben schon rätselhaft bleibt, dann sollte es zumindest so verspielt und abwechslungsreich sein wie die Welt von „Asteroid City“, in der man gerne 100 Minuten verbringt.
Michael Meyns | programmkino.de
Credits:
US 2023, 104 Min., engl. OmU Regie & Buch: Wes Anderson Kamera: Robert D. Yeoman Schnitt: Barney Pilling mit: Tom Hanks, Jason Schwartzman, Scarlett Johansson, Jeffrey Wright, Tilda Swinton, Bryan Cranston, Ed Norton, Adrien Brody, Liev Schreiber, Hope Davis, Rupert Friend, Maya Hawke, Steve Carell, Margot Robbie, Matt Dillon, Hong Chau, Willem Dafoe, Jeff Goldblum, Rita Wilson
Trailer:
Asteroid City | Offizieller Trailer | Ed (Universal Pictures)
Like Richard Linklater in APOLLO 10 ½ Wes Andersons ASTEROIDCITY explores a mythical Space Age that dreamt of a bright future very different from the present.
Wes Anderson, in the vein similar to David Lynch, makes films for himself and an audience that has already fallen for his aesthetic and his quirky stories and characters.
Just like in his past films, the plot is a Russian nesting doll of interlacing layers: the camera films a recording of a TV program about the genesis of a play and the difficulties and obstacles that need to be overcome by the premiere, but the core of the film is the plot of the play itself. The props are delivered by a freight train during the opening credits, and the camera avoids any lateral movements which could reveal that the entire world is actually just a paper mache facade.
At its core, the film is about a gathering of different people in the year 1955 in a small desert town to commemorate the anniversary of the asteroid impact that gave the city its name. The highlight is a rare astral event and in addition to this, the best of a small group of junior scientists will be selected. For them it‘s an opportunity to be around similarly nerdy peers while their parents can talk to each other about what it‘s like having children that are somewhat strange. All the generations feel lost and alienated from their earthly lives and desperately want there to be something in the stars that will give them meaning. Augie Steenbeck (Jason Schwartzmann), for example, is devastated by the death of his wife and hasn‘t been able to tell his children about it, to the displeasure of his father-in-law Stanley (Tom Hanks). Augie can only open up to his pavilion neighbor, film star Midge Campbel (Scarlett Johansson), who has also lost her orientation due to a painful loss. When an alien (Jeff Goldblum) unexpectedly lands during the ceremony, it leads to a lockdown as instructed by the president as opposed to a meaningful impetus. But luckily, they can turn to the writer or director of this play at that point, and if the creators can‘t help either, they go one step further, to the front of the theater, maybe there will be somebody who can say something helpful there. Or they can just not worry and see what happens next. Sooner or later, the problem will solve itself.
With all of its existentialist considerations, ASTEROIDCITY is actually a sweet and thoroughly optimistic declaration of love to the version of the 1950s where there was still hope for a better future in space and nuclear power and everything, yes everything, could be bought from a vending machine. The film is carried by a spectacular cast that have either already been in other Anderson films (Tilda Swinton as a confused astronomer) or will hopefully pop up again (Steve Carell as the unshakeable hotel manager). Since there‘s nothing to ‘comprehend‘ besides its personal emotional resonance, which Wes Anderson films often evoke, ASTEROIDCITY is a cineastic gift that gives a cozy feeling of happiness in many shades.
Christian Klose | indiekino
Translation: Elinor Lewy
Credits:
US 2023, 104 Min., engl. OmU Regie & Buch: Wes Anderson Kamera: Robert D. Yeoman Schnitt: Barney Pilling mit: Tom Hanks, Jason Schwartzman, Scarlett Johansson, Jeffrey Wright, Tilda Swinton, Bryan Cranston, Ed Norton, Adrien Brody, Liev Schreiber, Hope Davis, Rupert Friend, Maya Hawke, Steve Carell, Margot Robbie, Matt Dillon, Hong Chau, Willem Dafoe, Jeff Goldblum, Rita Wilson
Trailer:
Asteroid City | Offizieller Trailer | Ed (Universal Pictures)
In einem Berliner Wohnhaus verhängt die Polizei wegen eines nicht näher spezifizierten Terrorverdachts eine Ausgangssperre. Unter dem Druck von außen werden die Loyalitäten brüchig, Beziehungen und sicher geglaubte Annahmen kollabieren, Misstrauen und Angst greifen um sich.
Wie viele unterschiedliche Lebensmodelle und Weltbilder wohl in dem äußerlich recht friedlichen Berliner Mietshaus, in dem ich wohne, auf engstem Raum miteinander koexistieren, habe ich mich schon oft gefragt. Während der Corona-Pandemie wurde in diesem kleinen wie im größeren gesellschaftlichen Rahmen das Gefühl größer, dass durchaus nicht selbstverständlich davon auszugehen ist, man könne sich mit den meisten Mitmenschen sicher auf einige Basisannahmen einigen. Mit einer ähnlichen Fragestellung arbeitet Asli Özge in BLACKBOX. In einem Berliner Wohnhaus verhängt die Polizei wegen eines nicht näher spezifizierten Terrorverdachts eine Ausgangssperre. Ein Auto wird abgeschleppt, eine Wohnung durchsucht, die eingesperrten Bewohner treffen im Hof aufeinander, der schon länger ein umkämpftes Gebiet ist. Die neue Hausverwaltung hat Mülltonnen umplatziert, eine Protestinitiative bildet sich, ein Kind hat oder hat nicht vor die Haustür gepinkelt. Ein zentraler Konflikt ist die Besitzfrage, das Haus besteht teils aus Miet‑, teils aus Eigentumswohnungen. Die Loyalitäten der Bewohner werden unter dem äußeren Druck brüchig, Beziehungen und sicher geglaubte Annahmen kollabieren, Misstrauen und Angst greifen um sich. Gefilmt ist das oft aus beengten Perspektiven: Mit Blicken von Wohnungen nach draußen, Spiegelungen in Fensterscheiben und verzerrten Bildern erzählt Özge, wie man sich gegenseitig belauert, wie alle nur einen Teil der Informationen haben und daraus ihre Realitäten konstruieren. Dass dieser Mikrokosmos als Metapher für die Gesamtgesellschaft gemeint ist, ist klar und Asli Özges Diagnosen ist wenig entgegenzusetzen. (…)
During an emergency, the residents of an apartment building in Berlin drop all pretense of human decency.
Due to an unexplained incident outside an apartment building in Berlin, the police block the entrances to the courtyard, and a tense situation ensues. Uncertainty among the residents fuels fears. Suspicion and panic spread; prejudice leads to polarization. The courtyard is a microcosm, with relationships based on power and profit. Perhaps the real danger is not from outside, but from within.
Bei einem Start im Hochsommer geht es gefühlt kaum gegensätzlicher: Bei unter ‑30° wird das staatliche Jungeninternat auf 2000m Höhe im Osten der Türkei, in kurdischem Gebiet, fast von Schneemassen begraben. Hier sind nicht nur die Temperaturen zum Fürchten, sondern auch die strenge, autoritäre Erziehung und die empathielose Umgangskultur. Die Eltern der Kinder hegen jedoch die Hoffnung, dass den Kindern durch diese Ausbildung eine bessere Zukunft bevorsteht. Der 12-jährige Yusuf und der jüngere Memo sind Zimmergenossen. Ihre Freundschaft ist das einzige, was für sie zählt und ihnen hilft, durch den Tag zu kommen. Als Memo eines morgens schwer erkrankt aufwacht, versucht Yusuf trotz der Gleichgültigkeit und des Widerstandes der repressiven Schulleitung, ihm zu helfen, und bringt ihn ins Krankenzimmer. Spät erst erkennen die Lehrer den Ernst der Lage, und schon beginnt eine Kaskade von wechselseitigen Schuldzuweisungen und kafkaesker Ursachenforschung innerhalb des alles bestimmenden Machtgefälles. Als Memo dann endlich in ein Krankenhaus gebracht werden soll, ist die Schule durch heftigen Schneefall von der Außenwelt abgeschnitten. Regisseur Ferit Karahan, der das Drehbuch zusammen mit seiner Frau Gülistan Acet schrieb, hat wie die Kinder in dem Film selbst eine sogenannte “YIBO”-Schule besucht. … Er hat das, was er selbst in den 90er Jahren erlebt hatte, in diesem Film verarbeitet. “Ich wollte die Geschichte eines Tages in einer Internatsschule erzählen, aber damit gleichzeitig ein ganzes System, ein ganzes Land, etwas Universales beschreiben.” „Brother’s Keeper ist alles andere als ein sentimentales Rührstück, eher eine scharfsinnige Groteske über Bürokratie, Mangelwirtschaft, ein System, das Repression, Konformität, Heimlichkeiten und Grausamkeiten fördert.“ Claudia Lenssen | taz
Strict rules prevail at a remote boarding school in the mountains of Anatolia where Turkish teachers educate gifted Kurdish pupils from the surrounding area. Once a week, the boys are allowed to shower and, like everything else here, this process is monitored. One night, twelve-year-old Memo asks his friend Yusuf if he can sleep in his bed. But, afraid of gossip, Yusuf refuses. The next morning, Memo is sick and cannot attend class. The school’s heating has broken down and an icy winter’s day takes its course. Memo’s condition worsens. He is no longer responsive and Yusuf is only allowed to talk when prompted. Gradually, the events of the previous night are revealed. Ferit Karahan’s finely spun drama illuminates a microcosm marked by poverty and fear. Surrounded by snow and frost, the emotional coldness which prevails between teachers and pupils in this authoritarian educational institution become almost physically tangible.
Ein utopischer Ort der Menschlichkeit mitten in Paris
Wie ein elegantes Holzschiff liegt die Adamant am rechten Seine-Ufer im Herzen von Paris vor Anker. In diese einzigartige, 2010 eröffnete Tagesklinik kommen Erwachsene mit psychischen Störungen, die therapeutisch begleitet werden, sich hier vor allem aber kreativ entfalten: Sie schreiben Chansons, veranstalten Filmfestivals, dichten, malen und zeichnen. Das Team der Adamant zeigt tagtäglich, wie es in Zeiten eines Gesundheitssystems in der Krise gelingen kann, zugewandt und offen auf Menschen mit psychischer Erkrankung einzugehen. Aus sensiblen Beobachtungen und Gesprächen mit den Adamant-„Passagier*innen“ entsteht das leichtfüßige Portrait einer Einrichtung, deren Existenz Hoffnung macht.
Der Franzose Nicolas Philibert gehört seit seinem Publikumserfolg SEINUNDHABEN zu den großen Dokumentarfilmemachern Europas. Für AUFDERADAMANT wurde er auf der Berlinale 2023 mit dem Hauptpreis des Festivals, dem Goldenen Bären, ausgezeichnet.
Credits:
Sur l’Adamant FR/JP 2022, 109 Min., frz. OmU Regie, Kamera, Schnitt: Nicolas Philibert, Regie unter Mitwirkung von Linda De Zitter
The Adamant is a unique day-care centre. A floating structure located on the Seine in the heart of Paris, it welcomes adults suffering from mental disorders, offering the kind of care that grounds them in time and space and helps them to recover or keep up their spirits. The team running it tries to resist the deterioration and dehumanisation of psychiatry as best as they can. One of the great documentary filmmakers working today, Nicolas Philibert’s approach has everything to do with getting close to his subject. Whether it is an individual such as the orangutan of Nénette (Forum, 2010), or a group of people as in La maison de la radio (Panorama, 2013), his observation over an extended period of time is motivated by a genuine and contagious interest in all that moves within a community. The question of trust is always central to a documentary filmmaker’s work and Philibert’s stance is perfect in that regard, especially for those who might have reason to mistrust their fellow humans. This gentle, enlightening film invites us to join the welcoming microcosm of the Adamant. In their company we may, as one patient suggests, decide in the morning to make sure that we will have a good day.
Berlinale 2023: Golden Bear
Credits:
Sur l’Adamant FR/JP 2022, 109 Min., frz. OmU Regie, Kamera, Schnitt: Nicolas Philibert, Regie unter Mitwirkung von Linda De Zitter
Trailer:
On the Adamant / Sur l’Adamant (2023) – Trailer (English Subs)
Die UN hat den Abzug aus Mali bis Ende 23 auf Druck der dortigen Militärjunta beschlossen. Danach ist die Bevölkerung dem Terror von Wagner Gruppe und Islamisten ausgeliefert. Le Mali 70 entstand Anfang der 20er Jahre, als der Krieg noch auf den Norden beschränkt war und feiert die Musik des Landes, die reich und überbordend ist. Besonders nach der Unabhängigkeit vom französischen Kolonialregime schufen die Big Bands den Sound der Zukunft für Mali. Die Berliner Musiker von Omniversal Earkestra, eine Combo mit fettem Bläsersatz und von extrem mitreißender Spielfreude entdeckte die Musik, hortete die Platten der 70er und fisselte sich die Arrangements in mühevoller Detailarbeit zusammen. Die Idee, eine Reise nach Mali zu unternehmen und sich mit den inzwischen in die Jahre gekommenen Künstlern live auszutauschen, wurde umgesetzt und schon sind wir in Bamako, atmen die Musik und lauschen der Oral History. Auch über den kubanischen Einfluss, denn beim Balanceakt Malis zwischen Ost- u. West waren kubanische Aufbauhelfer im Land. Die Intuition trifft auf das Notenblatt, die Geschichten auf die Geschichte.
„Nachdem Mali im Jahr 1960 die Unabhängigkeit von Frankreich erlangte, entwickelte sich das Land zu einem wichtigen Zentrum für afrikanische Musik und spielte eine bedeutende Rolle in der Musikszene des Kontinents. Mali hat eine reiche musikalische Tradition, die sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt und globalen Einfluss erlangt hat.In den 1960er und 1970er Jahren, in der Zeit nach der Unabhängigkeit, wurde die Musik in Mali zu einem wichtigen Medium, um soziale und politische Botschaften zu vermitteln. Viele Künstler nutzten ihre Musik, um auf soziale Ungerechtigkeiten, politische Themen und die Wahrung der kulturellen Identität aufmerksam zu machen.“ ChatGPT
Credits:
DE 2022, 92 Min., German, French, Bambara, English OmU Regie & Schnitt: Markus CM Schmidt Kamera: Martin Langner
In the 1970s, there was a vibrant big band music scene in Mali that mixed Afro-Cuban jazz with traditional music. The Berlin band Omniversal Earkestra rediscovered the sound and set off on a journey to meet the legends of the time and record an album with them that ends up being more of a culture clash than expected. An intoxicating music film. Ysabel Fantounem Roadmovie durch Mali.
(DOK.fest München 2023, Ysabel Fantou)
Credits:
DE 2022, 92 Min., German, French, Bambara, English OmU Regie & Schnitt: Markus CM Schmidt Kamera: Martin Langner
Seit 30 Jahren dreht Aki Kaurismäki Filme, die das Bild seiner finnischen Heimat im Ausland geprägt haben. Eigentlich hatte er sich schon zur Ruhe gesetzt, mit „Fallen Leaves“ hat Kaurismäki nun doch noch einen Film gedreht, einen seiner schönsten. Eine zarte Liebesgeschichte in Helsinki, ein Film, der in jedem Moment ein Kaurismäki-Film ist, völlig aus der Zeit gefallen und dabei durch und durch eigen.
In der finnischen Hauptstadt Helsinki (bzw. der Kaurismäki-Version von Helsinki) leben Ansa (Alma Pöysti) und Holappa (Jussi Vatanen) bescheidene Leben. Sie arbeitet in einem Supermarkt, räumt die Regale ein und nimmt bisweilen eine Packung abgelaufener Wurst mit nach Hause, weswegen sie bald entlassen wird. Er arbeitet auf dem Bau – zumindest noch – lebt in einem Container und geht gelegentlich mit seinem Freund zur Karaoke, an der er aber nicht teilnimmt, denn: Harte Jungs singen nicht. Noch wissen die beiden Nichts voneinander, leben vor sich hin, in einer zeitlosen Welt, die weder bewusst die Vergangenheit darstellt, noch deutlich die Gegenwart.
Das Radio in Ansas Küche etwa, scheint aus den 60er Jahren zu stammen, aber sie hört darin Nachrichten, die auf den aktuellen Krieg in der Ukraine Bezug nehmen. Fernseher gibt es in dieser Welt dagegen nicht, die Moderne scheint noch keinen Einzug gehalten zu haben. Irgendwann kommt es zu einer ersten Verabredung – man sieht sich Jim Jarmuschs „The Dead don’t die“ im Kino an – doch bevor Ansa und Holappa wie der kleine Tramp und das Mädchen in den Sonnenaufgang gehen können, wollen noch einige Hindernisse überwunden werden.
Ein eigenartiges Gefühl hinterlässt Aki Kaurismäkis „Fallen Leaves“: Ein neuer Film des finnischen Kultregisseurs ist dies, der sich dennoch in jedem Moment, in praktisch jedem Dialog, jeder Geste, jedem Schauplatz bekannt anfühlt. Als hätte es Kaurismäki zum diesmal vielleicht endgültigen Ende seiner Karriere darauf angelegt, ein Pastiche seiner bisherigen Arbeiten zu drehen, eine Art Best Of-Kaurismäki.
Die Welt, die er dabei zeigt, scheint sich seit den 80er Jahren, als Kaurismäki begann, Filme zu drehen, kaum geändert zu haben. Damals war das karge Set-Design wohl nur wenig von der finnischen Realität entfernt, im Laufe der Jahre hat sich dagegen Finnland selbst weit mehr entwickelt als die Filme des im Ausland wohl berühmtesten Finnen.
Kein Regisseur und auch sonst kein Künstler dürfte das Bild von Finnland stärker geprägt haben als Kaurismäki. Das Bild eines wortkargen, melancholischen Volkes, dass das Leben lakonisch an sich vorbeiziehen lässt ist dabei im Lauf der Jahre entstanden, ist die Welt, in der Kaurismäkis Filme spielen, unverwechselbar geworden. In gewisser Weise ist „Fallen Leaves“ also pure Nostalgie, erlaubt es dem Zuschauer einmal mehr in die bekannte, auch die heile, Kaurismäki-Welt einzutauchen, in der die Dinge sich im Lauf der Jahrzehnte nicht verändert haben. Doch die Kaurismäki-Nostalgie funktioniert anders als etwa der Versuch allzu vieler Serien und Filme der letzten Jahre, sich auf eine Reise in die 80er oder 90er Jahre zu begeben und eine nur vermeintlich einfachere Zeit wiederaufleben zu lassen.
Kaurismäkis-Filme haben bei allem Realismus, bei aller Sympathie für die Arbeiterklasse („Fallen Leaves“ soll als Weiterführung der um 1990 entstandenen Proletarischen Trilogie verstanden werden), immer auch etwas Irreales, etwas Märchenhaftes. Das Finnland, das Kaurismäki zeigt, hat so vermutlich nie existiert, es war schon Mitte der 80er Jahre eine Illusion und ist es 40 Jahre später noch viel mehr. Allein an der Lust, sich von Kaurismäki, seinen einzigartigen Figuren und seinem speziellen Blick auf die Welt verzaubern zu lassen hat sich nichts geändert.
Michael Meyns | programmkino.de
Credits:
Kuolleet lehdet FI 2023, 81 Min., finn. OmU Regie: Aki Kaurismäki Kamera: Timo Salminen Schnitt: Samu Heikkilä mit: Alma Pöysti, Jussi Vatanen
Trailer:
Fallen Leaves (2023) | Trailer | Aki Kaurismäki Alma Pöysti | Jussi Vatanen
FALLENLEAVES tells the story of two lonely people (Alma Pöysti and Jussi Vatanen) who meet each other by chance in the Helsinki night and try to find the first, only, and ultimate love of their lives. Their path towards this honourable goal is clouded by the man’s alcoholism, lost phone numbers, not knowing each other’s names or addresses, and life’s general tendency to place obstacles in the way of those seeking their happiness.
This gentle tragicomedy, previously thought to be lost, is the fourth part of Aki Kaurismäki’s working-class trilogy (Shadows in Paradise, Ariel, and The Match Factory Girl).
Credits:
Kuolleet lehdet FI 2023, 81 Min., finn. OmU Regie: Aki Kaurismäki Kamera: Timo Salminen Schnitt: Samu Heikkilä mit: Alma Pöysti, Jussi Vatanen
Trailer:
Fallen Leaves (2023) | Trailer | Aki Kaurismäki Alma Pöysti | Jussi Vatanen
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