Im Naturhistorischen Museum in Wien wird mit akribischer Energie gesammelt, geforscht, archiviert und reflektiert – mehr als 30 Millionen Objekte sind hier über die Jahrhunderte zusammengetragen worden. Der Film zeigt das Museum als eine Welt, die sich in ständiger Veränderung befindet: Die spektakulären Archivarien aus tausenden Jahren Natur und Menschheitsgeschichte werden durch Grundlagenforschung und den lebendigen Apparat des Museums immer wieder neu in der Gegenwart befragt, um in der Zukunft Geschichten zu erzählen. Wie bei einem Rundgang hinter den Kulissen erschließt sich die Institution: ein kürzlich verstorbener Löwe wird zur Präparation eingeliefert, die Haltung eines Dinosauriers dem aktuellen Forschungsstand angepasst oder Artefakte mittels 3D-Scan digitalisiert. Als aufmerksamer Beobachters entwirft Regisseur und Kameramann Joerg Burger das Museum als einen Ort, an dem das physische Handwerk am Objekt immer auch mit Fragen nach Wissenskonstruktionen und deren inhärenten Machtbeziehungen einhergeht. Die Spezies Mensch – als vermeintlich Betrachtende und Wissende – wird in ihrer Beziehung zu Tier, Natur und Historie schließlich selbst beobachtet.
Armies of mounted beetles, arranged in rank and file. In drawers and glass containers, reptiles and birds sorted in the most magnificent forms. An almost macabre beauty is found in the catalogued sub-universes of the Natural History Museum Vienna: sub-universes that stand for the whole range of evolution and are part of the immense, expertly prepared collection of this world-renowned institution of knowledge. With an appropriately curious attitude, Joerg Burger devotes great attention to this cumulative archive of pure research for its own sake, its exhibits and underlying craftwork, but first and foremost to the people who work there,…
Leos Karrierekurve bewegt sich schon länger steil nach unten, als der Journalist versucht, sich durch eine außergewöhnliche Story wieder ins Gespräch zu bringen. Ein Bericht über eine verborgen lebende Rebellengruppe im südthailändischen Urwald soll es bringen. Nach einiger Zeit vor Ort haben sich allerdings weder weiterführende Kontakte noch anderes Berichtenswertes ergeben. Seine Partnerin zuhause ist bereits schwer genervt, er selbst vermisst vor allem die gemeinsame Tochter, und der Chef schreibt ungeduldig Mails. Also wird Leo kreativ und schmückt alles aus, was er bisher erfahren hat, übernimmt fremde Geschichten und schickt den Artikel nach Deutschland. Die Redaktion ist begeistert, schreiben kann er wohl gut, will aber Fotos. Der Fotograf ist schneller bei ihm, als Leo dagegen protestieren kann. Julian ist ein Draufgänger, der nur schnell zum Fotografieren in den Dschungel fahren und dann wieder weg will. Das ist unmöglich, und die Situation wird zunehmend brenzlig für Leo. Hätte es anders kommen können? Gab es einen Zeitpunkt, an dem Leo hätte aufhören können? Er hat schließlich nicht seine berufliche und familiäre Existenz aufs Spiel gesetzt, sondern auch Vertraute in Thailand verraten und ausgenutzt, sich selbst und andere in Gefahr gebracht. Ist es seine individuelle Schuld, oder die seines Redakteurs, oder ein krankes System, das nach außen die Moral hochhält, innen jedoch jede mögliche Schweinerei zum Erreichen eines Ziels erwartet? Wo verlaufen ethische Grenzen? „… ein sehr relevantes Drama über die Grenze von Lüge und Wahrheit, vor allem aber die Grauzone dazwischen. Hannes Schilling gelingt ein dramaturgisch und schauspielerisch überzeugendes Werk, das zum Nachdenken anregt … Schilling filmt in Schwarz-Weiß, für eine stilisierte Distanzierung. Die Filmmusik – großartig: Lena Radivoj – bringt dissonant-sphärische Klänge in diese an sich realistische, tatsächlich aber tragödienhaft verdichtete Geschichte.“ Harald Mühlbeyer, Kino-Zeit
Credits:
DE 2024, 75 Min., Deutsch, Englisch, Thai und Melayu mit deutschen Untertiteln, Regie: Hannes Schilling Schnitt: Marie Fontanel, Paul Gröbel Kamera: Falco Seliger mit: Ilja Stahl, Sabree Matming, Dennis Scheuermann
The journalist Leo hopes to finally make an international breakthrough with a report about a rebel group in Thailand. His friend Mawar helps him make local contacts. In return, Leo promises to support him in starting over in Germany. But when the editors sending him the photographer Julian without asking, Leo becomes increasingly entangled in a web of lies and morally questionable decisions.
Credits:
DE 2024, 75 Min., Deutsch, Englisch, Thai und Melayu mit deutschen Untertiteln, Regie: Hannes Schilling Schnitt: Marie Fontanel, Paul Gröbel Kamera: Falco Seliger mit: Ilja Stahl, Sabree Matming, Dennis Scheuermann
August 1971: Mexico City ist Austragungsort für ein riesiges Fußballspektakel, bei dem Teams aus England, Argentinien, Mexiko, Frankreich, Dänemark und Italien aufeinandertreffen. Über 100.000 Fans verwandeln das historische Azteca-Stadion Spiel für Spiel in einen Ort der Begeisterung, das Fernsehen berichtet durchgehend. Die Atmosphäre erinnert an die größten Momente der internationalen Fußballgeschichte. Aber dieses Turnier ist anders als alles, was es vorher gab, denn auf dem Platz sind ausschließlich Frauen. Es handelt sich um die Copa ’71, die erste inoffizielle Frauenfußball-WM. Von der FIFA und den nationalen Fußballverbänden abgelehnt, wurde dieses historische Ereignis aus den Annalen des Fußballs verdrängt. Doch nun erinnert ein Dokumentarfilm an dieses Turnier, das über zehn Jahre vor der ersten offiziellen Frauenfußball-Weltmeisterschaft stattfand, und rückt die Spielerinnen der damaligen Zeit, die charismatischen Pionierinnen ihrer Sportart, endlich ins Rampenlicht.
„Es gibt viel zu erzählen – von der Geschichte des Frauenfußballs, der in Europa in den 1920ern aufkam, dann vielerorts als „unweiblich“ und angeblich gesundheitsschädlich wieder unterdrückt und in Deutschland und England erst 1970⁄71 wieder offiziell zugelassen wurde; über die großflächige Kampagne der Organisatoren der COPA, die ihre Teams zu Medienstars machten und dafür sorgten, dass 110.000 Menschen das Finale im sechsgrößten Stadium der Welt, dem Azteka-Stadium in Mexiko City, verfolgten; bis hin zu den diabolischen Machenschaften der FIFA. Nicht nur versuchte die FIFA, die Veranstaltung zu verhindern, im Anschluss an das Turnier untersagte sie den ihr angeschlossenen Vereinen, Frauenteams bei sich trainieren zu lassen. Für einige Spielerinnen war das Turnier in Mexiko das letzte Mal, dass sie professionell oder überhaupt Fußball gespielt haben.“ Hendrike Bake | indiekino
„Vom Anfang an war uns klar, dass wir einen Film machen wollten, der nicht nur die historische Ungleichheit hervorhebt, sondern auch die involvierten Frauen wirklich feiert und ihnen die Möglichkeit gibt, gehört und anerkannt zu werden. Wir wollten, dass die Zuschauer:innen in die Welt von Copa ´71 eintauchen. Wir wollten einen Raum zum Lachen, zum Weinen und zum Schreien kreieren. Wir wollten auch eine wirklich globale Geschichte erzählen, eine, die diese einzigartige kollektive Erfahrung spiegelt.” Regiestatement
GB 2023, 91 Min., Englisch/Spanisch/Italienisch/Französisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Rachel Ramsay und James Erskine Schnitt: Arturo Calvete und Mark Roberts Kamera: Angela Neil
»Why haven’t I seen this before?« In the first scene of Copa 71, American international footballer Brandi Chastain stares at her tablet in amazement. She is watching footage of the first ever international women’s football tournament in Mexico City in 1971, Copa 71. Why is it that one of the best-attended women’s sporting events of all time has been forgotten?
In 1970, the first European tournament took place in Italy; SC 07 Bad Neuenahr represented Germany. A year later, international teams from Argentina, England, France, Denmark and Mexico competed against each other in Mexico. This purely commercial event, which was not backed by FIFA, proved a huge success, attracting crowds of 100,000 to the stadiums. Yet what could have been the launch pad for women’s football worldwide failed to attract any support. Another ten years would pass before the next international tournament. In Taipei, Taiwan, SSG 09 Bergisch Gladbach became world champions in 1981. This also paved the way for the formation of an official women’s national team in Germany in 1982. One thing to note though: women’s football was officially banned until 1970. Perhaps not surprising then that another decade passed before the first FIFA Women’s World Cup was held, in China. The final saw Brandi Chastain score the winning penalty to help the US take the trophy home.
The film presents archive footage of the tournament, plus interviews with the players of the time – impressive personalities who provide vivid accounts of the preparations and the tournament itself. A threatened walk-out by the Mexican team over pay at one point put the tournament in jeopardy, as did the tense atmosphere between the teams, still tangible when watching the film in the cinema.
Credits:
GB 2023, 91 Min., Englisch/Spanisch/Italienisch/Französisch mit deutschen Untertiteln, Regie: Rachel Ramsay und James Erskine Schnitt: Arturo Calvete und Mark Roberts Kamera: Angela Neil
Aya, eine junge ivorische Frau, sagt an ihrem Hochzeitstag zum Erstaunen und Entsetzen aller „Nein“. Sie lässt die Elfenbeinküste hinter sich und beginnt ein neues Leben in Guangzhou, China. In diesem pulsierenden Viertel, „Chocolate City“ genannt, zählt die afrikanische Diaspora offiziell 20000 Menschen, geschätzt wird aber ein vielfaches. Hier trifft die afrikanische auf die chinesische Kultur, hier findet Aya Arbeit in einem traditionellen Tee-Laden. Der chinesische Besitzer Cai weist sie in die Kunst der Teezeremonie ein und langsam entwickelt sich eine zärtliche Liebe zwischen den beiden, eine behutsame und sinnliche Annäherung, geleitet von Interesse, Neugier und Offenheit. Abderrahmane Sissako (Regisseur u.a. von Bamako und Timbuktu – Black Tea ist sein sechster Film im fsk-Kino) wirft einen höchst faszinierenden Blick auf die Verflechtung der Kulturen in unserer heutigen globalisierten Welt. Recherchiert haben Sissako und seine Drehbuchautorin Kessen Tall in Guangzhou, gedreht aber wurde in Taiwan. „China und Afrika unterhalten vielfache Beziehungen, da liegt es doch nahe, dass Menschen sich auch privat näherkommen. Allerdings sind die Beziehungen nicht immer konfliktfrei: Rassismus ist in China stark verbreitet, bei den Wirtschaftsbeziehungen geht es um Weltmachtpolitik und nicht um Völkerfreundschaft. Abderrahmane Sissako weiß das alles, aber ihm geht es um eine positive Utopie: Black Tea hat etwas von der Traumatmosphäre des großen Studiokinos. Die Kultur des Tees, die auf jahrhundertealtem Wissen und auf Plantagen in wunderschönen Landschaften beruht, ist so etwas wie eine moderne Religion, auf die sich ein Mann aus China und eine Frau aus der Elfenbeinküste einigen können. Je mehr Aya und Cai einander näherkommen, desto deutlicher wird auch eine lange Geschichte der Beziehungen zwischen China und Afrika erkennbar. Politik ist allgegenwärtig in Black Tea, aber sie bleibt im Hintergrund. Im Vordergrund sehen wir eine fast schon zeremonielle, äußerst subtil inszenierte Romanze mit Hindernissen, die zum Schönsten gehört, das man zuletzt im Kino sehen konnte.“ Bert Rebhandl | Tip-Magazin
Credits:
FR/MR/LU/TW/CI 2024, 111 Min., Mandarin, Französisch, Englisch, Portugiesisch OmU Regie: Abderrahmane Sissako Kamera:Aymerick Pilarski Schnitt: Nadia Ben Rachid mit Nina Mélo, Chang Han, Wu Ke-Xi, Michael Chang
Aya is a woman in her early thirties. After astonishing everyone by saying “No” on her wedding day, she leaves the Ivory Coast for a new life in China. Living in an area where the African diaspora meets the Chinese culture, she finds a job in a tea boutique owned by Cai, a 45-year-old Chinese man. In the privacy of the shop’s backroom, Cai initiates Aya into the Chinese tea ceremony. As he teaches her this ancient art, their relationship slowly grows into one of tender love. But for their burgeoning passion to be supported by trust, both of them must let go of their burdens and face up to their pasts.
Credits:
FR/MR/LU/TW/CI 2024, 111 Min., Mandarin, Französisch, Englisch, Portugiesisch OmU Regie: Abderrahmane Sissako Kamera:Aymerick Pilarski Schnitt: Nadia Ben Rachid mit Nina Mélo, Chang Han, Wu Ke-Xi, Michael Chang
Nachdem ein Feuer das Camp Moria im September 2020 komplett vernichtet hatte, wurde es gespenstisch still. Nicht nur vor Ort, sondern auch im öffentlichen Diskurs. Weder die menschenrechtswidrigen Bedingungen in den weiteren Lagern an den Außengrenzen Europas noch die zahllosen Pushbacks im Mittelmeer schienen die Allgemeinheit näher zu beschäftigen. Auch die Verhaftung der sechs Jugendlichen, die man der Brandstiftung bezichtigte, blieb ohne weithin hörbares Echo – obwohl schon ein zweiter Blick auf die Umstände der Ermittlungen und den folgenden Strafprozess das Vorgehen der griechischen Justiz als fragwürdig offenbarte. Ganz zu schweigen von der zugrunde liegenden Flüchtlingspolitik der Europäischen Union. Jennifer Mallmann wagt mit ihrem Film diesen zweiten Blick. Im Zentrum steht ihr Briefwechsel mit Hassan, einem der verurteilten Jugendlichen, der ihr aus dem Gefängnis von seinem Alltag, seinen Wünschen und Ängsten berichtet. Ruhige, exakt kadrierte Bilder dokumentieren „Normalität“ an den Rändern der Festung Europa. Sie zeigen, wie strategische Abschottung und die damit einhergehende strukturelle Ausgrenzung funktionieren. Wer wissen will, wie sich unsere Staatengemeinschaft ihre Zukunft vorstellt, muss nur die neu errichteten, futuristischen Hochsicherheitslager betrachten. Dort werden die Ankommenden behandelt wie Menschen, die schwere Verbrechen begangen haben.
Credits:
DE 2024, 82 Min., OmU, Regie: Jennifer Mallmann Kamera: Sina Diehl Schnitt: Maxie Borchert
There was an eery silence after a fire had destroyed the Moria camp completely in September 2020. Not just locally, but in public discourse. The world did not seem particularly concerned with the inhumane conditions in other camps on Europe’s external borders or the countless pushbacks in the Mediterranean. Nor did the arrest of six adolescents who were accused of arson resonate in any audible way – though even a second glance at the circumstances of the investigation and the criminal proceedings revealed the actions of the Greek judiciary to be questionable. Not to mention the underlying refugee policy of the European Union. Jennifer Mallmann dares to take this second glance with her film. At its centre is her correspondence with Hassan, one of the convicted youths, who tells her of his everyday life, his desires and fears from prison. Calm, precisely framed images document “normality” on the fringes of Fortress Europe. They show how strategical isolation and the ensuing structural exclusion work. If you want to know how our community of nations imagines its future you only need to look at the newly-built futuristic high-security camps, where new arrivals are treated like people who have committed serious crimes. Luc-Carolin Ziemann
Credits:
DE 2024, 82 Min., OmU, Regie: Jennifer Mallmann Kamera: Sina Diehl Schnitt: Maxie Borchert
Vor 30 Jahren begann die Filmemacherin Aysun Bademsoy eine Langzeitbeobachtung der ersten türkischen Frauen-Fußballmannschaft außerhalb der Türkei. Mit Mädchen am Ball (1995) zeigte sich, dass der BSC Agrispor in Berlin-Kreuzberg mehr als nur ein Sportverein für die Heranwachsenden war: inmitten von Turnieren und Freundschaften gewannen die Spielerinnen ein neues Selbstbild in einem Land und zu einer Zeit, in der Rassismen wieder offen in die Straßen getragen wurden. Zwei Jahre danach folgte Nach dem Spiel, und erst elf Jahre später Ich gehe jetzt rein. Viel hat sich verändert in der Zeit, nicht nur im Leben von Türkan, Nalan, Nazan und Arzu. Im vierten Teil Spielerinnen hat sich der Kreis der Protagonistinnen auf die nächste Generation erweitert. Durch diesen Fokus – Jugendliche, die in Berlin geboren und aufgewachsen sind, sich aber dennoch entfremdet von einer Mehrheitsgesellschaft fühlen und in konservative Rollenbilder flüchten – wirft die Filmemacherin subtil die drängenden Fragen unserer Gegenwart auf. Welche Perspektiven bietet Deutschland jungen Menschen und wie verbunden ist die zweite Einwanderergeneration noch mit den Erfahrungen ihrer Eltern?
Credits:
DE 2024, 86 Min., deutsch, türkische OmU Regie: Aysun Bademsoy Kamera: Isabelle Casez, Ines Thomsen Schnitt: Maja Tennstedt
Aysun Bademsoy’s long-term observation of Turkish female soccer players in Berlin-Kreuzberg focuses on the next generation 30 years after their first encounter. Born and raised in Germany, they still ask themselves the question: Do we really feel accepted here? It seems as if a cultural rift still defines their lives. Referring back to the 1990s, their mothers today reminisce about a youth in which the game of soccer provided the space for emancipation.
Credits:
DE 2024, 86 Min., deutsch, türkische OmU Regie: Aysun Bademsoy Kamera: Isabelle Casez, Ines Thomsen Schnitt: Maja Tennstedt
Isabell erkennt erschrocken, dass ihre Eltern nicht mehr alleine zurechtkommen, und muss sich kümmern. Während sie pendelt, zwischen Berlin und dem brandenburgischen Land, wo ihr einst berühmter Architekten-Vater ein Haus im modernistischen Stil hat bauen lassen, sucht sie verzweifelt Pflegepersonal. Die Eltern müssen auch noch davon überzeugt werden, sich helfen zu lassen. In dieser angespannten Situation trifft Isabell im Ort immer wieder auf die eigenwillige Anja, eine alleinerziehende Mutter, die mit ihren eigenen Herausforderungen zu kämpfen hat. Als Anja und ihre kleine Tochter Greta zunehmend in Isabells Leben treten, entsteht eine unerwartete Bindung zwischen den beiden Frauen. Gleichzeitig beginnt Isabell, an dem Leben zu zweifeln, das sie bislang für sicher und vertraut hielt, zumal ihre Ehe mit Philippe erste Risse zeigt. Ina Weisse: „Ist zwischen den beiden sehr unterschiedlichen Frauen, die aus ganz unterschiedlichen Milieus kommen, eine Freundschaft möglich? Sie treffen in einer schwierigen Phase ihres Lebens aufeinander. Sie ringen um Selbstbestimmung. Sie sind so damit beschäftigt, sich um andere zu kümmern, dass sie sich selbst vergessen haben. Die Annäherung, wie sie sich gegenseitig beobachten, voreinander zurückweichen, verunsichert sind und dann wieder aufeinander zugehen, diese Zwischentöne sind interessant für mich.“ „… ein Film, der immer in Bewegung ist, obwohl Stasis herrscht, Eiszeit in den sommerlichen Bildern von Kamerafrau Judith Kaufmann, der keinen festen Boden unter die Füße bekommt im steten Rhythmus, den Hansjörg Weißbrich einmal mehr traumwandlerisch sicher gefunden hat: eine Frau, naja, am Rande des Nervenzusammenbruchs, der das Leben zu entgleiten droht, die harmonische Fassade vor ihren Augen zerbröselt. Entsprechend kreist alles um das Haus der Eltern in der Provinz, das der Vater entworfen und gebaut hat, ein Haus voller Geister und Erinnerungen.“ Thomas Schultze |SPOT media & film
Credits:
DE/FR 2024, 100 Min., Regie: Ina Weisse Kamera:Judith Kaufmann Schnitt: Hansjörg Weißbrich mit Nina Hoss, Saskia Rosendahl, Vincent Macaigne, Thorsten Merten
Isabell’s life takes a turn when she realises that her elderly parents can no longer live independently. The search for carers is difficult and there are also complications in her marriage to Philippe. She shuttles between Berlin and her parents’ weekend house, a striking modernist building designed by her prominent father himself in better days. There, Isabell repeatedly encounters the enigmatic Anja, a single mother who is struggling to make ends meet. An unexpected bond begins to form. The more Anja and her daughter Greta become part of Isabell’s life, the more uncertain she feels about the existence she has so carefully built for herself. Isabell senses the ground shifting beneath her feet as she increasingly loses control.
Credits:
DE/FR 2024, 100 Min., Regie: Ina Weisse Kamera:Judith Kaufmann Schnitt: Hansjörg Weißbrich mit Nina Hoss, Saskia Rosendahl, Vincent Macaigne, Thorsten Merten
Der neue Film von Daniel Abma (Autobahn 2019, Nach Wriezen 2012) ist zeitweise Mal ein richtiger „Tearjerker“, aber auch alle, die weit weg vom Wasser gebaut haben, dürften sich gerührt fühlen. In einem Haus am Ufer eines idyllischen Sees arbeiten drei Erzieher:innen im Schichtdienst in einer Wohngruppe mit fünf vorpubertären Jungen. Die Kinder nennen sie Herr Wagner, Frau Wagner und Herr Gerecke. Kochen, waschen, einkaufen, die Kinder zum Schulbus und zu und Freizeitaktivitäten zu bringen, gehört ebenso zu ihrem Alltag, wie zuhören, trösten, auf dem Sofa kuscheln, Filmabende und Gute-Nacht-Geschichten vorlesen. Die Betreuer:innen wollen keine Ersatzeltern sein, und dennoch zeigen, wie sich ein familiäres Miteinander anfühlen kann. Alle Kinder, die hier leben, vereint vor allem eines: der Wunsch eines Tages nach Hause zurückzukehren. Dafür setzen sich die Erzieher:innen unermüdlich ein: sie sprechen mit Vormund, Eltern und Jugendamt, dokumentieren, organisieren, setzen gemeinsam Ziele und treffen Verabredungen – und werden häufig enttäuscht, weil diese nicht eingehalten werden. Das erinnert an einen Kampf gegen Windmühlen, an den Grenzen eines überforderten Systems. „Im Prinzip Familie gelingt damit, was nur den besten Dokumentarfilmen gelingt: allein durch intensives Hinschauen Vorurteile abzubauen und neue Perspektiven zu eröffnen. Er zeigt (zwischen)menschliche Höhen und Tiefen, die schönen und die schwierigen Momenten zwischen Sozialarbeiter*innen und Kindern, Konflikte und Versöhnung, schickt sein Publikum auf eine emotionale Achterbahnfahrt aus Freude, Wut, Verständnis und Mitgefühl. Und vermittelt dabei eindrücklich und aufdringlich, wie komplex Menschen und ihre Probleme sind.“ Christian Neffe | kino-zeit
Credits:
DE 2024, 91 Min., dt. OmeU Regie: Daniel Abma Kamera: Johannes Praus Schnitt: Jana Dugnus
When parents can no longer fulfil their duty of care, the children’s world often falls apart. Nothing stays as it was. Suddenly it is no longer mum or dad who are in charge but the youth welfare system. Daniel Abma followed a youth housing group in a rural area over several years, showing professional educators who want to give five boys between the ages of seven and fourteen what they need most urgently, day by day: security, orientation, a home. The documentary focus is not on the children but on those who take the parents’ place. They sometimes remind us of Don Quixote tilting at the windmills, for there is a diffusion of responsibility between school, youth welfare services, and absent mothers and fathers. Words fail when adults do not keep appointments, when those in charge capitulate in the face of racist bullying and propose some “time out” – for the bullied boy – in a psychiatric facility. It would be easy to denounce these mechanisms, but that is not the point Daniel Abma wants to make. His observation, both emphatic and reserved, looks questioningly into the gaps in the system – with those who are in danger of falling through and those who try to fill them with affection. He makes us suspect that the answer is not to close all the system’s gaps. It is people who are there for other people and take responsibility. Luc-Carolin Ziemann
Credits:
DE 2024, 91 Min., dt. OmeU Regie: Daniel Abma Kamera: Johannes Praus Schnitt: Jana Dugnus
„Nach einem Ausflug ins afrikanische Mali kehrt der französische Regisseur Robert Guédiguian für Das Fest geht weiter in seine Heimat Marseille zurück, der Stadt in der er einen Großteil seiner Filme inszeniert hat, deren Menschen und Macken er kennt und porträtiert wie kein Zweiter. Fast dokumentarisch mutet sein Blick daher an, sozialistisch und humanistisch, wenngleich auch zunehmend skeptisch.Am 5. November 2018 stürzten in Marseille zwei Gebäude ein, acht Menschen kamen unter den Trümmern ums Leben. Schauplatz war das Viertel Noailles, unweit des Hafens gelegen, dort wo das traditionelle Marseille noch deutlicher zu spüren ist, als in den schickeren, moderneren Vierteln. … Mit Bildern der eingestürzten Häuser beginnt Das Fest geht weiter und verortet sich dadurch konkret in Raum und Zeit, auch wenn sich im Folgenden die Geschichte um fiktive Figuren entwickelt. Die werden allerdings von Schauspielern verkörpert, die schon oft in den Filmen von Robert Guédiguian zu sehen waren, die dadurch fast ebenso wie Einwohner von Marseille wirken, wie der Autor und Regisseur selbst zu einer Art Chronist seiner Heimatstadt geworden ist. Hauptfigur ist Rosa, Witwe, Mutter von zwei schon erwachsenen Söhnen. Als Krankenschwester arbeitet sie, bald will sie in den Ruhestand gehen, was für eine umtriebige, sozial engagierte Person wie sie es ist, kaum denkbar erscheint. Nicht nur im Krankenhaus, auch im Privaten kümmert sich Rosa eher um andere Menschen als um sich selbst … . Aus diesem Grund kandidiert die umtriebige Rosa auch bei den bald anstehenden Kommunalwahlen, angesichts ihrer Beliebtheit im Viertel steht ihrem Einzug in den Stadtrad nichts entgegen. Doch dann lernt Rosa Alice Vater Henri kennen, der gerade sein kleines Buchgeschäft aufgegeben hat und sich nun endgültig ausschließlich den schönen Dingen des Lebens widmen möchte. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit spürt Rosa das Bedürfnis, sich mehr um sich selbst zu kümmern. Auf dem Papier könnte man Das Fest geht weiter für eine leichte, harmlose romantische Komödie halten, in der ein älteres Paar ein spätes Glück erlebt. Doch auch wenn Robert Guédiguian nicht mit Bildern gleißender Sonnenuntergänge spart, in denen Marseille traumhaft schön wirkt, hat sein Film auch eine andere Ebene. Als ausgewiesener Sozialist hat der inzwischen 71jährige Regisseur immer wieder die Notwendigkeit und Bedeutung von persönlichem Engagement thematisiert, vom gesellschaftlichen Miteinander, von Bürgerinitiativen und lebhaften, lautstarken Protesten.“ Michael Meyns
Credits:
Et la fête continue ! FR/IT 2023, 106 Min., frz. OmU Regie: Robert Guédiguian Kamera: Pierre Milon Schnitt: Bernard Sasia mit: Ariane Ascaride, Jean-Pierre Darroussin, Gérard Meylan, Lola Naymark, Grégoire Leprince-Ringuet, Robinson Stévenin.
In the working-class district of old Marseilles, Rosa is the heart and soul of her community, a nurse and the matriarch of a large and close-knit family. But approaching retirement and surrounded by political inertia, she is feeling disillusioned. Until she meets Henri and realises it is never too late to fulfil her own political and personal dreams.
Credits:
Et la fête continue ! FR/IT 2023, 106 Min., frz. OmU Regie: Robert Guédiguian Kamera: Pierre Milon Schnitt: Bernard Sasia mit: Ariane Ascaride, Jean-Pierre Darroussin, Gérard Meylan, Lola Naymark, Grégoire Leprince-Ringuet, Robinson Stévenin.
Trailer:
And the Party Goes on / Et la fête continue ! (2023) – Trailer (English Subs)
7.5.18:00, Einführung: Bartek Tesarz (Polnisches Institut Berlin) PL 2023 R/B/S: Aga Borzym 60 min, OmeU K: Kachna Baraniewicz M: Barbara WrońskaJagoda Jagoda und Zuzia gehören zur TikTok-Generation, sind beste Freundinnen und stehen gerade an der Schwelle zur Pubertät. Und sie sind Prototypen dessen, was man gemeinhin als „frühreif“ bezeichnet – sie sind umfassend aufgeklärt und machen sich tiefgreifende Gedanken über Partnerschaft und Lebensgestaltung, sehnen aber immer noch ihre erste Periode herbei, die sie endlich zu Erwachsenen machen soll. Zwischen Spielplatz, Schule und sozialen Medien beobachten wir über viele Monate hinweg, wie der Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenleben tatsächlich Fahrt aufnimmt und überraschend unterschiedliche Entwicklungen in Gang bringt. Denn der Blick auf sich selbst und die Umgebung verändert sich bei den beiden Mädchen nicht so gleichartig, wie es die anfängliche Harmonie vermuten lässt. Wie zwei Prototypen spiegeln die Charaktere mögliche Wege, die man in diesem Alter einschlagen kann – von früher Karriereplanung und bewusster Arbeit am eigenen Erscheinungsbild über resignierte Gleichgültigkeit bis zu Essstörungen und psychischen Problemen. In vielen kleinen, auf den ersten Blick unspektakulären Szenen mit viel Wortanteil, unterbrochen von kurzen Animationen, zeigt die Regisseurin, wie die Sehnsucht nach dem Erwachsensein langsam der pubertären Desillusionierung und Ratlosigkeit weicht. Dabei bleibt sie stets nah an ihren Protagonistinnen und gibt ihnen den Raum, sich so darzustellen, wie sie es wollen. [Rainer Mende]
Veranstalter: Polnisches Institut Berlin in Kooperation mit dem fsk Kino
GIRLS‘ STORIES (Dziewczyńskie historie) trailer – Cambridge Film Festival 2024
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