Julie gilt als eines der größten Nachwuchstalente des belgischen Tennisverbands. Als ihr Trainer Jérémy wegen fragwürdiger Arbeitsmethoden suspendiert wird, gerät Julies Welt ins Wanken. Eine Untersuchung wird eingeleitet, und alle Spielerinnen der Tennisschule sollen aussagen. Doch Julie bleibt still.
Je mehr Menschen um sie herum die Stimmen erheben, desto größer wird der Druck auf sie. Julie sieht sich mit starren Machtstrukturen und ihrer eigenen Ohnmacht konfrontiert. In der Stille wächst die Frage, wie sie ihre eigene Stärke finden kann in einer Welt, die ihr bislang die Regeln diktiert hat.
Leonardo Van Dijls fesselndes Regiedebüt erzählt eindringlich von Fremdbestimmung, Machtmissbrauch und den leisen, aber tiefgreifenden Prozessen weiblicher Selbstfindung. „Julie bleibt still“ feierte Weltpremiere im Rahmen der Semaine de la Critique beim Filmfestival von Cannes, wo der Film zwei Preise gewann.
Credits:
Julie Keeps Quiet BE/SE 2024, 100 Min., Niederländisch-französische OmU Regie: Leonardo van Dijl Kamera: Nicolas Karakatsanis Schnitt: Bert Jacobs mit: Tessa Van den Broeck, Grace Biot, Alyssa Lorette, Ruth Becquart, Koen De Bouw, Pierre Gervais, Claire Bodson und Laurent Caron
As the star player at an elite tennis academy, Julie’s life revolves around the game she loves. When her coach falls under investigation and is suddenly suspended, all of the club’s players are encouraged to speak up. But Julie decides to keep quiet…
Credits:
Julie Keeps Quiet BE/SE 2024, 100 Min., Niederländisch-französische OmU Regie: Leonardo van Dijl Kamera: Nicolas Karakatsanis Schnitt: Bert Jacobs mit: Tessa Van den Broeck, Grace Biot, Alyssa Lorette, Ruth Becquart, Koen De Bouw, Pierre Gervais, Claire Bodson und Laurent Caron
Die jugendliche Marija verbringt den Sommer bei ihrer Großmutter in einem Industriegebiet im Hinterland Litauens. Aufgrund ihres Gehfehlers wird sie schnell gemobbt und gerät in eine Prügelei mit der gleichaltrigen Kristina, die – wie viele andere Mädchen in dieser abgehängten Gegend – eine Modelschule besucht. Bald schließt sich auch Marija der kultähnlichen Institution an. Mit der Aussicht auf eine Karriere in der Modebranche werden hier Gefühle von Selbsthass normalisiert und Essstörungen sind an der Tagesordnung. Während sich eine intime Freundschaft zwischen Marija und Kristina entwickelt, geraten die Mädchen in eine sich immer schneller drehende Spirale, in der sie ihre Körper auf extreme Weise missbrauchen.
Beruhend auf eigenen Erfahrungen offenbart Regisseurin Saulė Bliuvaitė die toxischen Strukturen einer ausbeuterischen, patriarchalen Gesellschaft, mit der viele junge Frauen zu kämpfen haben. Der weibliche Körper wird zur Währung, zum manipulierbaren Objekt – oder vielleicht doch zum letzten Fluchtweg aus einer chancenlosen Situation? TOXIC ist von einer intimen Emotionalität geprägt und bezieht seine Faszination aus dem Gegensatz zwischen der Hässlichkeit eines tristen Alltags und der Schönheit echter Menschlichkeit und Zuneigung.
(Wichtiger Hinweis: Dieser Film behandelt Themen im Zusammenhang mit Essstörungen und Körperbildproblemen und beinhaltet Darstellungen von Anorexie, Bulimie und Binge-Eating. Diese Inhalte könnten für Menschen mit einer Essstörung oder einer entsprechenden Vergangenheit belastend sein. Beratungsstellen finden: www.bundesfachverbandessstoerungen.de / www.bzga-essstoerungen.de Anonyme und kostenfreie Onlineberatung: www.ANAD-dialog.de Hinweis in Kooperation mit ANAD-dialog erstellt.)
Dreaming of escape from the bleakness of their industrial hometown, two 13-year-olds, Marija and Kristina, form a unique bond at a local modeling school, where the promise of a better life pushes girls to violate their bodies in increasingly extreme ways. „Through the story of young girls navigating toxic landscapes, I wanted to explore the concept of the human body – the body as a project, currency, an object of desire, the body as a source of pain and magic.” Saulė Bliuvaitė
Eine Mischung aus Polit-Thriller und Drama im Schatten der Frankfurter Hochfinanz-Skyline – in Angelina Maccarones fünften Kinofilm treffen dort für eine kurze Zeit vier Personen schicksalshaft aufeinander. Die Eltern der jungen Juristin Amina stammen aus Marokko, deshalb gilt es für die konservative Europapolitikerin Mathilda als cleverer Schachzug, sie als persönliche Assistentin zu gewinnen. Mathildas guter Freund aus Jugendtagen, der Brite Richard, hat lange in Marokko gelebt. Jetzt kommt er zurück und braucht für Malik, einen von ihm illegal eingeschleusten Schützling, ein sicheres Versteck, und fragt ausgerechnet die Politikerin um Hilfe für ein Visum und Unterkunft. Ihrem eigenen politischen Credo widersprechend willigt sie ein, und beauftragt Amina, auf den jungen Mann in ihrer Wohnung aufzupassen. Doch Malik, der von einem besseren Leben in Europa träumt, will sich nicht einsperren lassen. Konsequent erzählt der Film aus den vier Perspektiven, wodurch sich nach und nach erst das ganze Bild ergibt. „Die Perspektiven bündeln sich zu einem kaleidoskopartigen Porträt der gegenwärtigen, von wachsendem gegenseitigen Misstrauen gekennzeichneten Gesellschaft. Dabei enthält sich Angelina Maccarone jeglicher Wertung. Sie zeigt die Bilder, ohne zu sympathisieren oder Partei zu ergreifen. Und Gewissheiten lässt sie ebenfalls nicht zu. Wer sich anfangs ein Urteil über eine der Personen gebildet hat, wird es irgendwann revidieren müssen. Ganz wie im wirklichen Leben sind die Dinge meist nicht so, wie sie zu sein scheinen…. Angelina Maccarone hat sich mit „Klandestin“ zudem auf die Spuren Claude Chabrols begeben. Sie hat eine Polit-Thriller-Handlung mit politischer Analyse und beißender Gesellschaftskritik verknüpft, ohne dabei die intelligente Unterhaltung des Publikums zu vernachlässigen.“ Gaby Sikorski | Programmkino.de
Conservative politician Mathilda is actually in favor of strictly guarded EU external borders. Things become all the more difficult for her when she is asked to help her old friend Richard accommodate Malik, who has illegally entered the country from Morocco. Mathilda’s second-generation assistant Amina also questions her own position when Malik becomes the target of a terrorist investigation following a bomb attack.
Vor ein paar Jahren hatten wir die Freude, den vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilm Mein Vietnam von Thi Hien Mai und Tim Ellrich innerhalb unserer Reihe „Dok-Termin“ vorstellen zu dürfen, einen sehr persönlicher Einblick in das Leben der Eltern der Regisseurin. In seinem Spielfilm-Debüt schildert Ko- Regisseur Tim Ellrich jetzt ebenfalls eine Geschichte aus seiner nächsten Familie. Holle, esoterische Therapeutin, Tochter und Schwester, muss sich als einzige um ihren Bruder Sven kümmern, bei dem vor vielen Jahren Schizophrenie diagnostiziert wurde. Er verweigerte jede Behandlung und lebt seither zurückgezogen auf dem Dachboden im Haus der Eltern, die sich allmählich, mit zunehmendem Alter, von ihm überfordert fühlen. Als ihre Mutter ins Krankenhaus kommt, verbringt Holle immer mehr Zeit mit Sven und beim Vater, und vernachlässigt ihre eigene Beziehung dabei sträflich. »Die markante formale Gestaltung von Im Haus meiner Eltern schiebt der allzu direkten Deutung als autobiografische Nabelschau einen Riegel vor. Mit Schwarz-weiß-Bildern und einem schmalen Bildformat verleiht Ellrich der Geschichte einen universellen Charakter. … Das eindrucksvollste Element des stillen Dramas ist die Darstellung des psychisch erkrankten Sven. Fernab klischeehafter Darstellungen von Schizophrenie zeigt Ellrich die Erkrankung als Rückzug ins Innere, womit eine Auflösung für die anderen verbunden ist.“ Christian Horn | FilmDienst Das grandios gespielte und strengem schwarz-weiß gehaltene Familiendrama wurde in IFF Rotterdam mit dem Preis der Jury ausgezeichnet.
Credits:
DE 2025, 95 Min, Regie: Tim Ellrich Kamera: Konstantin Pape Schnitt: Tobias Wilhelmer mit: Jenny Schily, Ursula Werner, Manfred Zapatka und Jens Brock
A therapist whose interests lie in alternative ways to help the sick and infirm is forced to balance the demands of her professional life with those of her ageing parents and older brother, in Tim Ellrich’s sensitive but uncompromising drama.
Holle works as a spiritual healer, tending to clients with serious illnesses and chronic conditions. One of four siblings, she devotes much of her time to caring for her ageing parents, a commitment that strains her relationship with her partner. When her mother suffers a fall and is hospitalised, Holle faces mounting challenges, particularly in relation to her brother Sven, who has schizophrenia and has lived a secluded life in their parents’ attic for years.
Inspired by filmmaker Tim Ellrich’s own family experiences and shot on location at his childhood home, Im Haus meiner Eltern is an incisive exploration of the toll caregiving takes on families. Filmed in stark black and white, its visuals capture both the exhaustion of caregiving and the claustrophobia of lives bound by duty. Ellrich avoids easy judgments, instead offering a thoughtful reflection on how society treats the elderly and infirm and the friction these responsibilities create within families – from those who shoulder the burden to those who keep their distance. With empathy and an understated approach, Im Haus meiner Eltern, examines the unspoken tensions and quiet sacrifices that define family life under pressure.
Vanja Kaludjercic
Credits:
DE 2025, 95 Min, Regie: Tim Ellrich Kamera: Konstantin Pape Schnitt: Tobias Wilhelmer mit: Jenny Schily, Ursula Werner, Manfred Zapatka und Jens Brock
Am 27.5. um 18:00 im fsk. Einführung: Bartek Tesarz (Polnisches Institut Berlin)
[Tickets]
Rzeczy niezbędne / Unverzichtbare Dinge PL/D 2024 R: Kamila Tarabura 101 min, OmdU B: Kamila Tarabura & Katarzyna Warnke K: Tomasz Naumiuk S: Alan Zejer M: CEL D: Dagmara Domińczyk, Katarzyna Warnke, Małgorzata Hajewska-Krzysztofik, Andrzej Konopka u. a.
Eigentlich will sich die hochschwangere Kriegsjournalistin Ada eine Auszeit bei ihrem Partner in Hamburg gönnen. Doch dann bekommt sie aus Polen ein Buch zugeschickt, in dem eine Frau ihre Missbrauchserfahrungen als Kind schildert – versehen mit einer persönlichen Widmung und einer Telefonnummer.
Gegen jede Vernunft macht sich Ada auf den Weg in ihre alte Heimat. Dort trifft sie sich mit Roksana, der Autorin des Buchs. Diese bittet Ada, mit ihr in die polnische Provinz zu fahren, wo beide aufgewachsen sind. Vielleicht können sie nach dem Tod von Roksanas Vater ihre Mutter dazu bringen, das Schweigen über die Ereignisse von damals zu brechen. Das odd couple macht sich auf den Weg, um zu rekonstruieren, was geschehen ist – oder ob sich Roksana die Geschichte vielleicht nur ausgedacht hat.
Kamila Taraburas Langfilm-Debüt ist eine feinfühlige Mischung aus Roadmovie, Thriller, Krimi und Psychoporträt, das viele überraschende Wendungen nimmt, um parallel mehrere Geschichten zu erzählen. Dabei kann sich die Regisseurin vor allem auf ihre traumhaft interagierenden Hauptdarstellerinnen Dagmara Domińczyk (Ada) und Katarzyna Warnke (Roksana) verlassen, deren Schweigen oft beredter ist als ihre Worte. [Rainer Mende]
Simóns Verhältnis zu seiner Mutter ist schon länger schwierig. Wirklich zu Hause fühlt er sich nur bei Pehuén und den anderen an der Schule für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen. Dort hat er das Gefühl, er selbst sein zu dürfen, auch wenn er anders ist als alle anderen.
In lose verbundenen Vignetten tauchen wir in das Leben einer Gruppe verhaltensorigineller Jugendlicher ein. Unser Titelheld fühlt sich vor allem an der Seite von Pehuén und Colo wohl (wie die anderen kognitiv Eingeschränkten von Laien gespielt) – einmal, als die beiden Sex haben, steht er sogar für sie Schmiere. Doch irgendwann fragt sich, was Simón an dieser Schule eigentlich verloren hat und warum er sich hier zugehörig fühlt. Luis’ ungewöhnliches Drama stellt unsere Wahrnehmung von Menschen, die wir als „anders“ qualifizieren, auf die Probe. Sein Plädoyer lässt vieles offen, aber keinen Zweifel: Verbundenheit kann nur durch Offenheit entstehen. (Roman Scheiber)
The film is far from a straightforward portrayal of its subject. It doesn’t just focus on good and noble feelings, nor does it fall into the sort of simplistic binaries that set the “purity” of people with disabilities against the cynicism of society. Simón is deceitful, more than happy to lie and unafraid to get his friends into trouble, yet they never judge or punish him nor label him as problematic. At home, where his mother’s goodwill has been exhausted, a sense of apathy has set in that threatens to usurp the obvious love she feels for him. Luis’ film smartly refrains from judging her, as she seems unable to find a solution to her son’s unexplained antics; she only watches in surprise as Simón speaks less and less, imitates physical tics and retreats into his own personal version of disability. Engrossing, and narrated with great intelligence and subtlety, the film layers nuance upon nuance in its suitably ambivalent portrait of the titular character. With another enigmatic, yet empathetic performance by up-and-coming actor Lorenzo Ferro, SIMÓNDELAMONTAÑA is a remarkable debut feature that dares to explore the murky waters of human behaviour. (Diego Lerer)
Am stärksten im Fokus steht das freundliche Verwischen von Grenzen zwischen den Identitäten und Orientierungen im Film Sehnsucht / Sex. Es ist zugleich der lustigste Teil der Trilogie. Der Film startet mit Aufnahmen vom Osloer Umland: Auffahrtstraßen, Industriegebiet, im Gemeindeschwimmbad ziehen Menschen ihre Bahnen. Dann beginnt ein namenloser Mann , Schornsteinfeger, Familienvater, Mitte vierzig, von seinem verwirrenden Traum zu erzählen – einfach so, beim Mittagessen im Pausenraum. David Bowie und er, erzählt der Mann, seien sich in seinem Traum in einer Toilette begegnet, und Bowie hätte ihn gemustert, als wäre er, der Schornsteinfeger, eine Frau. Die Blicke seien nicht abwertend gewesen, einfach nur anders. Nein, eigentlich sogar angenehm. Sein bester Freund, ebenfalls Schornsteinfeger, Familienvater, Mitte vierzig, hört ihm aufmerksam und verständnisvoll zu. Dann erzählt er, wie ihm jüngst ein Klient nach getaner Arbeit Zeichen gegeben habe, an ihm interessiert zu sein. Erst habe er gezögert, dann hätten sie Sex gehabt. »Wie er mich angesehen hat, das habe ich noch nie erlebt«, sagt der Freund. »Als hätte er Lust auf mich. Regelrecht schamlos.« Später erzählt der Freund auch seiner Ehefrau von dem Sex. Sein Argument: Gerade weil es mit einem Mann gewesen sei und er ganz offen darüber spreche, habe er sie nicht betrogen. Doch das sieht die Ehefrau ganz anders….“ Hannah Pilarczyk | Der Spiegel Und natürlich besteht auch hier viel Gesprächsbedarf.
Credits:
OT: Sex DE 2023, 90 Min., norw. OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Jan Gunnar Røise, Thorbjørn Harr, Siri Forberg, Birgitte Larsen
Two chimney sweeps living in monogamous, heterosexual marriages both end up in situations that challenge their views on sexuality and gender roles. One has a sexual encounter with another man, without himself experiencing it either as an expression of homosexual longings or infidelity. The other suddenly experiences nocturnal dreams in which he is seen as a woman. This confuses and disturbs him. He begins to wonder to what extent the gaze of others shapes his personality and whether there are aspects of himself that he has suppressed, thereby limiting himself. In Dag Johan Haugerud’s Sex, the chimney is swept before we get down to business. Whether hetero or homo, witty wordplay challenges normative images of men and society in modern urban Norway.
Credits:
OT: Sex DE 2023, 90 Min., norw. OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Jan Gunnar Røise, Thorbjørn Harr, Siri Forberg, Birgitte Larsen
Nach Oslo-Stories: Liebe, diesem Filmjuwel, dass sich bisher viel zu viele haben entgehen lassen, kommt hier schon der nächste Teil von Dag Johan Haugeruds Oslo-Trilogie ins Kino, und er bringt wertvolles Gepäck mit – den Goldenen Bären der letzten Berlinale. Die Tradition des Festivals, explizit politisch zu lesende Filme auszuzeichnen, wurde diesmal unterbrochen. Träume ist deswegen nicht minder aufregend. Die 17-jährige Johanne verliebt sich Hals über Kopf in ihre neue Lehrerin. Im späteren Verlangen, diese wichtige Zeit für sich festzuhalten, verpackt sie die Erlebnisse in eine Erzählung. Als erst ihre Mutter, und später auch ihre Großmutter, eine bekannte Dichterin, den Text lesen, ist die Aufregung groß. Bewunderung und Stolz, Sorge und sogar Konkurrenzangst wechseln sich ab, und zwischen den Frauen dreier Generationen gibt es viel Gesprächsbedarf. „Träume ist einerseits ein sehr einfacher Film, der eine kleine Geschichte ohne dramatische Wendungen erzählt. Andererseits ist Träume ein sehr komplexer Film, der auf mehreren klug verschachtelten Ebenen darüber nachdenkt, wie Texte, die Realität, die sie beschreiben, und die Menschen, die sie verfassen oder rezipieren, miteinander verbunden sind, und wie ihre Bedeutungen einer permanenten Veränderung unterworfen sind – je nachdem wer was wann warum wo sagt oder hört, oder auch verschweigt. Und schließlich ist Träume ein sehr freundlicher, tröstlicher Film, der von Wandelbarkeit erzählt. Wo die meisten Filme versuchen, eine mehrdeutige und unordentliche Realität in eine sinnhafte Geschichte zu verwandeln, unternimmt Träume das Gegenteil. Jede Szene, jede Person, jede Form des Diskurses fügt der Welt, die Träume abbildet, eine neue Facette hinzu, macht sie größer, offener, vielfältiger. Für mich hätte Träume einfach immer weiter gehen können.“ Hendrike Bake | indiekino
Die drei „Oslo-Stories“ bilden eine einzigartige Filmtrilogie. Liebe (Venedig Wettbewerb 2024), Träume (Berlinale Goldener Bär 2025) und Sehnsucht / Sex (Berlinale Panorama 2024) sind drei jeweils eigenständige Filme mit neuen Figuren und einer unabhängigen Geschichte, und jeder ist ein Ereignis. Getrennt voneinander werfen sie jeweils einen neuen Blick auf die Dinge, die unser Leben bestimmen. Erzählen von Liebe, Sehnsucht und Träumen, hinterfragen Identität, Gender und Sexualität, entwerfen mit faszinierenden Charakteren und klugen Dialogen gewitzt und nahbar Utopien, wie wir auch zusammenleben könnten. Und Oslo sehen wir aus der Perspektive der Protagonisten: innerstädtisch bei Träume, hoch auf den Dächern bei Sehnsucht / Sex und in Liebe wird ständig der Oslofjord mit der Fähre überquert.
Goldener Bär – Berlinale 2025
Credits:
NO 2024, 110 Min., norwegische OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen
At 17, Johanne falls head over heels in love with her female teacher. In an attempt to capture this first crush, she pours her experiences onto paper with raw honesty. When her mother and grandmother discover her writings, their initial shock at the intimate descriptions gives way to admiration for their literary merit. The two older women begin to reflect on their own love lives, their pleasures and missed opportunities, and are reminded of the overwhelming sensation of first love; and of the longing for something more. Johanne’s grandmother, an established poet herself, feels both pride and unease at her granddaughter’s natural talent. But questions linger: What truly happened between Johanne and her teacher? Where does reality end and fiction begin? And should these deeply personal writings ever find their way to publication?
Golden Bear – Berlinale 2025
Credits:
NO 2024, 110 Min., norwegische OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen
Dag Johan Haugeruds Trilogie Oslo Stories besteht aus drei jeweils eigenständigen Filmen mit einer unabhängigen Geschichte. Der Teil Träume („Der mit der Lehrerin“, ab 8.5.) hat gerade den Goldenen Bären gewonnen, Sehnsucht heist im Original Sex („Der mit den Dachdeckern“, Panorama 2024, ab 22.5.) und zuerst nun der Teil Liebe („Der mit der Fähre“ Venedig 2024)
Oslo Stories: LIEBE ist ein romantischer Film, der Sexualität, Beziehungen und Liebe erforscht und sich um einen schwulen Krankenpfleger und eine heterosexuelle Ärztin dreht. In vielerlei Hinsicht ist dieser Film utopisch: Er handelt vom Streben nach sexueller und emotionaler Nähe zu anderen, ohne sich dabei unbedingt an die gesellschaftlichen Normen und Konventionen zu halten, die Beziehungen regeln. Die weibliche Sexualität, die in vielen Teilen der Gesellschaft sowohl von Männern als auch von Frauen ständig unter die Lupe genommen und in Frage gestellt wird, ist ein zentraler Schwerpunkt des Films. Wir haben noch nicht den Punkt erreicht, an dem Frauen Entscheidungen in Bezug auf ihre Sexualität und ihr Liebesleben treffen können, ohne sich verteidigen oder erklären zu müssen. Der Film deutet auch an, dass bestimmte Erfahrungen und Praktiken innerhalb der homosexuellen Gemeinschaft wertvolle Erkenntnisse für die Gesellschaft im Allgemeinen bieten könnten. Aber im Kern geht es in dem Film um die Frage, wie man Gutes tun kann. Ich glaube, dass Fiktion eine entscheidende Rolle dabei spielt, sich alternative Welten und Prspektiven vorzustellen. Sie ermöglicht es den Menschen, sich auszudrücken und auf ungewöhnliche Weise zu handeln. Für mich besteht eine wichtige Funktion der Fiktion darin, neue Denkweisen im wirklichen Leben zu inspirieren. Mit Oslo Stories: LIEBE – und der gesamten Trilogie – war es mein vorrangiges Ziel, zu vermitteln, dass neue Denk- und Verhaltensweisen möglich sind.
Dag Johan Haugerud
Credits:
Love NO 2024, 119 Min, Norwegische OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad, mit: Andrea Bræin Hovig, Tayo Cittadella Jacobsen, Marte Engebrigtsen, Lars Jacob Holm, Thomas Gullestad
A Utopian design for sexuality, relationships and love in the 21st century. Marianne is a doctor based in Oslo. She longs for closeness with other people, but she’s fed up with her sex life being constantly analysed and questioned by the expectations of others. One evening, she meets Tor, a nurse and colleague, on a ferry. He tells her of the ferry trips he takes when he can’t sleep and his chance meetings with other men. Curious, Marianne starts exploring other designs for relationships, off the beaten track.
Credits:
Love NO 2024, 119 Min, Norwegische OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad, mit: Andrea Bræin Hovig, Tayo Cittadella Jacobsen, Marte Engebrigtsen, Lars Jacob Holm, Thomas Gullestad
Der andere Planet, mit nichts in dieser Welt vergleichbar – das war für ihn Auschwitz. Hier erlebte Yehiel De-Nur die Schrecken der Shoah, die er nach dem Krieg unter dem Pseudonym Ka.tzetnik literarisch radikal verarbeitete. Über Gewalt, Folter und Kannibalismus schreibend wurde er immer wieder zum Häftling, während er gleichzeitig ein bürgerliches Leben führte.
Die radikale Aufspaltung in zwei Persönlichkeiten war Yehiel De-Nurs (geb. Feiner) Strategie, um mit seinem Trauma umzugehen. Wenn er als Ka.tzetnik abgekapselt und in Häftlingskleidung seine internationalen Bestseller verfasste, war er wieder auf dem „anderen Planeten“, den die Kunstfigur mit dem KZ im Namen nie verlassen hatte. Die Bücher von Ka.tzetnik haben Israel bewegt. Er reflektierte darin Gewaltexzesse, deren Nähe zu sexuell konnotierter Gewalt, die Abgründe des Menschlichen, und provoziert dabei – als Holocaust-Überlebender – mit Titeln wie „Ich bin der SS-Mann. Eine Vision“ (Ein anderer bekannter Titel des Buches ist: „Shvitti. Eine Vision“). Auch der Name der Indie-Band „Joy Division“ geht auf ein Buch von Ka.tzetnik zurück. De-Nur hingegen fasste als bescheidener Ehemann und liebvoller Vater in Israel wieder Fuß. Erst der Eichmann-Prozess, wo De-Nur und Ka-Tzetnik im Zeugenstand erstmals aufeinandertrafen, brachte dieses Konstrukt zum Einsturz. Der auch 30 Jahre nach dem Krieg noch von seinem Trauma Verfolgte hoffte, in den Niederlanden durch eine LSD-Therapie endlich Frieden zu finden. Die Dokumentar-Biografie übersetzt diese Persönlichkeitsspaltung in Bilder. Während wir in Berichten von Zeitzeuginnen und Forscherinnen der Person De-Nur begegnen, führen uns animierte Sequenzen in die Gedankenwelt des Autors und seiner literarischen Figur Ka.tzetnik. Dabei wird nicht nur die Frage nach Möglichkeiten der Traumabewältigung gestellt, sondern auch nach dem Wert subjektiver Wahrheit. Rainer Mende
Credits:
The Return from the Other Plaent DE/IL 2023, 81 Min., englisch, hebräisch, jiddisch, niederländischOmU Regie: Assaf Lapid Kamera: Talia Tulik Galon, Jörg Adams Schnitt: Nohar Avigail Haseen, Assaf Lapid
A few months after his release from Auschwitz and still in his striped jacket, Yechiel De-Nur sat down and started writing. After two weeks, he was reborn as Ka-Tzetnik, or “the man from the camps.” While the books that he wrote were translated into 32 languages and sold millions, the author himself hid behind the pseudonym. It wasn’t until the trial of Adolf Eichmann in 1961 that his true identity was revealed during his revelatory testimony where he described Auschwitz as “the other planet:” a place outside of human judgment. Years later, undergoing an experimental LSD treatment for trauma, he revisits his experience, imagining himself as an SS officer, and that changes everything. In this affecting documentary, the life of the mysterious and elusive author and his views on human behavior are examined in depth.
Credits:
The Return from the Other Plaent DE/IL 2023, 81 Min., englisch, hebräisch, jiddisch, niederländischOmU Regie: Assaf Lapid Kamera: Talia Tulik Galon, Jörg Adams Schnitt: Nohar Avigail Haseen, Assaf Lapid
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