Große Freiheit

ein Film von Sebastian Meise. 

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

1968. Zwei Jahre Zuchthaus bekommt Hans (Franz Rogowski) auf­ge­brummt, nach­dem er beim Sex mit einem Mann auf einer öffent­li­chen Toilette gefilmt wur­de. Nicht zum ers­ten Mal, denn Hans ist ein stu­rer Bock und will sich von Nichts und Niemandem sagen wie er zu leben und schon gar nicht wen er zu lie­ben hat. Im Bau begeg­net er Viktor (Georg Friedrich), nicht zum ers­ten Mal wie sich bald zeigt. 1945 waren die bei­den Männer bereits Zellengenossen, Viktor am Anfang einer lan­gen Strafe wegen eines aus Eifersucht began­ge­nen Totschlags und Hans weil er Männer liebt. So homo­phob sich Viktor anfangs gezeigt hat­te: Das Hans direkt aus einem Konzentrationslager in ein Gefängnis der Alliierten über­stellt wur­de, das scho­ckiert ihn doch. Eine ers­te Berührung, ein ers­ter inti­mer Moment geschieht, als Viktor Hans des­sen in den Arm gesto­che­ne Nummer mit einem Tattoo überdeckt.

Die Jahre zie­hen ins Land, wäh­rend Viktor immer ein­sitzt, bewegt sich Hans fast wie in einer Drehtür zwi­schen Freiheit und Knast, weiß bald weder drin­nen noch drau­ßen etwas mit sich anzu­fan­gen. Nichts scheint sich zu ändern, das Gefängnis ist schon 1945 ran­zig und hat offen­bar bis Ende der 60er Jahre kei­nen Anstrich erhal­ten. Was sich auch kaum ändert sind die Antipathien, denen sich schwu­le Männer aus­ge­setzt sehen, die Strafen mit denen die Mehrheits-Gesellschaft die ihnen unlieb­sa­men Elemente weg­sper­ren will.

Erst 1994 wur­de der §175 aus den Gesetzen gestri­chen, auch wenn er damals schon län­ger nicht zur Anwendung kam. Als Der Spiegel im Mai 1969 über die Aufweichung des §175 titel­te und frag­te: „Das Gesetz fällt – bleibt die Ächtung?“ war sol­che eine öffent­li­che Thematisierung von Homosexualität noch alles ande­re als selbst­ver­ständ­lich. Dass es gera­de für Menschen, die Jahrzehnte im gehei­men Leben muss­ten, die ihre Sexualität ver­steck­ten oder gar unter­drück­ten kei­nes­wegs ein­fach war, qua­si von einem Tag auf den ande­ren umzu­schal­ten, nun offen zu leben, davon erzählt „Große Freiheit.“

Ein wenig kon­stru­iert mutet der lan­ge Zeitraum der Geschichte zwar an, gebo­ren aus dem Wunsch, den Übergang vom Dritten Reich zur Bundesrepublik eben­so zu erzäh­len, wie die Entkriminalisierung von Homosexualität im Jahre 1969. Aber das Konstrukt funk­tio­niert, gera­de auch weil Sebastian Meise in sei­nem zwei­ten Spielfilm die Mauern des Gefängnisses nur ganz am Ende ver­lässt, er ansons­ten immer in den Zellen und Gängen bleibt, die sich über die Jahrzehnte kaum ändern. Auch die Kleidung der Gefangenen bleibt gleich und selbst Viktor und Hans altern zwar, doch fast unmerk­lich, der dezen­te Einsatz von der jewei­li­gen Zeit ent­spre­chen­den Haaren und Frisuren deu­tet auch hier einen Stillstand an, der am Ende tra­gisch wird.

So sehr sind die­se bei­den Männer in ihren Rollen ver­harrt, Rollen, in die sie vom System gezwun­gen wur­den, dass sie wirk­li­che Freiheit kaum ertra­gen kön­nen. In man­chen Momenten erin­nert das an Texte von Jean Genet, an gro­ße Gefängnis-Filme, in denen die ganz eige­ne Subkultur die­ses Ort leben­dig wird. Nicht zuletzt dank des her­aus­ra­gen­den Darstellerduos Franz Rogowski und Georg Friedrich, die in den beeng­ten Zellen eine ganz beson­de­re, sich über lan­ge Jahre ent­wi­ckeln­de Liebesgeschichte zum Leben erwecken.

Michael Meyns | programmkino.de

Credits:

Deutschland/Österreich 2021, 116 Min.
Regie: Sebastian Meise

Kamera: Crystel Fournier
Schnitt: Joana Scrinzi
Buch: Thomas Reider & Sebastian Meise
mit: Franz Rogowski, Georg Friedrich, Anton von Lucke, Thomas Prenn


Trailer:
Große Freiheit – offi­zi­el­ler Kinotrailer – Kinostart am 18.11.2021
nach oben

Kategorie: archiv

  • Große Freiheit

    Große Freiheit

    ein Film von Sebastian Meise. 

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    1968. Zwei Jahre Zuchthaus bekommt Hans (Franz Rogowski) auf­ge­brummt, nach­dem er beim Sex mit einem Mann auf einer öffent­li­chen Toilette gefilmt wur­de. Nicht zum ers­ten Mal, denn Hans ist ein stu­rer Bock und will sich von Nichts und Niemandem sagen wie er zu leben und schon gar nicht wen er zu lie­ben hat. Im Bau begeg­net er Viktor (Georg Friedrich), nicht zum ers­ten Mal wie sich bald zeigt. 1945 waren die bei­den Männer bereits Zellengenossen, Viktor am Anfang einer lan­gen Strafe wegen eines aus Eifersucht began­ge­nen Totschlags und Hans weil er Männer liebt. So homo­phob sich Viktor anfangs gezeigt hat­te: Das Hans direkt aus einem Konzentrationslager in ein Gefängnis der Alliierten über­stellt wur­de, das scho­ckiert ihn doch. Eine ers­te Berührung, ein ers­ter inti­mer Moment geschieht, als Viktor Hans des­sen in den Arm gesto­che­ne Nummer mit einem Tattoo überdeckt.

    Die Jahre zie­hen ins Land, wäh­rend Viktor immer ein­sitzt, bewegt sich Hans fast wie in einer Drehtür zwi­schen Freiheit und Knast, weiß bald weder drin­nen noch drau­ßen etwas mit sich anzu­fan­gen. Nichts scheint sich zu ändern, das Gefängnis ist schon 1945 ran­zig und hat offen­bar bis Ende der 60er Jahre kei­nen Anstrich erhal­ten. Was sich auch kaum ändert sind die Antipathien, denen sich schwu­le Männer aus­ge­setzt sehen, die Strafen mit denen die Mehrheits-Gesellschaft die ihnen unlieb­sa­men Elemente weg­sper­ren will.

    Erst 1994 wur­de der §175 aus den Gesetzen gestri­chen, auch wenn er damals schon län­ger nicht zur Anwendung kam. Als Der Spiegel im Mai 1969 über die Aufweichung des §175 titel­te und frag­te: „Das Gesetz fällt – bleibt die Ächtung?“ war sol­che eine öffent­li­che Thematisierung von Homosexualität noch alles ande­re als selbst­ver­ständ­lich. Dass es gera­de für Menschen, die Jahrzehnte im gehei­men Leben muss­ten, die ihre Sexualität ver­steck­ten oder gar unter­drück­ten kei­nes­wegs ein­fach war, qua­si von einem Tag auf den ande­ren umzu­schal­ten, nun offen zu leben, davon erzählt „Große Freiheit.“

    Ein wenig kon­stru­iert mutet der lan­ge Zeitraum der Geschichte zwar an, gebo­ren aus dem Wunsch, den Übergang vom Dritten Reich zur Bundesrepublik eben­so zu erzäh­len, wie die Entkriminalisierung von Homosexualität im Jahre 1969. Aber das Konstrukt funk­tio­niert, gera­de auch weil Sebastian Meise in sei­nem zwei­ten Spielfilm die Mauern des Gefängnisses nur ganz am Ende ver­lässt, er ansons­ten immer in den Zellen und Gängen bleibt, die sich über die Jahrzehnte kaum ändern. Auch die Kleidung der Gefangenen bleibt gleich und selbst Viktor und Hans altern zwar, doch fast unmerk­lich, der dezen­te Einsatz von der jewei­li­gen Zeit ent­spre­chen­den Haaren und Frisuren deu­tet auch hier einen Stillstand an, der am Ende tra­gisch wird.

    So sehr sind die­se bei­den Männer in ihren Rollen ver­harrt, Rollen, in die sie vom System gezwun­gen wur­den, dass sie wirk­li­che Freiheit kaum ertra­gen kön­nen. In man­chen Momenten erin­nert das an Texte von Jean Genet, an gro­ße Gefängnis-Filme, in denen die ganz eige­ne Subkultur die­ses Ort leben­dig wird. Nicht zuletzt dank des her­aus­ra­gen­den Darstellerduos Franz Rogowski und Georg Friedrich, die in den beeng­ten Zellen eine ganz beson­de­re, sich über lan­ge Jahre ent­wi­ckeln­de Liebesgeschichte zum Leben erwecken.

    Michael Meyns | programmkino.de

    Credits:

    Deutschland/Österreich 2021, 116 Min.
    Regie: Sebastian Meise

    Kamera: Crystel Fournier
    Schnitt: Joana Scrinzi
    Buch: Thomas Reider & Sebastian Meise
    mit: Franz Rogowski, Georg Friedrich, Anton von Lucke, Thomas Prenn


    Trailer:
    Große Freiheit – offi­zi­el­ler Kinotrailer – Kinostart am 18.11.2021
    nach oben
  • First Cow

    First Cow

    ein Film von Kelly Reichardt. 

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer] [Pressezone]

    Ein Fluss fließt ruhig dahin. An den Ufern läuft die Zeit rück­wärts und för­dert ver­schüt­te­te Geschichten zuta­ge. Im frü­hen 19. Jahrhundert wagen sich nicht nur Pelzjäger, son­dern auch ein wort­kar­ger Koch ins wil­de Oregon. Der Einzelgänger trifft auf einen chi­ne­si­schen Einwanderer, der sich als geschick­ter Unternehmer erweist und sein Freund wird. Das Duo kommt auf die Idee, Donuts zu backen und zu ver­kau­fen, die im rau­en Westen sehr gut ankom­men. Der Haken: Den Rohstoff beschaf­fen sie ille­gal.
    Das Drehbuch schrieb Kelly Reichardt mit Jonathan Raymond, dem Autor der Romanvorlage. Einmal mehr erzählt die Regisseurin meis­ter­haft von einem Amerika fern­ab der gro­ßen Städte, das vol­ler Verheißungen steckt. Wie ein Western ist First Cow eine Hommage an Menschen im Abseits, die ihr Schicksal in die eige­ne Hand neh­men müs­sen – und hier statt mit dem Revolver mit Honiglöffel und Milcheimer han­tie­ren. Auf die­se Weise zei­gen die Outlaws die „fron­tier“, Amerikas Projektionsfläche natio­na­ler Träume, nicht als wirt­schaft­lich oder mate­ri­ell zu erobern­den Raum, son­dern als Ort der Begegnung. Ein groß­ar­ti­ges Alternativszenario mit beson­de­rer gesell­schaft­li­cher und poli­ti­scher Bedeutung für die Gegenwart.

    Kritiken:

    Interview mit dem Drehbuchautor Jon Raymond

    Credits:

    US 2019, 122 Min., engl. OmU
    Regie: Kelly Reichardt
    Kamera: Christopher Blauvelt
    mit: John Magaro, Orion Lee, Toby Jones, Scott Shepherd, Gary Farmer, Lily Gladstone

    Trailer:
    nach oben
  • Sturmhöhe

    Sturmhöhe

    Ein Film von Andrea Arnold.

    [indie­ki­no Club]

    Der Klassiker Wuthering Heights – Sturmhöhe, ein­zi­ger Roman der jun­gen Emily Brontë, wur­de schon oft ver­filmt, hier aber erst­mals von einer Regisseurin. Es war ein die Erfüllung eines Traumes der Britin Andrea Arnold, bis­her bekannt für zeit­ge­nös­si­sche Regiearbeiten. Sie behan­delt nur die ers­te Hälfte des Buches, und schaff­te ein radi­ka­les Werk, das beim Filmfest Venedig ver­stör­te und begeis­ter­te. Nicht, dass die Rolle des auf­ge­nom­me­nen Sohnes Heathcliff mutig und nicht inkon­se­quent von einem schwar­zen Schauspieler inter­pre­tiert wird, son­dern die extre­me Reduzierung des Stoffes auf die Kraft der Elemente, die Sinnlichkeit der Darstellung, die Entkleidung von jeder Romantik ohne Verleugnung des Emotionalen machen den Film zu einer beson­de­ren Erfahrung. Die Geschichte der aus­sichts­lo­sen Liebe zwi­schen dem frem­den Jungen und Cathy, Tochter des Hauses, ist geprägt von Standesdünkel und Verzweifelung, Macht und Ohnmacht und kor­re­spon­diert mit der rau­hen und auch unwirt­li­chen, aber reiz­vol­len Umgebung  der Yorkshire Dales. Die Regisseurin drang dabei vor zum Kern des Romans, der bei sei­ner Veröffentlichung 1847 in die vik­to­ria­ni­sche Epoche ein­schlug wie ein Blitz. 
    „Arnolds Interpretation erlangt ihren Zauber durch eine Achtsamkeit für die ein­zel­nen Ingredienzien … . Dieses erreicht sie – obschon das para­dox erscheint – gera­de durch einen pro­non­cier­ten Realismus der Darstellung, der fern jeder Verklärung ist. Dazu gehört auch ein fei­nes Gehör für die viel­fäl­ti­gen Naturgeräusche sowie der Verzicht auf sol­che Musik, die nicht zur Handlung gehört, wie etwa ein­fa­che Lieder, die Cathy singt. Erst zum Abspann ertönt der weh­mü­ti­ge Song «The Enemy» der Band Mumford & Sons.“  Susanne Ostwald, NZZ 

    GB 2011, 128 Min., engl. OmU
    Regie: Andrea Arnold
    mit Kaya Scodelario, Nichola Burley, Steve Evets, James Howson, Shannon Beer, Solomon Glave

  • Kinder der Hoffnung

    Kinder der Hoffnung

    ein Film von Yael Reuveny. 

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    In „Schnee von Gestern“ nahm sich die Regisseurin der Geschichte ihrer Großmutter und deren Bruder an. Diesmal fährt sie zurück in ihre Geburtstadt, um Gleichaltrige nach ihrem bis­he­ri­gen Lebensweg zu befra­gen. 32 Kinder gab es 1988 in der Klasse von Reuveny, die damals 8 Jahre alt war, in einer Schule in Petach Tikwa, was soviel bedeu­tet wie „Tor der Hoffnung.“ Hoffnungsträger waren die Kinder, die ihre Familien und den Staat Israel stär­ken und gemein­sam eine fried­li­che und siche­re Zukunft auf­bau­en soll­ten. In Super-8-Aufnahmen aus der Kindheit und poin­tier­ten Kurzporträts ihrer dama­li­gen Mitschülerinnen und Mitschüler über­denkt die in Berlin leben­de Filmemacherin Yael Reuveny ihr eige­nes Selbstverständnis und das ihrer Generation, auch ange­sichts der andau­ern­den Kriege und Konflikte.

    Credits:

    DE/IL 2020, 84 Min., hebräi­sche OmU
    Regie & Buch Yael Reuveny

    Trailer:
    nach oben
  • Die Geschichte meiner Frau

    Die Geschichte meiner Frau

    ein Film von Ildikó Enyedi. 

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Kapitän Jakob Störr ist auf Landgang. In einem Café ver­kün­det er, er wer­de die nächs­te Frau hei­ra­ten, die das Lokal betritt. Es ist Lizzy, eine undurch­schau­ba­re Schönheit. Überraschenderweise ist sie mit Störrs Vorschlag ein­ver­stan­den – doch sein Glück bleibt nicht lan­ge unge­trübt. Immer wie­der ist er wochen­lang auf hoher See und fragt sich, was die lebens­lus­ti­ge Lizzy wohl trei­ben mag, wenn er nicht da ist. Der Kapitän ver­irrt sich zuneh­mend in einem Labyrinth aus Leidenschaft und Eifersucht, ist zwi­schen inni­ger Liebe und Misstrauen hin- und hergerissen…

    Nach ihrem Berlinale-Gewinner «On Body and Soul» insze­niert die viel­fach preis­ge­krön­te Regisseurin Ildikó Enyedi mit «The Story of My Wife» erneut ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Liebes-Epos. Léa Seydoux («Saint Laurent», «Spectre – 007») ver­leiht Lizzy gros­sen Charme, an ihrer Seite glänzt Gijs Naber als Jakob Störr. In wei­te­ren Rollen sind die jun­ge Schweizerin Luna Wedler, Louis Garrel und Josef Hader zu sehen. Basierend auf dem gleich­na­mi­gen Roman des nobel­preis-nomi­nier­ten unga­ri­schen Autors Milán Füst zeich­net «The Story of My Wife» ein atmo­sphä­ri­sches Bild vom Europa der wil­den 1920er-Jahre und erzählt dabei eine so zeit­lo­se wie uni­ver­sel­le Geschichte über die Liebe mit all ihren Irrungen und Wirrungen. Eine tief­grün­di­ge, poe­ti­sche Film-Perle Ein Film von klas­si­scher Eleganz mit magisch-opu­len­ten Bildern.

    Credits:

    The Story of my Wife
    HU / FR/ DE 2021, 169 Min., engl. OmU
    Regie: Ildikó Enyedi
    Buch: Ildikó Enyedi, nach dem Roman von Milán Füst
    Kamera: MARCELL RÉV
    Schnitt: KÁROLY SZALAI
    mit: Léa Seydoux, Gijs Naber, Louis Garrel, Luna Wedler, Ulrich Matthes

    Trailer:
    THE STORY OF MY WIFE (Official Trailer, E/d)
    nach oben
  • Bergman Island

    Bergman Island

    ein Film von Mia Hansen-Løve. 

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Mit der klei­nen Autofähre, die vom grö­ße­ren Gotland auf das win­zi­ge Fårö führt set­zen sie über: Chris (Vicki Krieps) und Tony (Tim Roth), Filmemacher, Paar und Eltern einer Tochter, die bei den Großeltern geblie­ben ist. Denn die Eltern wol­len auf Bergmans Insel den Spuren des legen­dä­ren Regisseurs fol­gen, Inspiration fin­den und an neu­en Projekten arbei­ten. Doch dass sie aus­ge­rech­net im Bett schla­fen sol­len, in dem Bergman einst sei­nen legen­dä­ren Film „Szenen einer Ehe“ gedreht hat, der angeb­lich tau­sen­de Beziehungen been­de­te, stößt gera­de der deut­lich jün­ge­ren Chris übel auf.

    Während ihr Mann Tony Inspiration spürt, fühlt sich Chris durch die Präsenz Bergmans ein­ge­schüch­tert, wäh­rend Tony pro­blem­los schreibt und im Bergman-Museum sei­ne Filme zeigt, stromert Chris ziel­los über die Insel und denkt mehr über sich und ihre Beziehung nach, als über ihren Film. Doch ist das nicht das­sel­be? Bald beginnt sie Tony von ihrem Projekt zu erzäh­len, der von der Filmemacherin Amy (Mia Wasikowska) han­delt, die für eine Hochzeit nach Fårö kommt und dort ihre Jugendliebe Joseph (Anders Danielsen Lie) wie­der trifft. Sie ver­brin­gen die Nacht mit­ein­an­der, doch es gibt kei­ne Zukunft für das Paar. Nicht zuletzt, weil Amy inzwi­schen ein Kind mit einem ande­ren Mann hat.

    2007 starb Ingmar Bergman auf Fårö und ist auf dem klei­nen Kirchhof der Insel begra­ben. Sein ehe­ma­li­ges Wohnhaus bie­tet inzwi­schen Künstlern an, Zeit auf der Insel zu ver­brin­gen und an Projekten zu arbei­ten. Hier ver­brach­ten auch Mia Hansen-Løve und ihr lang­jäh­ri­ger Lebensgefährte, der Regisseur Olivier Assayas Zeit, arbei­te­ten so wie die Figuren in „Bergman Island“ an Projekten. Unzweifelhaft ist Hansen-Løves Film also auto­bio­gra­phisch, so wie die meis­ten ihrer bis­he­ri­gen Filme mehr oder weni­ger von Menschen aus ihrem nächs­ten Umfeld inspi­riert waren: „Eden“ von ihrem Bruder, „Alles was kommt“ von ihrer Mutter. Doch im Gegensatz zu vie­len Filmemachern, die glau­ben, dass es aus­reicht vom eige­nen Leben zu erzäh­len, um einen inter­es­san­ten Film zu dre­hen, ist Hansen-Løve bewusst, dass das nicht genug ist: Das per­sön­li­che Erlebnis muss zu einer uni­ver­sel­len Geschichte über­höht wer­den, um Allgemeingültigkeit zu erlangen.

    Und so erzählt Mia Hansen-Løve zwar auf ver­schach­tel­te Weise von zwei Filmemacherinnen, die ohne Frage auch Teile ihres eige­nen Wesens, ihrer Gedanken und Überlegungen ver­kör­pern, die aber vor allem von uni­ver­sel­len Themen erzäh­len. Nicht zuletzt von der Vereinbarkeit von Familie und Karriere, dem gesell­schaft­li­chen Druck, sich zu ent­schei­den. Ein Mann wie Bergman – der heut­zu­ta­ge ohne Frage als alter, wei­ßer Mann bezeich­net wer­den wür­de – hat­te es da ein­fa­cher: Neun Kinder von sechs Frauen hat­te er, die bis ins Erwachsenenalter fast voll­stän­dig von den Frauen oder Dienstmädchen auf­ge­zo­gen wur­den. Nur so hat­te der Workaholic die Zeit, sich ganz sei­ner Kunst hin­zu­ge­ben, dut­zen­de Filme zu dre­hen und qua­si neben­bei noch am Theater zu inszenieren.

    Auch Mia Hansen-Løve hat inzwi­schen ein Kind mit Assayas, von dem sie seit eini­gen Jahren getrennt ist, auch ihre Surrogate Chris und Amy befin­den sich in ähn­li­chen Situationen, auf die sie jedoch ganz unter­schied­lich reagie­ren. Wie sehr „Bergman Island“ auto­bio­gra­phisch ist, dar­über lässt sich reich­lich spe­ku­lie­ren. Vor allem aber ist Hansen-Løve ein wun­der­bar rei­cher Film über das Wesen einer (bzw. meh­re­rer) Künstlerinnen gelun­gen, die in einer oft nur schein­bar frei­en Welt nach sich selbst und ihrem Gleichgewicht suchen. Dass „Bergman Island“ zudem eine leich­te, ver­spiel­te Hommage an einen der Säulenheiligen des Kinos ist, macht ihn nur noch vielschichtiger.

    Michael Meyns | programmkino.de

    Credits:

    FR/BE/SW/DE/MX 2021, 112 Min., engl. OmU
    Regie & Buch: Mia Hansen-Løve
    Kamera: Denis Lenoir
    Schnitt: Marion Monnier
    mit: Vicky Krieps, Tim Roth, Mia Wasikowska, Anders Danielsen Lie, Melinda Kinnaman, Joel Spira


    Trailer:
    Bergman Island – Official Trailer | HD | IFC Films
    im Kino mit deut­schen Untertiteln
    nach oben
  • Kurdisches Filmfilmfestival 2021: Experimentalfilmprogramm

    Kurdisches Filmfilmfestival 2021: Experimentalfilmprogramm

    Montag, 18.10. 2021, 19:00 EXPERIMENTAL PROGRAMM – [Tickets]
    The Spot von Kani Kamil / 2:33’ / UK / 2015 Kooperationsprojekt zwi­schen Shero Abbas und Kani Kamil aus dem Jahr 2015 und Teil des Forschungsprojekts zur Not der Frauen im Südkurdistan. Die weib­li­che Hand behaup­tet sich als wahr­heits­ge­treu­er Geschichtenerzähler.
    Personae von Havin al-Sindy/ DE / 2019/20/ 11’12“ Die Arbeit „Personae“ ist ein Prozess, wel­ches sich auf meh­re­ren Ebenen mit den Themen der Mehrsprachigkeit und der Beziehung beschäf­tigt und sich dabei per­for­ma­ti­ven und male­ri­schen Mittel bedient.
    blue beard today’s tale von Khadija Baker / 15:00’ / CAN / 2021 Khadija Baker erzählt in ihrer Videoarbeit das fran­zö­si­sche Volksmärchen Blaubart aus femi­nis­ti­scher Perspektive, um den anhal­ten­den Missbrauch des weib­li­chen Körpers zu durch­bre­chen. 
    Bad People, Bad News von Cemile Sahin / DE / 202140′ Historischer Ausgangspunkt für die essay­is­ti­sche Filminstallation Bad People, Bad News bil­det die Geschichte um das von Saddam Hussein 1989 errich­te­te Monument „Schwerter von Kadesia“. Ausgehend von der Entstehungsgeschichte des Monuments the­ma­ti­siert die Arbeit die Frage, wie Ideologien von Diktaturen ein Teil der Geschichtsschreibung wer­den.
    Pre-Image (Blind as the Mother Tongue) von Hiwa K / ENG / 18 min / 2017
    To remem­ber, some­ti­mes you need other archaeo­lo­gi­cal tools says the voice over in Hiwa K’s Pre-Image (Blind as the Mother Tongue). The video depicts the artist wal­king across fields, was­te­lands, estates, going from Turkey to Athens and then to Rome, a path that mir­rors his own jour­ney as a child, when he fled Iraqi Kurdistan and rea­ched Europe by foot. His “Pre-images” are frag­ments of a path who­se final desti­na­ti­on is uncertain.

    Am Dienstag, den 19.10.2021, 19:00 Uhr Kurzfilmwettbewerb, Block II – [Tickets]
    90 min Ausgewählte Kurzfilme von auf­stre­ben­den kur­di­schen und inter­na­tio­na­len Filmemacher*innen lau­fen in dem Kurzfilmwettbewerb des 11. Kurdischen Filmfestivals. Mit Filme von: Kardinal Hemn, Saman Mustefa, Mehmet Karagöz, Dana Karim, Jwan Abdo, Asghar Laei, Mohammad Farajzadeh 

    mehr: https://kurdisches-filmfestival.de/

  • Walchensee forever

    Walchensee forever

    ein Film von Janna Ji Wonders.

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Regisseurin Janna Ji Wonders erzählt die Geschichte der Frauen ihrer Familie über ein Jahrhundert. Verbindendes Element und stil­ler Chronist ist der baye­ri­sche Walchensee, an dem die Familie 1920 ein Ausflugscafé eröff­net, das bis heu­te exis­tiert. Die impo­san­te Gründerin Apa ver­macht ihrer Erstgeborenen Norma das Unternehmen, das die­se ohne zu kla­gen bis ins hohe Alter führt. Normas Töchter Anna und Frauke ver­las­sen den See. Sie wol­len sich befrei­en und berei­sen als Musikerinnen die Welt. Doch sie keh­ren zurück und leben in einer Kommune um Rainer Langhans. Frauke, die sich nach der gro­ßen Liebe sehnt, kommt auf mys­te­riö­se Weise ums Leben und wird für die Hinterbliebenen zum Irrlicht. Die rast­lo­se Anna zieht in die USA, wo sie unge­plant eine Tochter bekommt. Von den Schatten der Vergangenheit geru­fen, kehrt sie mit Tochter Janna zurück an den Walchensee, wo Großmutter Norma für die Enkeltochter zur wich­ti­gen Bezugsperson wird. Als Regisseurin sucht Janna Antworten auf die Fragen wie: Was ist Heimat? Wie sehr prägt mich mei­ne Herkunft? Was zählt am Ende wirk­lich? Und fin­det Anhaltspunkte in der Verbundenheit von vier Generationen von Frauen mit unter­schied­li­chen Lebenskonzepten.

    Credits:


    DE 2020, 110 Min., dt, engl. OmU,
    Regie: Janna Ji Wonders
    Kamera: Janna Ji Wonders, Sven Zellner, Anna Werner
    Schnitt: Anja Pohl

    Trailer:
    WALCHENSEE FOREVER – offi­zi­el­ler Trailer [HD]
    nach oben
  • Online für Anfänger

    Online für Anfänger

    ein Film von Benoît Delépine & Gustave Kervern. 

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    In einer Provinzvorstadt sind drei Nachbar*innen mit den Auswirkungen der schö­nen neu­en Social-Media-Welt kon­fron­tiert. Marie, die von den Familienbeihilfen ihres Gatten lebt, hat Angst, wegen eines Sextapes den Respekt ihres Sohnes zu ver­lie­ren. Bertrand kann bei Werbeanrufen nicht Nein sagen und kämpft um das Wohl sei­ner Tochter, die im Internet gemobbt wird. Christine steht durch ihre TV-Serien-Abhängigkeit vor dem Nichts und fragt sich, war­um ihre Bewertung als Uber-Fahrerin nicht steigt. Die drei Einzelkämpfer*innen sind unfä­hig, allein eine Lösung für ihre Probleme zu fin­den, bis sie sich zusam­men­tun und den Tech-Giganten den Kampf ansa­gen. Effacer l’historique, vor­der­grün­dig eine Situationskomödie, beschreibt tref­fend wie weni­ge ande­re Filme die Realität im 21. Jahrhundert: Es gibt weder Geschichte noch Geschichten, weder links noch rechts. Statt eines Vorgesetzten, der unse­ren Gehorsam ein­for­dert, beherrscht uns eine unsicht­ba­re, Daten spu­cken­de Cloud und ver­schlingt unse­re Identität. Delépines und Kerverns drit­ter Berlinale-Beitrag ist eine empa­thi­sche Hommage an die „Abgehängten“, die uns und unse­rer Wahrnehmung der Wirklichkeit einen Spiegel vorhalten.

    Silberner Bär 70. Berlinale

    Credits:

    Effacer l’historique
    FR 2020, 110 Min., frz. OmU,
    Regie: Benoît Delépine & Gustave Kervern
    Kamera: Hugues Poulain
    Schnitt: Stéphane Guillot Elmadjian
    mit: Blanche Gardin, Denis Podalydès, Corinne Masiero


    Trailer:
    nach oben
  • Ghosts

    Ghosts

    ein Film von Azra Deniz Okyay. 

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]]

    Ein belie­bi­ger Tag in der nahen Zukunft, ein Stromausfall legt das Leben in der tür­ki­schen Metropole Istanbul still, auch wenn die Werbung im Autoradio eine unbe­schwer­te Zukunft ver­spricht. Nicht in den ele­gan­ten Vierteln der Innenstadt spielt „Ghosts“, nicht dort, wo wohl­ha­ben­de Istanbuler einem west­li­chen Lebensstil nach­ei­fern, son­dern am Rand der Megalopolis, in Vierteln, die von bau­fäl­li­gen Gebäuden geprägt sind, vom täg­li­chen Kampf ums Überleben erzählen.

    In die­sen Straßen leben die vier Protagonisten von „Ghosts“, drei Frauen und ein Mann, deren Wege sich im Verlauf der 90 Minuten immer wie­der kreu­zen. Da ist Didem (Dilayda Gunes), die davon träumt, durch ihre Leidenschaft zum Tanzen Geld zu ver­die­nen, die sich momen­tan aber noch mit Gelegenheitsjobs durch­schlägt. Iffet (Nalan Kurucim) arbei­tet bei der Müllabfuhr und ver­sucht mit zuneh­men­der Verzweiflung Geld auf­zu­trei­ben, um ihren Sohn zu unter­stüt­zen, der im Gefängnis sitzt und sich Angriffen aus­ge­setzt sieht. Die Aktivistin Ela (Beril Kayar) kämpft gegen die betrü­ge­ri­schen Machenschaften der öffent­li­chen Verwaltung, die zur Gentrifizierung der Stadt bei­trägt und lang­jäh­ri­ge Mieter aus ihren Wohnungen ver­treibt. Ein Teil die­ses Systems ist Rasit (Emrah Ozdemir), der zu völ­lig über­höh­ten Preisen Räume an syri­sche Flüchtlinge vermietet.

    Viele Aspekte des Lebens in der moder­nen Türkei reißt Azra Deniz Okyay in ihrem Debütfilm an, vom Umgang mit den Flüchtlingen aus dem benach­bar­ten Syrien, über die miso­gy­nen Strukturen, die Frauen glei­cher­ma­ßen sexua­li­sie­ren, ihnen aber auch vie­le Freiheiten vor­ent­hal­ten, bis zum Kampf gegen Korruption und Machtmissbrauch, der nach fast einem Jahrzehnt der zuneh­mend auto­kra­ti­schen Herrschaft von Recep Tayyip Erdoğan immer stär­ker wird.

    Zwangsläufig blei­ben man­che Ansätze sche­ma­tisch, wer­den ein­zel­ne Figuren weni­ger viel­schich­tig gezeich­net als ande­re, wirkt man­che Metapher – der Stromausfall, der droht, die Gesellschaft in Dunkelheit ver­sin­ken zu las­sen! – weni­ger sub­til als ande­re. Doch die über­zeu­gen­den Momente über­wie­gen bei wei­tem. Gerade für einen Debütfilm gelingt es Okyay außer­or­dent­lich gut, die Geschichten, die Schicksale ihrer vier Protagonisten zu gewich­ten, rhyth­misch zwi­schen den Episoden hin und her zu schnei­den und so ein viel­schich­ti­ges Porträt der moder­nen Türkei zu entwickeln.

    So pes­si­mis­tisch ihr Blick auf ihr Land oft auch wirkt, so vie­le Missstände ange­deu­tet wer­den, so rück­stän­dig gera­de die Rolle der Frau oft wirkt: Hoffnungslos wirkt die Situation nicht. Gerade im Tanz fin­det Dilem und mit ihr der Film ein Ventil, ihre Energie aus­zu­le­ben, sich zu ver­lie­ren und für Momente alle Sorgen zu ver­ges­sen. Wie es nach die­sem einen Tag mit den Figuren wei­ter­geht bleibt unklar, ihr Weg ist eben­so offen wie der Weg, den die Türkei in den nächs­ten Jahren ein­schla­gen wird.

    Michael Meyns | programmkino.de


    Credits:

    Hayaletler
    TK/FR 2020, 90 Min., türk. OmU
    Regie & Buch: Azra Deniz Okyay
    Darsteller: Dilayda Gunes, Nalan Kurucim, Beril Kayar, Emrah Ozdemir, Ahmet Turan, Ihsan Ozgen, Ekin Aribas

    Trailer:
    https://vimeo.com/544341724
    nach oben