Gegen den Strom

Ein Film von Bene­dikt Erlings­son. Ab 13.12. im fsk.

[Credits] [Ter­mi­ne] [Trai­ler]

Nach außen ist Hal­la eine paten­te, lie­bens­wür­di­ge Frau in den bes­ten End­vier­zi­ger-Jah­ren, die allein lebt und als Chor­lei­te­rin arbei­tet. Doch der Ein­druck täuscht, denn Hal­la führt ein gehei­mes Dop­pel­le­ben. In ihrer Frei­zeit ist sie eine Umwelt­ak­ti­vis­tin, die ein­sam, mutig und ziel­stre­big die islän­di­schen Ber­ge durch­streift, um Strom­lei­tun­gen zu zer­stö­ren. Der Grund: Sie will die Natur ret­ten, indem sie gemein­sa­me Machen­schaf­ten von Poli­tik und Wirt­schaft bekämpft und dafür sorgt, dass der Ver­kauf der islän­di­schen Alu­mi­ni­um­in­dus­trie nach Chi­na gestoppt wird. Auch wenn sie sich vie­ler Sym­pa­thi­en in der Bevöl­ke­rung sicher sein darf – die Obrig­keit betrach­tet sie als Bedro­hung. Als Hal­la erfährt, dass sie nach vie­len Jah­ren der War­te­zeit tat­säch­lich ein Kind aus der Ukrai­ne adop­tie­ren darf, ver­stärkt sie ihre Akti­vi­tä­ten. Sie ver­öf­fent­licht ein Mani­fest unter dem Pseud­onym „Die Berg­frau“, Hal­la ris­kiert immer mehr, ihre Anschlä­ge wer­den gefähr­li­cher, und die Ver­fol­ger rücken näher. Bald set­zen sich neben der loka­len Poli­zei auch Geheim­diens­te auf ihre Spur, von Hub­schrau­bern und Droh­nen ver­folgt, kann sie nur mit Hil­fe eines knor­ri­gen Schaf­züch­ters ent­kom­men. Obwohl sie ihr Ziel erreicht hat, hört Hal­la nicht auf. Sie will „den Krieg gegen Mut­ter Erde stop­pen“.

Span­nung und Action, herr­li­che Bil­der aus der ursprüng­li­chen islän­di­schen Berg­welt, eine Erzähl­wei­se, die bei allem Tem­po und Schwung gelas­sen bleibt. Dazu eine wun­der­ba­re Haupt­dar­stel­le­rin, Hall­dó­ra Geir­harðs­dót­tir, die sehr spor­tiv mit Pfeil und Bogen als weib­li­cher Robin Hood die Wild­nis durch­streift, eine ark­ti­sche Schwes­ter der Göt­tin Arte­mis … das ist Aben­teu­er pur und wirk­lich sehr, sehr gut gemacht. Hall­dó­ra Geir­harðs­dót­tirs dar­stel­le­ri­sches Reper­toire ist beacht­lich, sie über­zeugt als recht­schaf­fe­ne, lie­bens­wür­di­ge Chor­mu­si­ke­rin, flot­te Dame und Natur­kind zugleich, als zu allem ent­schlos­se­ne Gue­ril­la­kämp­fe­rin und Beschüt­ze­rin der Natur. Dabei leis­tet die Schau­spie­le­rin Unglaub­li­ches, nicht nur kör­per­lich, als gra­zi­le Bogen­schüt­zin oder als geschick­te Läu­fe­rin. Sie gibt der muti­gen Akti­vis­tin zudem eine gewis­se Ambi­va­lenz. Sobald die Spi­ra­le der Gewalt in Bewe­gung gesetzt ist, wor­an sie selbst nicht ganz unschul­dig ist, wird es für sie sicht­bar anstren­gen­der, für das Gute zu kämp­fen. Wem nützt ihr Ein­satz eigent­lich? Die Fal­te zwi­schen ihren Augen ver­tieft sich, der Blick wird fins­ter, doch die Ent­schlos­sen­heit bleibt und wächst sogar.

Zusätz­lich spielt Hall­dó­ra Geir­harðs­dót­tir auch Hallas Zwil­lings­schwes­ter Ása, eine Yoga­leh­re­rin auf der lebens­lan­gen Rei­se nach innen, was sie mit iro­ni­scher Spiel­freu­de bewäl­tigt. Das Auf­tau­chen der Zwil­lings­schwes­ter ist nur eine von vie­len Auf­fäl­lig­kei­ten im Dreh­buch, die jedoch eher schrul­lig bis lie­bens­wert wir­ken und den ins­ge­samt mär­chen­haf­ten Cha­rak­ter des Films ver­stär­ken. Wenn Hal­la mit Pfeil und Bogen eine Droh­ne vom Him­mel holt, dann ist das viel­leicht nicht sehr wahr­schein­lich, aber eben­so wir­kungs­voll wie sym­bol­träch­tig: Aus der Akti­vis­tin wird die Jagd­göt­tin, die den Kampf gegen eine bis an die Zäh­ne bewaff­ne­te Über­macht auf ihrem urei­ge­nen Ter­rain aus­ficht.

Ein beson­ders auf­fäl­li­ges Stil­mit­tel ist der Musik­ein­satz, denn Hal­la wird im wört­li­chen Sinn von Musik beglei­tet. Ein Trio mit Schlag­zeug, Tuba und Akkor­de­on ist stets in ihrer Nähe. Als qua­si grie­chi­scher Chor zitiert er – wie das Arte­mis-Motiv – anti­ke Mus­ter, drei sin­gen­de Frau­en in ukrai­ni­scher Tracht gesel­len sich spä­ter dazu. Das Timing ist dabei abso­lut per­fekt. Dies zeugt dann unbe­dingt nicht nur vom hand­werk­li­chen Kön­nen, son­dern auch vom Witz des Fil­me­ma­chers, der, wie in „Von Men­schen und Pfer­den“, mit Zita­ten und Andeu­tun­gen spielt. Der Ein­satz der Musi­ker erin­nert an den Komö­di­en­klas­si­ker „Bla­zing Sadd­les“, wo das Count Basie-Orches­tra mit­ten in der Prä­rie den Gala-Auf­tritt des neu­en She­riffs sati­risch über­höht. Eini­ge Kame­ra­fahr­ten schei­nen hin­ge­gen Hitch­cock zu zitie­ren. Außer­dem han­deln wie­der eini­ge Gags von den diver­sen Marot­ten islän­di­scher Urein­woh­ner und von ihrer pro­vin­zi­el­len Grund­hal­tung. Dazu gehört auch ein bär­bei­ßi­ger Land­mann, der sei­nen Hund „Frau“ nennt – „Bau­er sucht Frau“ mal ganz anders! Und regel­mä­ßig wird statt Hal­la der­sel­be dun­kel­häu­ti­ge Tou­rist ver­haf­tet, wäh­rend sie knapp ihren Ver­fol­gern ent­kommt. Eben­so regel­mä­ßig wird er mit den Wor­ten „Will­kom­men in Island“ wie­der aus der Haft ent­las­sen. Man­ches ist also bos­haft, man­ches ganz offen sym­bol­träch­tig, wie die Ver­bin­dung zur grie­chi­schen Mytho­lo­gie, und vie­les ist gewürzt mit einer guten Por­ti­on staub­tro­cke­nen Humors. Dann trifft medi­ter­ra­ne Poe­sie auf den Charme selbst­ge­strick­ter Island­pull­over.
Gaby Sikor­ski |programmkino.de

 

Credits:
Kona fer í stríð, FR/IS/UA 2018, 100 Min., isländ. OmU
Regie: Bene­dikt Erlings­son
Kame­ra: Berg­steinn Björ­gúlfs­son
Schnitt: Davíð Alex­san­der Cor­no
mit: Hall­dó­ra Geir­harðs­dót­tir, Jóhann Sigurðar­son, Davíð Þór Jóns­son

 
Ter­mi­ne:

  • noch kei­ne oder kei­ne mehr

 
Trai­ler: